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Mit Lewandowsky lernen, den Fetischen, Reliquien und Heilsversprechen der Welt zu misstrauen

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    Kann man das wirklich Katalog zur Ausstellung nennen, was der Kehrer Verlag da zur Lewandowsky-Schau im Museum der bildenden Künste Leipzig vorgelegt hat? Eingebunden ist das Buch wie ein Taschenkalender. Schön abwaschbar, falls man es doch mal in eine Kaffee- oder Rotweinpfütze legt. Wer im Innenteil dann nummerierte Kunstwerke im Ausstellungsrundgang sucht, wird herrlich enttäuscht.

    Denn was Dr. Anette Hüsch, Direktorin der Kunsthalle zu Kiel, da zusammengestellt hat, ist im Grunde ein weiterer Lewandowsky. In Kiel hatte sie 2015 schon die kleinere Variante der Lewandowsky-Ausstellung gezeigt. Und Lewandowsky, das heißt nun mal auch: Hinter die Dinge schauen, die Dinge auf den Kopf stellen, hinterfragen. Dass in unserer Gesellschaft so einiges nicht stimmt, weiß er seit Urzeiten, spätestens seit 1985, als der damals 22-Jährige mit der Avantgardegruppe der „Autoperforationsartisten“ Performances veranstaltete. Subversive, schreibt Wikipedia. Da geriet man ziemlich schnell hin, wenn man in der DDR Kunst machte, die nicht passte, die die Oberfläche hinterfragte, den schönen Schein und den staatlich reglementierten Kunstbetrieb sowieso.

    Deswegen war es schon mutig, dass die Jury 1995 den ersten Kunstpreis der LVZ gerade Via Lewandowsky gab – der seine Ausstellungsmöglichkeit im damaligen Museumssitz, dem Leipziger Reichsgericht, dazu nutzte, auch die neuen Selbstverständlichkeiten mal auf die Schippe zu nehmen. Das wäre beinah schiefgegangen, gab einige Verschnupfungen und liest sich heute in der Betrachtung von Museumsdirektor Hans-Werner Schmidt wie eine herrliche Anekdote: Einer wie Lewandowsky beherrscht seine Kunst, die ernst gemeinten Dinge zu konterkarieren, unsereins zu ertappen in festgefahrenen Stereotypen. Nicht ohne Grund kam Schmidt deswegen auf die Idee, Lewandowsky habe es nun besonders mit dem Glauben.

    Hat er auch – auf ziemlich destruktive Weise. Denn wer die Verschachtelungen der DDR kennengelernt hat, weiß, wie viele Menschen tatsächlich an alles Mögliche glauben. Das muss nicht unbedingt Gott sein. Das kann der Marxismus sein (welche Variante eigentlich?), der Markt, die erlösende Wirkung von parfümiertem Waschpulver oder noblen Karossen, die große Liebe oder die Überlegenheit der eigenen Kultur. Wer sich erst einmal damit beschäftigt, der merkt, wie viele Glaubensgebäude die Menschen sich errichten, um den Zweifel aus ihrem Leben zu verbannen.

    Das Ergebnis ist eine Welt, in der Künstler wie Lewandowsky immerfort auf sakrale Dinge und religiöse Verhaltensweisen stoßen. Und diesen Burschen juckt es dann natürlich in den Fingern, irgendwas zu machen, die Dinge auseinanderzunehmen und zu zeigen, wie leicht Menschen Fetischen und Glaubens-Konstrukten auf den Leim gehen. Da beschäftigt er sich mit Missionen (und Missionierungen), Aura (dem heiligen Schein, den wir manchen Dingen verpassen, obwohl sie nur stumme Konsumgüter sind) oder Huldigungen, die ja nicht nur in Museen oder bei Prominenten-Anbetungen passieren, sondern auch bei der Zelebration des eigenen Ich (wie in „Eternal Surprise“, der Geburtstagstorte, in die der Gefeierte augenscheinlich direktemang mit dem Gesicht gefallen ist).

    Hinten im Buch gibt es einen kleinen Aufsatz, in dem ein Wissenschaftler sich mit der Frage beschäftigt, was Glaube eigentlich ist, wo das in unserem Gehirn seinen Platz hat und was eigentlich angeregt wird, wenn wir besonders starke Emotionen haben („Ist Gott nur eine Funktion unseres Gehirns?“). Während im Vorderteil des Buches eher die bekannten kunstwissenschaftlichen Aufsätze ihren Platz haben, tauchen im hinteren Teil mehrere dieser philosophischen und essayistischen Ausflüge auf, die ungefähr andeuten, mit was sich Lewandowsky die ganze Zeit beschäftigt, während er taumelnde Hochstände baut, verlegen räuspernde Megaphone, kryptische Leuchtschriften oder verbrannte Familienmahl-Tische.

    Manchmal braucht er eigentlich gar nicht hinzuschreiben, wie er das entstandene Objekt dann betitelt hat. Es ist so offensichtlich – wie in „Vati hat den Faden verloren.“ „Der Vater als geschätzter heimwerkelnder Hausmeister …“ (Lewandowsky) Da hat er sich nicht nur beim Zusammenlöten der Wasserleitungen verheddert, sondern auch ein Stück seines Denkens verraten – nicht nur seine Gehirnwindungen spiegeln sich im verknoteten Objekt, auch seine Besessenheit. Oder seine Flucht. Denn auch das steckt in diesem „Vati“, dieses nicht ganz ernst zu nehmende, weil er sich selbst nicht ernst nimmt. Und da, wo es wirklich ernst wird, flüchtet er – in seine Bastelstube, seine Werkstatt, an die Werkbank, an der er dann kleine Weihnachtsfiguren drechselt: Herzchen, Engelchen. Lewandowsky fügt einen heiligen Selbstmordattentäter hinzu …

    Lewandowsky muss gar nicht „Oh Eiche“ an den Hochstand schreiben, der in der Ausstellung schwankt wie ein Baum im Wind. Man spürt es schon beim Betrachten, dass er die Region, in der er zu Zweifeln und zu Hinterfragen gelernt hat, immer mit sich trägt. Denn als Zweifelnder rasselt man ja nicht nur in Dresden (Lewandowskys Geburtsort) immerfort mit Leuten zusammen, die felsenfest überzeugt sind, dass alles schon immer so war. Und die auch nicht an den Rollen rütteln lassen, die sie sich zugelegt haben, um nie wieder zweifeln zu müssen.

    Logisch, dass sich auch viele große und kleine Beiträge im Buch mit dem Glauben an sich beschäftigen, mit unseren Erwartungshaltungen und der Verwandlung völlig profaner Dinge in sakrale Gegenstände oder Fetische. Was ja bis zum wissenschaftlichen Irrweg gehen kann, wenn Reisende (etwa in Afrika) die Folgen ihres eigenen Tuns nicht mehr vom original Vorgefundenen unterscheiden können.

    Aufschlagseite zum Kapitel „Fetisch“ mit „Vati hat den Faden verloren“. Foto: Ralf Julke
    Aufschlagseite zum Kapitel „Fetisch“ mit „Vati hat den Faden verloren“. Foto: Ralf Julke

    Objekte, die er verformen, verbiegen, an die Wand klatschen kann, findet Lewandowsky ja problemlos. Wir produzieren davon riesige Berge. Geradezu in Windeseile verwandeln sich die Fetische unseres Lebens in Wegwerfprodukte. Etwas langsamer geht es mit den Objekten, die wir hinbauen wie eine Kulisse für unser fein säuberlich einsortiertes Selbst – Vatis Werkbank zum Beispiel, das Bügeleisen, das schon im Namen die ordentliche Rolle der Hausfrau verheißt, die Raufasertapete, die Vati mal mit Stolz an die Wand geklebt hat … Mit dieser ganzen kleinbürgerlichen Selbstgefälligkeit räumt der Künstler auf, lässt Tauben und Hansi, den Wellensittich, abstürzen, verbrennt die Sockel von Ausstellungsvitrinen und zerstört mit Lust ganze Stapel von Paletten (die er auslaufen lässt wie einen angezapften Gummibaum) oder Monoblockstühlen (die er einfrostet und dann zerschlägt).

    So ergibt sich im Grunde ein Buch, das selbst wieder Performance ist – diesmal eine, die das Bild der Kunstwerke wieder neu inszeniert in Texten, die das Normierte und Geglaubte hinterfragen, umlaufen, durchdenken. Manchmal ist das auch in der Ausstellung zu hören – als akustisch gewordenes Fragment, Hintergrundgeräusch. Das kann man sich freilich beim Lesen nur vorstellen. Aber im Kern kreisen viele Texte um all die Dinge, die wir mit Bedeutung aufladen, und die doch nichts anderes tun, als da zu sein. Wir selbst sind es, die alles mit Bedeutung aufladen und wohl auch deshalb so furchtbar ernst nehmen, bis wir nur noch Diener der Dinge sind, die uns beherrschen und belasten.

    Was Lewandowsky dann in Inszenierungen wie „Alles, was der Fall ist­“ wieder konterkariert: Wer käme schon auf die Idee, in eine kaputte Straßenlaterne Emotionen und traurige Erinnerungen hineinzugeheimnissen? Wahrscheinlich eine Menge Menschen, die beginnen, die Dinge zu mystifizieren und zu beseelen. Wo das lebendige Gegenüber im Leben fehlt, muss halt das teure Objekt herhalten. Da muss Lewandowsky nur zugreifen, sich das Ding betrachten und ihm tatsächlich den kleinen Dreh verpassen, der die sentimentale Verklärung ins Absurde dreht.

    Und da das Buch unterschiedliche Leseansätze von verschiedensten Autoren bietet, die unser ganzes Wundern, Wunderlichsein und Mirakeln ausloten, bekommt man deutlich mehr als nur einen genügsamen Lewandowsky-Katalog in die Hand, eher ein Lesebuch zum Eintauchen in eine Welt, in der nichts so dominant ist wie die künstlerische Distanz zu allem Glauben, Idolisieren und zu falschem Zauber. Zu dieser ganzen Trickserei, die sich mit Hokuspokus so schön zusammenfassen lässt. Eine kluge Ermunterung zum berechtigten Zweifel an falschen Religionen, Verheißungen und Erlösungsversprechen.

    Via Lewandowsky Hokuspokus, Kehrer Verlag, Heidelberg und Berlin 2016, 29,90 Euro.

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