Es geht den kleinen wie den großen Leuten: Man weiß nie, wer sich da gerade im eigenen Bett herumtreibt. Nichtsahnend sagt man „Gute Nacht“, will in die Federn schlüpfen – und dann liegt da schon jemand. Ziemlich groß, schwarz-weiß gefleckt: Muh! – Muh? – Muh! – Und natürlich ist man da völlig ratlos als kleiner Mensch. Was tun? Wo soll man jetzt schlafen? So eine Ratlosigkeit kennt man ja. Da kann bloß Papa in der Küche helfen.

So eine Geschichte ist das. Auf den ersten Blick. Aufmerksame Kinder werden schnell merken: Da fehlt jemand. Und fragen: Warum ist nur Papa in der Küche und wäscht das Geschirr ab? Immer wieder unterbrochen von seinem kleinen Schatz, der mit immer dickeren Gestalten zu tun hat, die in seinem Bett herumlungern. Erst war es nur die Kuh. Dann spielt die Kuh auch noch Karten mit einer Ente. Und guckt so griesgrämig, wie nur Kühe gucken können. Nichts ist schlimmer, als mit einer schlecht gelaunten Kuh das Bett teilen zu müssen. Das weiß doch jeder.

Nur: Wenn Papa die Kleine an der Hand nimmt und in ihr Zimmer guckt, ist da niemand. Keine Kuh, keine Ente. Vielleicht spielen sie Verstecken. Was unerwünschte Gäste halt so machen, wenn man mal nicht hinguckt. Und beim nächsten Mal, da kann es schon ein dicker Elefant sein. Papa muss helfen. Und Papa kommt und guckt. Kein Elefant zu sehen.

Viele Väter werden diesen herrlichen Abendritus kennen. Je näher die Schlafenszeit, umso mehr blüht die Phantasie der Kleinen auf. Da kann man manchmal froh sein, wenn es nur ein Elefant ist, der sich in den Federn wälzt. Oder eben eine mies gelaunte Kuh. Auch wenn sie immer dann, wenn Papa ins Zimmer der Kleinen schaut, gerade Verstecken spielen. Launische Biester eben, unberechenbar.

Aber jetzt ist das Bett ja wieder frei und der kleine Schatz kann endlich hineinkriechen: „Gute Nacht!“ – „Gute Nacht, Papa!

Eine ganz einfache Geschichte

Am Ende liebt man diese Rituale. Auch wenn Papa hinterher erschöpft das T-Shirt hinter sich schmeißt und sich wundert, wie viel Phantasie das Mädchen doch hat.

Eigentlich eine ganz einfache, beinah alltägliche Geschichte, die Daniel Fehr hier erzählt, 2023 – auf Englisch – in Madrid erschienen und nun erstmals auf Deutsch zu haben. Ein bezauberndes Geschenk für alle Väter, die mit ihren Kleinen um die richtigen, weil schönen Zu-Bett-geh-Rituale ringen.

Irgendwann findet man sie. Manchmal auch in solchen Büchern, mit denen man sich an die Bettkante setzen kann und sich mit den Kleinen darüber einig wird, dass weder eine mies gelaunte Kuh, noch ein dicker Elefant, der auch noch rückwärts zählt, im Bett liegen. Und auch nicht darunter. Und im Schrank hocken die Viecher auch nicht. Alles ist gut. Die Welt ist in Ordnung, die Kleinen können beruhigt schlafen.

Während Papa leise hinausgeht, das Licht dimmt, die Tür einen Spalt offen lässt. Der Abwasch ist geschafft, alles in Ordnung.

Was fehlt?

Und trotzdem werden die aufmerksamen Kinder merken, dass etwas fehlt.

Etwas, über das nicht gesprochen wird. Und das trotzdem die ganze Zeit präsent ist. Und man weiß – wie dieser Papa –, dass es eigentlich die schönsten Momente an so einem Tag sind, wenn man mit der Kleinen ins Zimmer schauen kann, wo eben noch Kuh und Ente Karten gespielt haben. Oder ein dicker Elefant rückwärts zählt.

Und das reicht schon. Denn so haben beide – der Große und die Kleine – das Gefühl, dass alles gut ist. Die Welt behält zwar ihre Geheimnisse und Heimlichkeiten. Aber wenn Papa da ist, haben die schlechtgelaunten Kühe einfach keine Chance.

Naja.

Bis Papa dann endlich glaubt, zur Ruhe kommen zu können. Und dann?

Das verraten wir hier natürlich nicht. Sonst ist es ja keine Überraschung mehr. Und nichts lieben ja große wie kleine Menschen mehr als Überraschungen. Nette, fellige Überraschungen, mit denen man umgehen kann und weiß: So ist das Leben. Aber alles ist gut. Und morgen ist wieder ein aufregender Tag, an dem es nichts Spannenderes gibt, als auf diese Minuten vor dem Lichtausmachen zu warten, in denen Papa das Buch mit der Kuh vorliest und zwei, vier oder mehr kleine Ohren gespitzt sind. Nur eine Kuh?

Und zumindest für Papa sind das die Momente, in denen er weiß, dass trotzdem jemand fehlt.

Daniel Fehr, Jorge Martin „Eine Kuh in meinem Bett“ Katapult Verlag, Greifswald 2026, 16 Euro.

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