Die Lebenszufriedenheit junger Mädchen in Leipzig hat in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen – mehr als bei ihren männlichen Altersgenossen. Das scheint aus einer Studie von Forschenden der Universität Leipzig, des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie und der Leuphana Universität Lüneburg hervorzugehen, die gerade im „Journal of Happiness Studies“ veröffentlicht wurde. Doch ganz so einfach scheint die Sache nicht zu sein. Auch weil zwischendurch die Befragungsmethode geändert wurde.

Die Studie entstand auf Grundlage von Daten aus der Leipziger Jugendstudie, für die zwischen 2010 und 2023 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren zu ihren Lebensumständen befragt wurden.

„Die sogenannte Gender Gap in der Lebenszufriedenheit ist stark angestiegen – alle Jugendlichen sind 2023 gegenüber 2015 unzufriedener, aber die Abnahme ist bei den Mädchen doppelt so stark wie bei den Jungen, sodass die Gender Gap entsprechend wächst“, sagt Psychologin Dr. Julia Rohrer von der Universität Leipzig, unter deren Federführung die Studie entstand. Während die 12- bis 17-Jährigen im Jahr 2015 im Schnitt eine Lebenszufriedenheit von 3,9 Punkten auf einer Skala von 1 bis 5 angaben, sank dieser Wert in der gleichen Altersgruppe im Jahr 2023 auf 3,7 Punkte.

„Diese generelle leichte Abnahme ist an sich vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie erst einmal nicht überraschend. Die zahlreichen Einschränkungen haben natürlich auch Jugendliche getroffen. Was aber besonders auffällt ist, dass in dieser Zeit die Gender Gap doch deutlich angewachsen ist“, erklärt die Forscherin. 2015 seien Mädchen nur leicht unzufriedener gewesen als Jungen. 2023 habe die Geschlechter allerdings fast ein halber Skalenpunkt getrennt. „Es sind also gerade die Mädchen, die über die Zeit unzufriedener geworden sind“, fasst Rohrer ein wichtiges Ergebnis der Studie zusammen.

Wenn sie denn nicht schon vorher unzufriedener waren, es die Befragung aber jetzt erst sichtbar macht.

Der Einfluss der Migration

Den Trend hin zu einer größeren Lebensunzufriedenheit vor allem bei Mädchen erklären die Forschenden nämlich mit einer Mischung verschiedener Faktoren. Zunächst einmal sei die wachsende Gender Gap sehr viel deutlicher zu sehen bei Schüler/-innen mit Migrationshintergrund, so Rohrer. Gerade dieser Teil der Bevölkerung sei aber über die Zeit schlecht zu vergleichen: Während in der ersten Datenwelle im Jahr 2010 Schüler/-innen mit vietnamesischem Migrationshintergrund einen großen Teil der Gruppe ausmachten, seien es in der letzten Datenwelle im Jahr 2023 relativ mehr Mädchen und Jungen mit Fluchterfahrung und muslimischem Hintergrund gewesen.

„Ein Teil der wachsenden Gender Gap spiegelt also einfach wider, dass sich die Population in Leipzig über die Zeit gewandelt hat“, betont die Forscherin.

Unterschiede in der Erhebungsmethode

Unterschiede gibt es auch in der Erhebungsmethode: 2023 kamen bei der Jugendstudie erstmals Tablets als Erhebungsinstrument zum Einsatz. In den Daten konnten die Forschenden sehen, dass Mädchen auf dem Tablet über eine niedrigere Zufriedenheit berichteten als Jahre zuvor auf Papierfragebögen.

„Da die Befragung im Klassenzimmer stattfand, könnte dies beispielsweise ein Effekt der erhöhten Anonymität sein: Vielleicht beschönigen manche Mädchen auf Papier ihre Antworten, sodass erst auf dem Tablet die volle Gender Gap sichtbar wird“, erläutert Rohrer.

Zuletzt beobachten die Wissenschaftler/-innen über diese beiden Faktoren hinaus – auch bei Schüler/-innen ohne Migrationshintergrund und auch bei Antworten auf Papier – dass sich Gender Gaps durch die Zufriedenheit mit Freizeitaktivitäten und die Zufriedenheit mit den Beziehungen zu Freund/-innen öffnen oder leicht vergrößern. „Hier könnte es sein, dass die Corona-Pandemie Mädchen stärker getroffen hat als Jungen“, so die Psychologin.

Datengrundlage der Forschenden war die Jugendstudie der Stadt Leipzig, die in einer Zusammenarbeit von Mitarbeitenden des Amtes für Jugend und Familie und des Amtes für Statistik und Wahlen entstand. Hierfür wurden 2010, 2015 und 2023 jeweils zwischen 2.000 und 3.000 Jugendliche im Schulkontext befragt. Insgesamt flossen in die Analysen der Forschenden Antworten von 4.800 Jugendlichen ein.

Eine nicht ganz eindeutige Datenlage

Bislang gibt es zu dieser Thematik nach den Worten Rohrers keine belastbaren Daten oder publizierte Analysen für generelle Trends in Deutschland. Aktuell werde aber bundesweit und auch international darüber debattiert, dass die psychische Gesundheit bei Mädchen und jungen Frauen abgenommen haben könnte. In diesem Diskurs werde oft die Dominanz sozialer Medien als Ursache angeführt, die gerade Mädchen unglücklich mache.

„Die Datenlage hierzu ist aber nicht so eindeutig, wie man aufgrund der steilen Thesen in den Medien vermuten könnte. Viele der Trends sind anscheinend auf die englischsprachige Welt beschränkt. Dabei sind soziale Medien natürlich auch anderswo relevanter geworden“, sagt sie. Viele der Datenquellen, die herangezogen werden, seien über die Zeit nicht voll vergleichbar. Beispielsweise haben sich in den USA zum Teil die Screeningkriterien geändert, sodass bei Mädchen verstärkt auf bestimmte psychische Probleme getestet wird. Wenn mehr getestet wird, sei zu erwarten, dass die Zahlen steigen, weil zuvor unentdeckte Fälle plötzlich sichtbar werden.

Originaltitel der Publikation im Journal of Happiness Studies: “Why Did the Gender Gap in Adolescent Life Satisfaction Grow? Evaluating Methodological and Demographic Explanations”

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Redaktion über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar