Ängste gehören zum Kindsein. Und auch Erwachsene kennen sie. Wir fürchten uns vor allen möglichen Dingen. Manchmal völlig grundlos. Manchmal aber aus sehr guten Gründen. Und oft helfen Worte gar nichts, solche Ängste zu überwinden. Auch weil in ihnen eine Menge Scham steckt. So geht es auch Molly, die die kleinen Leserinnen und Leser schon aus zwei Büchern kennen, die das Mädchen durch ihre frühe Schulzeit begleiten. Und nun wird es auf einmal gruselig: Die ganze Klasse soll im Zelt übernachten.

Für ein Stadtkind wie Molly ist das nicht nur ein Abenteuer, sondern eine echte Herausforderung. Denn da draußen lauern Tiere, Insekten, unheimliche Wesen. Molly hat jede Menge Phantasie und kann sich das alles schon bestens vorstellen – das Rascheln und Knacken vorm Zelten, die Eulen, die Füchse, die Nachttiere.

Phantasie ist ein Geschenk. Aber die kann einen auch regelrecht lähmen. Während sich alle anderen Kinder richtig begeistern können für diese Übernachtung im Wald, traut sich Molly nicht mal zu sagen, wie sehr sie sich fürchtet. Lieber versteckt sie sich hinter der Behauptung, einfach nicht mitfahren zu wollen. Man muss ja nicht über Angst reden, wenn man einfach keine Lust hat. Oder das zumindest vortäuscht, damit man nicht ganz so komisch dasteht vor Liliy, Bastian und Liam, ihren besten Freunden in der Klasse, für die das alles überhaupt kein Problem ist.

Aber selbst Mollys kleiner Bruder Mingus beneidet die Schwester darum, so ein Abenteuer im Wald erleben zu dürfen. Wohin dann mit diesem Knoten im Bauch? Diesem Gefühl, dass man sich vor dem Ausflug fürchtet. Vielleicht ganz grundlos. Molly jedenfalls macht das richtig traurig. Erst recht, weil sie nicht weiß, mit wem sie dann in eine Gruppe kommt und im selben Zelt schläft. Eine Katastrophe, wenn sie da nicht mit ihren besten Freunden zusammen ist. Ein Weltuntergang. Aber ein ganz heimlicher, tief drinnen. Einer, dem man nicht entkommt, auch wenn man sich am liebsten krankschreiben lassen möchte.

Das Kino im Kopf

Und die anderen? Verstehen sie das nicht? Das ist nicht einmal das Verzwickte an dieser Geschichte. Sie verstehen es nur zu gut. Aber sie können nur ein bisschen helfen. Ein wenig aufmuntern und Mut machen. Am Ende muss jedes Kind selbst solche Situationen durchstehen. So, wie das mit ganz vielen Situationen in der Kindheit ist. Vorher fürchtet man sich richtig, hat Bammel und Schweißausbrüche, will man am liebsten weglaufen und sich verstecken. Und zwar gerade weil man nicht weiß, was wirklich passiert. Das weiß man erst hinterher.

Es sind diese scheinbar so kleinen Abenteuer in der Kindheit, die Kleinsein so unheimlich aufregend, anstrengend und verwirrend machen. Erst recht für Mädchen mit viel Phantasie, wie Molly eins ist. Wer die anderen Molly-Bücher gelesen hat, weiß ja, wie viele Gedanken sich das Kind die ganze Zeit macht. Wie Molly auch riesige Angst hatte, in der neuen Klasse keine beste Freundin zu finden. Man hat dabei vielleicht sogar genau das richtige Gefühl, wenn man hinter Molly ein echtes Mädchen vermutet, das Sabine Lemire da vor Augen hatte. Immerhin hat die Autorin selbst vier Kinder. Also genug quirlige Vorbilder, die in ihren Kinderbüchern zum wilden Leben auftrumpfen können.

Und bestimmt ein Mädchen wie Molly darunter, das über die großen Ängste in ihrem kleinen Leben lieber nicht reden will. Auch kein großes Drama draus machen will. Nur irgendwie abtauchen, weil im Kopf lauter gruselige Geschichten ablaufen, was alles passieren kann. Es ist ja auch ein gar nicht so kleiner Schritt im Großwerden, wenn Molly nun zum ersten Mal ohne ihre Eltern zum Zelten fährt. Ganz allein. In ihrer Phantasie zumindest, denn ihre ganze Klasse ist ja da. Und ihre Freunde sind auch dabei.

Ein kleines bisschen Wage-Mut

Und trotzdem reicht es nicht wirklich, einfach kräftig Luft zu holen. Man muss es erleben. Und Molly erlebt es in dieser Geschichte. Mit allen Aufregungen, die dazugehören. Und die man so schnell nicht wieder vergisst, gerade weil so viele wilde Gefühle dabei sind. Gefühle, die das Kopfkino so richtig ins Laufen bringen.

Es ist nicht immer einfach, mit einem Kopf voller Phantasie durch dieses Leben zu kommen. Sie hilft einem. Das ja. Aber manchmal schießt sie auch übers Ziel hinaus und wir können bannig froh sein, wenn dann unsere besten Freunde und Freundinnen dabei sind und man nicht allein ist, wenn’s draußen vor dem Zelt knistert und schnaubt.

Stoff für eine richtige Gruselgeschichte. Oder eine, in der die Kleinen, wenn man es ihnen vorliest, merken, wie das ist mit den eigenen Ängsten und Befürchtungen. Immer dann, wenn es wieder so einen Punkt im Aufwachsen gibt, wo man sich auf etwas völlig Neues, Wildes, manchmal auch ein bisschen Angstmachendes einlassen muss. Da muss man durch. Denn erst hinterher weiß man wirklich, wie es war. Und warum es dann und wann etwas mehr Mut braucht. Den man dann auch finden kann, wenn man echte Freunde hat, die zu einem halten, wenn’s brenzlig wird.

Sabine Lemire, Signe Kjær „Molly mittendrin. Eine Nacht im Zelt“ Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2026, 14 Euro.

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