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Bertram Reineckes Gedichte aus drei Monaten Dresden-Residenz

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    Es gibt ja so Angebote für begabte Autoren aus der Regionalliga, da braucht es einen gewissen Mumm, sie durchzustehen: Stadtschreiber, Inselschreiber, Poets in Residence. Was wieder etwas gegen die Auslober sagt - die wissen schon, wem sie damit helfen. Und auch nichts gegen die Regionalklasse der Autoren. Die wird nämlich niemals auch nur ins Vorzimmerrauschen solch edler Preise wie dem der Leipziger Buchmesse kommen.

    Da liegen Welten dazwischen. Welten von Ignoranz und Schubkastendenken, die dafür sorgen, dass das schöngekleidete Publikum immer wieder dieselbe Kopfakrobatik serviert bekommt. Und die Arbeitsbienen aus der Regionalklasse freuen sich, wenn sie von einem Verein wie Literarisches Dresden e.V. eingeladen werden, für drei Monate Poet in Residence im schönen Dresden zu werden. Eine Ehre, die erstaunlicherweise jetzt drei Leipziger Lyriker hintereinander getroffen hat: Der Erste war Carl-Christian Elze, als Zweiter wurde 2014 Bertram Reinecke eingeladen und 2015 traf die Ehre den Altmeister der Leipziger Dichtkunst, Andreas Reimann.

    Dass am Ende der drei Monate ein gewisses literarisches Werk erwartet wird, das sich mit Dresden  und der sächsischen Kulturlandschaft beschäftigt, versteht sich fast von selbst. Denn für die Einladenden wird es ja an dieser Stelle erst spannend: Wie setzt sich ein Autor mit dem Ort der Einladung auseinander, wenn er schon mal da ist? Entdeckt er neue Seiten, neue Facetten am Ort? Findet er neue Töne, Bilder oder gar neue Geschichten und Assoziationen?

    Ist ja mit Dresden nicht ganz leicht. Noch viel stärker als Leipzig ist Dresden durch seine Legenden-Fauna geprägt: die ältere (samt August und seinen Frauen) und die neuere (samt Frauenkirche und verlorenem Weltkulturerbe). Und so eine Art Gewandhaus-Bürgertum hat Dresden ja auch. Uwe Tellkamp hat es ausführlich beschrieben.

    Und bei Bertram Reinecke erscheint diese kulturbeflissene Welt natürlich auch. Ironisch gebrochen, eigentlich sogar doppelt gebrochen in den Gedichten, die nun in dieser Sammlung seiner Arbeiten aus der Dresden-Zeit gesammelt sind. Doppelt gebrochen, weil sich das Dresdner Kunstbürgertum ja durch die Erfahrung eines ganz ähnlich gearteten Leipziger Kunst-Bürgertums gespiegelt sieht. Kein leichter Stoff. Denn dann treffen die Blauen Wunder in den Lüften aufeinander, die Legenden und Sinnbilder des wohlgenährten Erfolgs. Ob der Dichter sich nun auf die Loschwitzer Brücke stellt und den Kipppunkt genießt zwischen himmelhoch und – hoppla, ja nicht in den Fluss stürzen, ob er das Grüne Gewölbe kurzerhand entwundert. Ob er um die kleinstädtischen Marketing-Tänze, um eine restaurierte alte Bahnhofsuhr herumgeht und den Geist der deutschen Kleinstadt darin findet, den Stolz der Gewerbetreibenden im Schatten einer groß gedachten Geschichte.

    Da erstaunt den Dichter nur, wie zäh die Dresdner noch immer an ihrer Legende vom Bombeninferno stricken, als gäbe es für sie kein Hier und Jetzt: „Was nicht fremd ist, findet befremdlich / fast erdrückt von Vergangenheit / Kuppelgräber und Glocken.“

    Das verstört den Leipziger sichtlich tief. „Den Blick nach vorne einzuüben / scheint schwierig bei so viel Geschichte / ‚Guck nach vorne!‘ / sie müssen es sogar ihren Hunden sagen …“

    Der einladende Verein nahm ihm das nicht übel. Im Gegenteil. Zur Buchmesse ließ man ihn durchaus noch einmal in seine Residenz-Rolle schlüpfen. Es gibt ja auch das andere, sehr lebendige Dresden, das sich mit eigenen Ideen setzt gegen den Bombast der gepflegten Geschichte, die befrackte Lob- und Hochkultur: „der ganze Mensch nur / Konzession an einen konservativen Geschmack“.

    Denn darum geht es ja zumeist, wenn auch mit finanzieller Zuweisung geteilt wird in Hoch und Nieder, U und E. Die einen reisen, betüllt und betaftet, in die klassischen Konzerte, Lobes voll der gepflegten Selbstverständlichkeiten und guten alten Zeiten, die immer wieder neu ausgestopft zu erleben sind. Und sprudeln geradezu über der Binsenweisheiten, die ausgesprochen werden wie höhere Erleuchtung und „mit lehrhafter Absicht“. Da wird er sich wohl gefühlt haben wie fast zu Hause. Noch ein Abstecher zu Schiller. („Hier hat Schiller seinen Don Carlos vollendet …“) und am Ende noch ein kleiner Marsch auf die Höhen, um bei einem tüchtigen Talnebel herabzuschauen auf die Stadt: „Hier wär ein Ort zu bleiben, wenn der Nebel bliebe.“

    Man kann es ihm nachfühlen. Dresden ist eine harte Nuss für alle, die hinter die barocken Fassaden schauen wollen und mehr hören, als die alte Selbstgewissheit, im Nachglanz großer alter Zeiten zu leben. Am Ende landet er dabei irgendwie wieder in Leipzig, bei Bach und Baedeker, wobei letzterer ja die kompakte Form der Weltbesichtigung erfand. Was die Frage stellt nach dem, was es noch zu entdecken gäbe „in der restlos bekannten Welt“. In Dresden, scheint’s, hängt man fest zwischen den Welten – den fix und fertig gebackenen und den noch unfertigen im Nebel. Beiläufig fließt dort nicht einmal der Fluss …

    Bestellen Sie versandkostenfrei in Lehmanns Buchshop: Bertram Reinecke „Gleitsichtwochen. Gedichte„, Edition Buchhaus Loschwitz, Dresden 2014, 14,90 Euro

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