Wie aus der Sprachverweigerung der Mächtigen erst der turbulente Herbst 1989 wurde

1986 gehörte Gerhard Weigt noch nicht zu den Initiatoren von "Absage an Praxis und Prinzip der Abgrenzung". Er stieß erst später zu der Gruppe. Aber mit emsiger Recherche hat er auch diese Entstehungsgeschichte rekonstruiert, zu der auch die frühen und intensiven Kontakte nach Polen gehörten. Ohne die Veränderungen in Polen (von wo die DDR-Bürgerrechtler dann auch die Idee der Runden Tische importierten) ist die Geschichte der Initiativgruppe nicht zu verstehen.
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Erst am 12. September 1989 hat sich die Gruppe dann in „Bürgerbewegung Demokratie jetzt“ umbenannt, um damit auch zur Sammlungsbewegung für die beginnenden gesellschaftlichen Veränderungen zu werden.

Denn während viele Büttenredner heute immer noch so tun, als hätte die Friedliche Revolution erst am 9. Oktober in Leipzig begonnen, breitet Weigt hier sehr kenntnisreich den ganzen Strauß der Veränderungen aus, der spätestens mit dem 24. November 1987 begann. Das war der Tag, an dem die Stasi glaubte, mit der Durchsuchung der Umwelt-Bibliothek in der Zionskirchgemeinde der kritischen Untergrundbewegung und ihrem Samisdat einen Schlag versetzen zu können. Doch der Übergriff wurde zum Pyrrhussieg, erzählt Weigt und kann dann eigentlich Kapitel um Kapitel erzählen, wie die Mächtigen immer ratloser wurden und das Zerbröseln der Macht auch öffentlich spürbar wurde.

Und während die Funktionäre immer sprachloser wurden (auch zu allem, was in Moskau, Warschau und Budapest geschah) und am Ende sogar theatralisch den Schulterschluss mit den Hardlinern in Rumänien und China suchten, profilierten sich die Bürgerinitiativen in der DDR, die in der evangelischen Kirche oft einen sperrigen, aber am Ende sehr wichtigen Partner fanden. Das einzige, was diese staatliche Verweigerung bewirkte, war dann, dass eben nicht der gesellschaftliche Dialog im Land die Veränderungen herbeiführte, sondern die massive Fluchtbewegung, die sich schon vor der ungarischen Grenzöffnung mit einer enormen Zunahme der Ausreiseanträge andeutete. Die DDR-Bürger wollten nur noch raus.

Dass die Lage sich im Sommer 1989 so deutlich drehen würde, das ahnten auch die Aktiven von „Demokratie jetzt“ nicht. Niemand, so Weigt, habe damals ahnen können, wie schnell der gesamte Ostblock zusammenbrechen würde. Und das ist das zweite Buch, das er nicht erwähnt, aber garantiert irgendwo im Bücherregal stehen hat: Rudolf Bahros „Die Alternative“. Bahro hatte mit dem Kenntnisstand eines ausgebildeten DDR-Ökonomen haarklein beschrieben, wie das sowjetische Machtimperium schlicht aus ökonomischen Gründen zusammenbrechen würde und welche Kettenreaktion das in Osteuropa auslösen würde – alles schon 15 Jahre vor der „Wende“.

Wie sehr die DDR wirtschaftlich am Limit war, das zeigte ja im Herbst 1989 der berühmte Schürer-Bericht. Tatsächlich hatten weder Krenz noch Modrow – die beiden Nachfolger Honeckers – irgendeine Handlungsoption jenseits von freien Wahlen und deutscher Einheit. Aber wie groß der Druck war, das verblüffte dann auch all jene Akteure, die sich all die Jahre zuvor an diesem beratungsresistenten Machtgefüge abgearbeitet hatten. Tatsächlich übernahmen dann ab dem 9. Oktober die Bürger auf der Straße die Regie und gaben mit ihren Forderungen das Tempo vor.

Die Beschleunigung empfanden nicht nur die Gründer der neuen Bürgerinitiativen und Parteien als atemberaubend. Am Ende ging es eigentlich nur noch um die Frage, wie schnell es zur deutschen Einheit kommen würde. Und wer auch nur Alternativen dazu dachte oder Bedenken äußerte (auch die SPD und die DDR-Bürgerbewegungen äußerten ihre Bedenken), hatte dann bei den vorgezogenen Volkskammerwahlen im März ganz schlechte Karten. Dort gewannen dann jene Parteien, die die schnellstmögliche Wiedervereinigung versprachen und die vor allem schon massive Unterstützung durch ihre Schwesterparteien im Westen hatten.

Aber auch wenn die im „Bündnis 90“ versammelten Bürgerinitiativen ein geradezu frustrierend schlechtes Wahlergebnis einfuhren, sieht es Weigt im nachhinein nicht als tragisch an: Hier hatte tatsächlich einmal das Volk entschieden – und die eigentliche Frage, um die es ging, war keine alternative DDR, kein dritter Weg oder ähnliches, sondern die deutsche Einheit – ja oder nein. Viel komplizierter sind die Fragen, die „das Volk“ bei Wahlen beantwortet haben möchte, meistens gar nicht. Und als Hintergrund gehört natürlich auch alles dazu, was Weigt über das zähe Festklammern der SED an der Macht zwischen Oktober 1989 und Februar 1990 erzählt hat: Die deutsche Einheit war der schnellste Weg, das verfahrene Dilemma DDR zu beenden.

Dass die de-Maizière-Regierung dann die paar Chancen, in die Vereinigung auch noch ein paar Modernisierungs-Anstöße für die alte Bundesrepublik mitzunehmen, versiebte, erzählt Weigt natürlich auch. Er war ja selbst Mitautor der vom Runden Tisch beauftragten neuen Verfassung der DDR, die in der neu gewählten Volkskammer dann einfach abgelehnt wurde, obwohl sie in vielen Passagen weit über das Grundgesetz der BRD hinausging. Dass viele der damals vom Westen kritisierten Passagen heute deutsches Recht sind, lenkt den Fokus auf eine andere Tatsache: dass die Vereinigung eben auch die Bundesrepublik verändert hat. Und zwar in etlichen Teilen zum Positiven.

Und wo ist die Bürgerbewegung „Demokratie jetzt“ geblieben? Sie ging 1990 im „Bündnis 90“ auf, das sich wenig später mit den bundesdeutschen Grünen zum Bündnis 90/Die Grünen vereinigte. Einige Vertreter der Gruppe – wie Konrad Weiß und Wolfgang Ullmann – sind dann auch in der Politik geblieben. Die meisten anderen sind zurückgekehrt in ihre zumeist wissenschaftlichen Berufe. Und indem Gerhard Weigt jetzt mit der Kenntnis des Insiders die Geschichte von „Demokratie jetzt“ detailliert aufarbeitet, liefert er eine der genausten und stoffreichsten Analysen zur Friedlichen Revolution, ihren Ursachen, ihrem Verlauf und ihren Folgen.

Gerhard Weigt Demokratie jetzt, Evangelische Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2015, 29,90 Euro.

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