Wave Gotik Treffen XX: Viktorianisches Picknick mit Elia van Scirouvsky + Bildergalerie
Daniel Thalheim
12.06.2011

Hingucker und Ereignis zum WGT: Viktorianisches Picknick im Cllara-Zetkin-Park.
Bild: Matthias Weidemann
Für Leipziger ist es wohl surreal gewesen. Hinterm Glashaus im Clara-Zetkin-Park versammeln sich seit dem Nachmittag des 10. Juni hunderte "Gruftis", gut gekleidet, extrem geschminkt. Irgendwie erinnert die Situation an eine Mischung an Galopprennbahn, Halloween und Karneval. Es ist nicht "nur" ein Picknick, sondern ein waschechtes Treffen.
Auf der Wiese im "Clara-Park" breiten Barockschönheiten und elegant angezogene Rokokoherren ihre Picknicklaken aus, manche Gruppe hat sogar ein Tischlein mitgebracht, worauf zahlreiche kulinarische Köstlichkeiten sowie Champagner oder gar nur Sektflaschen stehen. Körbe voller Futter aus dem Delikatessen-Warengeschäft werden umringt von rauschenden Roben und gepuderten Perücken.
Darunter mischt sich ein kleiner weißer Geist mit roten Haaren, der schon am Abend zuvor in der AGRA-Halle beim Besteck spülen gesichtet worden war. Vorbereitung auf sein Picknick heute? Unter diesem bunten Volk steht auch ein Mann, der sich Elia van Scirouvsky nennt und seines Zeichens Literat und Moderator beim Durstigen Pegasus ist. Er ist langjähriger "Grufti" - gewesen, aber im Herzen noch bei der Szene. Das Wave Gotik Treffen meidet er aus dem einen oder anderen Grund - ihm ist bei der Sache nicht ganz wohl.

Dampf im Getriebe: Waschechte Steam-Punker sind romantische Philosophen.
Bild: Matthias Weidemann
Doch inmitten dieser aufgeputzten Leute auf der von Kleidern, Fracks, Zylindern jeglicher Couleur überfüllten Wiese fühlt er sich gut aufgehoben, Scirouvsky erzählt: "Ich find's hier sehr spannend, weil ich glaube, dass hier die ganzen Kostüme handgemacht sind. Hier ist nichts von der Stange. Gerade die Rokoko- und Barocksachen begeistern mich, weil gerade in der Grufti-Szene derzeit eine gewisse Uniformierung erkennbar ist, aber das hier sind selbst geschneiderte Einzelstücke. Das macht es wieder interessant."
Van Scirouvsky weiß auch, dass es vor zwanzig oder dreißig Jahren die Gruftis individualistisch eingestellt gewesen sind. Heute gibt es hingegen vieles von der Stange, wo man nur hineinlangen muss um sich ein passendes Stück herauszuklauben. Damals in den Anfängen der Gothic-Szene wurde zumindest in der DDR-Zeit vieles handgemacht. "Ich sag mal ganz böse damals, früher, als ich noch Grufti war, hat man sich auch die Sachen selbst genäht und besorgt. Irgendwann wurde alles Mainstream und kommerziell. Jeder konnte sich bei Pimkie und H&M als Grufti einkleiden. Das ist früher undenkbar gewesen. Jetzt hat man zumindest hier beim Picknick eine gewisse individuelle Strömung, die erkennbar und spannend ist. Das ist schön anzusehen - schöne Menschen."
Der Vorstand und Stellvertretender Vorsitzender des Vorstands im Landesverbandes Sachsen des Verbands deutscher Schriftsteller und Pegasus-Moderator sagt auch, dass der Großteil der Barock-Menschen schon älter ist, stellenweise die 50 oder 60 Jahre knackt. "Was aber ganz interessant ist, ist der Steam Punk", erzählt Scirouvsky weiter und öffnet seine Wissensbüchse.

Viktorianisches Picknick: Schönheiten soweit das Auge blickt.
Bild: Matthias Weidemann
"Vorhin googlete ich noch und schaute mir Bilder an. Das hängt ja mit dem Viktorianischen zusammen", van Scirouvsky nickt als ob er sagen möchte, jetzt schließt sich mit dem Viktorianischen Picknick der Kreis. "Die Steam-Punker gehen davon aus, welche technischen Entwicklungen hätten wir jetzt, ausgehend vom viktorianischen Zeitalter im 19. Jahrhundert. Deswegen sieht man so Dampfmaschinen ähnliche Apparaturen und Details an Kostümen. Da sind beispielsweise die Clockwork-Steam-Punks, wie ich das gelesen habe. Die verpflanzen Räder- und Uhrwerk, mechanische Sachen an ihre Kleider. Das fetzt! Das ist fast schon wie bei einem Jules-Verne-Roman."
Tatsächlich flanieren einige dieser Steam-Punker über die Wiese, ein Kind hat sogar die Videokamera dabei, die wie eine kleine Dampfmaschine aussieht, mit Zahnrädern, mechanischen Hebeln und Knöpfen versehen sowie einem hölzernen Mantel. Ungeübte Augen können Steam-Punker relativ schnell erkennen. Sie tragen meist Zylinder auf ihren Köpfen und haben eine Schutzbrille dran. Außerdem gibt es an ihren Kostümen zahlreiche technische Applikationen.

Viktorianisch: Der Fantasie beim Schneidern sind keine Grenzen gesetzt.
Bild: Matthias Weidemann
"Wir hatten vorhin einen gesehen, der hatte den ganzen Arm voller Mechanik, Schläuche fast so wie bei einer Dampfmaschine. Das muss man sich wirklich ausgehend von dieser Zeit im 19. Jahrhundert vorstellen, wie Jules Verne es beschrieben hat. Wo wären wir heute, wenn es keine Elektronik gäbe, sondern Maschinenmenschen und überhaupt alles mechanisch?"
Eine romantische Vorstellung irgendwie. "Das ist schon eine Philosophie, mehr als nur eine Fantasie", bemerkt van Sirouvsky und lässt seinen Blick über die Wiese streifen. "Ich bin ganz erstaunt über den ausführlich recherchierten Wikipedia-Artikel dazu." Eine wirklich echte Grufti-Kultur fernab von Runen, plumpen Symbolen wie die aus der Neofolk-Szene. Das Viktorianische Picknick wird im nächsten Jahr wieder an diesem Ort im Clara-Park stattfinden, wieder umringt und beäugt von Leipzigern, Neugierigen und vielen vielen Fotografen und Kamerateams. Ein wirkliches Szenetreffen eben.
VGWortLIZ

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