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Burg Tollkühn, erster Teil: Die hochbrisante Sache mit dem Mut, dem Übermut und der Tollkühnheit

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    Helden braucht die Welt. Echte Helden. Künftig noch viel mehr. Künftig, wenn noch mehr Orks, Trolle und Oger die verwüsteten Wälder unsicher machen. Da braucht es eine Heldenschule, fand Andreas Völlinger, der vor sieben Jahren eine furiose Graphic Novel über den wilden Leipziger Komponisten Richard Wagner verfasst hat. Wild geht es auch auf Burg Tollkühn zu.

    Dort hat Gudrun, die noch immer kampfeslustige Tochter aus altem Heldengeschlecht, eine Heldenschule eingerichtet. Weil – früher musste jeder selber herausfinden, wie man ein Held wird und dabei auch noch überlebt. Aber das kann man ja von gestandenen Helden und Heldinnen auch lernen, die nach getaner Arbeit noch nicht in den Ruhestand wollen. Denn wenn Held/-innen alt geworden sind, ist das ein eindeutiges Indiz, dass sie wissen, wie es geht.

    Und dass es gefährlich ist da draußen in den Wäldern, wissen Fantasy-Liebhaber spätestens seit Tolkien, der für die Burg ein bisschen Pate stand. Aber nur ein bisschen, denn all die mythischen Gestalten hat er ja nicht selbst erfunden, der berühmte Sprachprofessor aus Oxford.

    Die bevölkerten schon vorher vor allem die alten Sagen- und Märchenbücher. Nicht nur in England, auch hierzulande. Weshalb Völlinger auch kein Problem hatte, auch beim Nibelungenlied kräftig Anleihe zu nehmen und gleich mal Siegfried und Kriemhild zu den Eltern von Siggi zu machen, seinem kleinen Helden, der das große Pech hat, mit einem Sack voller Ängste geplagt zu sein.

    Also einem richtigen Jungen, der noch nicht gelernt hat, anderen etwas vorzumachen, der aber trotzdem gern so wäre wie seine Eltern. In jedem kleinen schmächtigen Jungen steckt ein Held. Auch wenn die Vorsichtigen und Furchtsamen wohl eher nicht auf eine Heldenschule gehen würden. Oder eine Zaubererschule. Auch Hogwarts lässt grüßen. Und natürlich – für die Kenner – auch ein bisschen Cohen der Barbar und seine graue Horde.

    Es lohnt sich wirklich, über Helden nachzudenken. Vor allem, weil es die meisten klassischen Helden nicht tun. Sie sind fürs rechtzeitige Retten da, für gedankenlose Furchtlosigkeit und – dann hinterher – dafür, den Preis in Empfang zu nehmen. Manchmal bekommen sie die Prinzessin, manchmal einen Schatz, manchmal auch nur ein ellenlanges Bardenlied mit 241 Strophen. Aber seit Cohen wissen wir ja: Echten Helden geht es immer um den Nachruhm. Je heldenhafter einer stirbt, um so länger die Lieder der Barden.

    Und wer ehrlich ist und sich das Geholze in der heutigen Politik anschaut, der weiß, dass die meisten Menschen genau so ticken. Sie glauben wie bekloppt an Retter und heldenhafte Barbaren, die sie hinterher aus dem selbst verschuldeten Schlamassel holen. Sie sind geradezu besessen von schwarz-weißen Bildern von Gut und Böse, völlig egal, wie herum nun das Gute und Böse verteilt ist. Denn die meisten glauben felsenfest daran, dass sie immer zu den Guten gehören. Egal, was für einen Hornochsen sie zu ihrem Helden wählen.

    Es ist kein Wunder, dass sich immer mehr Autoren mit dem Thema Held etwas intensiver beschäftigen. Nun auch im Kinderbuch, nachdem Harry Potter die Jugendlichen (hofft man zumindest) ein bisschen zum Nachdenken gebracht hat. Denn man kann zwar auf Burg Tollkühn eine Menge lernen übers Kämpfen, Gefahrbemerken, Pünktlichsein und Überleben.

    Aber eine Lektion hat Gudrun wohl doch nicht eingeplant – oder einfach vergessen, weil man ja nach all den Prügeleien auch schon mal vergisst, was man sich unbedingt merken wollte. Denn nicht immer geht eine Sache gut aus. Und manchmal beißt der kühne Recke eben doch ins Gras, weil er blindlings drauflos geprügelt hat.

    Davon leben ja alle großen Epen Europas: von leider dummerweise auf der Strecke gebliebenen heldenhaften Rittern, die doch das geliebte Reich retten sollten. Der Unterricht auf Burg Tollkühn geht zwar gleich mit vollem Programm los. Und den Stänkerer, den es in so einer Schule geben muss, lernt Siggi auch bald kennen. Nicht ganz zufällig heißt der Hagen und scheint auch noch das Talent zu beherrschen, wenn’s wirklich brenzlig wird, einfach abzutauchen.

    Was Siggi nur zu gern auch würde. Aber irgendwie landet er immer mittendrin im Getümmel. Vielleicht fällt seine Ängstlichkeit auch nur so sehr auf, weil die anderen so tun, als wären sie nicht ängstlich. Immerhin hat er ja lauter Mitschüler/-innen, die schon mit der Überzeugung aufgewachsen sind, dass sie alles haben, was Held/-innen so brauchen. Auch Siggis etwas tolpatschiger Elfenfreund Filas und die sehr selbstbewusste Brünhild. Also richtige Kinder, wie man sie in jeder Klasse findet, genauso wie den etwas einfältigen, aber schönen Gunnar oder die kampfeslustige Zwergin Tulga.

    Nicht zu vergessen den Geist des alten Helden Wulfrik, der Siggi hilft, ein Amulett zu stibitzen, das ihn mutig machen soll. Das ist ja der Traum nicht nur vieler Jungen: Dass ihnen irgendein Wunder alle Mittel einfach in die Hände legt, mit denen das Leben und die Welt beherrscht werden können. Unsere Welt ist voller Allmachtsphantasien. Die Bilder vom mächtigen Mann sind es erst recht.

    Und das könnte diesen nun ziemlich kühn gewordenen Siggi durchaus zu einem Helden machen – würde dieser Mut nicht ein bisschen zu groß. Das ist die Lektion, die Gudrun noch nicht geplant hatte. Aber die nie früh genug kommen kann: Wann Vorsicht besser ist als Tollkühnheit und eine Schippe richtige Angst besser als die Dreistigkeit des Berserkers, der einfach drauflos rammelt und keine Bedenken kennt.

    Was leider in der richtigen Menschenwelt von einer beängstigenden Mehrheit immer wieder goutiert wird. Als würden Menschen verlernt haben, sich wirklich um sich, ihre Kinder und die zerbrechliche Welt zu sorgen.

    Hauptsache: Mit dem Schädel durch die Wand.

    In Völlingers Geschichte (die der Wiener Grafiker Zapf illustriert hat) kommt diese Art des Brachial-Heldentums eher den geistig etwas schwächer belichteten Unholden im Wald zu. Den Ogern zum Beispiel, die zwei Halblinge gefangen haben und diese nun über Feuer ein bisschen braten und dann verspeisen wollen. Da ist Rettung gefragt. Und die eigentlich nur zur Schulexkursion ausgeschwärmten Heldenschüler bekommen ihre erste Heldentat.

    Oder besser: Stürzen sich ins Abenteuer, weil ausgerechnet der sonst so ängstliche Siggi tollkühn dafür plädiert. Auch das so typisch männlich: Wenn man nur irgend so ein Machtgerät in der Hand hat, glaubt man sich allmächtig und unverwundbar und jedem Feind überlegen, und sei es auch ein mächtiger Oger.

    Aber die alten Epen erzählen manchmal auch von lernfähigen Rittern, die irgendwann unterwegs (es sei denn, sie verirren sich in „Die Ritter der Kokosnuss“) lernen, dass das Wilddrauflosschlagen vielleicht doch keine gute Idee ist, wenn man die fiesen Tricks des Gegners noch nicht kennt.

    Und auch für Siggi und seine Freunde geht es beinahe schief. Und wäre wohl noch schiefer gegangen, hätte er seinen übermütigen Talisman nicht verloren und wäre nicht wieder der übervorsichtige Junge geworden, der instinktiv in Deckung geht, wenn es gefährlich wird. Und der sein Köpfchen benutzt, als es drauf ankommt. Was dann allen noch einmal die Haut rettet. Es wird wirklich knapp.

    Und Väter, die so übermütig waren, diesen ersten Band ihren Kindern zum Einschlafen vorzulesen, werden wissen, wie knapp es war. Nach so viel Aufregung hat garantiert kein Kind die Augen zugemacht oder gar schlafen können.

    Mittlerweile hat Völlinger diesem ersten Band der „Burg Tollkühn“ ja schon den zweiten folgen lassen. Aber die Grundfrage des kleinen und großen Heldentums hat er gestellt. Sie wird seine kleinen Helden begleiten bei lauter nicht ungefährlichen Abenteuern, bei denen sie es mit blutrünstigen und dummen Gestalten zu tun bekommen, die eben nicht ganz zufällig die Mythenwälder Europas bevölkern.

    Denn die Barden mögen zwar manchmal schlechte Sänger gewesen sein, aber sie wussten, dass die brutalen Trampel und richtig rücksichtslosen Bösewichte in der ganz realen Welt existieren. Die laufen auf zwei Beinen herum, sind voller Hass und Tücke und haben eine tiefsitzende Freude daran, andere Menschen zu quälen, zu schikanieren oder auch zu vernichten. Das war vor 1.000 Jahren nicht anders als heute. Nur dass augenscheinlich eine erschreckende Mehrheit nicht in der Lage ist, diese Trolle und Oger zu erkennen, selbst wenn sie vor ihnen stehen.

    Es ist also keine schlechte Lehre, wenn Siggi und seine Freunde lernen, vorsichtig zu sein und keines der Biester im Wald zu unterschätzen. Also eben gerade nicht tollkühn zu sein. Denn wer tollkühn wird – das haben wir nach all der Aufregung gelernt – der wird blind für die Gefahr und viel schneller zur kleinen Zwischenmahlzeit für die Oger, als er auch nur Hoppla sagen kann. Dann wird freilich auch das Heldenlied ziemlich kurz: Er kam, er sah (zu spät) und wurde verspeist.

    Also eigentlich eine richtige Jungengeschichte für die Gegenwart. Aber es wird eben auch kein Zufall sein, dass immer mehr Fantasy-Autoren sich genau mit diesen alten mythischen Figuren abgeben. Da steckt ein Stückchen Weisheit drin aus Zeiten, als die Leute noch Zeit hatten, sich über das ziemlich blöde Schicksal der so ruhmreich gestorbenen Helden Gedanken zu machen.

    Aber wer weiß das noch in einer Zeit, in der es überall von Superhelden mit Superkräften wimmelt? Oder zumindest ihren Abbildern, die den Menschen einreden, das Leben wäre eine einzige Prügelei zwischen Guten und Bösen. Also eine Art Wrestling, bei dem immerfort drauflosgeprügelt wird.

    Und wo bleiben die Vorsichtigen und Nachdenklichen?

    „Vielleicht werde ich nie so ein todesmutiger Held wie meine Eltern. Aber vielleicht kann ich ja eine andere Sorte Held werden. Ein vorsichtiger Held eben, der mit Köpfchen arbeitet“, lässt der Autor seinen Siggi fast am Schluss sagen.

    Davon bräuchten wir mehr. Dumme Wrestler haben wir schon viel zu viele.

    Andreas Völlinger, Zapf „Burg Tollkühn“, Baumhaus Verlag, Köln 2019, 10 Euro

    Furios auch als Graphic Novel: Wagner

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