Die Welt ist voller Sehnsuchtsziele, und auch die Leipziger machen sich eine große Menge an Stress, wenn sie ihre Jahresurlaube an den „angesagten“ Küsten der Welt planen. Dabei liegen einige der zauberhaftesten Urlaubslandschaften direkt vor der Haustür. Samt anheimelnden Herbergen und Hotels, von denen aus Rad- und Wanderwege in Landschaften führen. Landschaften, in denen nicht nur das Auge seine Freude hat, der Geschichtsneugierige alte Schlösser und Burgen findet, sondern auch für eine herzliche Einkehr gesorgt ist. Denn die findet man im nördlichsten Weinanbaugebiet Deutschlands an Saale und Unstrut.

Und genau da hin lotst Manja Reinhardt die Inhaber dieses neuen Ausflugsführers. Es ist die Region, in der die Leipzigerin selbst aufgewachsen ist. Da kennt sie sich aus. Quasi in jeder Straußenwirtschaft. Auch wenn das Wort untertreibt und falsche Vorstellungen weckt. Denn provinziell ist es hier rund um Naumburg und Freyburg überhaupt nicht. Im Gegenteil: Hier haben sich die Menschen selbst wieder auf die Beine geholfen und nach 1990 eine wirklich alte Weinlandschaft wieder zum Blühen gebracht.

Die älteste Nachricht über den Weinanbau an der Unstrut stammt aus dem Jahr 998. Damals schenkte Kaiser Otto III. dem Kloster Memleben ein paar Weinberge. Die gibt es heute noch. Und das alterwürdige Kloster bekam natürlich auch eine Doppelseite in Manja Meinhardts Buch, das diesmal nicht so aufgebaut ist wie ihre zwölf Spaziergänge in und um Leipzig.

Aber das Feeling ist ganz ähnlich. Ganz zu schweigen davon, dass die meisten Farbfotos im Buch sonnige Frühlings- und Sommertage in den Weinhängen an den beiden Flüssen zeigen. Echte Einladungen, sich vielleicht doch mal ein paar Ferientage in dieser märchenhaften Weinbauregion zu sichern.

Geschichte mit Neuanfängen

Die übrigens weit über die beiden erwähnten Städte hinausreicht, denn zur Destination gehören auch Weingüter im Salzatal westlich von Halle, bei Bad Sulza, Zeitz, Laucha und sogar in Brandenburg.

Fast alle betrieben von Familien, die nach 1990 nicht einfach zuschauen wollten, wie eine historische Weinregion einfach in Vergessenheit gerät und die Weingüter dann oft aus den Beständen der örtlichen LPG übernahmen oder aufgegebene Weinhänge neu berebten. Es war nicht der erste Neuanfang in dieser Region. Hier sorgten schon die Kleine Eiszeit und die Reblaus für Krisen und mutige Neuanfänge.

Auch davon erzählt Manja Reinhardt in diesem Buch, in dem sie Dutzende der liebevoll betriebenen kleinen Weingüter besucht und meist nicht nur engagierte Winzer findet, die mit viel Liebe oft auch ihre eigenen Weine produzieren. Vornehmlich haben sie nämlich auch ein kleines Weinlokal auf ihrem Gut untergebracht oder gar eine Herberge oder ein kleines Hotel, die geradezu dazu einladen, hier einfach mal ein paar Tage zwischen Weinhängen und herrlichsten Aussichten über Flusslandschaften zu verbringen.

Und dabei natürlich die Weine der Region zu genießen, die sich vor Spitzenweinen aus anderen Destinationen nicht verstecken müssen. Im Gegenteil: Wer gut plant, plant auch eine Fahrradtasche für die erworbenen Weinflaschen mit ein.

Schlösser, Burgen, Klöster

Jedes dieser kleinen Weingüter hat etwas Besonderes. Mal ist es ein kleines Schloss, mal ein Weinbergshäuschen, die zu Einkehr und Weinprobe einladen. Oft genug aber liegen auch die Sehenswürdigkeiten der Region gleich nebenan, oft selbst mit jahrhundertealtem Weinbau verbunden, so wie Schloss Augustusburg mit seinem Weinberg bei Weißenfels, die Leuchtenburg mit ihrem alten Weinhang bei Seltenroda oder eben das Kloster Memleben, das man genauso wenig verpassen sollte wie das Steinerne Album im Blütengrund bei Großjena oder – gleich nahebei – Max Klingers Weinberg.

Denn hier fand ja der Leipziger Künstler (1857–1920) seine Toskana und den Ort, an dem er – zwischen Weinbergen – ungestört arbeiten konnte.

Es ist eine kulturreiche Region, die man hier – praktisch von Weineinkehr zu Weineinkehr – erleben kann. Mit den Dornburger Schlössern, wo wohl schon Goethe sein Gläschen Wein trank, dem Weinwanderweg durch den Blütengrund und dem hollywoodreifen Schriftzug, der bei Kloster Pforta für Saale-Unstrut-Wein wirbt.

Womit man dann endgültig mittendrin ist in geschichtsträchtiger Landschaft – mit Klosterbrüdern, die den Wein über Jahrhunderte pflegten, und weltberühmten Schülern wie Nietzsche und Klopstock.

Sekt und Cider

Und beim Wein bleibt es ja nicht. In Naumburg lädt die Wein- und Sektmanufaktur ein und in Freyburg kann man bei Rotkäppchens in die Erlebniswelt des Sekts eintauchen. Sogar eine Cidermanufaktur findet sich am Wegrand. Und wenn man sich nicht gleich durchfindet zum nächsten Weinausschank, gibt es alle Adressen und Kontaktdaten gleich dazu. Da kann man planen. Und vermeiden, denn es gibt auch Tage im Jahr, da strömen die Scharen nur so auf die Weinrouten.

Die Winzer werben für sich und ihr so besonderes Weinbaugebiet. Aber wer es ruhiger mag, den lockt Manja Reinhardt ja in die etwas abgelegeneren Weinhänge – bis hin zum Geiseltalsee, wo man aus der umrankten Weinterrasse direkt auf den riesigen Bergbaufolgesee schauen kann.

Das Büchlein ist im Grunde eine Einladung, sich einfach mal selbst umzuschauen und ganz neue Ecken an Saale und Unstrut und etwas abseits davon für sich zu entdecken. Und vielleicht sogar Gastgeber kennenzulernen, bei denen man immer wieder einkehren möchte. Auch weil es zum Wein herzhafte Gerichte gibt und man beim Ausspannen einfach mal wieder merkt, dass das Leben nicht nur aus Stress und Aufregung besteht.

Sondern manchmal einfach aus glitzernden Tropfen im Glas und dem Gefühl, dass man sich auch beim Durchstreifen der Weinwanderwege lustvoll Zeit nehmen kann.

Manja Reinhardt „Weinorte an Saale und Unstrut“, Droste Verlag, Düsseldorf 2026, 16 Euro.

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