Ganz so verirrt sind die Wege des Physikers und Biomathematikers Mario Markus natürlich nicht gewesen, wie der Titel seines neuen autobiografischen Buches suggeriert. Verirrt ist eher unsere heutige Gesellschaft, die ihre Unvernunft auch in Realitätsverweigerung austobt. Tatsächlich erinnert er daran, dass wir im Begreifen der Welt schon mal weiter waren.

Auch wenn er das natürlich nicht so diskutiert. Sein Buch ist zuallererst eine Spurensuche im eigenen Leben. Etwas, was vielleicht alle Menschen machen sollten, wenn es in den Ruhestand geht und Bilanz gezogen werden könnte: Was hat man in seinem Leben erreicht? Nicht als Häkchenliste, bitte. Wer als alter Knopf nur Häkchen machen muss, weil er alles erreicht hat, was er sich als Knabe mal vorgenommen hat, der hat nichts erreicht. Der hat nicht gelebt.Denn gerade weil Mario Markus in Sprüngen erzählt, immer wieder mal zurückblendet, weil das neue Thema an früherer Stelle noch nicht berührt worden ist, wird ein Leben sichtbar als das, was es am Ende wirklich ist: Ein offenes System, in dem Dinge wie Chaos und Zufall eine entscheidende Rolle spielen.

Übrigens Themen, mit denen sich Markus als Forscher zeitlebens beschäftigt hat. Denn spätestens seit die Chaostheorie Einzug in die Mathematik hielt, ist den naturwissenschaftlich Forschenden klar, dass sich unser Denken über natürliche Prozesse verändern musste – und zumindest in der Spitzenforschung auch verändert hat. Die Allgemeinheit wird noch ewig brauchen, das zu verinnerlichen, denn landläufig herrscht nach wie vor ein deterministisches Denken, das leicht anfällig ist für mythische Ideen vom großen Schöpfer.

Aber was passiert wirklich in einer Welt, in der der Zufall regiert und eigentlich kein Bauplan existiert, auf dessen Grundlage irgendwelche stabilen oder gar lebendigen Strukturen entstehen können? Und sie entstehen trotzdem? Wie kann das sein? Gibt es Prozesse, die die Entstehung solcher Strukturen begünstigen und sie dann stabilisieren? Wie laufen die ab? Lässt sich das mathematisch beschreiben? Und wenn ja: Kann man mit mathematischen Formeln dieselben Strukturen am Computer erzeugen und dann schauen, ob sie mit den in der Natur Vorgefundenen identisch sind?

Da Mario Markus seine Forscherkarriere begann, als Computer noch riesengroße und (aus heutiger Sicht) verdammt langsame Rechner waren, begleitet man im Grunde einen begabten Mathematiker dabei, wie er die Chaostheorie in die Grundlagenforschung der Biologie und der Physik einbrachte.

Allein diese Kapitel werden Freunden der Wissenschaft gefallen, weil sie sich mit Themen beschäftigen, die man in der Regel nicht mit Chaostheorie und Mathematik in Verbindung bringt – etwa die Frage, wie sich Krebstumore ernähren (und dann vermehren) oder warum es unmöglich ist, Eisberge aus der Antarktis als Süßwasserquelle nach Saudi-Arabien zu schleppen. Oder warum sich Zikaden nur in Primzahlenjahren vermehren oder wie man Erdbeben mathematisch exakt voraussagen könnte …

Denn wenn man erst einmal ein wenig begriffen hat, wie unsere Welt wirklich funktioniert, kann man auf den unterschiedlichsten Forschungsgebieten zu völlig neuen Lösungen kommen. Dann kann man auch den Einfluss des Menschen auf hochkomplexe und chaotische Systeme berechnen. Und irgendwann schüttelt man nur noch den Kopf darüber, wie sehr sich Menschen verblöden lassen, wenn es ums Geld geht. Was übrigens sehr schöne Fragen impliziert.

Denn im Kapitel „Wenn man sogar die Unvorhersagbarkeit nicht vorhersagen kann“ erzählt Markus, wie eine chaotische Anfangssituation in unserer Welt immer beides als Möglichkeit in sich trägt: neues Chaos oder eine Periodizität. Aber was von beidem geschieht, kann man nicht vorhersagen. „Es war fast so erschreckend wie in der Quantenphysik mit ihrer Unbestimmtheitsrelation und ihren Wahrscheinlichkeitswolken.“

Das trifft nun einmal auch auf das Leben auf der Erde zu. Man ahnt erst auf diese Weise, was für eine kosmische Ausnahme dieser faszinierende Planet ist, auf dem eine von Gier und Profit getriebene Menschheit gerade Strukturen zerstört, die der Mensch nicht wieder herstellen kann. Und wir wissen, dass wir uns gerade den Boden wegziehen, auf dem wir stehen. Und zwar nicht nur beim Klima. Auch beim Artenschwund und beim Insektensterben.

Schon 1962 erschien Rachel Carsons Buch „Der stumme Frühling“, in dem sie die Folgen des weltweiten Einsatzes von Pestiziden schilderte. Markus ist alt genug, um den Insektenreichtum der Welt in den 1960er Jahren noch kennengelernt zu haben. Jahrzehnte später bemerkte er bei seinen Reisen um die Welt, wie stumm und insektenleer es selbst dort geworden ist, wo er einst begeistert Schmetterlinge und Käfer fangen konnte.

Die Faszination der Insekten hat ihn von Kindesbeinen an begleitet. Natürlich erzählt er auch davon, denn aufgewachsen ist er ja in Chile, wohin seine Eltern auf der Flucht vor den Nazis ausgewandert waren. Er erzählt von seinen ersten Experimenten, seiner Schule und seinen Lehrern und den Zufällen, die ihn am Ende auf den Weg brachten, den er gegangen ist. Und er erzählt mit Dankbarkeit, denn er hat erfahren, wie wichtig es ist, zur richtigen Zeit die richtigen Menschen zu treffen, die das in einem bestärken, was wirklich stark und einzigartig ist.

Und zu den Zufällen, die sein Leben veränderten, gehört natürlich auch der Beschluss seines Vaters, zurück nach Deutschland zu gehen, sodass Markus hier eine Hochschul- und Forschungskarriere beginnen konnte und ein durchaus beachtliches Werk vorweisen kann an wissenschaftlichen Veröffentlichungen, denen oft nur ein scheinbar verrückter Gedanke zugrunde lag.

Oder eine unmögliche Vermutung – zum Beispiel die, ob biologische Prozesse mit modernen Modellen der Chaos- und der Spieltheorie berechenbar sein könnten, ob also dem, was wir an Faszination in der Natur sehen, tatsächlich sogar mathematische Modelle zugrunde liegen. Oder besser formuliert: Dass all das mit mathematischen Modellen beschrieben werden kann.

Aber zum Chaos gehört ganz bestimmt auch seine sexuelle Orientierung, die ihn sein Leben lang auf die Suche nach dem „weißen Karneol“ getrieben hat. Bestimmt hat Facebook auch dafür irgendeine Klassifizierung, auch wenn es dem Pensionierten natürlich nicht mehr viel nutzt.

Denn seine Bekanntschaften musste er ja alle noch in jenem Zeitalter machen, in dem es weder Internet noch Smartphones gab, dafür einschlägige Atlanten für alle großen Städte der Welt. Aber auch das gehört ja zur Selbsterkenntnis (zumindest wenn man den Mut hat, darüber zu schreiben), das Ungenaue in der eigenen Justierung wahrzunehmen, das es einem ein Leben lang unmöglich macht, sich in die billigen Raster einer simplen dualen Weltvorstellung einzufügen.

Das vergessen wir auch allzu oft, wie extrem wir von diesem Dualismus geprägt sind, der es uns oft unmöglich macht, all die Grautöne dazwischen wahrzunehmen. Auch da waren wir schon mal weiter. Offener sowieso. Egal, ob das der Einstieg als Forscher in den Wissenschaftsbetrieb ist (der solche unabhängigen Köpfe dringend braucht), den Umgang mit sexuellen Orientierungen, mit der Wahl von Wohn- und Lebensorten. Ganz so, als würden wir uns den Langweilern und Scheuklappenträgern beugen, die überall Denkverbote aushängen und alles Abweichen von einer gesetzten Norm als Verrat an der ökonomischen Effizienz betrachten.

In seinem Vorgänger-Buch im Olms-Verlag „222 Juden“ fasste Markus diese Art Denken (die er hier mit den berühmtesten jüdischen Denkern der Menschheitsgeschichte in Zusammenhang bringt) als „Emsigkeit und Gedankenblitzfang“ auf. Vielleicht ist es sogar genau das, was die Schwerfälligen im Geiste tatsächlich so verärgert an den jüdischen Berühmtheiten: deren Fähigkeit, aus Gedankenblitzen tatsächlich neue Forschungsfelder, Produkte und intellektuelle Spitzenleistungen zu machen.

Was ganz bestimmt nichts mit dem Glauben zu tun hat, eher eine Menge mit dem Gefühl, dass man als immer wieder ausgegrenzte Gruppe ständig wieder beweisen muss, dass man trotzdem was auf dem Kasten hat. Man kann sich auf Meriten nicht ausruhen. Und warum sollte man es auch tun, wenn einem eine immer wieder bräsig agierende Mehrheitsgesellschaft klarmachen will, dass man am Gegebenen nichts ändern mag – und auch nicht wirklich wissen will, wie die Welt funktioniert.

Das Manna regnet doch vom Himmel und der Rest steht in der Bibel, oder nicht? So leben doch in unserer vom Konsum besessenen Welt noch immer die meisten. Und die Denkfaulen suchen immerfort nach Sündenböcken, denen sie die Schuld geben können, wenn die Bequemlichkeit in die Katastrophe führt. Platz für das ungebundene Denken ist da kaum noch, diese Freude daran, den eigenen Standpunkt wirklich mal zu ändern und die Sache von der anderen Seite anzuschauen.

Und einfach mal herumzuknobeln, wie man mit einer pfiffigen Idee das Problem vielleicht lösen könnte. So passiert Grundlagenforschung. Und Markus schildert an mehreren Stellen, welche Folgen das hat und auch, dass man dabei ganz und gar nicht der einsame Forscher im Labor ist, denn gute Ideen zünden auch in den Köpfen jener Forscher weltweit, die begriffen haben, was einer da für eine Lösung ausgeknobelt hat.

Allein das Netzwerk von Markus’ Forscherfreundschaften ist beinah schon unübersichtlich groß. Man begegnet Berühmtheiten, die jeden Vortragssaal füllen konnten. Aber viele versteckt er natürlich aus Persönlichkeitsschutzgründen auch hinter Decknamen. Denn das Persönliche trifft immer auf das Öffentliche.

Und nicht jeder wäre bereit, eine so offene Selbstanalyse vorzunehmen, auch nach Fehlern und Irrwegen zu suchen, immerfort nach den Antworten zu suchen, die wir ja alle gern für unser Leben hätten: Waren denn alle Entscheidungen auch richtig? War uns dieser Weg vorgezeichnet?

Natürlich war er das nicht. Und das liegt nicht nur an den Menschen, die wir treffen, ob sie uns fördern oder düpieren. Es liegt auch nicht nur daran, ob wir in Chile zur Schule gehen oder in Deutschland, ob wir das Leben in Santiago de Chile für chaotisch halten oder eher das im Dorf nahe Lissabon. Ob wir den Mut haben, mit Kollegen in Mexiko, China oder Vietnam in regen Austausch zu treten oder die besten Gesprächspartner im nächsten Max-Planck-Institut treffen.

Denn dadurch, dass Markus immer wieder auch auf die Ebene Familie, Liebe, Freundschaft, Heimatsuche wechselt, wird immer deutlicher, dass selbst der derart aktive Mensch Entscheidungen nie im simplen Dualismus von richtig/falsch fällen kann. Dass er nicht einmal ein derart eindimensionaler Mensch ist, dass sich so eine Lebenskarriere linear erzählen ließe. Sondern dass alles zusammenwirkt, dass die Gesellschaft, in der wir leben, selbst ein System aus Chaoszuständen und Wahrscheinlichkeitswolken ist.

Und dass wir zwar durch unser Aktivwerden eine bestimmte Richtung einschlagen können. Aber wir wissen nicht, wem wir dort begegnen, ob der Kontakt funktioniert oder wir hinterher wieder ratlos dastehen und weitersuchen müssen, weil uns unser Gefühl sagt, dass das so nicht richtig ist. So eine Art Sensibilität haben wir ja dafür. Und es sieht auch in Markus’ Biografie so aus, als würde sie ihn zu den Menschen und Orten hinführen, die ihn in diesem Selbstgefühl bestätigen.

Machen das alle Menschen so? Ich habe die Vermutung, dass dem nicht so ist, dass die meisten Menschen sogar schon früh darauf verzichten, sich selbst zu suchen und zu finden und dafür all die Ungewissheiten auf sich zu nehmen, die so ein trial-and-error mit sich bringt, denn nichts anderes ist das.

Wer die einfachen und fertigen Schablonen bevorzugt, lebt nach Schablone, wird daran vielleicht sogar glücklich, vielleicht aber auch nie das Gefühl los, dass er es einmal wenigstens hätte probieren können, das Unvorhergesehene, das Nichterlaubte, das Unübliche. Nur so kommt man tatsächlich zu sich selbst, ohne zu wissen, ob das überhaupt der einzig gangbare Weg gewesen wäre. Denn jede Entscheidung schafft ein neues Bezugssystem, manchmal auch neues Chaos, dem man mit viel Kraft eine Struktur geben muss. Das ist in gewisser Weise anstrengend.

Aber was hat einer zu erzählen, der das nie probiert hat? Am Ende ist man ja genau das, was man in diesem ganzen Herumprobieren geworden ist. Dann klingt das auf einmal so logisch, weil der Autor auf Dutzende von Fachkolleg/-innen gewürdigte wissenschaftliche Publikationen verweisen kann, auf Dutzende Bücher nicht nur in Spanisch oder Deutsch, auf Kunstausstellungen, Freundschaften und auch einige Erkenntnis bringende psychedelische Experimente, die man nicht unbedingt nachmachen muss. Und ein Finale gibt es natürlich auch nicht. „Es gibt keine vollendete Biographie ohne den Tod“, schreibt Markus.

Vielleicht sollte man vollendeten Biografien sowieso misstrauen. Denn sie erzählen etwas über uns als Mensch, was so nicht stimmen kann. Wir sind nicht vollendet und wir werden das auch nie in diesem kurzen Leben. Wir bleiben immer die Unvollendeten mit lauter unfertigen Erzählsträngen, die sich ineinander verheddern, manchmal im Untergrund verschwinden, dann wieder in den Vordergrund drängen. Das Chaos steckt in uns.

Und manchmal sehnen wir uns nach dem Lärm in den Straßen Havannas, weil uns die roboterhafte deutsche Perfektion den Geist tötet. Oder die Luft zum Atmen nimmt. Oder einfach die reine Freude am Entdecken der Welt, wie sie ist: „Wenn man eine Maus alleine in einen für sie unbekannten Raum setzt, dann schnüffelt sie an jeder Ecke“, beginnt Mario Markus sein Buch. Wie lebt es sich da als Maus, die sich das Entdecken von vornherein verbietet?

Schwer vorstellbar ist das, wenn man als neugierige Maus geboren wurde und es eigentlich frühzeitig verinnerlicht hat. Etwas, das Markus in der Rückschau feststellt: „Stillstand wäre Verschwendung gewesen.“ Denn wer stillsteht, wer will, dass sich nichts mehr ändert in seinem Mäuseleben, der hat am Ende erstens nichts zu erzählen, denn er hat nichts Besonderes erlebt. Und eigentlich ist der auch schon tot. Mario Markus: „Ich bin froh darüber, mich wie eine Maus verhalten zu haben.“ Das muss man als 76-Jähriger erst einmal von sich sagen können.

Mario Markus Exilneurose, Georg Olms Verlag, Hildesheim 2021, 24,80 Euro.

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