Eine Zeitreise in den Dezember 1932: Kurz vor Hitler & ein Uni-Professor in Bedrängnis

Für FreikäuferLZ/Auszug aus Ausgabe 49Willkommen erneut im Jahr 1932. Im Jahr des deutschen Bürgerkriegs, der offiziell nie als Bürgerkrieg gilt, sondern von dem allenfalls unter dem Fast-Schon-Malmot „bürgerkriegsähnliche Zustände“ die Rede ist. Deutschland spürt die Auswirkungen der Bankenkrise, in Leipzig leben im August dieses Jahres unglaubliche 714.800 Menschen. In einer Stadt, in der Grünau nur als grüne Wiese existiert. 103.000 von ihnen sind arbeitslos. Deutschlandweit verlieren allein in der ersten Dezemberhälfte noch weitere 250.000 Menschen ihren Job.
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Kommunisten und Nationalsozialisten ziehen auf der Straße in einen Kampf, von dem sie es nicht wissen können: Sie ziehen in den Endkampf. Ein Mann namens Walter Ballhause fotografiert das sogenannte Lumpenproletariat, sein Werk wird später unter dem Titel „Überflüssige Menschen“ veröffentlicht und zeigt den Zeitvertreib der zahlreichen Arbeitslosen. Schlafen im Park, Karten spielen in einem Lokal oder einfach nur dumpf auf einer Bank sitzen. Eine politische Antwort auf die Wirtschaftskrise scheint es nicht zu geben.

Das System der Präsidialkabinette, durch die Verfassung der Weimarer Republik möglich, kittet zwar die politischen Interessen der Parteien nicht zusammen, aber ermöglicht eine Aktivität, die man im weitesten Sinne noch Regieren nennen kann. Der Reichskanzler wird vom Reichstag toleriert, der Reichspräsident erlässt seine Gesetzeswünsche per Notverordnungsartikel 48. Ein Paragraph, welcher bald einem Mann mit großen Ambitionen ein willkommenes Mittel zum radikalen Umbau des Deutschen Reiches sein wird. Auf die „Parteienwirtschaft“ haben die wenigstens noch Lust.

Seit der Wahl im Juli 1932 halten antidemokratische Parteien erstmals die Mehrheit der Stimmen. Doch eine Veränderung bringt das nicht. Im Dezember entlässt Reichspräsident Hindenburg den zweiten Reichskanzler seiner Gnaden. Franz von Papen muss gehen, weil Reichswehrminister General Kurt von Schleicher keine Lust mehr auf „das Fränzchen“ hat, den er selbst dem Reichspräsidenten eingeredet hatte. Die Kamarilla des greisen, angeblichen Weltkriegshelden bestimmt eigentlich die Politik des Reichspräsidenten. Und weil sich von Papen und von Schleicher nach anfänglicher Freundschaft nicht mehr grün werden, wird am 30. Januar jemand doch noch seine Chance bekommen, der im Dezember 1932 kaum in den Zeitungen erwähnt wird.

Denn die nationalsozialistische Bewegung scheint sich totgelaufen zu haben. Aber das ist nur der Anschein, die Weimarer Republik scheint stillzustehen und auf irgendetwas zu warten.

Eine Reise zurück in den Dezember 1932 aus politischer, sportlicher, gesellschaftlicher und vor allem: Leipziger Sicht.

Schon am 1. Dezember titeln die Leipziger Neuesten Nachrichten „Vor einem Kabinett Schleicher“ obwohl Reichskanzler von Papen noch sicher im Amt zu sein scheint. Doch die Dinge nehmen im Hintergrund ihren Lauf, von Schleicher erklärt dem Reichskanzler in seiner Funktion als Reichswehrminister, dass die Reichswehr einem für möglich gehaltenen großen Zusammenstoß von KPD und SA auf der Straße im Zweifel machtlos gegenüberstehen würde. Das Kabinett zweifelte fortan an der Sinnhaftigkeit jeden Regierungshandelns und wird von Papen bald im Stich lassen.

Der Reichspräsident Hindenburg wird sein Wort brechen und „mit zwei dicken Tränen auf den Wangen“, so wird es von Papen in seinem Tagebuch später beschreiben, den Reichskanzler entlassen. „Ich bin zu alt geworden, um am Ende meines Lebens noch die Verantwortung für einen Bürgerkrieg zu übernehmen. Dann müssen wir in Gottes Namen Herrn v. Schleicher sein Glück versuchen lassen“, wird Hindenburg zu ihm sagen.

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Währenddessen wird die neuerliche und schon angesprochene Absetzung eines Reichskanzlers durch den Reichspräsidenten immer konkreter. „Heute neues Präsidialkabinett“, heißt es auf der Titelseite der Leipziger Neuesten Nachrichten, die in den vergangenen Jahren einen ziemlichen Rechtsruck hingelegt hat und nun als mindestens erzkonservativ gelten muss.

Der entsprechende Artikel zeichnet ein ungeduldiges Bild, spricht von „der Hoffnung, daß endlich die Regierungskrise ihr Ende findet“. Aber noch glaubt man in Leipzig nicht an einen Kanzler von Schleicher, aber auch nicht an von Papen. Politische Kreise meinen zu dem Schluss gekommen zu sein, dass „der geschäftsführende Reichskanzler von Papen die meisten Aussichten hatte, erneut mit der Kanzlerschaft ausgestattet zu werden.“ Aber das nähme man bei den LNN nur zur Kenntnis, denn am heutigen Freitag steht noch ein Treffen von Hindenburg mit Alfred Hugenberg, dem Medienmogul und DNVP-Parteivorsitzenden, bevor.

Aber es herrscht im Redaktionsbüro Unklarheit, was die beiden besprechen wollen. Hugenberg hat zumindest keine Chancen auf die Reichskanzlerschaft, offenbar will Hindenburg seine Zustimmung zu „seinem“ Reichskanzler haben. Und Hitler? Der Anführer der größten Reichstagsfraktion spielt das Spiel mit dem Feuer. In seiner Partei wachsen intern Zweifel, ob der eingeschlagene, legale Weg noch der richtige sei. Bei den Reichstagswahlen im November 1932 hatte die NSDAP ihr hohes Ergebnis vom Juli nicht bestätigen können und verlor über vier Prozent.

Die NSDAP erlebt erstmals einen Rückgang bei den (ständigen) Neuwahlen. Einer lauert noch im Hintergrund: Adolf Hitler beim Lesen positiver Nachrichten. Foto: Cigarettenbilder Versand Hamburg (gemeinfrei)

Die NSDAP erlebt erstmals einen Rückgang bei den (ständigen) Neuwahlen. Einer lauert noch im Hintergrund: Adolf Hitler beim Lesen positiver Nachrichten. Foto: Cigarettenbilder Versand Hamburg (gemeinfrei)

Daraufhin geriet der „linke“ Parteiflügel um Georg Strasser in einen Streit mit dem Führer an dessen Ende Strasser den Kürzeren zog. Hitler versuchte währenddessen nach außen seinen Machtwillen weiterhin deutlich zu machen. Während der Ränkespiele zwischen Schleicher und Papen sandte „der Führer“ an Hindenburg einen Brief in dem er erklärte, dass sich an der politischen Lage nichts geändert habe und er deswegen nicht nach Berlin kommen werde. Zu dieser Zeit residierte Hitler in Weimar. Auch der neue Reichskanzler bedurfte der Tolerierung der NSDAP, aber dies galt durch diesen Brief als höchstunwahrscheinlich.

Hitler war den Leipzigern am 1. Dezember vergleichsweise nah. Er hielt eine Rede auf dem Schützenanger in Altenburg. Die nationalsozialistische Bewegung hatte dieser Tage mächtig zu paddeln, neben der Reichstagswahl fielen die Stimmen auch in diversen Kommunalwahlen. Die Bewegung schien sich totgelaufen zu haben, auch weil die Neuwahlen im November letztlich nur zustande gekommen waren, weil die NSDAP einer Regierungsbeteiligung genauso eine Absage erteilt hatte wie dann im November. Manche eifrigen Nazis glaubten nicht mehr daran, dass der Führer wirklich nur das Beste will und dann doch nur bereit ist, zu agieren, wenn er alleine darf.

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Bei den LNN hat man die Nase voll von dieser politischen Hängepartie. „Wenn die Leute, die den Reichspräsidenten in dieser Sache beraten haben, nichts besseres zustande bringen können, als diese vierzehntätige künstlich von Tag zu Tag gesteigerte Beunruhigung, dann sollen sie in Gottes Namen Hitler an den Posten heranlassen, den er für sich begehrt. Etwas mehr bringt er vielleicht doch noch zustande.“

Diesem Leitartikel war eine Abrechnung mit dem Parlamentarismus vorangegangen. „Eigentlich waren wir ja alle, die Parteien eingeschlossen, einig darüber, daß die parlamentarische Regierungsform abgewirtschaftet habe und daß nur mehr die präsidiale Staatsführung möglich sei. Nachdem auch Hitler zu dieser Erkenntnis gekommen ist, besteht schon gar keine Notwendigkeit mehr, es immer wieder wie weiland Brünung ‚parlamentarisch‘ zu versuchen. Dadurch, daß jeder, der für den Kanzlerposten in Erwägung gezogen wird, seinen Befähigungsnachweis an Verhandlungen mit den Parteien erbringen soll, haben die Parteien einen Spielraum wiedergewonnen und eine neue Wichtigkeit bekommen, die sie im allgemeinen Werturteil längst eingebüßt hatten. Denn diese Verhandlungen vor der Ernennung sind nichts anderes als ein verschleierter Rückfall in den abgewirtschafteten Parlamentarismus.“

Seit mittlerweile zweieinhalb Jahren regieren Kanzler in der Weimarer Republik nur mit Hilfe des Vertrauens und der Unterstützung des Reichspräsidenten, der Reichstag wurde dreimal aufgelöst und die Arbeitslosigkeit hat in diesem Jahr ihr absolutes Hoch von 6 Millionen erreicht. Arbeitslosengeld gibt es nur für sechs Wochen. Danach ist sich jeder selbst überlassen, Armenküchen versorgen die Menschen mit Essen.

Demografische Auswirkungen dieser Krisenzeit zeigen sich über die Einwohnerzahl. Zwar hatte Leipzig im September 1932 immer noch 714.800 Einwohner, im Jahr zuvor waren es aber sogar 715.145. Der Rückgang lässt sich auch dadurch erklären, dass es im Sommerhalbjahr 1931 noch einen Geburtenüberschuss von 229 gab, nunmehr im Sommerhalbjahr (von April bis September) einen Sterbeüberschuss von 35. 153 Leipziger nahmen sich in diesem Zeitraum das Leben, zehn wurden ermordet, 124 verunglückten. Und im August waren 103.257 Menschen arbeitslos, also mehr als ein Siebentel der gesamten Bevölkerung. Mittlerweile nehmen 70.151 Personen die offene Fürsorge in Anspruch, also psychiatrische Hilfe außerhalb einer Anstalt, 1931 waren es noch 44.951.

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An der Uni Leipzig will Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Professor Dr. Gerhard Kessler seine Vorlesung halten, nachdem Studenten bereits an diesem Mittwochmorgen lautstark gegen den Akademiker demonstrierten hatten. „Eine Anzahl von nationalsozialistischen Studierenden aus allen Fakultäten hatte mit uniformierten Führern den Hörsaal besetzt“, berichtet die Neue Leipziger Zeitung. „Planmäßig veranstaltete Sprechchöre, Beschimpfungen, Drohungen und Gesang von Parteiliedern hinderten Professor Kessler am Sprechen.“

Der Ökonom zog daraufhin in einen Nachbarhörsaal um, in den nur eingeschriebene Hörer gelassen wurden. Das hielt die Protestler nicht davon ab, an der Tür und auf dem Korridor zu lärmen und zu versuchen, gewaltsam in den Hörsaal einzudringen. „Arbeitswillige Studenten“ verhinderten dies.

Rektor Achelis hielt ganz in der Nähe seine Vorlesung ab, hörte vom Protest. Er forderte Kessler auf, seine Vorlesung abzubrechen. Kessler hatte einen Artikel unter dem auch heute eher von rechts genutzten Titel „Deutschland erwache!“ veröffentlicht, in dem er sich jedoch damals gegen Adolf Hitler stellte. Sein Kollege, der organisierte Nationalsozialist Volkelt verlas diesen Artikel in seiner Vorlesung und soll bemerkt haben, dass es ihm leid tue „solche Kollegen zu haben.“

Als Kessler nun seine Lehrtätigkeit nach zwei Tagen Pause wieder aufnehmen will, protestieren erneut Studenten. Erst ein beruhigendes Wort des Vorsitzenden der Studentenschaft sorgt dafür, dass sich die Studenten zerstreuen. Er drohe damit, dass die Uni für das gesamte Semester geschlossen würde, sollten die Proteste fortgesetzt werden und erklärt, dass der Akademische Senat das Erscheinen des Artikels missbillige und Kessler den Vorsitz im Verwaltungsrat der Wirtschaftsselbsthilfe niederlegen muss.

Uni-Rektor Professor Achelis, ein evangelischer Theologe, äußert sich gegenüber der Öffentlichkeit wie folgt: „Den Studierenden gebe ich folgendes bekannt: Der Artikel des Professors Kessler mit der Ueberschrift ‚Deutschland erwache!‘ in der Montagsnummer der ‚Neuen Leipziger Zeitung‘ vom 28. November 1932, dessen Erscheinen der Senat bedauert, hat zu unliebsamen Vorkommnissen in der Universität Anlass gegeben. Der Senat verurteilt aufs Schärfste, daß die Studenten ihrem Widerspruch gegen diesen Artikel in einer die akademischen Sitten gröblichst verletztenden Form zum Ausdruck gebracht haben.“

In der Neuen Leipziger Zeitung, in der der Artikel erschienen war, liest sich die Beurteilung all dessen anders. Sie sehen die Ruhe in der Universität nun „endgültig wieder hergestellt.“

Bereits drei Tage nach Erscheinen des Artikels war Kessler in der NLZ in Schutz genommen worden. „Herr Kessler hat in seinem Artikel mit offenen und schonungslosen Worten Ansichten vertreten, die von der Mehrheit des deutschen Volkes geteilt werden. Denn über zwei Drittel der Wählerschaft hat sich erst vor wenigen Wochen gegen die Nationalsozialisten klar und deutlich ausgesprochen, eine Tatsache, die den jungen, fanatisierten Studenten vielleicht unangenehm, aber immerhin bekannt sein dürfte.“

In der Parteinahme für Kessler heißt es weiter. „Daß sich aber überhaupt Studenten anmaßen, einen erfahrenen und wissenschaftlich wie politisch altbewährten Lehrer in aufgeregtem Tone zu schulmeistern, wirft auf die in nationalsozialistischen Kreisen herrschende Auffassung von Autorität ein seltsames Licht.“

In Kesslers Artikel heißt es unter Anderem „Deutschland erwache! Straßenhelden und Hetzer haben dich jahrelang irregeführt. Sie versprachen dir Freiheit und richteten deine Jugend zum Kadavergehorsam ab. Sie redeten vom Deutschtum und Christentum und zeigten dir eine blutrote Fahne mit einem buddhistischen Symbol darauf. Sie versprachen dir „Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens“ und „schufen eine wohlgenährte Parteibonzokratie.“

Kessler wurde wenig überraschend 1933 aus politischen Gründen entlassen und emigrierte in die Türkei, wo er weiterhin als Professor arbeitete. Dies erkannte ihm die BRD später nicht für seine Rente an, so dass er 1963 verarmt starb.

Den gesamten Artikel von Dr. Gerhard Kessler aus dem Jahr 1932 finden Sie hier auf der L-IZ.de und natürlich unter l-iz.de/tag/zeitreise

Bislang erschienene Zeitreisen auf L-IZ.de

Der Leipziger Osten im Jahr 1886

Der Leipziger Westen im Jahr 1886

Westlich von Leipzig 1891

Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

Leipzig in den „Goldenen 20ern“

Alle Zeitreisen auf einen Blick

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 49: Von hungrigen Wölfen, Müllskandalen und strammen Professoren kurz vor Hitler

Leipziger ZeitungZeitreiseLeipzig1932
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Michaeliskirche. Foto: Ernst-Ulrich Kneitschel

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