Leipzigs erstes Stadtschwärmer-Buch lädt tatsächlich einmal ein, das andere, das junge und kreative Leipzig zu entdecken

Wer vor 25 Jahren in Leipzigs Buchhandlungen nach richtig guten Leipzig-Stadtführern suchte, der traf auf eine kärgliche Auswahl. Neben den üblichen Baedekers stach eigentlich nur ein Buch hervor: "Leipzig zu Fuß" aus dem Forum Verlag. Doch im Jahr 1.000 der Ersterwähnung braucht der heutige Stadterkunder einen Rollkoffer, wenn er alle aktuellen Stadtfindebücher studieren will. Neu darunter: ein Stadtschwärmer.
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Am 25. November haben die jungen kreativen Leute, die das 336-Seiten-Werk auf die Beine gestellt haben, in der Alten Baumwollspinnerei in Lindenau Buchpremiere gefeiert. Richtig flippig und ausgelassen, richtig stolz auf ihr Werk, das nun seinen Platz behaupten muss neben Tipps, Rundgängen und mittlerweile auch mehreren thematischen Sonderführern zu Architektur, Musik, Literatur. Wer in Leipzig Tourist sein will, hat wirklich nicht nur die Wahl, sondern sollte sich gut überlegen, ob dazu ein Wochenende überhaupt noch ausreicht.

Aber was haben die vier jungen Damen aus dem Westwerk hier eigentlich angestellt? Der erste Blick irritiert, denn diese Art, Leipzig modern und hipp aufzubereiten, den kennt man eher aus den Kulturmagazinen der Stadt, wo sich die emsige Begeisterung für bestimmte Quartiere, Straßen, Milieus und Szenen mischt mit ebenso emsiger Tipp-Geberei zu Lokalen, Kneipen, Klamottenläden, Szene-Läden, Cafés und Brasserien. Also sozusagen das, was es seit Jahren in immer neuen Hochglanzbroschüren gibt, noch einmal als dickes Handbuch?

Nicht nur. Denn ebenso findet man auch lauter Karten drin (nebst einer großen Faltkarte, die im Umschlag steckt), die alle beschriebenen Lokale noch einmal im Stadtbild zeigen. Kennt man auch, ist aber wichtig, gerade weil die jungen Leute sich vorgenommen haben, eben nicht das Altbekannte und Immergenannte zu suchen, zu besuchen und zu empfehlen – Altes Rathaus. Völkerschlachtdenkmal und der ganze Summs, den man irgendwann einmal durch hat und weiß: Okay, das ist das alte Leipzig, das immer da ist, auch wenn mal keiner Marketing dafür macht.

Aber es gibt ja auch dieses junge Leipzig, das, was heute junge Leute dazu bringt, hier an der Pleiße zu landen, sich einzurichten und auszuschwärmen. Deswegen heißt das Ding ja auch Stadtschwärmer, nicht Latscher und Schleicher, sondern Schwärmer. Da steckt das Schwärmen mit drin (und wahrscheinlich muss man noch so jung sein, um noch so begeistert schwärmen zu können von seiner Stadt und ihren diversen Kiezen), und es steckt das Ausschwärmen drin. Mal in alle vier Himmelsrichtungen ausschwärmen und gucken, was es da wirklich an spannenden guten Ideen gibt.

Und da kommt man der Buchidee schon näher, die deutlich über das hinausgeht, was vor einiger Zeit die LTM mal als „Verborgenes Leipzig“ präsentiert hat und was nur ein Witz war, denn verborgen ist dieses Leipzig nur für Leute, die abends und am Wochenende oder auch mal tagsüber den Hintern nicht aus dem Büro bewegen und wirklich mal neugierig sind auf das, was da in den „angesagten“ Vierteln und anderswo passiert. Hier mal ein Süppchen schlürfen, dort ein Slow-Gebäck probieren, in die kleinen wilden Klamotten- und Designerläden schmökern usw.

Das macht man nicht mal so nebenbei, wenn man wirklich mal die ganze Landschaft zeigen will. Das ist richtige Arbeit. Und die junge Mannschaft hat ein ganzes Jahr Arbeit hineingesteckt in dieses Buch. Die jungen Damen sind wirklich ausgeschwärmt. Und nur der eifrige Leipzig-Spaziergänger merkt, dass sie trotz dieser unheimlichen Menge wirklich liebevoller und genau verorteter Tipps nicht alles geschafft haben.

Und das ist das eigentlich Frappierende an diesem Buch: Es zeigt erstmals wirklich in einer erschlagenden Fülle, was da in Leipzig in den vergangenen zehn Jahren alles herangewachsen ist an jungen, kreativen, ausgefallenen Ideen – von verrückten Hostels über urige und wilde Cafés bis zu Designerläden, gemütlichen Reparaturcafés, neuen Ball- und Tanzlokalen bis hin zu Buchläden, Antiquitätenverschönerern und Klavierwiederbelebern. Hier wird ein Stück dieser sprudelnden Leipziger Szene sichtbar, die Neuankömmlingen sofort das Gefühl gibt, dass in dieser Stadt tatsächlich was geht und das Leben brodelt und jeder, der wagt, auch möglicherweise Fuß fasst.

Fotografiert ist es auf moderne, helle Art. Da ist die Arbeit des Fotografen Nick Putzmann unübersehbar. Und weil auch immer gleich komplette Stadtteile vorgestellt werden, frappiert das Buch auch durch beeindruckende Luftbilder, von Frank Lochner mit der Drohne aufgenommen. Was die Sache erst richtig rund macht, denn so bekommt man die Draufsicht auf eine Stadt, die im Kleinen das Quirlige und Bunte vereint mit dem Luftigen und Grünen, das aus der Höhe sichtbar wird – nebst Parks und Kanälen, der so wichtigen Kulisse fürs Kreativsein.

Und da und dort merken es die Autorinnen auch an, dass sie in den vier Himmelsrichtungen Schwerpunkte setzen mussten, sonst hätten sie es gar nicht geschafft. Im Westen liegt dieser Schwerpunkt eher um die Karl-Heine-Straße (was möglicherweise die Pioniere in der Georg-Schwarz-Straße etwas ärgern wird), im Norden haben sie sich fürs Waldstraßenviertel entschieden (und dabei die Starter in der Georg-Schumann-Straße, in Mockau und Schönefeld eher außen vor gelassen), im Süden ist die „KarLi“ nebst Ausflügen in die Arthur-Hoffmann-Straße zum Schwerpunkt geworden (was eher eine Menge kreativer Connewitzer verwundern wird) und im Osten spielen sie mit dem Gedanken, den noch mal für Neuland zu erklären, weil die Welle der Leipziger kreativen Pioniere ja gerade erst hinübergewandert ist. Aber das hat ebenfalls mit der Schwerpunktsetzung in der Wurzner Straße zu tun. Nach Stötteritz und Volkmarsdorf haben es die Schwärmerinnen nicht mehr geschafft.

Und es ist nur zu verständlich. Denn wollten sie wirklich ein vollständiges Buch über das zusammenstellen, was in Leipzig allein in den vergangenen zehn Jahren an frischen, liebenswerten Ideen entstanden ist, würde das ein 600-Seiten-Buch werden. Unhaltbar. Und vielleicht auch eher nicht drängend, denn auch mit ihrer sehr schwerpunktmäßigen Auswahl zeigen sie, wie komplex, eigenwillig und überhaupt nicht verborgen dieses junge Leipzig abseits der bräsigen alten Elefanten der Innenstadt ist. Und natürlich, warum es sich lohnt, zwar auch in der City nach den kleinen, originellen Läden und Etablissements zu suchen. Aber wem das Gedränge dort zu groß ist, der tut gut daran, sich entweder aufs Rad zu schwingen (das man ja ausleihen kann) oder mit der Straßenbahn in die quirligeren Viertel jenseits des Rings zu fahren und sich dort einfach schlendernd einzulassen aufs Überraschtwerden. Das kann man da und dort mit intensiven Park- und Wassererlebnissen verbinden. Man kann auch die Empfehlungen annehmen, etwa im Süden einfach noch weiter raus zu fahren Richtung Connewitzer und Markkleeberger See. Denn einige der jungen Kreativen haben ja auch dort schon ihre Ideen umgesetzt.

Es sind auch einige Projekte drin, um die die Aktiven vor Ort mit allen ihre Möglichkeiten kämpfen mussten, denn nicht immer nehmen Besitzer oder Politik Rücksicht auf das, was da entstanden ist, geht Geld oft vor Beliebtheit. Natürlich ist das eine Gratwanderung. Aber das ganze Buch zeigt eben auch, warum Leipziger Ortsteile in letzter Zeit so attraktiv geworden sind und eben nicht nur zum Magneten für junge Leute, die hier hinziehen, geworden sind, sondern auch bei Investoren diesen Hoppla-Effekt ausgelöst haben: Wo so ein Leben auf der Straße ist, da lohnt sich auch wieder das Bauen und Luxussanieren.

Mit entsprechenden Folgen, denn die Luxusmieten der Gegenwart können sich die Jungen und Kreativen in Leipzig in der Regel nicht leisten. Da klaffen Welten auseinander und prallen Welten aufeinander. Und man drückt die Daumen, dass Leipzig diese Freiräume behält für das Ausprobieren, Ideenverwirklichen und Unangepasstsein. Und auch wenn ein paar Leute in letzter Zeit so getan haben, als würde Leipzig jetzt irgendwas fehlen und man müsste mit lautem Tamtam wegziehen nach Brüssel, Berlin oder Bremerhaven, zeigt das Buch, dass irgendwer da wohl die falsche Brille aufhat.

Was möglicherweise auch mit dem zu tun hat, was ältere Lockenträger mal in ihrer Jugend als Freiraum in Leipzig erlebt haben und nicht mehr wiederfinden, wenn sie mit grauem Haar und Bierbauch danach suchen. Da und dort mogelt sich auch einer der älteren Ankerpunkte ins Buch, zumeist dann, wenn er auch heute noch dieses Flair des Unangepassten und Offenen hat. Andere dieser alten Dampfer sucht man vergebens – vermisst sie aber auch nicht. Anders als einige der jüngeren Hotspots, die eigentlich so wichtig sind, dass sie drin sein müssten.

Aber wie gesagt: Dann wäre es wohl ein 600-Seiten-Buch geworden. Entstanden ist jedenfalls ein Paket, das tatsächlich einmal zeigt, wie dieses andere, experimentierfreudige Leipzig aussieht, von dem alle immer reden, das aber in klassischen Stadtführern so gut wie nie vorkommt. Hier kriegt man einen großen Packen davon in die Hand und kann selber mal loslaufen und herausbekommen, ob es einem gefällt. So nebenbei fällt auch auf, dass sich die Szenerien durchaus in atmosphärischen Tönen unterscheiden. Wäre sonst ja auch langweilig, wenn man in Gohlis dieselben Eindrücke hätte wie in Plagwitz oder an der Eisenbahnstraße.

Eine Einladung für alle, die immer nur die altbekannten Attraktionen kennen und vielleicht doch mal wissen wollen, was da draußen jenseits der überschwemmten City zu erleben ist. Was man braucht, ist nur eine Tüte Entdeckerlust, viel Zeit und Freude am Genießen.

Stadtschwärmer Leipzig, Stadtschwärmer Leipzig GmbH, Leipzig 2015, 19,90 Euro.

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