„Die Idylle hält“, schreibt Dirk Bernemann in seinem neuen Roman „Gromzell“. Diesen mindestens auf den zweiten Blick ungeheuerlich bedrohlichen Satz meint der Mann auch genauso. Selbst wenn sein Buch Anlass zur Vermutung gibt, dass Bernemann Idylle nicht grundsätzlich für so positiv hält, wie es in ZDF Sonntagsfilmen verbreitet wird. Denn natürlich verbergen sich hinter der prächtigen Alpenkulisse seines Romans fürchterliche Abgründe.

Worum geht’s in dem Buch? – Um das namensgebende Kaff Gromzell, irgendwo in den vermutlich bayrischen Alpen.

In Gromzell passiert nie etwas. Oder jedenfalls nichts, was die Routine stört. Bis eben doch etwas passiert. Denn Marie stirbt. Sie ist die älteste Bewohnerin des malerischen Kaffs am Fuße eines gewaltigen Bergriesen. Sie war es auch, der man nachsagte, dass sie einst als junges Mädchen gemeinsam mit ihrer Familie dem Tod eine Schonfrist für den ganzen Ort abtrotzte. Nicht jeder in Gromzell hält das für ein Märchen.

Denn dort hält man noch zusammen. Selbst wenn man es mit zusammengebissenen Zähnen tut. Trotzdem schleichen sich Zweifel zwischen die Beschaulichkeit. Wenn Marie vom Tod geholt wurde, wird er dann auch andere holen, deren Abtritt vielleicht längst überfällig ist? Oder bösartiger formuliert: enden mit ihrem Tod die Übersichtlichkeit des Lebens hier? Beginnen gar die Hierarchien zu wanken?

Heimat, vermutet Bernemann sei dehnbar. Je weiter man von ihr entfernt ist, umso weicher erscheine sie, kommt man ihr allerdings näher, verhärtet sie sich. Was die Leute aus Gromzell, die er zu den Helden und Heldinnen seines Romans macht, von anderen Menschen unterscheidet, ist, dass keiner und keine von ihnen die Heimat je für länger verlassen hat und daher die Enge, in der sie leben, gar nicht beurteilen kann.

Unterteilt in fünf Kapitel: Verdrängung, Zorn, Hoffnung, Abgrund, Ruhe konzentriert Bernemann sich auf eine Handvoll Figuren, anhand deren Gedanken, Beobachtungen, Sehnsüchte und Ängste er ein beklemmendes Portrait des Kaffs zeichnet, das sie Heimat nennen.

Todesvogel in der Idylle

Der Tod der ältesten Marie, Vorfahrin dreier weiterer Maries im Ort, löst eine Kettenreaktion aus, die das Leben im Ort zumindest für einige Tage durcheinanderbringt. Der Pastor bekennt, dass ihm der Geruch kalter Kirchen am Morgen nachgeht, und der Arzt zweifelt an seiner Kompetenz, kurz bevor er es wagt, auch an der Weisheit des Herrgotts Zweifel anzumelden.

Ein garstiger schwarzer Vogel unbekannter Art und Rasse zerhackt einen Ornithologen und killt eine Friedhofskatze, eine zweite Frau stirbt und ein vermutetes altes Verbrechen bleibt weiter ungeklärt.

In einem Ausbruch archaischer Gewalt versucht man im Ort, die alte, ebenso beengende wie Sicherheit verheißende Ordnung wiederherzustellen. Dass dieser Gewaltausbruch so sinnlos wie lächerlich ist, aber auch ohne jegliche Konsequenzen bleibt, zeugt von Bernemanns tiefschwarzem Humor.

Die Idylle hält, der schwarze Todesvogel bleibt weiter ein Rätsel, das Leser/-innen zur ganz persönlichen Interpretation herausfordert.

Ein Kritiker vermutete, dass Bernemann mit Gromzell die Keimzelle eines wiederkehrenden deutschen Faschismus beschrieben habe. Doch wäre das zu kurz gefasst. Was er vergnüglich, bösartig, treffend beschreibt, ist älter als Faschismus. Es ist die beklemmende Kehrseite einer sehr deutschen und zu oft als harmlos verklärten Romantik. Ein Phänomen, dessen Wurzeln tief in Aberglaube, Opferrituale und Urängste unserer vorchristlichen Ahnen zurückreichen.

Der Untertitel von Gromzell lautet: Ein Heimatroman.

Natürlich.

Man möchte in dieser Heimat nicht sein Leben verbringen müssen. Gerade deswegen bereitet es ein solches Vergnügen, über sie zu lesen.

Dirk Bernemann „Gromzell“, Edition W, Neu-Isenburg 2026, 24 Euro.

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