War die DDR vielleicht viel kantiger und lebenshungriger, als sie heute in den ganzen angedrifteten Diskussionen gemalt wird? Rebellischer noch dazu, auch wenn die Revolution so schön friedlich blieb? Aber auch friedliche Revolutionen brauchen ihre Rebellen. Und ihre Sänger. Einer dieser rebellischen Sänger war Dieter Kalka. Einer, der den Eulenspiegel bis heute in sich trägt und kein Pardon kennt. Niemand ist unzeitgemäßer als der Eulenspiegel.
Und manchmal schwer auszuhalten, weil der Bursche das scheinbar Selbstverständliche nicht für selbstverständlich nimmt. Kenner bescheinigen Till Eulenspiegel ein grundlegendes anarchisches Element. Das tut weh. Das weiß jeder brave Bürger, der sich an die Regeln hält. Das wissen auch Polizei und Geheimdienst. Und so sind denn auch die Akten Dieter Kalkas gespickt mit Kommentaren zu seinen Liedern und Konzerten, die er mit Klampfe und Bandoneon seit den frühen 1980er Jahren gab.
Im Schelmenroman „Das Bandoneon des Kulturministers“ hat er diese Zeit jüngst literarisch verarbeitet und natürlich nach Eulenspiegels Art überzeichnet. Denn das macht Spaß, wenn sich die Staatstragenden von damals nicht mehr wehren können. Und wenn man die ganzen Zumutungen als Sänger auf freier Wildbahn einigermaßen unbeschadet überstanden hat. Was nicht selbstverständlich ist.
Auf spitzer Zunge
Aber wer damals mit der ostdeutschen Folk-Szene in Berührung kam, weiß, dass sich gerade hier Sängerinnen und Sänger zusammenfanden, die im Mantel der fröhlichen Liedermacherei die Zustände auf die spitze Zunge nahmen, oft genug derb, mit Augenzwinkern, aber immer wieder drauf auf das angepasste Fell und die verordnete Bravheit. So wurde die Szene nicht nur groß, lebendig und attraktiv – sie wurde auch zu einem jener Ventile, mit denen man als Zuhörender Druck ablassen konnte. Wieder Kontakt finden konnte zu seinen eigenen, unausgelebt gebliebenen Gefühlen.
Manchmal muss man sich einfach wieder daran erinnern, dass dieses Aufbegehren der Gefühle der Zündstoff war für all das, was dann 1989 in die Friedliche Revolution mündete. Die stille Wut, die viele junge Menschen in sich trugen, die sich immerzu gegängelt, reglementiert und bevormundet fühlten. Und manche brachen dann eben auf. Dazu gehörte ein gewisser Trotz. Aber den hatte Kalka, der eigentlich auch ein gefragter Mathematiker hätte werden können.
Aber das Musikmachen war ihm wichtiger. Und eben nicht nur irgendein Musikmachen. Sondern eins in der Tradition rebellischer Vorbilder, die in diesem Band auch gewürdigt werden: François Villon, Guillaume Appollinaire, Artur Rimbaud. Es geht ja den Sängern wie den Leuten: Sie kollidieren immer wieder mit den Normen einer Welt, in der die Reichen und Mächtigen die Regeln bestimmen und das gemeine Volk die Klappe halten soll. Das macht wütend. Und es ist nicht neu.
Auf Walters Spuren
Selbst in den ins Hochdeutsche übersetzten Liedern des Walter von der Vogelweide fand Dieter Kalka diesen rebellischen Geist. Sie gehörten zu seinen Programmen, mit denen er das Land bereiste und Kulturfunktionäre und Stasi-Beobachter ärgerte. Und zwar so richtig, weil diese Texte in ihrem Rebellentum trotzdem schwer zu greifen waren. Entsprechend wirr sind dann die Einschätzungen aus den Stasi-Akten, die Kalka den Liedern beigegeben hat. Auch als Bilanz.
Denn diese Liedersammlung fehlte bislang noch. Viele Lieder waren sogar verloren, manche haben sich in den Stasi-Akten wiedergefunden. Aber es war Zeit, Bilanz zu ziehen, fand Kalka, der heute eine logopädische Praxis in Leipzig betreibt. Und die alte Wut nie wirklich abgelegt hat. Eine Wut auf Leute, die bevormunden und alles tun, um andere in ein Raster zu pressen. Oder auszugrenzen wie einst seine Musiklehrerin, die den musizierenden Jugendlichen disste, weil er nicht in ihrem „peinlichen“ Singeklub mitmachen wollte.
Und auf einmal ist man wieder mittendrin in diesen gärigen 1980er Jahren, die gerade junge Menschen in der DDR als „bleierne Zeit“ empfanden, weil nichts sich zu bewegen schien und überall die staatlichen Beobachter lauerten. Das einst so viel besungene Projekt vom strahlenden Sozialismus hatte sich totgelaufen. Biermann war ausgebürgert, Bands, die auch Kalka faszinierten, wie „Renft“, waren verboten. Da war er nicht der Einzige, der das Gefühl hatte, dass zunehmend die Luft zum Atmen fehlte.
Die Lust am Leben
Und er ließ es raus. Mancher bezeichnete ihn als den „rebellischsten Liedermacher“ in der DDR. Und in diesem Band versammelt er nun alle seine Liedtexte, die er finden konnte – von den „Meuselwitzer Liedern“ ab 1982 bis zu den Liedern, die er noch nach 1990 sang und im Kapitel „Nachlese“ gesammelt hat. Dann wurde es langsam still um den Sänger.
Aber wie er so kramte und abtippte, wurde der alte Unruhegeist wieder wach und es juckte ihn regelrecht, doch wieder neue Lieder zu schreiben. Auch weil er das Gefühl hatte, dass unsere Zeit wieder so seltsam ist wie damals. Verkniffen, selbstgerecht, voller Urteile und Vorurteile. Als gönnte einer dem anderen die Lust am Leben nicht.
Da wird der alte Eulenspiegel wieder munter bzw. sein von Kalka erschaffener Bruder, der Beulenspiegel, der seinen Unmut laut herauslässt. Weil er merkt: Da klaffen mal wieder Schluchten zwischen den Politmachern und dem unerhörten Volk. „Die Elite macht nicht, / was der Populus will.“ Eine Entfremdung, die auch und gerade aus ostdeutscher Sicht beklemmend vertraut ist. Als wäre Politik wieder ein UFO, das unerreichbar weit droben schwebt.
Da wird der Beulenspiegel lebendig und schmeißt zusammen, was ihm gerade durch den Kopf geht. Oder was die schäumenden Medien so Tag für Tag in die Welt pusten, weil es schöne Aufregerthemen sind: „Die Bahn funktioniert nicht, / aber die Zensur.“ Als kämen sich die Lieder gegenseitig ins Gehege. Denn im nächsten singt er vom Zeitgeist, „nur ohne Geist“. „Mal krempelt man die Ärmel hoch. / Dann geht die Welt plötzlich unter.“
Das ungebändigte Leben
Seine in diesem Fieber geschriebenen Lieder hat er natürlich mit in den Band gepackt. Als wollte er seine Leser daran erinnern, dass es eigentlich immer ums ganze Leben geht, das Ungebändigte, das in der Figur des Eulenspiegels steckt. Der ja deshalb seinen Schabernack treiben kann, weil er die Gewissheiten der Mächtigen und Gutversorgten unterläuft. Rücksichtslos. Da kennt er kein Pardon. Und das Gefühl trügt vielleicht nicht, dass es den Eulenspiegel doch wieder braucht.
Der unverblümt aussingt, was ihn stört, ärgert und frustriert. Mit einer anarchischen Lust, anderen ordentlich auf die Füße zu treten. Manchmal auch wild um sich schlagend. Vielleicht auch, um die Traurigkeit in den Griff zu bekommen, wenn einer bei Schneefall aus dem Fenster schaut und weit und breit keine Kinder mehr sieht, die Schneemänner bauen.
Irgendetwas stimmt nicht, auch wenn es der Sänger nicht wirklich fassen kann. Trotzdem. Raus mit den Gefühlen und der Wut. Und der Erinnerung daran, dass es eigentlich um ein Leben in „Saus und Braus“ geht. Auch wenn einige Lieder von blanker Überforderung erzählen. Die so manchem vertraut sein dürfte, wenn er den Wirrwarr der täglichen Nachrichten erlebt, die wilde Aufregung über Dinge, die morgen schon wieder vergessen sind. Während das Narrenschiff weitersegelt. Und einer sich wieder mal fühlt wie Villon oder eben Walter von der Vogelweide, der den Sängerkrieg auf der Wartburg als großes, tagelanges Besäufnis erlebt hat und dem in den Thüringischen Wäldern auch noch das Pferd geklaut wurde.
Dieter Kalka „Noteingang“, Edition Beulenspiegel Andrebuchverlag, Lengeld 2026, 20 Euro.
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