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Mit den Muth’gen will ich’s halten: Wie das schüchterne Mädchen aus Meißen die Emanzipationsbewegung in Deutschland ins Rollen brachte

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    2019 – das war das Jahr, in dem Leipzig so ein klein bisschen den 200. Geburtstag von Louise Otto-Peters feierte. So ein bisschen auch 30 Jahre Friedliche Revolution, diesmal nicht mit dem tanzenden Ehepaar Honecker auf der Leinwand wie im Vorjahr. Woran sich ja alle erinnern, weil Leipzigs Macho-Zeitungen genau das zum Skandal gemacht haben. Damit ja keiner merkt, dass es auch am 9. Oktober 2018 eigentlich um Frauen, Emanzipation und Gleichberechtigung ging. Das, worum Louise Otto-Peters ein Leben lang gekämpft hat.

    Und was bis heute nicht verstanden wurde. Und abgegolten ist es schon lange nicht. Aber das ahnte die junge Louise Otto in Meißen, als sie begann, die Form des Kampfes aufzunehmen, der Frauen damals einzig möglich war: mit dem geschriebenen und gedruckten Wort. Ein Glücksfall für alle Forscher/-innen: dadurch ist fast das ganze Leben der 1819 in Meißen Geborenen belegt – durch ihre eigenen Texte. Selbst Briefe und Tagebuchaufzeichnungen haben überdauert. Und zu jedem neuen Louise-Otto-Peters-Tag gibt es neue Erkenntnisse. Und zwar nicht nur zu ihrer Arbeit im Allgemeinen Deutschen Frauenverein (ADF), der 1865 in Leipzig gegründet wurde, oder ihren Texten in den „Neuen Bahnen“.

    Viel wichtiger ist mittlerweile herauszubekommen, wer diese Frau eigentlich war und was sie dazu brachte, so einen Kampf aufzunehmen, von dem sie wusste, dass es ein langer, sehr langer Kampf gegen die Ignoranz, Dummheit und Überheblichkeit von Männern werden würde, die sich (oft bis heute) nicht vorstellen können, dass Frauen mehr sein können als das „Heimchen am Herd“, die fürsorgliche Hausfrau. Die ungebildete, aber schön aufgemachte Gespielin an seiner Seite.

    In diesem Band sind jetzt die Vorträge gleich zu zwei Louise-Otto-Peters-Tagen versammelt, dem von 2017, der in Leipzig stattfand, und dem von 2019, der in Meißen stattfand. Einige der Vorträge beschäftigen sich auch mit den Männern, die für Louise Otto und die Frauenbewegung wichtig waren. Was den Blick auf etwas richtet, was oft vergessen wird: dass eine Emanzipation ohne Männer nicht funktioniert.

    Männer, die wissen, wie faszinierend kluge und selbstbewusste Frauen sind. Drei von ihnen werden in den Vorträgen gewürdigt: der Biograf Hugo Rösch (zu dem die Überlieferung nach wie vor lückenhaft und rudimentär ist), der Pädagoge Ferdinand Maria Wendt, der sich besonders für die Bildung der Frauen starkmachte, und natürlich August Peters, jener von Louise so verehrte Revolutionär von 1848, den sie nach seiner siebenjährigen Festungshaft heiratete.

    Wilfried Sauer ist es, der diesen Mann aus den Überlieferungen etwas genauer abkonterfeit und damit auch in gewisser Weise entmystifiziert. Denn ganz so ideal, wie ihn Louise selbst geschildert hat, war er wohl nicht. Eher ein impulsiver Bursche, der oft genug auch ohne großes Nachdenken mitmachte, wenn er es für eine gute Sache hielt, der auch gern mal schwindelte und sich auch in Briefen an Louise meist wichtiger machte, als er war. Ein ungleiches Paar, meint Sauer. Denn Louise war dagegen immer sehr geradlinig, zielstrebig und konsequent.

    Also nicht wirklich der ideale Vorzeige-Revolutionär, der sich dann auch im Verhör und vor Gericht heldenhaft benahm. Aber vielleicht ist gerade das wichtig zu begreifen in all den oft fadenscheinigen historischen Heldengeschichten: Dass Menschen (auch und gerade Männer) oft in Dinge hineinstolpern und dann tragende Aufgaben in Ereignissen übergestülpt bekommen, für die sie nicht ausgebildet und geschaffen sind.

    Das vergessen Historiker mit ihren hehren moralischen Ansprüchen fast immer (weil man das im stillen Kämmerlein nicht lernt und nicht beweisen muss), dass Weltgeschichte zumeist von Dilettanten gemacht wird. Manchmal naiven Enthusiasten, die nicht mal eine Ahnung davon haben, was am Ende dabei herauskommen soll (und vom politischen Gegner erst recht nicht), manchmal eben auch von Männern wie diesem August Peters, die sich in den historischen Moment hineinreißen lassen und hinterher vor der Verhörkommission versuchen zu erklären, dass sie das eigentlich nicht so gewollt und gemeint haben.

    Das eignet sich dann eher nicht für klassische historische Romane. Für heutige historische Romane würde es sich schon eher eignen. Und auch Louise Otto hätte den Stoff vielleicht bewältigt, wenn er ihr als Botschaft wichtig genug gewesen wäre. Aber sie erlebte ja an ihrem August selbst, dass dafür in den repressiven 1850er Jahren einfach nicht die Zeit war.

    Auch die Sache der Frauen hatte ja durch die Niederlage der Revolution und der Nationalversammlung einen herben Rückschlag erlitten, der auch Louise Otto Peters ausbremste, dazu zwang, ihre so geliebte politische Arbeit in den Zeitungen zurückzufahren und eher aufs etwas unverfänglichere belletristische Gebiet auszuweichen. Wo sie dann freilich wieder auf eigene Weise die starken Frauen der Geschichte thematisierte, wie Sandra Berndt und Gudrun Loster-Schneider in ihren Vorträgen genauer darlegen.

    Auch das eine notwendige Arbeit, denn wenn einer Gesellschaft „Differenzkonstruktionen“ (Loster-Schneider) nicht einmal bewusst sind, kapieren selbst die braven bürgerlichen Hausfrauen, die Frauenbücher lesen, nicht, was eigentlich falschläuft, wo alte (von Männern produzierte) Vorurteile dafür sorgen, dass Frauen nicht studieren, nicht wählen, keine Vereine gründen und keine „Männer“-Berufe ergreifen dürfen, rechtlich quasi der Besitz der Männer sind und am politischen Leben keinen Anteil haben. Was viel mit Selbstständigkeit zu tun hat, wie Louise Otto-Peters nie müde wurde zu betonen.

    So nebenbei ist man mit diesen Vorträgen wieder mittendrin in dem mühsamen Prozess der Selbsterkenntnis, der erst einmal bewältigt werden musste, bis es dann nach 1900 endlich so langsam zum Allgemeingut wurde, dass Frauen das Recht auf einen eigenen Erwerb und höhere Bildung ganz selbstverständlich genauso zustehen muss wie ihre Beteiligung am politischen Leben. „Wer nicht frei für sich erwerben darf, ist Sklave“, zitiert Gisela Notz in ihrem Vortrag zu diesem Thema. Magdalena Gehring geht auf die Vorbildwirkung der amerikanischen Frauenbewegung ein.

    Und Sandra Berndt und Stephan Klein beleuchten ein sehr spezielles Thema, mit dem sich Louise Otto-Peters aber immer wieder beschäftigte: die literarische Rezeption der Hexenverfolgung, die bis ins späte 19. Jahrhundert männlichen Interpretationsmustern – und damit auch der Mystifizierung und Dämonisierung der (wissenden) Frau – diente. Dass wir die Sache heute anders sehen, hat sehr viel damit zu tun, dass Louise Otto-Peters immer wieder daranging, die Narrative der männlichen Geschichtsschreibung zu demontieren und darin die systematische Diskriminierung und Abwertung von Frauen offenlegte.

    Und sage niemand, dass diese alten Ausgrenzungsmuster heute nicht mehr virulent sind. Sie sind es genauso wie die Denkweisen der erzkonservativen Männer, die ihr fehlendes Selbstbewusstsein damit kaschieren, dass sie versuchen, die alte Zurechtweisung der Frau in ihre „angeborenen“ Rollen immer wieder auch politisch zu artikulieren, obwohl die moderne Gesellschaft ohne die Berufsarbeit der Frauen schon lange nicht mehr funktionieren würde.

    Auch darauf wiesen Otto-Peters und ihre Mitstreiterinnen immer wieder hin, weil es die bärtigen Zeitgenossen einfach nicht begreifen wollten: wie viel unbezahlte Arbeit Frauen schon immer geleistet haben, die aber die Herren der Erschöpfung nie zu sehen bereit waren, aber immer dankend in Anspruch genommen haben. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Wie selbstverständlich wurden die Lasten und Folgen der Corona-Maßnahmen auch diesmal wieder auf die Frauen abgeladen – egal, ob die in den „systemrelevanten“ Berufen oder die, die dann Homeoffice und Homeschooling und Quarantäne managen mussten.

    Selbst diese Vorträge zweier Tagungen machen recht deutlich, dass es bei der Emanzipation nie nur um Frauen ging. Und das „schüchterne deutsche Mädchen“ (Irina Hundt) aus Meißen hat das als eine der ersten begriffen und es auch den sozialdemokratischen Rauschebärten später richtig unter die Nase gerieben, dass die Emanzipation der Frauen ein soziales und wirtschaftliches Thema ist.

    Und die Emanzipation der Männer einschließen muss. Denn wenn die nicht mal begreifen, dass ihre Frauen gleichwertige, ebenso kluge und interessierte Menschen sind wie sie, dann geht ihnen praktisch die Hälfte einer Partnerschaft völlig verloren. Stattdessen bleiben sie in ihren eigenen Abhängigkeiten gefangen, glauben, ihr Leben lang für Frau und Familie malochen zu müssen ohne auch nur zu begreifen, dass auch das Fesseln sind, aus denen man sich gemeinsam befreien muss.

    Aber der Skandal von 2018, ausgelöst von Männern, die sich lieber an unwesentlichem Quatsch aufschaukelten, erzählt eben auch davon: Man jagt eine mediale Sau durch die Stadt, statt sich um das Thema Emanzipation zu kümmern, das eigentlich an diesem 9. Oktober 2018 hätte Thema sein müssen. Immerhin spielte auf der Bühne ein reines Frauenorchester grandiose Musik nur von Komponistinnen.

    Leipzig steckt mit einem Fuß noch immer tief im Mittelalter, in verbiesterten und kleinbürgerlichen Vorstellungen von „Freiheit“ und Gleichberechtigung. Das, was Louise Otto-Peters und ihre Mitstreiterinnen begonnen haben, ist noch längst nicht zur Gänze umgesetzt. Jedes kleine Zugeständnis muss in zähen Verhandlungen Leuten abgerungen werden, die das Mauern, Bremsen und Verhindern von klein auf gelernt haben und die sich eine andere Zukunft als die eigene kleinkarierte gar nicht vorstellen können.

    Da versteht man dann, dass sich eine wie Louise sogar von Herzen erwärmen konnte für diesen Tolpatsch, Schwindler und Träumer August Peters. Einen, der wenigstens den Mumm hatte, sich ins Getümmel für den Fortschritt zu stürzen, und der nicht mit faulen Ausreden daheim hockte: „Ändert sich doch sowieso nichts …“

    Wenn niemand anfängt, ändert sich auch nichts. Und Louise Otto-Peters fasziniert auch deshalb bis heute, weil sie sich nie wirklich entmutigen ließ, auch nicht von den Polizeiern, die nach der Verhaftung von August Peters einfach ihre Wohnung auf den Kopf stellten, um belastendes Material zu finden. Ganz bestimmt war auch eine Prise Mut dabei, als sie sich entschloss, nun gerade nicht die Klappe zu halten. Eine gezügelte Wut, fein dosiert und immer stilvoll. Dieses „schüchterne“ Mädchen wusste, wie sich die alten Patriarchen festklammern an ihrem bisschen falscher Würde und ihren schäbigen Gedanken über das Mögliche.

    Und wie lange das dauern würde, ihnen auch nur die kleinsten Zugeständnisse zu entreißen. 150 Jahre später sind die Typen immer noch da und benehmen sich noch genauso schäbig. Aber dafür gibt es viel mehr Frauen, die sich nicht einfach die Butter vom Brot nehmen lassen. Auch weil sie wissen, dass sie manche Dinge, von denen sich die alten Auerochsen einbilden, sie könnten das allein, wesentlich besser beherrschen.

    Was eigentlich als Grundgefühl nicht zu erwarten ist, wenn man so einen Tagungsband aufschlägt. Aber am Ende merkt man, dass es tatsächlich keinen Grund gibt, sich entmutigen zu lassen im zähen Streit gegen die alten Pantoffelhelden, die einen immer noch mit den alten schäbigen Ausreden von anno Metternich versuchen einzuschläfern. Soll ja alles so bleiben, wie es Muttersöhnchen mal gelernt hat.

    Aber wie Sandra Berndt direkt aus einem Text von Louise Otto-Peters zitiert: „nicht todte Geschichte wollen wir, sondern lebende, wirkliche“. Das gilt immer noch.

    LOUISEum 38 Mit den Muth’gen will ich’s halten, Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2020, 15 Euro.

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