Kopfkino: Michael Hametner in 15 durchaus streitbaren Gesprächen mit dem Maler Hans Aichinger

Für alle LeserReden macht klüger. Man lernt etwas dabei, wenn man sich darauf einlässt und die Gesprächspartner bereit sind, sich 15 Nachmittage abzuknapsen im Atelier. Seit 2013 erobert sich der alte Radiohase Michael Hametner in solchen Ateliergesprächen nach und nach die Welt der Malerei. Im Konkreten natürlich die Leipziger Malerei, denn es sind Leipziger Maler, die sich bislang „geopfert“ haben. Aber gerade deshalb geht es tatsächlich um des Pudels Kern. Diesmal mit Hans Aichinger.
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Zuvor hat sich Hametner in Gesprächen mit Sighard Gille, Matthias Weischer und Johannes Heisig hineingearbeitet in eine Welt, die ihm als Theater- und Literaturkritiker zwar nicht unbekannt war, aber doch – sagen wir mal: erkundungsbedürftig. Was den ersten Bänden mit seinen Ateliergesprächen auch noch anzumerken war. Wobei er eine journalistische Tugend nie vergessen hat: auch die eigene Position immer wieder zu erklären und zu hinterfragen. Etwas, was den meisten Leuten im Mediengewerbe völlig abgeht. Sie spielen die Oberlehrer, merken aber oft nicht einmal mehr, dass auch sie nur durch eine Brille auf die Welt schauen. Selbst wenn sie keine Brille tragen.

Auch deshalb sind Hametners Ateliergespräche mit Malern, die über ihr Handwerk tatsächlich intensiv nachdenken, am Ende doch fruchtbar. Mit dem 1959 geborenen Hans Aichinger, der einst mit Neo Rauch und Axel Krause gemeinsam an der HGB studierte, rasselt er in einigen Gesprächen tüchtig zusammen. Aber diesmal spielt er es nicht weg, versucht sich nicht in die neutrale Position zu retten, wie er es noch in den Gille-Gesprächen zuweilen getan hat. Irgendwie wuchs auch ihm ein dickeres Fell und er fühlt sich nicht mehr so angegriffen, wenn er als Fragender mit seinen Fragen ins Fettnäpfchen tritt. Denn das ist normal.

Wie könnte es anders sein?

Denn hier begegnen sich ja zwei Gesprächspartner, denen es letztlich nicht um die schnelle Titelgeschichte geht oder den eigenen Ruhm, auch wenn Eitelkeit, wie Hans Aichinger gern zugibt, natürlich eine Rolle spielt. Denn wer nicht gesehen werden will, macht keine Kunst, der malt keine Bilder, die in Museen hängen oder die Sammler zu Höchstgeboten antreiben. Der denkt auch nicht an das Leben nach seinem Tod. Alles Themen, die die beiden in durchaus lebendigen Gesprächen berühren. Und mit Aichinger lohnt sich das.

Das weiß jeder, der schon einmal eins von Aichingers Bildern der letzten 15 Jahre gesehen hat. Bilder, die sich radikal von all dem unterscheiden, was Aichinger in den 20 Jahren zuvor gemalt hat. Jahre des Suchens waren das, stellt er fest, der Irritation und eines Noch-nicht-bei-sich-Seins, auch wenn Aichinger in der Zeit die ganze Palette der Postmoderne durchgeackert hat. Seine Ausstellungen – sagt er selbst – sahen aus wie Gemeinschaftsausstellungen völlig unterschiedlicher Künstler.

Manchmal braucht einer, selbst wenn er talentiert ist und mit breiter Schulter ins Kunststudium gegangen ist, dennoch lange Jahre der Suche, bis er den Weg findet, auf dem er eins mit sich ist. Was vielleicht der Kern dieser 15 Gespräche ist, die Hametner jeweils mit einem kernigen Spruch eines bekannten Künstlers einleitet, um daran Wesentliches aufzudröseln: Wie zweckfrei kann Kunst sein? Welche Rolle spielt der „Zeitgeist“? Welche Rolle spielen Geschicklichkeit und Perfektion? Erfolg und Niederlage? Wie entsteht ein Bild? Und irgendwie trotzdem auch immer wieder „Was will der Maler uns damit sagen?“

Da ist er bei Aichinger am Richtigen. Vor allem auch, weil beide im Osten sozialisiert wurden und auch wissen, woher so manches kommt – von der „Dienstmagd“ Kunst bis hin zur politischen Parteinahme. Zum kleinen Glück der Leipziger Schule, in diesem Fall der Neuen Leipziger Schule, gehört ja auch, dass sie von Lehrern geprägt war, die den jungen Leuten beibrachten, ihre eigene Haltung zum Malen zu finden. Was nicht leicht ist. Keiner kann das wohl besser erzählen als Aichinger, der sich erst spät aus den Verführungen und Ratlosigkeiten der Postmoderne lösen konnte. Also auch von Erwartungen an das eigene Schaffen, die nichts mit ihm selbst zu tun hatten. Denn auch Malen ist eine Sprache. Die besten Künstler sind eins mit sich und dem, was im Prozess des Bildschaffens passiert.

Eigentlich merken das auch Menschen, die Bilder anschauen. Die Bilder verraten eine Menge – und auch, ob der Künstler wirklich in dem Bild steckt. Oder ob es nur „für den Markt“ gemalt wurde. Erstaunlicherweise fällt gerade der Name Rembrandt nicht, obwohl Hametner viele Künstler aus dem Hut zaubert, bei denen er Verwandtschaften zu Aichingers Malweise sieht. Auch einige falsche darunter, bei denen Aichinger deutlich reagiert. Man will nicht mit jedem in einen Hut gesteckt werden.

Was Licht und Fokussierung auf die technisch meisterhaft gemalten Menschen in seinen Bildern betrifft, ordnet sich Aichinger ganz bewusst in die Tradition des Barock ein. Worauf Hametner erstaunlicherweise nicht eingeht, weil es ja hier auch um Menschenbilder geht und um eine existenzielle Grundlinie. Das Memento Mori ist ja genauso typisch für die Barockmalerei wie die Hinterfragung des menschliches Seins in oft kleinen, auf die Kammer oder das reine Porträt reduzierten Bildern.

Und es sind auch ähnliche Fragen, die Aichinger bewegen, auch wenn er genau an der Stelle, an der sein Interviewer immer wieder auf die Aussagen seiner Bilder (die angelernte (Gedicht-)Interpretation) kommen will, klar die Grenze zieht: Nein, hier geht es nicht weiter. Genau an diesem Punkt wird das Erschaffen von Bildern zum unterbewussten Vorgang. Weshalb sich viele Fragen um genau das drehen: Wie schafft es der Maler, mehr darzustellen als das, was man auf den ersten Blick sieht?

Was berührt einen in diesen im Lauf der Zeit immer mehr reduzierten Szenen, sorgt für eine stille Irritation, ein auch schmerzliches Berührtsein, obwohl den Menschen in Aichingers Bildern ja im gemalten Moment scheinbar nichts geschieht. Sie betrachten einen Pflasterstein auf dem Tisch, schauen in einen dunklen Kasten, auf eine Handvoll Kastanien. Eher selten schauen sie den Betrachter an, und auch dann sind es Szenen, als wären sie in einem unruhigen Moment erwischt worden. Wobei „erwischt“ schon ein zu starkes Wort ist.

Gerade weil Aichinger so intensiv und genau nach Fotovorlagen arbeitet, die er sich im Atelier von Bertram Kober mit zumeist jungen Menschen als Model erarbeitet hat, werden diese Szenen in starkem Dunkel-Hell-Kontrast zu Momenten einer leichten Irritation, schweben zwischen fast fotografischer Detailschärfe und genau austarierter Komposition. Hier ist nichts dem Zufall überlassen. Der Maler lässt sich nicht gehen. Im Gegenteil: Aichinger empfindet es als großen Gewinn, nach all den Jahren der Suche die Freude am klassischen, hochartifiziellen Malen wiederentdeckt zu haben.

Diese Freude am genauen „Kopieren“ der Welt hat ihn ja schon in seiner Kindheit geprägt und irgendwann (neben der Lust am Malerleben) auch zum Studium gebracht. Aber dass er gerade in dieser akribischen Malerei den Zugang zu dem finden würde, was in ihm nach Bild und Form sucht, das war ihm lange nicht zugänglich. Heute genießt er diese Akribie und lässt die Bildideen sich formen, bis er sie im Fotostudio Gestalt annehmen lässt. Was aber – Hametner schildert es in einem Extra-Beitrag im Buch – noch nicht das finale Bild ist. Das entsteht dann in klassischer Lasurmalerei im Atelier. Dort entstehen dann die Nuancen, die Aichingers Bildern die beeindruckende Präsenz geben, die den Betrachtern jedes Mal das Gefühl geben: Hier geschieht etwas, was man nicht greifen kann.

Auch und gerade deshalb, weil die Menschen in diesen Bildern nicht schauspielern, sondern nachdenklich, konzentriert, manchmal auch leicht verdutzt bei etwas überrascht wurden, was vielleicht ganz banal war. Vielleicht waren sie selbst noch in Gedanken, schwebten in jenem ungreifbaren Raum, den wir alle in uns tragen und der uns dann und wann erfassen kann, wenn wir mal nicht außer uns sind.

Aichinger spricht von Erlebnissen der Transzendenz, die wir alle haben. Sie gehören zum Menschsein. Gläubige können sie durchaus in Gottesdiensten erleben. Aber sie passieren ja in unserem Kopf. Und da berühren die beiden Gesprächspartner auch nicht zufällig Wittgenstein und seine Gedanken über das Entstehen von Denken und Sprache. Was ja beides nicht zu trennen ist. Und was auch fatal werden kann, wenn wir versuchen, alles zu benennen und mit Sprache festzunageln. Da serviert Aichinger als eifriger Bibelleser natürlich den Anfang des Johannesevangeliums, der genau das beschreibt.

Am Anfang war zwar das Wort. Aber nicht alles lässt sich mit Worten fangen. Schon gar nicht das, was einen stutzen und staunen lässt über die Welt, in der wir uns wiederfinden. Und auch nicht das Staunen über unser Ich-Sein. Denn: Wer sind wir wirklich? Und: Können wir noch erstaunt sein? Denn das ist ja die Frage in Aichingers Bildern, in denen er die Betrachter mit den nachdenklichsten Momenten des Menschseins konfrontiert. Und zwar nicht in der Verkleidung historischer oder biblischer Bilder, sondern in den faszinierend gemalten Kleidungstücken der Gegenwart. Vielleicht der größte Schockmoment für die Betrachter, wenn sie vor diesen Bildern stehen und sich selbst mitgemeint fühlen.

Gerade in jenem kaum zu greifenden Raum, in dem uns das Lebendigsein besonders betrifft. Und trifft. Ohne dass einer sagen kann, was uns genau da aufwühlt bis ins Innerste.

Aichinger ist selbst fasziniert, was da bei der Arbeit mit den breiten Pinseln jedes Mal aus seiner Bildidee wird, wie sich Momente des vollkommenen Versunkenseins beim Malen tatsächlich in Bilder verwandeln, über die sich Leute wie Hametner verzweifelt den Kopf zerbrechen, weil sie dazu erzogen wurden, alles bis zur Eindeutigkeit erklären zu müssen.

Aber Kunst fängt tatsächlich genau da an, wo sie Wesentliches in uns berührt, das wir auch mit schönen Formeln nicht fassen können. Jenen Schwebezustand, in dem wir offen sind für das, was uns wirklich bewegt, und Momente sich in völlig unterschiedliche Richtungen entwickeln können. Momente, in denen wir uns so fremd sind, dass wir uns wieder wundern können über uns selbst. Von den Mitmenschen, die wir meist gar nicht wahrnehmen, obwohl sie uns nah sind, ganz zu schweigen.

„Manchmal wird mir Ihr Deutungshunger unheimlich“, sagt Aichinger fast zum Schluss, nachdem er immer wieder erklärt hat, dass sich das nicht erklären lässt, wie das Unfassbare am Ende doch irgendwie ins Bild kommt. Zumindest jenes Etwas, das jeder Betrachter auf seine Weise entdeckt. Oder auch nicht. Das Bild entsteht ja erst so richtig im Kopf des Betrachters. Und Michael Hametner bringt zumindest fertig, eine Ahnung davon zu vermitteln, dass man auch (wieder) lernen kann, Bilder unvoreingenommen zu betrachten und sich berühren zu lassen.

Und gerade nicht zu erwarten, dass Kunst einem nun in aller Plattheit sagt, wie man sein Leben nun zu leben hat.

Michael Hametner Kopfkino, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2019, 25 Euro.

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