Eine Zeitreise in den Dezember 1932: Kurz vor Hitler & ein Uni-Professor in Bedrängnis

Für FreikäuferLZ/Auszug aus Ausgabe 49Willkommen erneut im Jahr 1932. Im Jahr des deutschen Bürgerkriegs, der offiziell nie als Bürgerkrieg gilt, sondern von dem allenfalls unter dem Fast-Schon-Malmot „bürgerkriegsähnliche Zustände“ die Rede ist. Deutschland spürt die Auswirkungen der Bankenkrise, in Leipzig leben im August dieses Jahres unglaubliche 714.800 Menschen. In einer Stadt, in der Grünau nur als grüne Wiese existiert. 103.000 von ihnen sind arbeitslos. Deutschlandweit verlieren allein in der ersten Dezemberhälfte noch weitere 250.000 Menschen ihren Job.

Kommunisten und Nationalsozialisten ziehen auf der Straße in einen Kampf, von dem sie es nicht wissen können: Sie ziehen in den Endkampf. Ein Mann namens Walter Ballhause fotografiert das sogenannte Lumpenproletariat, sein Werk wird später unter dem Titel „Überflüssige Menschen“ veröffentlicht und zeigt den Zeitvertreib der zahlreichen Arbeitslosen. Schlafen im Park, Karten spielen in einem Lokal oder einfach nur dumpf auf einer Bank sitzen. Eine politische Antwort auf die Wirtschaftskrise scheint es nicht zu geben.

Das System der Präsidialkabinette, durch die Verfassung der Weimarer Republik möglich, kittet zwar die politischen Interessen der Parteien nicht zusammen, aber ermöglicht eine Aktivität, die man im weitesten Sinne noch Regieren nennen kann. Der Reichskanzler wird vom Reichstag toleriert, der Reichspräsident erlässt seine Gesetzeswünsche per Notverordnungsartikel 48. Ein Paragraph, welcher bald einem Mann mit großen Ambitionen ein willkommenes Mittel zum radikalen Umbau des Deutschen Reiches sein wird. Auf die „Parteienwirtschaft“ haben die wenigstens noch Lust.

Seit der Wahl im Juli 1932 halten antidemokratische Parteien erstmals die Mehrheit der Stimmen. Doch eine Veränderung bringt das nicht. Im Dezember entlässt Reichspräsident Hindenburg den zweiten Reichskanzler seiner Gnaden. Franz von Papen muss gehen, weil Reichswehrminister General Kurt von Schleicher keine Lust mehr auf „das Fränzchen“ hat, den er selbst dem Reichspräsidenten eingeredet hatte. Die Kamarilla des greisen, angeblichen Weltkriegshelden bestimmt eigentlich die Politik des Reichspräsidenten. Und weil sich von Papen und von Schleicher nach anfänglicher Freundschaft nicht mehr grün werden, wird am 30. Januar jemand doch noch seine Chance bekommen, der im Dezember 1932 kaum in den Zeitungen erwähnt wird.

Denn die nationalsozialistische Bewegung scheint sich totgelaufen zu haben. Aber das ist nur der Anschein, die Weimarer Republik scheint stillzustehen und auf irgendetwas zu warten.

Eine Reise zurück in den Dezember 1932 aus politischer, sportlicher, gesellschaftlicher und vor allem: Leipziger Sicht.

Schon am 1. Dezember titeln die Leipziger Neuesten Nachrichten „Vor einem Kabinett Schleicher“ obwohl Reichskanzler von Papen noch sicher im Amt zu sein scheint. Doch die Dinge nehmen im Hintergrund ihren Lauf, von Schleicher erklärt dem Reichskanzler in seiner Funktion als Reichswehrminister, dass die Reichswehr einem für möglich gehaltenen großen Zusammenstoß von KPD und SA auf der Straße im Zweifel machtlos gegenüberstehen würde. Das Kabinett zweifelte fortan an der Sinnhaftigkeit jeden Regierungshandelns und wird von Papen bald im Stich lassen.

Der Reichspräsident Hindenburg wird sein Wort brechen und „mit zwei dicken Tränen auf den Wangen“, so wird es von Papen in seinem Tagebuch später beschreiben, den Reichskanzler entlassen. „Ich bin zu alt geworden, um am Ende meines Lebens noch die Verantwortung für einen Bürgerkrieg zu übernehmen. Dann müssen wir in Gottes Namen Herrn v. Schleicher sein Glück versuchen lassen“, wird Hindenburg zu ihm sagen.

+++

Währenddessen wird die neuerliche und schon angesprochene Absetzung eines Reichskanzlers durch den Reichspräsidenten immer konkreter. „Heute neues Präsidialkabinett“, heißt es auf der Titelseite der Leipziger Neuesten Nachrichten, die in den vergangenen Jahren einen ziemlichen Rechtsruck hingelegt hat und nun als mindestens erzkonservativ gelten muss.

Der entsprechende Artikel zeichnet ein ungeduldiges Bild, spricht von „der Hoffnung, daß endlich die Regierungskrise ihr Ende findet“. Aber noch glaubt man in Leipzig nicht an einen Kanzler von Schleicher, aber auch nicht an von Papen. Politische Kreise meinen zu dem Schluss gekommen zu sein, dass „der geschäftsführende Reichskanzler von Papen die meisten Aussichten hatte, erneut mit der Kanzlerschaft ausgestattet zu werden.“ Aber das nähme man bei den LNN nur zur Kenntnis, denn am heutigen Freitag steht noch ein Treffen von Hindenburg mit Alfred Hugenberg, dem Medienmogul und DNVP-Parteivorsitzenden, bevor.

Aber es herrscht im Redaktionsbüro Unklarheit, was die beiden besprechen wollen. Hugenberg hat zumindest keine Chancen auf die Reichskanzlerschaft, offenbar will Hindenburg seine Zustimmung zu „seinem“ Reichskanzler haben. Und Hitler? Der Anführer der größten Reichstagsfraktion spielt das Spiel mit dem Feuer. In seiner Partei wachsen intern Zweifel, ob der eingeschlagene, legale Weg noch der richtige sei. Bei den Reichstagswahlen im November 1932 hatte die NSDAP ihr hohes Ergebnis vom Juli nicht bestätigen können und verlor über vier Prozent.

Die NSDAP erlebt erstmals einen Rückgang bei den (ständigen) Neuwahlen. Einer lauert noch im Hintergrund: Adolf Hitler beim Lesen positiver Nachrichten. Foto: Cigarettenbilder Versand Hamburg (gemeinfrei)

Die NSDAP erlebt erstmals einen Rückgang bei den (ständigen) Neuwahlen. Einer lauert noch im Hintergrund: Adolf Hitler beim Lesen positiver Nachrichten. Foto: Cigarettenbilder Versand Hamburg (gemeinfrei)

Daraufhin geriet der „linke“ Parteiflügel um Georg Strasser in einen Streit mit dem Führer an dessen Ende Strasser den Kürzeren zog. Hitler versuchte währenddessen nach außen seinen Machtwillen weiterhin deutlich zu machen. Während der Ränkespiele zwischen Schleicher und Papen sandte „der Führer“ an Hindenburg einen Brief in dem er erklärte, dass sich an der politischen Lage nichts geändert habe und er deswegen nicht nach Berlin kommen werde. Zu dieser Zeit residierte Hitler in Weimar. Auch der neue Reichskanzler bedurfte der Tolerierung der NSDAP, aber dies galt durch diesen Brief als höchstunwahrscheinlich.

Hitler war den Leipzigern am 1. Dezember vergleichsweise nah. Er hielt eine Rede auf dem Schützenanger in Altenburg. Die nationalsozialistische Bewegung hatte dieser Tage mächtig zu paddeln, neben der Reichstagswahl fielen die Stimmen auch in diversen Kommunalwahlen. Die Bewegung schien sich totgelaufen zu haben, auch weil die Neuwahlen im November letztlich nur zustande gekommen waren, weil die NSDAP einer Regierungsbeteiligung genauso eine Absage erteilt hatte wie dann im November. Manche eifrigen Nazis glaubten nicht mehr daran, dass der Führer wirklich nur das Beste will und dann doch nur bereit ist, zu agieren, wenn er alleine darf.

+++

Bei den LNN hat man die Nase voll von dieser politischen Hängepartie. „Wenn die Leute, die den Reichspräsidenten in dieser Sache beraten haben, nichts besseres zustande bringen können, als diese vierzehntätige künstlich von Tag zu Tag gesteigerte Beunruhigung, dann sollen sie in Gottes Namen Hitler an den Posten heranlassen, den er für sich begehrt. Etwas mehr bringt er vielleicht doch noch zustande.“

Diesem Leitartikel war eine Abrechnung mit dem Parlamentarismus vorangegangen. „Eigentlich waren wir ja alle, die Parteien eingeschlossen, einig darüber, daß die parlamentarische Regierungsform abgewirtschaftet habe und daß nur mehr die präsidiale Staatsführung möglich sei. Nachdem auch Hitler zu dieser Erkenntnis gekommen ist, besteht schon gar keine Notwendigkeit mehr, es immer wieder wie weiland Brünung ‚parlamentarisch‘ zu versuchen. Dadurch, daß jeder, der für den Kanzlerposten in Erwägung gezogen wird, seinen Befähigungsnachweis an Verhandlungen mit den Parteien erbringen soll, haben die Parteien einen Spielraum wiedergewonnen und eine neue Wichtigkeit bekommen, die sie im allgemeinen Werturteil längst eingebüßt hatten. Denn diese Verhandlungen vor der Ernennung sind nichts anderes als ein verschleierter Rückfall in den abgewirtschafteten Parlamentarismus.“

Seit mittlerweile zweieinhalb Jahren regieren Kanzler in der Weimarer Republik nur mit Hilfe des Vertrauens und der Unterstützung des Reichspräsidenten, der Reichstag wurde dreimal aufgelöst und die Arbeitslosigkeit hat in diesem Jahr ihr absolutes Hoch von 6 Millionen erreicht. Arbeitslosengeld gibt es nur für sechs Wochen. Danach ist sich jeder selbst überlassen, Armenküchen versorgen die Menschen mit Essen.

Demografische Auswirkungen dieser Krisenzeit zeigen sich über die Einwohnerzahl. Zwar hatte Leipzig im September 1932 immer noch 714.800 Einwohner, im Jahr zuvor waren es aber sogar 715.145. Der Rückgang lässt sich auch dadurch erklären, dass es im Sommerhalbjahr 1931 noch einen Geburtenüberschuss von 229 gab, nunmehr im Sommerhalbjahr (von April bis September) einen Sterbeüberschuss von 35. 153 Leipziger nahmen sich in diesem Zeitraum das Leben, zehn wurden ermordet, 124 verunglückten. Und im August waren 103.257 Menschen arbeitslos, also mehr als ein Siebentel der gesamten Bevölkerung. Mittlerweile nehmen 70.151 Personen die offene Fürsorge in Anspruch, also psychiatrische Hilfe außerhalb einer Anstalt, 1931 waren es noch 44.951.

+++

An der Uni Leipzig will Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Professor Dr. Gerhard Kessler seine Vorlesung halten, nachdem Studenten bereits an diesem Mittwochmorgen lautstark gegen den Akademiker demonstrierten hatten. „Eine Anzahl von nationalsozialistischen Studierenden aus allen Fakultäten hatte mit uniformierten Führern den Hörsaal besetzt“, berichtet die Neue Leipziger Zeitung. „Planmäßig veranstaltete Sprechchöre, Beschimpfungen, Drohungen und Gesang von Parteiliedern hinderten Professor Kessler am Sprechen.“

Der Ökonom zog daraufhin in einen Nachbarhörsaal um, in den nur eingeschriebene Hörer gelassen wurden. Das hielt die Protestler nicht davon ab, an der Tür und auf dem Korridor zu lärmen und zu versuchen, gewaltsam in den Hörsaal einzudringen. „Arbeitswillige Studenten“ verhinderten dies.

Rektor Achelis hielt ganz in der Nähe seine Vorlesung ab, hörte vom Protest. Er forderte Kessler auf, seine Vorlesung abzubrechen. Kessler hatte einen Artikel unter dem auch heute eher von rechts genutzten Titel „Deutschland erwache!“ veröffentlicht, in dem er sich jedoch damals gegen Adolf Hitler stellte. Sein Kollege, der organisierte Nationalsozialist Volkelt verlas diesen Artikel in seiner Vorlesung und soll bemerkt haben, dass es ihm leid tue „solche Kollegen zu haben.“

Als Kessler nun seine Lehrtätigkeit nach zwei Tagen Pause wieder aufnehmen will, protestieren erneut Studenten. Erst ein beruhigendes Wort des Vorsitzenden der Studentenschaft sorgt dafür, dass sich die Studenten zerstreuen. Er drohe damit, dass die Uni für das gesamte Semester geschlossen würde, sollten die Proteste fortgesetzt werden und erklärt, dass der Akademische Senat das Erscheinen des Artikels missbillige und Kessler den Vorsitz im Verwaltungsrat der Wirtschaftsselbsthilfe niederlegen muss.

Uni-Rektor Professor Achelis, ein evangelischer Theologe, äußert sich gegenüber der Öffentlichkeit wie folgt: „Den Studierenden gebe ich folgendes bekannt: Der Artikel des Professors Kessler mit der Ueberschrift ‚Deutschland erwache!‘ in der Montagsnummer der ‚Neuen Leipziger Zeitung‘ vom 28. November 1932, dessen Erscheinen der Senat bedauert, hat zu unliebsamen Vorkommnissen in der Universität Anlass gegeben. Der Senat verurteilt aufs Schärfste, daß die Studenten ihrem Widerspruch gegen diesen Artikel in einer die akademischen Sitten gröblichst verletztenden Form zum Ausdruck gebracht haben.“

In der Neuen Leipziger Zeitung, in der der Artikel erschienen war, liest sich die Beurteilung all dessen anders. Sie sehen die Ruhe in der Universität nun „endgültig wieder hergestellt.“

Bereits drei Tage nach Erscheinen des Artikels war Kessler in der NLZ in Schutz genommen worden. „Herr Kessler hat in seinem Artikel mit offenen und schonungslosen Worten Ansichten vertreten, die von der Mehrheit des deutschen Volkes geteilt werden. Denn über zwei Drittel der Wählerschaft hat sich erst vor wenigen Wochen gegen die Nationalsozialisten klar und deutlich ausgesprochen, eine Tatsache, die den jungen, fanatisierten Studenten vielleicht unangenehm, aber immerhin bekannt sein dürfte.“

In der Parteinahme für Kessler heißt es weiter. „Daß sich aber überhaupt Studenten anmaßen, einen erfahrenen und wissenschaftlich wie politisch altbewährten Lehrer in aufgeregtem Tone zu schulmeistern, wirft auf die in nationalsozialistischen Kreisen herrschende Auffassung von Autorität ein seltsames Licht.“

In Kesslers Artikel heißt es unter Anderem „Deutschland erwache! Straßenhelden und Hetzer haben dich jahrelang irregeführt. Sie versprachen dir Freiheit und richteten deine Jugend zum Kadavergehorsam ab. Sie redeten vom Deutschtum und Christentum und zeigten dir eine blutrote Fahne mit einem buddhistischen Symbol darauf. Sie versprachen dir „Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens“ und „schufen eine wohlgenährte Parteibonzokratie.“

Kessler wurde wenig überraschend 1933 aus politischen Gründen entlassen und emigrierte in die Türkei, wo er weiterhin als Professor arbeitete. Dies erkannte ihm die BRD später nicht für seine Rente an, so dass er 1963 verarmt starb.

Den gesamten Artikel von Dr. Gerhard Kessler aus dem Jahr 1932 finden Sie hier auf der L-IZ.de und natürlich unter l-iz.de/tag/zeitreise

Bislang erschienene Zeitreisen auf L-IZ.de

Der Leipziger Osten im Jahr 1886

Der Leipziger Westen im Jahr 1886

Westlich von Leipzig 1891

Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

Leipzig in den „Goldenen 20ern“

Alle Zeitreisen auf einen Blick

Die neue Leipziger Zeitung Nr. 49: Von hungrigen Wölfen, Müllskandalen und strammen Professoren kurz vor Hitler

Leipziger ZeitungZeitreiseLeipzig1932
Print Friendly, PDF & Email
 


Schneller informiert mit dem L-IZ-Melder
Weitere Nachrichten:Bewegungsmelder | Wortmelder | Rückmelder | Sport | Polizei | Verkehr


Weitere aktuelle Nachrichten auf L-IZ.de

Fast 4.000 Mal ließ das Leipziger Ordnungsamt 2019 falsch geparkte Fahrzeuge abschleppen
Hier war es eine ausgeschilderte Baustelle, wegen der mehrere geparkte Fahrzeuge abgeschleppt wurden. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserDiese Geschichte bewegt die Leipziger nun schon seit Jahren. Denn mit dem zunehmenden Autobestand in Leipzig sind immer öfter auch Fußwege, Radwege und Kreuzungen zugeparkt. Und selbst die LVB-Fahrer verzweifeln zuweilen, weil rücksichtslose Autofahrer einfach die Gleise zuparken und damit den Straßenbahnbetrieb zum Erliegen bringen. Ein Thema, das sogar die Freibeuter-Fraktion im Stadtrat aufregte. Warum wird da nicht häufiger abgeschleppt, wollte die Fraktion schon im Februar wissen.
Der Stadtrat tagte: OBM-Vorschlag zum Neuzuschnitt der Verwaltung bekommt klare Mehrheit im Stadtrat
Burkhard Jung in der Ratsversammlung am 28. Mai 2020. Foto: L-IZ.de

Foto: L-IZ.de

Für alle LeserAm Donnerstag, 28. Mai, in der Fortsetzung der Stadtratssitzung vom 20. Mai in der Kongresshalle, wurde auch über die von OBM Burkhard Jung vorgeschlagene künftige Dezernatsstruktur im Rathaus abgestimmt. Im Herbst sollen ja vier Dezernatsleitungen neu besetzt werden. Dafür müssen im Sommer die Ausschreibungen raus. Die Gelegenheit will Jung nicht verpassen, um die neuen Bürgermeister/-innen auch schon passend zur neuen Dezernatsstruktur zu finden.
Heidelberg an einem Tag: Die Neckarstadt mit der berühmtesten Burgruine Deutschlands
Andrea Reidt: Heidelberg an einem Tag. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserWohin fährt man eigentlich jetzt in den Urlaub, wenn so viele Urlaubsländer noch immer mit den Nachwirkungen von Corona zu kämpfen haben? Oder selbst dann, wenn sie wieder einladen wie Italien, dort aber mit einem riesigen Ansturm der befreiten Touristen zu rechnen ist? Vielleicht sollte man die seltene Chance nutzen, einige deutsche Städte zu besuchen, die sonst von ausländischen Besuchern überlaufen sind. Heidelberg zum Beispiel.
Pfingsten ohne Gruftis? Tag 4 – Das Darkstream Festival zeigt Düster-Pop aus Leipzig + Livestream
David Gray und "Kruppe" bei der gemeinsamen Moderation in der Moritzbastei. Screen Livestream

Screen Livestream

Für alle LeserPfingsten ohne ein schwarzes Leipzig? Geht gar nicht, waren sich Dave, Kruppe und Christian einig, als Corona mehr und mehr drohte, das 2020er „Wave-Gotik-Treffen“ zu kippen. Am Ende musste das WGT in diesem Jahr ausfallen, noch immer ist es nicht möglich, Konzerte durchzuführen. Dafür haben die drei mit weiteren Szenefreundinnen etwas auf die Beine gestellt, was sie selbst am Beginn nicht für möglich gehalten hätten. Das gesamte Pfingsten 2020 gibt es erstmals mit dem „Darkstream-Festival“ einen nahezu durchgehenden Livestream mit Moderation aus der Moritzbastei, Eindrücken aus Leipzig, über 60 Bands, DJs und Autorenlesungen.
Die ausgefallene Revolution: „Zeigt uns den Virus, dann zeigen wir unsere Masken“ + Videos
Die Ich-Perspektive - möge Angela Merkel langsam verrecken, weil das eigene Kind die Coronamaßnahmen erleben muss. Foto: Michael Freitag

Foto: Michael Freitag

LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 79, seit Freitag, 29. Mai 2020 im HandelFür alle LeserNoch am Samstag, 16. Mai, freute man sich bei der „Bewegung Leipzig“ über einen neuen Zahlenrekord bei ihrer Kundgebung auf dem Leipziger Marktplatz. Rund 400 Teilnehmer waren gekommen, darunter auch einer der drei „Widerstand 2020“-Partei-Gründer und Leipziger Rechtsanwalt Ralf Ludwig. Was am letztlich geringen Interesse an seinem Redebeitrag und an der eher kleinen Kundgebungsbeteiligung selbst stutzig machte, war der Umstand, dass der „Widerstand 2020“ bis zu diesem Zeitpunkt über 100.000 Online-Parteieintritte ohne Mitgliedsbeitrag vermeldet hatte. Gigantische Zahlen einer Bewegung, deren Zeit gekommen schien und welche mehr bundesweite Parteimitglieder als bei B90/Die Grünen, Linke und AfD zusammen bedeutet hätten.
Gastkommentar von Christian Wolff: Mikrosa, Pfingsten und die Aufgabe der Kirche
Christian Wolff (beim Brückenfest 2018). Foto: Michael Freitag

Foto: Michael Freitag

Für alle LeserDer Traditionsbetrieb Schaudt Mikrosa GmbH in Leipzig-Plagwitz soll stillgelegt werden (dort werden spitzenlose Außenrundschleifmaschinen für die Autoindustrie hergestellt). Die 165 Beschäftigten legten am Donnerstag, 28. Mai 2020, die Arbeit nieder und gingen auf die Straße. Arbeitnehmer/innen anderer Unternehmen schlossen sich dem Protestzug durch den Stadtteil Plagwitz an.
Der Stadtrat tagte: Große Zustimmung für „RuDi“ und digitale Ratlosigkeit in der AfD-Fraktion + Video
Straßenbahn in Stötteritz. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserAm Donnerstag, 28. Mai, entschied der Leipziger Stadtrat auch zu einem neuen Förderprojekt „Ruhenden Verkehr digitalisieren – RuDi“, das die LVB als Pilotprojekt in Stötteritz umsetzen sollen. Kurz vor Sieben kam es da zu einer kleinen Debatte, nachdem AfD-Stadtrat Christian Kriegel noch einmal dieselben falschen Bedenken vorgebracht hatte, die zuvor schon die LVZ veröffentlicht hatte. Er mutmaßte ein „Abkassieren von Autofahrern jetzt auch bis zum Stadtrand“.
Fridays for Future Leipzig ruft jetzt erstmals am Dienstag zum großen Protest gegen die Abwrackprämie auf
Fridays-for-Future-Demo im April 2019. Foto: L-IZ

Foto: L-IZ

Für alle LeserEs ist tatsächlich so: Weil deutschlandweit die Corona-Berichterstattung dominiert, hat die Bundespolitik augenscheinlich den fatalen Eindruck bekommen, dass die Klimakrise vergessen ist und die Deutschen nur zu bereit sind, den Wirtschaftsaufschwung nach Corona mit dem Kauf von neuen Verbrennern zu erwirtschaften. Zumindest scheinen die Bosse der großen Autokonzerne mit dieser Botschaft durchzudringen, obwohl die Mehrheit der Deutschen ganz und gar nicht vergessen hat, wie drängend die Lösung der Klimakrise ist.
Leipziger Gruppe schafft trotz erhöhter Zahlungen an die LVB auch 2019 ein positives Konzernergebnis
Seit 2016 firmiert die Leipziger Gruppe mit dem gelben L. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserIn normalen Jahren gab es immer im Mai eine große Pressekonferenz mit Oberbürgermeister und allen Managern der Leipziger Kommunalbetriebe, auf der stolz die Konzernergebnisse des Vorjahres bekannt gegeben wurden. Die fiel nun wegen Corona natürlich aus. Und die Zahlen wirken wie aus der Zeit gefallen, erzählen von einem regelrecht normalen Jahr, in dem sich der Leipziger Kommunalkonzern weiter stabilisierte und es auch schaffte, mehr Geld für die LVB zu erwirtschaften.
Leipziger Animal Rebellion-Gruppe protestiert mit „Schließung“ von Fastfood-Filialen gegen Billigfleischproduktion
Abgesperrte McDonald's-Filiale. Foto: Animal Rebellion Leipzig

Foto: Animal Rebellion Leipzig

Für alle LeserEs wird ja jede Menge rebelliert in diesen Tagen. Die einen rebellieren gegen Corona-Maßnahmen, die nächsten gegen Atomkraftwerke, andere gegen eine neue Abwrackprämie oder gegen die fossile Klimapolitik. Alles Zeichen dafür, dass sich gerade grundlegend einige Dinge ändern. In der Nacht zum Freitag rebellierte auch eine Leipziger Gruppe von Animal Rebellion. In diesem Fall gegen das Geschäftsmodell von Fastfood-Ketten und damit auch gegen das viel zu billige Fleisch.
Leipzig Automobil: 140 Jahre Leipziger Auto-Geschichte und ein mutiger Blick in die mögliche Mobilitätszukunft
Kulturstiftung Leipzig (Hrsg.): Leipzig Automobil. F

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserEigentlich ist ja „Jahr der Industriekultur“. Aber davon war aufgrund der Corona-Beschränkungen bislang wenig zu spüren. Außer, man besucht zum Beispiel die bis August verlängerte Ausstellung „Silber auf Glas“ im Stadtgeschichtlichen Museum, die eine Menge Fotos aus der frühen Zeit der Leipziger Industrialisierung zeigt. Oder man schnappt sich jetzt diesen Themen-Sonderband, den die „Leipziger Blätter“ herausbringen und der die Leipziger Automobilgeschichte einmal in hunderten Bildern und vielen Facetten zeigt.
Freitag, der 29. Mai 2020: Experten buddeln am Bahnhof und Tierschützer „schließen“ Filialen + Video
Fastfood-Filiale in der Leipziger Innenstadt nach der symbolischen Schließung. Foto: Animal Rebellion Leipzig

Foto: Animal Rebellion Leipzig

Für alle LeserIn der Nacht von Donnerstag auf Freitag gab es in der Leipziger Innenstadt viel Aktivität. Während Expert/-innen am Hauptbahnhof eine vermeintliche Bombe untersuchten, die sich als Brunnen herausstellte, starteten Tierschützer/-innen eine Aktion gegen Fastfood-Filialen. Rund um Zwickau wiederum war die Polizei gegen Neonazis aktiv. Die L-IZ fasst zusammen, was am Freitag, den 29. Mai 2020, in Leipzig und Sachsen wichtig war.
Panometer Leipzig: Veränderte Öffnungszeiten ab 1. Juni
CAROLAS GARTEN mit Insektenmodellen. Foto: Tom Schulze © Panometer

Foto: Tom Schulze © Panometer

Ab Pfingstmontag, den 1. Juni 2020, verändern sich die Öffnungszeiten des Panometer Leipzig temporär für die kommenden Monate. Das Panorama CAROLAS GARTEN ist ab nächster Woche montags bis freitags von 10 – 16 Uhr und an Wochenenden und Feiertagen von 10 – 17 Uhr geöffnet.
Leipziger Forschungsergebnis: Frauen mit Neandertaler-Gen bringen mehr Kinder zur Welt
Svante Pääbo mit dem Schädel eines Neandertalers. Foto: MPI für evolutionäre Anthropologie

Foto: MPI für evolutionäre Anthropologie

Für alle LeserEs war nur eine kleine Meldung, die das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie am Dienstag, 26. Mai, herausgab. Aber sie macht doch nachdenklich. Denn dass die späte Vermischung von modernen Menschen und Neandertalern vor ungefähr 47.000 bis 65.000 Jahren in Europa Folgen bis in unser Erbgut hatte, das haben schon mehrere Untersuchungen aus dem Institut belegt. Aber selbst auf die Fruchtbarkeit von Frauen soll eine kleine genetische Veränderung aus dem Erbe der Neandertaler Auswirkungen haben.
Die neue Leipziger Zeitung Nr. 79: Von Gier, Maßlosigkeit, Liebe und Homeschooling in Corona-Zeiten
Leipziger Zeitung Nr. 79: Liebe in Zeiten von Corona. Foto: Ralf Julke

Foto: Ralf Julke

Für alle LeserZeitungen leben davon, dass sie den Blick schärfen, dass sie uns aufmerksam machen – und zwar ohne Geschrei, ohne das bunte Flackern im Internet und das dortige Gebuhle um Aufmerksamkeit. Zeitungen könnten der Ruhepol in einer zunehmend irrelaufenden Welt sein. Wenn sie denn nicht selbst auch noch anfingen, die Welt irre zu machen und jedes Problemchen zum Skandal aufbliesen, wie es die LVZ jüngst mit dem Brief einer empörten Mutter eines Schulkindes tat.