Für FreikäuferNatürlich fehlte dieser Paukenschlag noch im Jubiläumsjahr der Reformation: Zum großen Reformator aus Wittenberg gehört unbedingt der große Thomaskantor aus Leipzig. Auch wenn das selbst in protestantischen Kirchen gern vergessen wird. Luther wusste noch, dass zum Wort die Musik gehört. Erst sie macht die Worte lebendig. Und genau das machte Bach zum unvergleichlichen Komponisten.

Genauer heißt es bei Luther: „Die Noten machen den Text lebendig.“ Musik war für ihn eine Gabe Gottes und er fand starke Stellen in der Bibel, die belegten, dass Musik schon in den alten Tempeln zum Gottesdienst gehörte. Deswegen war Musik ein zentraler Baustein dessen, was wir heute Reformation nennen, die eben nicht nur eine Kirchenreform war. Damit verkennt man Luther völlig. Auch wenn er bei seinem Thesenanschlag vielleicht noch nicht ahnte, welche Kreise seine Kritik ziehen würde und dass er sich schon in wenigen Jahren nicht nur mit Kirchenordnungen beschäftigen musste, sondern auch mit Armenhilfe, Gewaltenteilung, Schulwesen und organisierter Kirchenmusik.

38 Lieder hat er selbst getextet, die Melodien möglicherweise von älteren Weisen übernommen. Aber mit Luther begann der protestantische Kirchengesang. Die Gemeinde erlebte Frömmigkeit im gemeinsamen Singen. Bis heute sind seine Lieder in den Evangelischen Gesangsbüchern zu finden. Und natürlich bei Bach, der auch deshalb als Komponist so aus dem Rahmen fällt, weil er noch zu einer Zeit die tiefere, lutherischere Frömmigkeit lebte und in Musik setzte, als die Welt sich längst verändert hatte. Schon kurz nach seinem Tode würde man ihn für veraltet halten, mit seiner Innigkeit nichts mehr anfangen können.

Seine Weltkarriere startete Bach praktisch erst weit nach seinem Tod und außerhalb der Kirchen, als Männer wie Mendelssohn Bartholdy den atemberaubenden Komponisten in ihm entdeckten.

Erst heute beschäftigen sich Forscher auch intensiv mit der Frage, wie sehr diese furiose Musik mit Bachs tiefer Frömmigkeit zusammenhängt. Wenn man das so nennen kann. Denn mit dem, was man seit dem Pietismus unter Frömmigkeit versteht, hat Bachs Haltung zur Religion sichtlich nichts zu tun. Mit Luther umso mehr – beschreibbar vielleicht mit Worten wie tiefe Ergriffenheit, Gottesfurcht und tiefes Gottvertrauen. Wie sehr er mit seiner großen, atemberaubenden Musik den Leipziger Predigern wohl den Schneid abkaufte, das hat ja John Eliot Gardiner in seinem „Bach“-Buch sehr intensiv beschrieben. Genauso, wie er seine eigenen Erlebnisse mit dieser Bach-Musik schildert, die eben nicht nur Musik für das Kirchenjahr war. Auch wenn die Kantaten diesen Festkreis ausschreiten – aber nicht in Demut oder gar frommer Unterwerfung. Für Bach war Gott so allgegenwärtig im Leben, dass er praktisch keine Angst kannte. Die Liedtexte, die er sich schreiben ließ oder eben auch von Luther übernahm, erzählen von der festen Überzeugung, stets in der Hand Gottes zu sein – in tiefster Not, in Freud und Alltag.

Nicht nur seine Passions-Musiken schreiten den ganzen Kreis der Gefühle aus. Weshalb dieser Bach eben auch für jeden Zuhörer erfahrbar ist, der nicht an Gott glaubt.

Und das Besondere an der Kabinettausstellung „Bach & Luther“, die am heutigen Donnerstag, 7. September, im Bach-Museum eröffnet wird, ist, dass sie zeigt, wie Bach das gemacht hat. Kerstin Wiese, Museumsdirektorin und Kuratorin dieser Ausstellung, hat nicht nur eine kleine Ausstellung mit Bildern und Drucken zusammengestellt, die zeigen, wie sehr die Biografien von Luther und Bach (um 200 Jahre zeitverschoben) immer wieder parallel liefen und sich in Orten wie Eisenach und Leipzig fast überlappten. Sie nimmt die Besucher auch mit in Bachs Kompositionswelt, zeigt handschriftliche Partituren und Aufführungsmaterial zahlreicher Choralkantaten und -bearbeitungen Bachs sowie eine kostbare Luther-Bibel aus dem Besitz des Komponisten. Letztere eines jener bei den Forschern so beliebten Objekte, die Einblick geben in die Herkunft vieler Bachscher Ideen und Liedanregungen, aber auch in seine Gedankenwelt blicken lassen, die ohne den Lutherschen Kosmos nicht denkbar ist.

Aber die Partituren zeigen noch mehr. Denn sie zeigen Johann Sebastian Bach bei der Arbeit, zeigen, wie jedes Mal die Worte des Liedes (auch des Lutherliedes) für ihn zum Ausgangspunkt der Komposition wurden. Jedes Mal tat er etwas, was Martin Luther wohl gut verstanden hätte, auch wenn ihm diese kompositorische Genialität natürlich fehlte: Er rang – an vielen Korrekturen und Verbesserungen ablesbar – um die richtige Melodie zum Wort. Mit Betonung auf „richtig“. Denn genau das wird ja in Konzerten hörbar, wenn Kantaten, Motetten und Passionen gesungen werden – wie sehr Text und Musik übereinstimmen, eins sind und gerade deshalb mit ganzer Intensität wirken. Sogar – oder erst recht – dann, wenn Bach seine ganze Virtuosität entfaltete und aus Chören ihre ganze Vielstimmigkeit herausholte und aus Instrumenten ihre ganze Klangfülle.

Freude ist tatsächlich unbändige Freude, Trauer ein schmerzendes Klagen, Hoffnung ein erwartungsvoller Zustand usw. Dieser Komponist hat beim Komponieren in sich selbst hineingelauscht. Dem kam es nicht auf den Effekt an, der zu seiner Zeit aus der Oper kam und die Musikwelt veränderte, sondern auf die stimmige Einheit von Wort und Musik. Und weil der nicht-musikerfahrene Besucher so etwas nicht unbedingt sieht, auch wenn er staunend auf die originalen Partitur-Blätter schaut, gibt es in allen Vitrinen recht umfangreiche Erklärungstexte (auch auf Englisch). Und all das, was in diesen Texten erklärt wird, kann man an jeder Station über Kopfhörer auch anhören.

„Wir haben ja Glück“, sagt Kerstin Wiese, „weil sich in unserem Haus so viele Institutionen vereinen.“ Man forscht ja nicht nur und gestaltet Ausstellungen zu Bach, man organisiert ja auch das Bach-Fest und hat engen Kontakt zu den besten Bach-Interpreten. Und die haben natürlich auch ihre Einspielungen für diese kleine Ausstellung zur Verfügung gestellt. Man kann also den Thomanerchor hören, John Eliot Gardiner und sein Ensemble, Tom Koopmann und Masaaki Suzuki.

Und das Ganze, so verrät Kerstin Wiese, ist damit auch schon ein kleines Vorerlebnis für das Jahr 2018. Denn dann wird es zum Bachfest vom 8. bis 10. Juni den kompletten Leipziger Kantaten-Ring zu hören geben: 18 Stunden Bach Kantaten, die sonst eigentlich (fast) den kompletten Festkreis des Jahres umschließen, gepackt in gerade einmal 24 Stunden und dargeboten von hochkarätigen Ensembles. Es sind nicht einmal alle Kantaten, das hätte dann wohl auch noch den geübtesten Konzertbesucher überfordert. Man habe um „die besten 30“ gerungen, heißt es im Faltblatt, das speziell diesen Kantatenring bewirbt.

Wie sehr sich Bachs Gottesvertrauen in diesen Kantaten widerspiegelt und wie sich das ein neugieriges Musikerensemble erarbeitet hat, kann man bei Gardiner nachlesen.

Die Ausstellung nimmt den Besucher da hin mit, wo sich die Denk- und Gefühlswelten von Luther und Bach berühren, wo auch deutlich wird, dass einer wie Bach mehr gemeint hat, als eine wacker funktionierende Kirche. Und auch darüber schrieb Gardiner ja: Wie Bach selbst damals im orthodoxen Leipzig mit seiner Musik weit über den kirchlichen Rahmen hinaus wirkte. Und auch deshalb aneckte, weil er sich als etwas begriff, was die Leipziger Obrigkeit gar nicht bestellt hatte und nicht bezahlen wollte: Als ein Komponist, der den Zuhörern die ganze gewaltige Schönheit der Welt über ihrem geschwätzigen und kleinen Alltag zeigen wollte.

Man kann und sollte sich wohl für den Besuch dieser kleinen Ausstellung genug Zeit mitnehmen und sich an jeder Hörstation auch hineinvertiefen in die Musik. Vielleicht sogar emsig über die Vitrinen mit den Partituren gebeugt und Note für Note nachvollziehend, dem Thomaskantor quasi richtig zusehend bei der Arbeit, wie er die Noten aufs Papier wirft, ausstreicht, neu ansetzt, weil der Ton noch nicht stimmte, dieser genau zu setzende Ton, in dem der Text genau so klingt, wie ihn ein Mensch empfindet, wenn er genau in sich hineinhorcht.

Das macht man ja viel zu selten.

Und wer das Ganze noch etwas ausführlicher haben möchte, kann auch den kleinen Katalog zur Ausstellung erwerben, in dem alles mit Bildern und Erläuterungen noch einmal nachzuvollziehen ist.

Und man muss nicht gleich eilen, man kann sich den richtigen Tag zum Besuch aussuchen, denn zu sehen ist die Ausstellung vom 8. September 2017 bis zum 28. Januar.

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