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Was bleibt uns: Christoph Bigalkes surreale Fotos vom Jetzt und drei Vor-Zeit-Geschichten von Jens-Uwe Korsowsky

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    Es hätte auch ein Jubiläumsband werden können zu 30 Jahre Deutscher Einheit. Der Leipziger Fotograf Christoph Bigalke würde kein Problem haben, so einen Band mit eindrucksvollen Fotos aus dem Jahr 1990 ff. zu füllen. Und natürlich trotzdem einen echten Bigalke-Band damit erschaffen, schwebend in jenem verwirrenden Raum, in dem wir nie so recht wissen: Träumen wir? Oder sehen wir jetzt tatsächlich die ganze Irritation unseres Lebens, die wir sonst so gern ausblenden?

    Wer Fotobände liebt, kennt Bigalkes Arbeiten auch schon aus vielen Büchern, die er zusammen mit Wolfgang Krause Zwieback erschaffen hat, der ja nun die herrliche Begabung besitzt, auch in Worten die Faszination und Irritation eines Lebens auf Erden einzufangen.Die ganze Intensität des Tagträumens. Das ja oft schon beginnt, wenn wir einfach mal aufhören, herumzurennen und wichtig und geschäftig zu tun. Uns einlassen auf den Moment. Zum Beispiel in dem 2019 erschienenen Band „Durch die Wand ins eig’ne Land“.

    Und natürlich haben auch einige der herrlich surrealen Foto-Inszenierungen mit Krause Zwieback in diesen Bildband gefunden. Oder vielleicht besser gesagt: Bigalke hat sie ganz bewusst aufgenommen. Als Korrektiv, Bild- und Sichtverschiebung. Und damit natürlich auch als künstlerische Korrektur zu einer von zumeist ziemlich eindimensional berichtenden Medien geprägten Sicht auf Geschichte, Zeit, Leben.

    Also all dem Kram, der uns passiert und den uns jeden Tag irgendwelche Moderatoren und Kommentatoren so erklären, wie wir ihn zu sehen und zu interpretieren haben. Mit dem Ergebnis gähnender Langeweile. Der ganze Zauber geht in die Binsen, Zeit reduziert sich auf das Abklappern „historischer“ Ereignisse. Und unser oft genug seltsames Leben außerhalb der Scheinwerfer gerinnt zu grauer Konsistenz. Als wäre es gar nicht echt, nicht richtig und schon gar nicht beschreibbar.

    Dass das schon ab 1990 so war, zeigen Bigalkes Bilder aus dieser Zeit. Bilder, in denen das Staunen des Fotografen mit Händen zu greifen ist. Ein Band nur mit diesen Bildern könnte auch den Titel tragen: „Was passiert uns hier eigentlich?“

    Mal kurz Volk gewesen sein

    Denn obwohl die Menschen, die Bigalke fotografiert hat auf Demonstrationen, bei Streiks, beim Aufenthalt in den abgewrackten Resten des alten Staates, der gerade noch die Fahnen zum 40. Geburtstag rausgehängt hatte, scheinbar mittendrin sind in den Ereignissen, erzählen seine Fotos von etwas, was die meisten damals gar nicht wahrhaben wollten: Dass sie doch wieder nur Statisten waren in Entwicklungen, auf die sie so gut wie keinen Einfluss hatten, die mit einer stillen Sturheit abliefen und die alten Träume von Selbst-Mächtigkeit („Wir sind das Volk“) gerade ab absurdum führten.

    Und so wirken sie dann auch – die streikenden Arbeiterinnen, die Menschen in der Straßenbahn, die Zuhörer auf dem Augustusplatz, selbst die Polizisten auf dem Markt, denen man noch anzusehen meint, dass sie nur Wochen vorher mit Schlagstöcken und Schilden das aufrührerische Volk gejagt haben könnten. Möglich ist das.

    Aber sie sind ja nicht die einzigen, die die Erfahrung machten, dass die Macht über Nacht ungreifbar werden kann und das eben noch Eindeutige sich in Situationen verwandeln kann, in denen die Unsicherheit auf beiden Seiten ist, dieses Gefühl, in einen Zeitrutsch geraten zu sein, in dem sich Alt und Neu überblendeten. Ohne zu wissen, wann es wieder verlässlichen Grund geben wird.

    Geschichten vom surrealen Vorher

    Und davon erzählen im Grunde auch die drei Geschichten des Berliner Autors Jens-Uwe Korsowsky. Sie versetzen die Leser/-innen wieder zurück in jene seltsame Traum-Zeit vor dem „Mauerfall“, als nicht nur er das Gefühl hatte, in einem aus der Zeit gefallenen Land zu leben, erstarrt in seltsamen Ritualen, einem noch irritierenderen Sprachgebrauch und wie unter eine Wattedecke gelegt. Als wäre unbändiges Leben gar nicht mehr möglich und der Kampf um eine Wohnung eher eine Begegnung mit Kafkas Welt.

    Irritierend aber auch die Geschichte über den Dozenten Dr. Olaf Böttcher, der seinen Studierenden die große Welt der Literatur nahegebracht hat, aber eines Tages einfach aus dem Universitätsbetrieb verschwindet, weil er den Mächtigen zu aufmüpfig geworden war.

    Korsowsky bringt hier möglicherweise das ganze falsche Selbstbild der damals noch Mächtigen auf den Punkt, wenn er diesen Böttcher nach seiner jüngsten Verhaftung sagen lässt: „Es ist wie bei einer unglücklichen Liebe (…), erst will man die Trennung nicht akzeptieren, das Ende nicht wahrhaben, ist gekränkt, fühlt sich zurückgewiesen, verraten. Und dann, wenn man begriffen hat, dass diese Liebe unter keinen Umständen zu reparieren ist, versucht man das Objekt der Begierde zu zerstören und unbrauchbar zu machen.“

    Man könnte es ja auch die Kränkung der selbst ernannten Vormünder nennen, denen ihr so geliebtes Volk abhandenkam.

    Ende einer enttäuschten Liebe

    Wobei Korsowskys Geschichten alle noch vor dem 9. November 1989 handeln, also das Land und seine überall spürbare Zermürbtheit zeigen, bevor es zu kippen begann. Denn die Wahrheit ist: Am 9. November fiel nicht die Mauer, sondern die DDR kippte um, ihrer letzten Stütze beraubt.

    Die Liebe ihres Volkes hatte sie schon längst eingebüßt, viele Jahre vorher in einem schleichenden Prozess der zunehmenden Entfremdung. So, wie das ja in vielen Partnerschaften auch passiert, wenn man nicht mehr miteinander redet, kein Vertrauen hat, nur noch aus Angst vor dem Verlust aneinander festklammert.

    Etwas, was in diesem Band eigentlich beide mit Verwunderung von außen betrachten, der Autor der drei Geschichten genauso wie der Fotograf. Eigentlich steckt in Texten und Bildern das ernsthafte Staunen darüber, wie ernst Menschen sich selbst und ihre Rolle in der Welt nehmen können.

    Etwas, was ja gerade die Kostüm-Inszenierungen mit der Gruppe um Krause Zwieback regelrecht konterkarieren. Die jüngeren Bilder von teils seltsam leeren Landschaften, mit denen Bigalke die Bilder der „Wende“-Zeit spiegelt, erst recht.

    Diese Spiegelung ist ja im Wesentlichen das, was dann zum Buchtitel „Was bleibt uns“ führt – samt Zeitverschiebung. Denn wer so intensiv auf die Dinge unserer oft wie eine Kulisse aussehenden Realität schaut, merkt, wie sehr menschliches Leben immer auch eine Inszenierung ist. Oft mit großer, ungelenker Geste.

    Doch die menschenleeren Räume von 1990 stehen unverhofft neben den menschenleeren Räumen des Jahres 2020. All das so aufwendig Hingebaute erfüllt auf einmal keinen Zweck mehr, zeugt nur noch von dem oft unverständlichen Bemühen von Menschen, die Räume zu besetzen, zu füllen und mit Bedeutung aufzuladen.

    Und wenn es nur ein Eiswagen in der Landschaft ist, eine Treppe ins Nichts, drei Fahnen am Mast neben einer verlassenen Bushaltestelle. Von den Parolen ganz zu schweigen, deren eine ja Korsowky zitiert – als Titelbild einer im Samisdat hergestellten Literaturzeitschrift, deren Ende in seiner Geschichte gefeiert wird, denn „die“ haben ja gerade die Kopiermaschine einkassiert.

    Historisch unkorrekt

    „Du fügtest uns Zweifel zu. Wie eine Verletzung“, schreibt Korsowsky.

    Und das könnte auch zu Bigalkes Fotos so gesagt werden, Fotos, die nicht versuchen, die ablaufende Geschichte für künftige Geschichtsbücher abzubilden, ordentlich gruppiert und inszeniert. Historisch korrekt. Als wenn es überhaupt eine korrekte Geschichte gäbe außer in den Kommentaren der großen Zeitungen. Geschichte erlebt jeder aus einer letztlich verwirrenden, unsicheren Perspektive.

    Kontur gewinnt sie erst, wenn sich die großen Medienmacher auf eine Rahmenerzählung geeinigt haben. Dumm nur, wenn man da nicht reinpasst oder sich in der falschen Rolle wiederfindet, wie es den meisten Ostdeutschen bis heute geht. Es ist wohl das größte gescheiterte Projekt der vergangenen Jahre: Dem zusammengekitteten Land eine neue Erzählung überzuhelfen – dummerweise wieder nur die alte aus Bonner Perspektive.

    Weshalb schon früh in Bigalkes Fotos die herrlich verspielten Aktionen von Wolfgang Krause Zwieback und seinen Mitstreiter/-innen auftauchen. Auch der legendäre Paul Fröhlich bekommt hier noch einmal eine Würdigung. Die Jahre nach 1990 waren ja voller seltsamer Ruinen-Kulissen.

    Teilweise noch die Fassadenreste des Zweiten Weltkrieges, öfter aber schon die zu Schrott gewordenen Symbole der gerade vergangenen Zeit – besonders in Bergen von Autowracks auf Leipziger Straßen sichtbar. Nichts zeigt deutlicher dieses Gefühl des Entwertens. All das, worauf man gestern noch stolz war, ist jetzt zu Schrott geworden. Praktisch über Nacht, als die „Fruchthallen“ schlossen und die Autohändler sich im Osten breitmachten.

    Bildband mit doppeltem Boden

    Es ist ein Bildband mit doppeltem Boden geworden, in dem sich die Zeiten auch bildlich ineinanderschieben und damit zeigen, dass sich am eigentlichen Dasein als Mensch in diesen ach so weltbewegenden Ereignissen nicht wirklich viel verändert hat. Wir sind noch immer winzige Figuren in einer zwar von Menschen gestalteten und leider auch verwüsteten Landschaft. Aber wir verlieren uns darin.

    Unser Auftritt – egal in welchem Kostüm – ist kurz. Der ganze Ernst, mit dem wir einst unseren ach so großen Willen verkündeten, war für die Katz. Zumindest, wenn wir nicht selbst angefangen haben, unser Leben zu leben. Und nicht mit dieser trotzigen Miene, wie sie die Augustusplatzbilder zeigen, immer nur gewartet haben, dass die da vorne oder die da oben irgendeinen Zauber vollbringen, der irgendwie wieder Fülle und Erfüllung in unser Dasein bringt.

    Was für Ansprüche. Was für Erwartungen.

    Die Ruinen sind fast alle verschwunden. Die seltsamen Orte nicht. Etliche davon wurden von emsigen Ingenieuren erst neu gebaut, weil sie bis heute den Traum von der Beherrschung der Welt träumen. Denselben alten Traum, der irgendwann mit verlassenen Bushaltestellen und nur noch symbolisch hingehängten Fahnen endet. Sinnfreien Parolen mitten in der Landschaft, die im Grunde alles erzählen über die Fähigkeit der alles fordernden Menschen, ihre Welt tatsächlich mit Sinn zu erfüllen.

    Da fällt schon der – manchmal inszenierte, manchmal einfach nur festgehaltene – Ernst in den Gesichtern auf. Als hätten die Protagonisten jetzt alles fest im Blick, würden mit diesem trotzigen Ernst den Betrachter geradezu herausfordern, es ihnen endlich zuzugestehen. Wir haben doch alles im Griff?

    Und in Wirklichkeit sind sie alle auch nur Statisten. Zufälliges Personal in einem Spiel, in dem sich die Regeln – so Meinhard Michael in seinem Vorwort – von Grund auf änderten „und bei laufendem Spiel“. Mit Verweis auf Walter Benjamin, dem diese ganze Geschichte schon vor 100 Jahren seltsam vorkam. Als gäbe es im Vergangenen eine Erlösung.

    Oder im Kommenden, von dem wir nichts wissen, in dem dann aber auch wieder Leute mit ernsthafter Miene die Erlösung in der Vergangenheit suchen werden, die unser Heute ist. Dieses seltsame Jetzt, in dem wir uns wiederfinden, wenn wir wirklich mal aufhören, immerzu den Schimären unserer falschen Wünsche nachzurennen. Oder der Welt ständig vorzuwerfen, dass sie uns unsere maßlosen Träume nicht erfüllt.

    Denn traumhaft ist das, was wir wirklich sehen. Wenn wir es wie Bigalke machen: frohgemut gespannt auf das, was sich zeigt. Wenn wir uns einfach mal auf das einlassen, was ist. Und was uns deshalb bleibt. Wenigstens für einen Augenblick. Mehr ist sowieso nicht drin. Aber wer glaubt das schon, wenn er mal Komparse in der Weltgeschichte sein darf?

    Christoph Bigalke, Jens-Uwe Korsowsky Was bleibt uns, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2021, 30 Euro.

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