Diese Zeitschrift ist eine echte Legende: 1906 als „Schaubühne“ von Siegfried Jacobsohn gegründet, wurde sie 1918 zur „Weltbühne“ und zur markantesten und kritischsten Zeitschrift der Weimarer Republik. Ihr Ende war eigentlich im März 1933 besiegelt, als die Nazis „das Blättchen“ verboten. Ihr bis heute anhaltender Ruhm ist mit Namen wie Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky verbunden. Aber wer ist dieser geheimnisvolle Hermann Budzislawski?
Immerhin stand er in DDR-Zeiten mit auf dem Titel der „Weltbühne“. Und im Impressum wurde er auch als Eigentümer der Namensrechte angeführt. Was schon ein erstes Streiflicht in die umkämpfte Geschichte dieser einzigartigen Zeitschrift ist, an deren Nachruhm auch heute immer wieder Neugründungen anzuknüpfen versuchen.
Meist in dem völlig verpeilten Glauben, sie müsste nur „Frieden, Freude, Eierkuchen“ zum Inhalt machen, dann würde der alte Glanz neu erstrahlen. Aber zur Wahrheit gehört nun einmal: Die „Weltbühne“ wurde nicht nur durch ihren klaren Pazifismus berühmt, sondern durch die Brillanz ihrer Autoren. Und deren Kenntnisreichtum. Ach ja: Und durch ihre klare Positionierung gegen jeden Autoritarismus.
Aber 1933 war nicht das Ende der „Weltbühne“. Vorsichtshalber war in Wien schon 1932 ein Ableger gegründet worden: „Die Neue Weltbühne“. Als das Mutterblättchen im Deutschen Reich nicht mehr erscheinen konnte, wurde der Ableger quasi zum Ersatz. Und hier kommt Hermann Budzislawski ins Spiel, der noch Ende 1932 mit ersten Beiträgen in die „Weltbühne“ gekommen war. Endlich, wird er sich gesagt haben.
Denn hier schrieben die klügsten und witzigsten Autorinnen und Autoren der Republik. Aber zur ersten Garde gehörte Budzislawski da noch längst nicht. Wie also wurde er zum neuen Chefredakteur und (Mit-)Eigentümer der Zeitschrift? Was war er für ein Mensch? Und warum ist er heute fast vergessen?
Stimme im Exil
All diesen Fragen geht der an der Newcastle University lehrende Historiker Daniel Siemens in diesem Buch nach. Durchaus kritisch mit Blick auf diesen 1901 in Berlin geborenen Sohn eines jüdischen Fleischermeisters, der zwar Nationalökonomie studierte, aber danach lieber Journalist werden wollte.
Und gerade im Exil, in das er 1933 gehen musste, die Chance seines Lebens erhielt, als er die Witwe von Siegfried Jacobsohn, Edith Jacobsohn, dazu brachte, ihn nach dem erzwungenen Umzug der Zeitschrift nach Prag zum Chefredakteur zu machen. Ein erster Schritt hin zur Eigentümerschaft, als Edith Jacobsohn sich gezwungen sah, ihre Anteile an der „Weltbühne“ zu verkaufen.
Bis 1939 – da war die Redaktion wieder zum Umzug gezwungen gewesen, diesmal nach Paris –, brachte Budzislawski „Die Neue Weltbühne“ weiter heraus, machte sie zu einer der wichtigsten Publikationen des Exils. Bis die französische Regierung die Herausgabe verbot, das Verlagsarchiv konfiszierte und Budzislawski als „feindlichen Ausländer“ internierte.
Ein Schicksal, das er mit vielen anderen deutschen Exilanten teilte. Und das für viele ja bekanntlich tragisch endete. Aber Siemens zeigt diesen scheinbar nimmermüden Mann auch als emsigen Netzwerker. Das hatte ihm schon geholfen, „Die neue Weltbühne“ zu übernehmen und eine Reihe markanter Autoren als Mitschreiber zu gewinnen.
Das half ihm auch bei der Flucht aus Europa und beim Fußfassen in den USA, wo er zum engen Mitarbeiter der renommierten Journalistin Dorothy Thompson wurde und sich damit sichere Einkünfte sicherte, bis er 1948 wieder nach Deutschland zurückkehrte. Und zwar in den Ostteil, wohin die sich gerade etablierende SED auch und gerade die berühmten Exilanten aus dem Westen einlud. Das klingt so versöhnlich.
Doch man weiß von Anfang an: Das konnte nicht wirklich gut gehen. Jedenfalls nicht so glatt, wie sich Budzislawski das dachte, denn im Osten wurde zwar die „Weltbühne“ wieder gegründet – auf die Ansprüche Budzislawskis auf den Titel aber nahm man erst einmal keine Rücksicht. Und auch als Chefredakteur wurde er erst einmal nicht eingesetzt, dagegen verwahrte sich Walter Ulbricht höchstpersönlich.
Buszislawski als Professor
Sodass Budzislawski erst einmal – mit anderen berühmten Exilanten wie Ernst Bloch – in Leipzig landete und hier die journalistische Fakultät aufbaute, die schon bald den Namen „Rotes Kloster“ bekommen sollte. Viele Studierende, die bei Budzislawski Vorlesungen hörten, erinnerten sich tatsächlich daran, dass diese Vorlesungen besonders waren. Denn Budzislawski hatte Stil, war bestens informiert über den Journalismus seiner Zeit und faszinierte die Zuhörenden mit seinem unterhaltsamen Vortrag.
War er also angekommen? Nicht wirklich, stellt Siemens fest. Der durchaus hartnäckig versucht, die Person Hermann Budzislawski zu fassen zu bekommen. Dessen Nachlass ist zwar archiviert, doch dort findet man fast ausschließlich seine journalistischen Arbeiten und Skripte. Persönliches ist dort kaum zu finden, sodass dieser hochgebildete Mann und tief überzeigte Linksintellektuelle kaum zu fassen ist – auch nicht sein Verhältnis zu seiner Frau Hanna, mit der er jahrelang immer wieder auch eine Arbeitsgemeinschaft bildete –, angefangen mit der Redaktionsarbeit bei der „Neuen Weltbühne“.
Was Gründe haben kann. Denn Siemens lässt die Leser nicht allein in den tatsächlich zermürbenden Kapiteln zu Budzislawskis Leben in der DDR und all den Anfeindungen, die er gerade in den frühen Jahren bis zum Tod von Stalin 1953 erlebte, in denen auch eine gehörige Portion Antisemitismus steckte.
Tatsächlich rumort in diesen Kapiteln auch die gesamte Tragik der DDR-Intelligenz und besonders der aus dem westlichen Exil Heimgekehrten, die sich jetzt auf einmal Verdächtigungen und Tribunalen ausgesetzt sahen. Siemens wird recht deutlich, wenn er schreibt: „Der Stalinismus in der frühen DDR brach vielen endgültig das moralische Rückgrat und lastete auf dieser Generation wie ein Albtraum, von dem sie sich nicht befreien konnte.“
Im Panzer
Wie ging Budzislawski damit um? Wie verkraftete er das? Vor allem, weil diese Zumutungen all das wieder aufrührten, was schon seit der NS-Zeit als Trauma auch Budzislawski belastet hat. Nur: Er sprach nicht darüber. Er verschloss die alten, immer wieder neu aufflackenden Ängste in sich, war – wie ihn auch Zeitgenossen schilderten – persönlich unnahbar. Ein lebenslanges Dilemma, wie Siemens feststellt: „Er war kein Einzelfall, sondern gehörte zu einer verschwiegenen Generation, die das Leben gelehrt hatte, dass Vertrauen in andere und menschliche Nähe sich jederzeit als trügerische Sicherheit erweisen konnten.“
Wer alles Persönliche für sich behält, macht sich weniger angreifbar. Und mit dem toten Stalin hörten ja die Anfeindungen nicht auf. Auch die Universität Leipzig wurde zunehmend von Hardlinern auf Linie gebracht, was ja bekanntlich Hans Mayer und Ernst Bloch wieder in ein neues Exil trieb. Und eigentlich auch Budzislawski, der sich in der DDR quasi wie in einem Exil nach dem Exil gefühlt haben muss, stellt Siemens fest. Da sahen „die Genossen“ zwar den exzellenten Journalisten, der er war. Aber sie trauten ihm nicht. Auch wenn sie ihn finanziell gut ausstatteten und mit Orden behängten.
Erst fast zum Schluss durfte er noch einmal Chefredakteur der „Weltbühne“ werden und ihr ein bisschen Glanz verleihen, auch wenn seine Träume von einer wirklich gut gemachten Zeitschrift, die auch im Westen gelesen wurde, von der allein entscheidenden Partei immer wieder angewürgt wurden. Vielleicht würde man sich heute an Budzislawski ganz anders erinnern, wenn er tatsächlich noch seine Erinnerungen aufgeschrieben hätte. Doch das unterließ er tunlichst, wahrscheinlich auch aus berechtigter Furcht davor, wieder in einen Hexenkessel zu geraten.
Überleben
Denn was er zeitlebens vertreten, geschrieben und gewünscht hatte, passte auch in den 1970er Jahren nicht zur Doktrin der SED. Sein Eintreten für die Volksfront in der Nazi-Zeit war nun einmal nicht die von Moskau diktierte Linie. Und irgendwann kommt so einer dann auch nicht mehr aus der angelegten Rüstung heraus, die er sich zugelegt hatte, damit er für all die giftigen Attacken nicht mehr angreifbar war. Eine Rüstung, die ihm immer beim Überleben geholfen hatte. Einen „Schlawiner und Überlebenskünstler“ nennt ihn Siemens.
Und schießt damit ein bisschen übers Ziel hinaus, nachdem er hinter diesem Schweigen über alles Persölichliche eben auch die Not gesehen hat, in der der verschlossene Budzislawski steckte. Nach seiner Rückkehr in den Osten Deutschlands erst recht. „Er wollte sich nicht in die Karten schauen lassen, von niemandem und zu keiner Zeit.
In einem Brief an Heinz Pol wurde selbst Budzislawski deutlich: „Das Malheur ist gewesen, dass ich über alle Beteiligten immer sehr viel gewusst habe, die andern aber nichts über mich.“
Dass das weit übers Persönliche hinausreicht, macht Siemens ebenso deutlich, wenn er an dieser Stelle noch einmal den Hitler-Stalin-Pakt anführt, der auch Budzislawski völlig auf dem falschen Fuß erwischte, der nun in Bedrängnis war, diese Katastrophe irgendwie auszuhalten. Erklären konnte er sie ohnehin nicht. Und den Verdacht, ein Agent der Kommunisten zu sein, wurde er damals auch nicht los. Da lernt einer schweigen. Oder wie Budzislawski selbst schrieb: „Die innere Verarmung war der Preis, der für das große Spiel als Einsatz zu entrichten war. Und das Spiel ging verloren.“
Finale 1993
Es ist kein ungebrochenes Leben. Im Gegenteil. „Eindrucksvolle Worte, hart gegen sich selbst, sachlich, kühl“, schreibt Siemens. „Und doch auch eine literarische Stilisierung, dem autobiografischen Genre eingeschrieben. Und vielleicht doch nicht so ehrlich, wie es zunächst scheint, blickt man auf sein Leben in den USA und später in der DDR, dem Exil vom Exil.“
Und so wird diese Spurensuche auch eine Diagnose dieser frühen DDR, in der schon die Weichen gestellt wurden, die die Geschichte des Landes bis zum Schluss bestimmten. Es war ja nicht nur Budzislawski, der erlebte, wie er kaltgestellt und beiseitegeschoben wurde. An die Brillanz der „Weltbühne“ aus der Weimarer Zeit konnte die von Maud von Ossietzky im Verlag der Weltbühne neu gegründete „Weltbühne“ nicht wieder anknüpfen, auch wenn sie einige der klügsten Köpfe aus der DDR als Autoren an sich binden konnte.
Aber sie war eben keine Bühne von Welt mehr. Der große, weltoffene Atem fehlte. Was spätestens 1990 deutlich wurde. Siemens erzählt die „Weltbühne“-Zeit noch bis 1993, als Bernd F. Lunkewitz als Verlagseigentümer das Erscheinen der „Weltbühne“ einstellen ließ, nachdem ein neuer Streit um die Titelrechte entbrannte. Aber das erlebte Hermann Budzislawski nicht mehr, der 1978 gestorben war und dessen Wirken für die „Weltbühne“ Daniel Siemens in dieser Biografie erstmals anhand umfassender Aktenbesichtigungen schildert.
Wenigstens den öffentlichen Teil, der über die verfügbaren Akten und Nachlässe sichtbar wird. Während der Mann hinter der freundlichen und weltläufigen Fassade kaum greifbar wird. Und das – wie man am Ende weiß – aus nachvollziehbaren Gründen.
Daniel Siemens „Hinter der Weltbühne“, Aufbau Verlag, Berlin 2026, 28 Euro.
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