Nichts ist so surreal wie die Gedankenlosigkeit unseres Sprachgebrauchs

Ray Zwie Backs „111 Rezepte für ein gesundes Zweifeln“

Für alle LeserSeine doppelte Buchpremiere hat Wolfgang Krause Zwieback lieber schon mal vor der Buchmesse in der Schaubühne Lindenfels gefeiert. Die Leipziger kennen ihn nun mindestens seit 1983, als er sein „Kabasurdes Abrett“ gründete und Leipzig damit jenen surrealistischen Farbtupfer verpasste, der der Stadt seit dem Ende der Weimarer Republik so sehr gefehlt hat. Und surreal mutet auch sein Büchlein an, das er mit dem Autorennamen Ray Zwie Back besetzt hat.

Der natürlich schon auf das verweist, was im Buch passiert, das selbst in der Gestaltung aufmerksam macht für das, was der Autor jeden Tag tut. Garantiert hat er immer seinen Notizblock in der Tasche, dazu einen schwarzen Faserschreiber. Und wenn ihm etwas auffällt, so beim Herumlaufen, dann schreibt er das auf. Und zwar in einer kalligraphisch anmutenden, zuweilen aber etwas unleserlichen Schrift. Blatt für Blatt. Und es sammelt sich was an, wenn man so mit offenen Augen und emsig mitredendem Gehirn unterwegs ist. Man denkt an Sprüche, stolpert über Worte, Situationen und Eindrücke.

Und das Feine ist: Die deutsche Sprache ist voller Stolperfallen, Anklänge, Assoziationen. Jeder weiß das. Aber kaum einer schreibt all die kleinen Einfälle und Entdeckungen auf, die einem so kommen beim Gehen.

111 davon hat Ray Zwie Back hier in diesem Büchlein versammelt, jeder Ein-Fall auf ein extra Blatt gedruckt und heraustrennbar wie die Seiten eines Abreißkalenders. Dazu hat er noch 33 Zeichnungen mit eben demselben Faserschreiber angefertigt, skizzenhaft, skurril – ein wenig so wie die Buchillustrationen des im November in Berlin verstorbenen Horst Hussel oder die späten Zeichnungen Max Schwimmers. Natürlich alles fein gezeichneter Surrealismus. Seit 2011 – so teilt sein Verlag mit – versteht sich Krause-Zwieback als „inoffizieller Vertreter des sinnlichen Surrealismus“.

Dabei ist zumindest das, was er sich in diesen 111 Rezepten notiert hat, kaum surreal, eher nachdenklich, witzig, aufmerksam. Es zeigt, dass unsere Sprache doppelbödig ist und oft nur ein paar ausgetauschte Buchstaben genügen, diese Doppelbödigkeit sichtbar zu machen.

Gesundes Zweifeln also in Bezug auf unsere Sprachbenutzung. Ein freundlicher Aufruf, aufmerksamer zu sein. Denn vieles, was ihm hier aufs Papier geriet, sind bekannte und vielbenutzte Sprüche und Redewendungen, über die man beim Plappern meist gar nicht nachdenkt. Aber dieser Ray Zwie Back denkt nach – beim Reden, Laufen, Umsichschauen. Surreal wirkt dann eher, wie gedankenlos wir mit unseren Sprüchen umgehen. Er zwingt geradezu dazu, dass man seine Notizen noch einmal liest, weil etwas daran anders ist. Aber gerade dieses Andere macht sichtbar, dass wir gar nicht immer in derselben Spur laufen müssen. Wir sind Menschen. Und was uns umgibt, können wir ändern. Auch Sprache und Sprüche.

So wie den: „So wahr ich Gott helfe.“

Sage das mal einer dem gedankenlosen Gottesanbeter neben einem. Der wird vielleicht staunen, dass man sich das große Überich auch als einen denken kann, dem man hilft und helfen kann. Im Schlechten wie im Guten.

Sprache ist auch zum Spielen da. Dann zeigt sie oft erst, wie vielschichtig unser Verhältnis zur Welt ist: „Es gibt Dinge im Leben, die zeigen sich erst, wenn man sie sieht.“

Klar. Das ist so ein Spruch, mit dem man eine ganze Diskussionsrunde am Biertisch erst mal zum Stutzen und dann zum Nachdenken bringen kann. Zumindest, wenn die Anwesenden noch ein nichtalkoholzerstörtes Gehirn haben, das bei so etwas umschaltet auf: Verstehe ich das jetzt richtig? Oder ist da ein Hoppla?

Meistens ist da ein Hoppla.

Mancher kennt es von Georg Christoph Lichtenberg. Den man schon kennen sollte, sonst versteht man die Menschen nicht mehr, bildet sich nur noch ein, dass man sie versteht. Genauso, wie sich viele einbilden, dass sie verstanden werden, wenn sie über das, was sie sagen, vorher nicht mehr nachdenken. Und hinterher auch nicht.

Deswegen sehen sie auch das meiste nicht, trotteln durch ihr Leben und glauben, alles verstanden zu haben. Und schicken der L-IZ saublöde E-Mails, in denen sie uns erklären, warum wir doof sind. Sie leben in kleinen Schrumpfwelten, in denen sie die Könige und Alleswisser sind. Für die kleine Schrumpfwelt gilt das womöglich. Aber dafür nicht in der wirklichen Welt da draußen, wo man ständig über Neues und Erstaunliches stolpert und herausgefordert wird, Dinge neu zu sehen.

Oder überhaupt erst einmal zu sehen. So intensiv, dass man beim Durchblättern des Büchleins auf einmal so einen Schock erlebt, so ein Knistern, das einen regelrecht hineinversetzt in diesen Burschen mit seinem Notizbuch. Als hätte man es genauso gesehen. Genau dasselbe Bild.

Nur: So genau in ein Bild gefasst hat es erst dieser Meister der kurzen Verwirrungen.

Es kommt tatsächlich auf einen zugeschnurrt. Und – wooooosh – steht man an der Bahnsteigkante, ist genau für diesen Moment ein verblüffter Leipziger Schauspieler, Grafiker und Worte-Fänger:

„Der Tunnel schnurrt und hat 2 goldne Augen.“

Nicht der einzige Moment, in dem einem dieser Bursche ziemlich vertraut vorkommt. Aber eigentlich weiß man es schon aus den Zeiten des „Kabasurden Abretts“: Dieser Surrealismus ist sehr speziell. Es ist der Surrealismus eines sehr aufmerksamen Menschen, dem das wilde Treiben der Zeit einfach nur noch bekloppt vorkommt. Von Narren gemacht, mit lauter Narren, die mitmachen. Das war schon 1983 so. Das war 1993 so. Und es hat sich nicht geändert. Im Gegenteil: Es wird immer schlimmer, weil Millionen Menschen nichts Eifrigeres zu tun haben, als ihr Gehirn einzuklinken und gleichzuschalten, um mitzurasen in einer völlig ziellosen Raserei – ohne irgendein sinnvolles Ziel, ohne Morgen, ohne Vision. Die Raserei allein zählt: Erfolg, Karriere, Leistung – der ganze Mumpitz, mit dem die Gegenwart angefüllt ist, als wären das begehrenswerte Dinge, als würden sie auch nur einen einzigen menschlichen Wunsch erfüllen.

„Entschleunigung ist ruhiges Atmen unter den rotierenden Zahlen.“

Und Wolfgang Krause-Zwieback ist ein Meister der Entschleunigung. Wer seine Inszenierungen kennt, weiß, dass sie wie eine Vollbremsung mitten im Überschall wirken, als hätte ein Meister einfach mal das Toben der Zeit angehalten und die irren Piloten dazu gezwungen, sich mit dem Moment zu beschäftigen, dem Jetzt, in dem dieser Mann in voller Überzeugung seines Daseins steht und beharrlich (nun seit 35 Jahren) erklärt, dass alle Poesie und Schönheit nur zu finden sind, wenn man innehält und den Moment … ach nee, das war Goethe. Aber der steckt auch mit drin. Denn nichts anderes ist ja sein seliger Aufruf ganz am Ende von „Faust II“: Verweile doch …!!!

Was natürlich Quatsch ist. Der Moment verweilt nur, wenn wir selbst wieder lernen zu verweilen und das Knistern in den Ohren hören und das Surren der Gedanken. Und dabei auf Sätze kommen, die einfach nur deshalb verstören, weil sie uns ein neues Stück Wirklichkeit zeigen, das wir vorher, im Rasen, nicht sehen konnten.

„Was geschah als der Fortschritt.“

Im Kopf schreibt man der dann groß. Und merkt, wie man mit einem einzigen Wort immer wieder aufs Glatteis geführt werden kann. Und unser Sprachgebrauch ist voller solcher Worte …

Man sollte sich also nicht wundern, wenn man demnächst von Freunden und Bekannten kleine herausgerissene Buchzettel geschenkt bekommt, die einen zum Schmunzeln und Nachdenken anregen. Und zum Kauf eines Notizblocks und eines schwarzen Faserschreibers.

Ray Zwie Back 111 Rezepte für ein gesundes Zweifeln, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2018, 20 Euro.

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