Zeitdokument - Eine fast vergessene Wutschrift

Eine Zeitreise in den Dezember 1932: Prof. Gerhard Kessler gegen Hitler in der Neuen Leipziger Zeitung

Für alle LeserHeute ist der Leipziger Professor für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Gerhard Kessler, nahezu unbekannt, auch Bilder sind rar. In den Jahren 1927 bis kurz nach der Machtübernahme durch Adolf Hitler am 30. Januar 1933 war er Professor an der Universität Leipzig und trat am 28.11.1932 mit einem bemerkenswerten Artikel in der „Neuen Leipziger Zeitung“ (NLZ) gegen Hitler und die NSDAP auf. Ein Text, welcher als Zeitdokument viel von dem aufzeigt, wie polarisiert die Gesellschaft Ende 1932 bereits war, wie die Zeit Bismarcks auf Weimar und das dritte Reich danach trifft. Und indirekt, mit welchen Versprechungen die NSDAP damals die Machtübernahme anstrebte.
Artikelserie "Leipzig 1932" - Teil 3 von 3

Darin bezeichnete er unter anderem Hitler als „Phrasendrescher und Rattenfänger“. 1943 gründete er unter anderem zusammen mit dem Sozialdemokraten und späterem Berliner Bürgermeister (nach 1945) Ernst Reuter und anderen die Kleingruppe „Deutscher Freiheitsbund“. Die Streitschrift des späteren Bundesverdienstkreuzträgers gegen Hitler ist erhalten geblieben, Kessler selbst verstarb verarmt 1963 in Kassel.

Der nachfolgende Text war Anlass für tagelange Streitereien an der Leipziger Universität nach seinem Erscheinen in der NLZ am 28. November 1932. Die Geschehnisse finden sich in der aktuellen LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 49 (November 2017) und hier für Freikäufer auf der L-IZ.de in der Zeitreise nachgezeichnet und in die Zeitumstände eingebettet. Nur wenige fanden Ende 1932 noch den Mut, so offen gegen die NSDAP und Adolf Hitler persönlich zu polemisieren, wie es darin Gerhard tut. Der Übergang zwischen der Weimarer Republik und der Machtübernahme ist nur noch wenige Wochen entfernt, Demokraten und Nationalsozialisten stehen sich unversöhnlich gegenüber.

Auch die Sprache Kesslers selbst ist beredtes Zeugnis für die zu diesem Zeitpunkt vorherrschende Diktion der Auseinandersetzungen. Was bleibt, ist eine wahre Wutschrift Gerhard Kesslers gegen die falschen Versprechungen der NSDAP und Adolf Hitlers, von denen nicht wenige manchen heutiger Protagonisten ähneln. Interessant vor allem, dass er den Ruf der Nationalsozialisten „Deutschland erwache!“ gezielt und mehrfach gegen diese und Hitler einsetzt, während er lautstark vor den Nazis warnt. Gleichzeitig zeichnet Gerhard dabei ein Bild der Zeit, welche alltäglichen Sorgen geprägt ist – deren Lösung er Hitler und Co. nicht zutraut. Womit er Recht behalten sollte.

Dr. Gerhard Kessler (wiki) am 28. November 1932 in der Neuen Leipziger Zeitung

„Mit Recht spricht die nationalsozialistische Presse von geschichtlichen Stunden, die das deutsche Volk in diesen Tagen durchlebe. In der Tat hat ja nie in unserer Geschichte eine politische Partei so viele Anhänger, nie eine Parlamentsfraktion so viele Mitglieder gezählt wie 1932 die Nationalsozialisten: und nie hat eine deutsche Millionenpartei so kümmerlichen Kuhhandel getrieben, nie ein deutscher Parteiführer so ängstlich die Flucht ergriffen vor der politischen Verantwortung wie Adolf Hitler und seine Partei im November 1932.

Ein Jahrzehnt hindurch haben die Trompeter des Nationalsozialismus dem deutschen Volke verkündigt, sie brauchten nur ans Ruder zu kommen, und ihre „kraftvolle“ Außenpolitik werde Deutschland von aller Not aus dem Versailler Vertrage befreien, ihre wunderbare Volkswirtschaftspolitik werde alle Steuerzahler entlasten „jedem Deutschen eine auskömmliche Altersrente“ sichern, durch staatliche Geldschöpfung allen Kredit decken und der quälenden Arbeitslosigkeit ein Ende bereiten – nun war die Stunde da, um alle diese Herrlichkeiten endlich zu verwirklichen und unter Berufung auf „die Verpflichtung sein Bestes zu tun damit Volk und Reich nicht im Chaos versinken“, hat Herr Hitler auf Reichskanzleramt und Kabinettsbildung verzichtet.

Wirklich, das sind geschichtliche Stunden für unser Volk. Wachen wir nur auf, stehen wir nur auf, sie zu nutzen! Jahrelang sind Millionen gutgläubig dem Rattenfängerlied nachgelaufen, das den Unternehmern Profite, dem Mittelstande Eigentum und Wirtschaftsmittel, den Bauern Schutzzölle und Berechnung der Zinsknechtschaft und den Arbeitern Sozialismus versprach – und nun wird das Bündel der geheimnisvollen Rezepte wieder heimlich eingepackt und als Muster ohne Wert vom Berliner Kaiserhof zum Münchener Braunen Hause zurückgeschickt! Weil nicht alle amtshungrigen Mannen des Kaiserhofs in einem schrankenlosen Parteiregiment untergebracht werden konnten und sollten, wird das ganze deutsche Volk bestraft und um all die Hoffnungen geprellt, die man im Trommelfeuer der Wahlversammlung in ihm erweckt hatte.

Welche politisches Größe eines „Führers“, der sich ‚unter vollem Einsatz seiner Person „aufopfern“ will für die Rettung unseres Vaterlandes‘. Schon einmal im November 1923 sollte ja „morgen Deutschland frei“ oder er selber „tot“ sein. Aber er lebt noch immer, redet noch immer, saust noch immer im Auto von Massenparade zu Massenparade, fliegt noch immer mit himmelstürmenden Sonderberichterstattern durch die Lüfte, läßt sich noch immer aus allen Himmelsrichtungen photographieren, „wie ihn keiner sah“, hat noch immer die nordische Lichtgestalt des Herrn Göbbels und die Parsifalnatur des Herr Röhm als Symbole des kommenden reineren und besseren Deutschlands an seiner Seite – und wirft nun im Bunde mit diesen Beratern nach einer Woche erbärmlichen Aushandelns dem Reichspräsidenten vor, bei ihm habe „an sich die Absicht bestanden, das Kabinett Papen unter allen Umständen als Präsidialkabinett zu halten’“.

Deutschland, erwache! Das ist „der Führer“, der den „Sozialismus“ „auf dem Boden des Privateigentums“ predigte, das ist „der Führer“, der seine Jugend zu Straßenkampf und Bürgerkrieg dressierte, das ist „der Führer“, der der „Parteibuchwirtschaft“, ein Ende zu machen versprach.

Deutschland, erwache – dieser Mann wagte, gegen einen Hindenburg für die Reichspräsidentenwürde zu kandidieren, nachdem er vorher in seinem Programm verkündigt hatte, „daß mit dem so stark verbastardisierten deutschen Volkes auf die Dauer“ nicht viel zu machen ist. Das ist“ der Führer“, der gleichzeitig in seinem Programme „unbedingte Autorität des Zentralparlaments über das ganze Reich“ forderte und „mit dem Unfug des parlamentarisch-demokratischen Wahlrechts aufzuräumen“ versprach.

Deutschland, erwache! Wundert es dich noch, daß ein „Führer“ dieser Art vor jeder politischen Verantwortung zurückweicht? Hast du wirklich gehofft, dass er im Bunde mit Fritz Thüssen, dem Herzog von Koburg und Prinz August Wilhelm die „Zinsknechtschaft brechen“ werde? Bist du nicht stutzig geworden, als die Mitglieder dieser „Arbeiterpartei“ in Automobilen vor den Versammlungsstätten vorfuhren und als die Schüler der „Führer“-Schule ihre eigene Schulanstalt demolierten? Hast du nicht gelesen, wie im Programm dieser „nationalistischen“ Partei kein Wort von Südtirol und des Knechttums seines Deutschtums stehen durfte?

Deutschland erwache! Straßenhelden und Hetzer haben dich jahrelang irregeführt. Sie versprachen dir Freiheit und richteten deine Jugend zum Kadavergehorsam ab. Sie redeten vom Deutschtum und Christentum und zeigten dir eine blutrote Fahne mit einem buddhistischen Symbol darauf. Sie versprachen dir „Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens“ und schufen eine wohlgenährte Parteibonzokratie.

Einem Volke, das politische Schriftsteller wie Arndt und Treitschke, politische Meister wie Stein und Bismarck besaß, brachten sie das hilflose Gestammel ihres aus Sentimentalität, Haß und schlechtem Deutsch zusammengesetzten Parteiprogramms und die langweilige Schwarte jenes Berufs- und Dauerredners, der im Münchener Bierkeller „seinen Kampf!“ so rühmlich begann und in den Prunkräumen des Berliner „Kaiserhofs“ nun ebenso rühmlich abschloß.

Deutschland erwache! Gib den Rattenfängern den Abschied und wende den Wolkenkuckucksheimen den Rücken! Nur politisches Wissen und politisches Denken, nicht Phrasendunst und Mitläuferei führt zu politischer Leistung. Deutschtum in der Politik statt des aus Frankreich bezogenen Chauvinismus. Deutschtum mit all dem Ernst, all der Sachlichkeit, all dem Pflichtbewußtsein, die die großen deutschen Staatsmänner uns als Vorbilder zeigen! Und Freiheit in der Politik statt der jesuitischen Versklavung aller unter dem Kommando eines „Führers“, der 13 Jahre geredet und versprach und noch nichts geleistet hat.

Freiheit auch für die Jugend, wieder etwas zu lernen und an sich selbst zu arbeiten, statt in Automobilen zu Paraden und Kostümfesten verfrachtet zu werden. Und Freiheit für die deutschen Brüder auch im Lande Andreas Hofers, die kein wahrhafter Deutscher unter „Ruten und Beilen“ umkommen lassen darf. Und dann sozialer Aufbau, Volksaufbau und politische Selbsterziehung unseres Volkes statt des Blöden Vermassung in „Kundgebungen“ von 10.000 oder 30.000 mit Blechmusik und Sprechchören. Die Masse, die die Volksverführung der letzten Jahre zusammenbrüllte und zusammenschmeichelte, ist das Unvolk, ungegliedert, ungeordnet, jeder Stimmung und jeder Phrase wehrlos hingegeben.

Echtes soziales Leben baut sich still von unten auf, in Berufsgruppe und Gewerkschaft, in Genossenschaft, Innung und Bauernverein, in Dorf und Stadtgemeinde, in Jugendbund und Volkshochschule.

In solchen Selbsterziehungskreisen können Zote und Phrase nicht lange bestehen, aus solchen Gemeinschaften wachsen in stillem Dienste auch echte Führer auf. Verloren ist trotz Not und Leid und aller Irrwege noch nichts für immer, wenn wir nur den Mut haben, wach zu werden und einander aufzuwecken. Deutschtum, Freiheit und sozialer Aufbau – mit diesen politischen Grundgedanken werden wir den ganzen Spuk und Phrasenwust der letzten Jahre verschwenden. Wir müssen nur endlich wollen und arbeiten – Deutschland, erwache!“

Die neue „Leipziger Zeitung“ liegt seit Freitag, den 24. November 2017, an allen bekannten Verkaufsstellen im Bahnhofsbuchhandel (Hbf.), bei Lehmanns und in den Presseshops Leipzigs und Großmärkten aus. Besonders in den Szeneläden, die an den Verkäufen direkt beteiligt werden. Also, support your local dealer. Da es vermehrt zu Ausverkäufen kam, ist natürlich auch ein LZ-Abonnement möglich, um garantiert nichts mehr zu verpassen.

Eine Zeitreise in den Dezember 1932: Kurz vor Hitler & ein Uni-Professor in Bedrängnis

Leipziger ZeitungZeitreiseGerhard Kessler
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