Marko auf der Insel (19): Geschosse in der Dunkelheit
Marko Hofmann
01.06.2009

Tavistock am Abend.
Was macht man also als Schüler in einem Internat, welches in einem langweiligen Städtchen liegt? Man darf ja nur drei Tage die Woche raus und die restliche Zeit ist man eigentlich streng kaserniert, denn Schüler sollen bekanntlich lernen und Sport treiben.
Das ist in der Hauptsache alles was ein Schüler an der Privatschule braucht.
Zerstreuung gibt es limitiert. Sonnabends ist immerhin Filmabend. Zum ersten von zwei Filmen dürfen sogar die Schüler bis Klasse 10 kommen, danach geht es für diese zurück ins Haus. Damit die Schüler beaufsichtigt sind, muss immer ein Lehrer antanzen. Ich persönlich wäre wahrscheinlich sonst nie in den Genuss von Klassikern wie „John Tucker muss sterben“ oder „Superhero“-Movie gekommen (beide ausnahmslos schlechte, amerikanische Komödien, deren Witze sich schon Minuten vorher ankündigen).
Die Aufsicht ist das eine, die DVD einlegen und den Projektor anschalten das andere. Ein cleverer Fachmann hat nämlich den Projektor so befestigt, dass man auf einer Sessellehne balancieren muss, um ihn einzuschalten. Das alles natürlich vor Schülern. Ich hätte das ja auch einen Eleven machen lassen können, aber dann wäre er noch runter gefallen und ich wäre verantwortlich gewesen. So musste ich also tänzeln und ein Mädchen fragte mich, nachdem ich den Schalter mehrmals verfehlt hatte, ob ich eine Frauenhand brauche. Was antwortet man denn auf so eine Frage? Meine Antwort soll hier noch nicht so zeitig preisgegeben werden.

Das College in der Abendstimmung.
Fotos: Marko Hofmann
Der Projektor lief irgendwann und alle freuten sich auf Batman. Auf einmal fiel jedoch der Mittellautsprecher des Dolby-Surround-Systems von der Wand. Statt Dialogen hörte man nur noch Schießereien. Was tun? Zum Glück war ein koreanischer Schüler anwesend. Wenn der das Problem nicht lösen kann, wer dann? Leider hatte er offensichtlich keinen Werksvertrag mit Samsung und so half ein Mädchen (!) dem Koreaner aus dem Schlamassel.
In meinem Internat sind Annäherungen von Jungs und Mädchen strengstens verboten. So steht es zumindest in den Regeln und als Deutscher hält man sich meist dran. Umso verunsicherter war ich, als ich vom hintersten Sofa nur noch Kichern, Rascheln und Schmatzen hörte. Sollten da hinten etwa zwei knispeln, während Batman gerade zum achten Mal versucht den Clown zu ermurksen? Zum Glück kam direkt in dem Moment zufällig ein Lehrer in den Raum. Ich erzählte ihm von dem was ich vernommen hatte und er sagte ganz einfach: „Ach lass sie doch, sie freuen sich, wenn sie mal Zeit für sich haben.“. Ach so sieht es also mit den Regeln aus. Ich raschelte dann auch, um mich abzulenken. Meine Freundin ist 1.500 Kilometer entfernt.
So nahm ich mir eine Tüte Chips aus der Bar, setzte mich damit aber nicht direkt vor das Pärchen, sondern schaute weiter den Film.
Leider hatte ich nicht herausgefunden, wie man das Rollo öffnet, und so musste ich im Entengang unter diesem durchwatscheln und hoffen, dass mich kein Schüler sieht. Ach ja: Die waren ja eh beschäftigt.

Einmal in der Woche ist Filmabend im College.
Foto: Marko Hofmann
Der zweite Film, Indiana Jones, rettete mir kurzzeitig den Abend, denn in diesem verkündet Indiana Jones tatsächlich, dass er vielleicht an die Universität in Leipzig geht. Die Heimat so nah und doch so fern. Hat Indiana Jones noch nie was von Interim und Überfüllung gehört? So richtig hat das Zitat aber kein anderer mitbekommen. Nach dem ich mir meinen Rücken zweimal verkrümmt habe, hatte ich dann genügend Chips und auch eine Cola. Wenig später hatte ich noch eine leere Dose dazu. Es war dunkel und auf einmal bekam ich diese Coladose gegen den Rücken
Ich schaute mich um und sah, dass ich nichts sah außer ein paar Silhouetten. Wir schauten Film, also war das Licht aus. Sieben Jungs saßen in meinem Rücken, ein Pärchen schmatzte hinter meinem Rücken – irgendwo. Wer für dieses Attentat verantwortlich war, konnte ich erstmal nicht feststellen. Nachdem Indiana Jones auch den größten Wasserfall überlebt hatte, war es Zeit das Licht anzuschalten. Alle gingen, die Hinterbänkler blieben da.
Sechs Jungs waren aus meinem Haus und fragten mich berechtigterweise, warum sie ausgerechnet hier 'ne Dose nach mir schmeißen sollten, wenn sie im Haus ganze Stühle nach mir werfen könnten. Das Pärchen war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt und ging auch gleich (die Sachen waren mehr oder minder akkurat). Kam nur noch ein Junge in Frage. Dieser meinte glatt weg, dass die Dose ja auch vom Himmel gefallen sein könnte. Das machen Dosen nämlich manchmal. Ich war ganz perplex. Indiana Jones macht offensichtlich dumm, aber einfallsreich. Zum zur Redestellen kam ich nicht, denn er rannte einfach weg.
Als junger Hilfslehrer fehlte mir hier die Erfahrung entsprechend zu reagieren. Am nächsten Tag ging ich stattdessen zu seinem Hausvater, der hörte ganz entspannt zu und verbannte den Jungen dann vom Filmeschauen. Für die nächsten vier Wochen hieß es für ihn: Zerstreuung in Einzelhaft.
Ach ja. Da ist ja noch die Antwort auf die Frage mit der Frauenhand. Vielleicht das nächste Mal.
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