Vor 78 Jahren. Im Gedenken an die Opfer der Pogrome vom 7. bis 13. November 1938

Ein kleiner Exkurs durch jüdische Sportgeschichte (1): Bar Kochba – Leipziger Sport unter dem Davidstern + Video

Für alle LeserSeit gerade einmal drei Jahren ist die Erinnerung an einen Teil Leipziger Stadtgeschichte dank der Bemühungen des Tüpfelhausen e.V., der Initiative 1903, dem Netzwerk Blau-Gelb und dem Sportmuseum Leipzig Stück um Stück ins Gedächtnis der Stadt zurückgekehrt. Der einstige jüdische Sportverein „Bar Kochba“ prägte nicht nur die Sportlandschaft der Messestadt und das jüdische Gemeindeleben mit. Er war bis zu seiner Auflösung 1939 in Folge der Novemberpogrome 1938 in Leipzig ein wichtiges Stück Heimat für die jüdischen Mitbürger der Stadt. Was über die Geschichte des Vereins und die Tage vom 7. bis 13. November 1938 bislang bekannt ist, beschreibt diese Serie.

Viele Spuren sind heute verschwunden, das ehemalige Bar Kochba – Stadion an der Delitzscher Straße ist Geschichte. Dafür halten nun ein jährliches Kinder- und Jugend-Turnier im Fußball sowie ein Begegnungsfest im Alfred-Kunze-Sportpark die Erinnerungen wach. Doch wer oder was war Bar Kochba eigentlich?

Zur Jahrhundertwende ins 20. Jahrhundert ist Leipzig vor allem eines: Ein echter Schmelztiegel Deutschlands, mit rund 590.000 Einwohnern die viert­größte Stadt des Landes und weiter im Wachsen begriffen. Waren hier 1870 noch gerade 100.000 Menschen beheimatet, hält seitdem der Zuzug in die Stadt an, von 1910 bis 1933 explodiert die Einwohnerzahl regelrecht auf 700.000 Bewohner. Überall wird gebaut, das Neue Rathaus wird errichtet und 1905 auf den Grundfesten der alten Pleißenburg auch als Sinnbild einer auf­strebenden Stadt mit selbstbewussten Bürgern und Unternehmen eingeweiht.

Auch die Leipziger Universität expandiert in dieser Zeit kräftig. Neue Eisenbahnverbindungen und die international bekannte Messe tragen zu einem regelrechten Industrialisierungsboom bei.

Die Fußballer von Bar Kochba, 1920/21. Quelle: SML Pauckerts S. 254 / Tüpfelhausen e.V.

Die Fußballer von Bar Kochba, 1920/21. Quelle: SML Pauckerts S. 254 / Tüpfelhausen e.V.

Im Zuge der wachsenden Bevölkerung entstehen auch neue Sportvereine, der Fußball steht in der Zuschauergunst noch am Beginn seines Siegeszuges, als sich in Leipzig am 18. Januar 1900 der Deutsche Fußballbund (DFB) gründet. Bereits 1893 war mit dem VfB Leipzig der spätere erste Deutsche Meister (1903) ins Leben gerufen worden, Leipzig wurde Stück um Stück neben der Bezeichnung als Stadt der Verlage und des Handels auch „Sport­stadt“. Mit anfangs unzähligen Turnvereinen zur Leibesertüchtigung, denen sich rasch weitere Sportarten wie Boxen, Leichtathletik oder eben Fußball als neuer Teamsport aus England hinzugesellten. Auf der Insel spielte man bereits seit 1888 in der ersten regulären Liga der Welt um Meistertitel und Pokale, Kontinentaleuropa folgte nun im Sauseschritt.

Es entsteht mehr als ein Fußballverein

Am 19. August 1920 ist es dann so weit. Mit dem Sportverein SK Bar Kochba entsteht der erste jüdische Fußballverein in Leipzig, welcher 1924 mit dem gleichnamigen Turnverein fusioniert. Zu dieser Zeit besteht – im Gegensatz zu den heute etwa 1.300 Mitgliedern – die jüdische Gemeinde Leipzigs aus etwa 13.000 Menschen, welche regen Anteil am Leipziger Le­ben nehmen. Die Gründung des Vereins folgt einem internationalen Trend. In Konstantinopel wird 1895 der erste Verein gegründet, 1898 entsteht in Berlin der erste gleichnamige Sportverein namens Bar Kochba auf deut­schem Boden. Weitere folgen.

Die Gründe für das Entstehen rein jüdi­scher Vereine unter einem Dachverband beschreibt der „Makkabi Deutschland e.V.“ heute so: „Bis ins 19. Jahrhun­dert waren Juden zahlreich in den eu­ropäischen Turnvereinen vertreten. Die Errichtung jüdischer Vereine ist durch zwei Effekte begründet. Einer­seits wurden Juden aufgrund des wach­senden Antisemitismus aus nationalen Turnvereinen gedrängt.“ Andererseits entstand eine Bewegung, welche sich aktiv auf das Sehnsuchtsland Israel vorbereiten wollte.

Mädchenfußball im Jahr 1935. Quelle: SML Kopie v Orig. Gerda Landsberg / Tüpfelhausen e.V.

Mädchenfußballerinnen auf den Rücken der Jungs im Jahr 1935. Quelle: SML Kopie v Orig. Gerda Landsberg / Tüpfelhausen e.V.

Verstehbar wird die Konzentration auf eigene Vereine dennoch wohl vor allem durch das Bei­spiel Österreich und die damit verbun­denen antisemitischen Ausgrenzungen bereits zu dieser Zeit. So wurden beim deutschen Nachbarn bereits „1901 die Juden aus den Turnvereinen ausge­schlossen. Andererseits motivierte der aufkommende Nationalismus einige Juden, sich jüdischen Vereinen anzuschließen“, so Makkabi Deutschland.

Und kämpften viele jüdische Mitbürger noch im ersten Weltkrieg ganz selbstverständlich auf deutscher Seite, verschärften sich die nationalisti­schen, antisemitischen Töne und Abgrenzungen auch durch die Leipziger nach Ende 1918 immer weiter. Während sich einige jüdische Vereine im Sportbund „Schild des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“ in Deutsch­land selbst der nationalen Idee zuwandten und sich dem Verbleib in Deutschland sowie der Ehrung der Soldaten des ersten Weltkrieges verschrieben haben, ist gleichzeitig der Traum von einer Rückkehr in das Gebiet des heutigen Israels unter vielen deutschen Juden ungebrochen.

Die erste Masseneinwanderung von Juden nach Palästina, bedingt durch politi­sche und religiöse Unterdrückung in vielen Herkunftsländern Europas, war bereits um 1882 erfolgt. Theodor Herzl, der Begründer des politischen Zionismus, berief demnach nicht grundlos 1897 den ersten Zionistenkongress in Basel ein. Dort wurden erstmals eine Rückkehr und die Errichtung eines eigenen Staates öffent­lich ausgesprochen. Fortan gilt vielen Juden in Deutschland die Vorbereitung der Rückkehr ins gelobte Land als Ziel, der Makkabi-Verband bündelt auch hierbei die Interessen auf sportlicher Ebene.

Auch der Verein Bar Kochba Leipzig versteht seit der Gründung seine Aktivitäten als Vorbereitung des Aufbaus eines eigenen, israelischen Staates in Palästina.

So werden neben den sportlichen Angeboten von Beginn an auch regelmä­ßige Vorträge, Theaterveranstaltungen und Musikaufführungen durchgeführt. Sport, Geschichte und Geist sollen im Vereinsleben ab 1920 für die jungen Sportler gleichermaßen angesprochen werden, Traditionspflege und Training gehen Hand in Hand.

Vielen Dank für die inhaltliche Unterstützung und Freigabe des Textes/der Bilder an den Verein Tüpfelhausen e.V.. Informationen zum jährlichen Fußball-Begegnungsfest finden sich unter www.fussballbegegnungsfest2016.de

Zeitreise Artikelserien auf der L-IZ.de

www.l-iz.de/artikelserien/oestlich-von-leipzig-1886

www.l-iz.de/artikelserien/westlich-von-leipzig-1886

www.l-iz.de/artikelserien/leipzig-1914

Video: Mit der Straßenbahn durch Leipzig (1931) – Youtube

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