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Der neue MdbK-Direktor spricht über die Zukunft von Museen, Corona und Kunst und seine Pläne

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    Inmitten des erneuten Shutdowns regte sich etwas im Leipziger Museum der bildenden Künste (MdbK). Seit dem 1. Januar 2021 und damit seit nun einem Monat ist Stefan Weppelmann neuer Direktor des MdbK. Er übernimmt das Amt von Jeannette Stoschek, welche das Museum nach Alfred Weidinger seit März 2020 kommissarisch geleitet hat. Während der Kulturbetrieb fast überall ruht und im MdbK die Andreas Gursky-Ausstellung darauf wartet, eröffnet zu werden, wechselt der Kunsthistoriker von der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien zurück nach Deutschland.

    Davor war er Kurator für italienische und spanische Malerei der Renaissance in der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin und verbrachte Forschungsaufenthalte am Metropolitan Museum of Art in New York und in Florenz. Zwischen Umzugskartons und einer erneuten Verlängerung des Shutdowns spricht Stefan Weppelmann über die nächsten fünf Jahre im Museum. Dabei geht es nicht nur um Ausstellungen, die ruhen müssen, sondern auch über die Zukunft von Kunst und Kultur trotz Corona-Pandemie, finanzielle Entscheidungen und wie Kunst Hoffnung schenken kann.

    Wie war Ihre Ankunft in Leipzig und wie verliefen die ersten Arbeitstage?

    Ich freue mich sehr, dass ich da bin. Wir haben den Umzug schon kurz vor Weihnachten geregelt und das Auspacken um den Jahreswechsel dann mit langen Spaziergängen abgewechselt. Das war eine gute Kombination. Wegen Corona ist die Stadt ja eigentümlich still – ganz anders im MdbK, wo ich sehr gut aufgenommen wurde, aber von Stille keine Spur ist. Das Museum bereitet ja Ausstellungen und seine Wiedereröffnung vor.

    In den ersten Tagen habe ich mich regelmäßig in den Untergeschossen und Depotbereichen verlaufen. Ich war auch schon auf dem Dach. Nach und nach lerne ich von den Kolleg/-innen die Schleichwege.

    Worauf freuen sie sich im MdbK am meisten? Und was werden erste Handlungen sein?
    Auf die Arbeit mit dem Team! Aber natürlich auch darauf, die Sammlung tatsächlich kennenzulernen und die Objekte im Original zu sehen. Außerdem freue ich mich sehr, mit der aktuellen Kunst und mit lebenden Künstler/-innen in Leipzig arbeiten zu können. Das geht natürlich in einer Stadt wie Leipzig, die eine so lebendige wie wichtige Kunstszene hat, besonders gut.

    Wie kann das Museum nach der langen Schließung wieder an einen „normalen“ Kulturbetrieb von früher anknüpfen?

    Wir wollen die Öffentlichkeit wieder für unsere Sammlung und unser Programm begeistern. Ich sage hier auch bewusst „wieder“, nicht weil ich glaube, dass man uns vergessen hätte, aber weil eine Schließungsphase und eine aufgezwungene Abstinenz, eine Distanz zwischen den Menschen und den originalen Kunstwerken verursacht hat. Aber auch zwischen dem Team und dem „normalen“ Museumsbetrieb.

    All das muss wieder auf die Spur gesetzt werden. Deshalb hoffe ich, dass wir das Viren-Thema bald überwinden. Obwohl ich mir bewusst bin, dass wir über längere Zeit keine größeren Veranstaltungen oder Führungen durchführen können. Aber wir wollen geöffnet und für die Stadt da sein.

    Gibt es schon konkrete Pläne für zukünftige Ausstellungen?

    Es besteht die Absicht, den Blick in die Tiefe und in die Welt zu weiten. Wir müssen noch einige Abstimmungen vornehmen. Schön wäre es, wenn wir Projekte zu den „Alten Meistern“ im Wechsel mit gegenwartsbezogenen Themen abwechseln könnten. Dabei schlage ich ein Denken in Formaten vor, sprich, dass man Programmreihen hat, die unsere Arbeit gliedern.

    Also kleine, mittlere und größere Formate, die vielleicht auch thematisch in einem sinnvollen Rhythmus verschränkt sind. Es gibt klassische Namen wie Rembrandt, zu denen wir vielleicht Ideen entwickeln, oder Böcklin. Außerdem muss man auf wichtige Jubiläen vorausschauen, wie etwa in 2025 den 100. Geburtstag von Bernhard Heisig.

    Diese Namen werden ja erneut große Aufmerksamkeit auf das MdbK ziehen, ist das Ihr Plan?
    Es sollte uns nicht darum gehen, das Haus als Aufmerksamkeitsgenerator zu positionieren. Sondern darum, einen Ort zu gestalten, an dem es darum geht, sich selbst zu erleben, durchaus auch einmal Stille zu erfahren und Intensität.

    Aufmerksamkeit kann durch zweierlei entstehen: Einerseits durch das momenthaft Aktuelle und das Zusammenkommen von vielen Menschen, was wunderbar ist. Aber andererseits auch durch die Möglichkeit, eine andere Erfahrung von Zeit zu erleben. Museen haben eine große Chance in der Gesellschaft, weil hier Dinge möglich sind, die woanders nicht mehr in gleicher Weise gehen.

    Was heißt das genau?

    Wir können nicht nur durch das Zeigen von Wechselausstellungen Interesse wecken, sondern auch mit unserem eigenen Bestand. Wir haben Kunstwerke von internationaler Relevanz, ich erwähne nur Friedrich, Klinger oder Beckmann (Anm. d. Red., Gemeint sind Caspar David Friedrich, Max Klinger und Max Beckmann). Und die in Leipzig konzentrierten Werke von Max Beckmann sind im Umfang mit jenen in Hamburg und München vergleichbar.

    Hinzu kommen: die Leipziger Kunst, die Schule von Barbizon, dichte Bestände an Skulptur und graphischen Medien und, und, und. Die Leipziger Schulen sollten permanent gezeigt werden und den grafischen Künsten und der Fotografie sollte ein fester Ort im Haus gegeben werden. Wir werden die Sammlung neu und vielleicht erzählerischer gliedern und dies mit unserem Bildungsprogramm im realen und virtuellen Raum begleiten.

    Ist die Entscheidung, den Fokus mehr auf die Sammlung zu legen, auch ein finanzieller Aspekt? Unter Alfred Weidinger wurde ja viel Geld für Wechselausstellungen ausgegeben und am Ende fehlten laut MDR 329.000 Euro.

    Natürlich müssen wir mit Haushaltsentscheidungen umgehen, sie werden in einem demokratischen Verfahren aufgestellt und stellen den Rahmen für jede Kultureinrichtung dar. Ich denke, wir müssen überlegen, wie wir Budgets jenseits der Sonderausstellungen einsetzen. Eine wichtige Aufgabe wird es sein, zu schauen, wie wir zu Drittmitteln gelangen.

    Unterstützungen von privater und öffentlicher Hand ermöglichen uns, den Handlungsspielraum zu erweitern, vor allem wenn sie nicht nur projektgebunden vergeben werden, das hat immer etwas Kurzatmiges.

    Können Sie den Punkt zu den Drittmitteln noch mal genauer ausführen?

    Das Titelblatt der LZ Nr. 87, Ausgabe Januar 2021. Screen LZ
    Das Titelblatt der LZ Nr. 87, Ausgabe Januar 2021. Screen LZ

    Wir können auch jenseits der erwartbaren Verhaltensmuster zu Drittmitteln gelangen. Dazu müssen wir mit den Funktionen des Museums argumentieren, die vielleicht nicht sofort im Kopf sind. Es geht mir um die Bedeutung von Bewahren und Erinnern. Wir heben die Objekte ja nicht auf, weil man nicht weiß, wohin damit, sondern weil sie ein Versprechen an die Zukunft sind.

    Bezogen auf die Drittmittelgeber heißt das, man muss loskommen von: Das Museum braucht Drittmittel für ein spezifisches Projekt. Und sagen: Wir gehen mit unseren Partnern einen Weg gemeinsam. Wir müssen fragen, wo wollen potenzielle Partner eigentlich hin und wo wollen wir als Museum in einigen Jahren stehen.

    So können wir schauen, wo solche Wege sich überschneiden und wie man Ziele und Absichten definiert, die man gemeinsam erreichen kann. Bisher gab es projektgebundene Stellen ja zum Beispiel in der Provenienzforschung am MdbK. Die Förderung vom Deutschen Zentrum für Kulturverluste ist im November 2020 ausgelaufen

    Wie geht es nun mit der Provenienzforschung weiter?

    Provenienzforschung steht ganz weit oben auf der Liste. Es ist ganz wichtig, dass es diese Stelle gibt, denn Provenienzforschung muss ständig betrieben werden. Ich bin da bereits im Gespräch mit Prof. Dr. Gilbert Lupfer, also dem Vorstand des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste, und wir werden versuchen, gemeinsam eine gute Möglichkeit der Fortsetzung zu finden. Provenienzforschung gehört stetig in ein Haus wie das MdbK.

    Als namhaftes und großes Museum in Sachsen hat das MdbK ja unter anderem auch mit „The Point of No Return“ viel Aufmerksamkeit auf Kunst aus Ost-Deutschland richten können.

    Werden Sie daran anknüpfen?

    Wir haben die Verantwortung, Kunst, die vor und unmittelbar nach der Wende in Mitteldeutschland entstand, angemessen zu dokumentieren. Da gibt es noch immer Nachholbedarf. Vor allem bei Künstlerinnen und Künstlern, die im westlichen Teil Deutschlands, geschweige denn im Ausland, weniger bekannt sind.

    Da sollten wir nicht nur dokumentarisch tätig sein, sondern auch vermitteln und Bekanntheit steigern. Ich denke da zum Beispiel an intermedial arbeitende Leute wie Lutz Dammbeck, oder auch an Karin Plessing, Karin Wieckhorst und Evelyn Richter.

    Doch Kunst in Leipzig hat eine tiefergehende Reichweite. Wenn ich Leipziger Kunst meine, dann meine ich auch den Humanismus der Cranach Werkstatt oder die Malerin Juliane Wilhelmine Bause. Ich meine auch Leute wie Olga Costa, die 1925 mit ihrer Familie nach Mexiko emigrierte. Wir müssen auch schauen, wie die lokale Kunst international in Relation zu spannenden Positionen der Gegenwart steht.

    Sie haben eben Juliane Wilhelmine Bause und Olga Costa erwähnt, dabei sind Frauen, vor allem in älteren Jahrhunderten in der Kunst oft unterrepräsentiert. Sehen Sie da Handlungsbedarf?

    Zu einem gewissen Grad ist da ja schon etwas passiert. Trotzdem würde ich auch mindestens ein Format sehen, in dem die Aufmerksamkeit auf weibliche Positionen gelenkt wird. In der eigenen Sammlung haben wir auch ganz großartige Künstlerinnen und Kunstwerke, in denen ein weiblicher Blick auf die Welt Thema ist. Die eben erwähnte Olga Costa wäre zum Beispiel eine Frau, zu der wir vielleicht eine Ausstellung machen sollten, weil sie wenig bekannt ist.

    Es gibt dann viele internationale Künstlerinnen, die gegenwärtig faszinierend sind, wie zum Beispiel Marlene Dumas, Kara Walker, Tacita Dean, Paula Rego, Shirin Neshat. Vielleicht auch weniger bekannte Leute, wie Nusra Latif Qureshi, eine pakistanische Künstlerin. Solche Positionen könnte man zusammenzubringen mit hiesigen Künstlerinnen. Mit „zusammen“ meine ich nicht zwingend dieselbe Ausstellung, sondern wie lokale mit internationaler Kunst verschränkt wäre.

    Wie wird die Pandemie Auswirkungen auf Wahrnehmung von Kunst und Kulturszene haben? Welchen Stellenwert wird das „danach“ haben?

    Ich glaube, dass uns diese Zeit viel Leid und unerträgliche Probleme aufgeladen hat. Jeder ist davon betroffen. Wenn ein solches Unglück weltweit eintritt und Kreise zieht in der Wirtschaft, dem persönlichen Leben und in der Kultur, gibt es die Möglichkeit, solche Ereignisse als Reflektionsmoment zu nutzen. Daraus können wir Chancen ableiten, wie die neue Intensität, mit der man den Originalen vielleicht begegnen wird.

    Die Museen haben viele Angebote digital gemacht, um die Kultur nicht verschwinden zu lassen. Das ist auch wichtig und gut. Aber es hat auch gezeigt, wie stark der Hunger und der Bedarf ist, „the real thing“ zu sehen und das Museum als Ort zu erleben.

    Wenn ich physisch Kunst begegne, bekomme ich das Gefühl, etwas anzuschauen, was mit Wirklichkeit und Wahrheit verbunden ist. Es ist hier und jetzt da, geht eine Verbindung ein mit mir selbst. Das sage ich ganz bewusst, da solche Themen wie Wahrheit mitunter von „alternative facts“ und unserer schnelllebigen Zeit kompromittiert werden. Museen sind auch Orte der Selbstvergewisserung.

    Was könnte ein Learning aus dem vergangenen Jahr und den virusbedingten Einschränkungen sein?

    Es ist doch meist so, dass unser Tun vom Momenthaften geleitet ist. Wir reagieren. Aber Entwerfen und Vorausschauen ist auch wichtig. Vielleicht sollte man stärker über längere Zeiträume nachdenken. Ich meine Entwicklungen, die auf 50 oder gar 100 Jahre vorausweisen und wichtig sein werden. Dinge, wie zum Beispiel der Klimawandel.

    Die Pandemie kommt ja auch nicht von ungefähr, sondern aus unserem Umgang mit der Welt. Diese Prozesse sollten wir als längerfristige Tendenzen, als „the bigger picture“, wieder in den Blick nehmen. Als Museum müssen wir schauen: wie gehen wir mit Ressourcen um, und wie kann das nachhaltiger sein. Das führt weit von der Pandemie weg, aber sie hat unseren Blick geschärft. Und Dinge, die am anderen Ende der Welt geschehen, sind eben doch nicht „ganz weit weg“.

    Wird das den Weg zurück in die Kunst finden, also vielleicht Corona als künstlerische Epoche?

    Wir werden verinnerlichen, dass die Jahre 2020 und 2021 unweigerlich mit Corona verbunden sind. Aber ich möchte hoffen, dass die Kunst, mit ihrem Potenzial, Glück auszulösen und mit ihrer Kraft, die sie bei der Suche nach Schönheit und der Fähigkeit, uns zu berühren, entfaltet, Heilungsprozesse anstoßen kann.

    Dadurch zeichnet sie sich aus. Die Museen werden diese Corona-Zeit nicht nur überdauern, sondern sie werden darüber hinweggehen, so wie sie noch katastrophalere Ereignisse überdauert haben. Museen haben eine hohe Widerstandsfähigkeit erwiesen, sie existieren seit über 500 Jahren, und das ist überhaupt nicht selbstverständlich.

    Wie sieht Ihr Start im MdbK ab jetzt aus?

    Ich bin von ganz viel Vorfreude erfüllt, bald wieder viele Menschen am MdbK begrüßen zu dürfen. Mit unseren Ausstellungen zu Andreas Gursky und Caspar David Friedrich sind echte Highlights vorbereitet, die für sich genommen jeweils faszinierend sind, die aber auch perfekt mit unserer Sammlung interagieren und sich somit auch als Einladungen verstehen, das MdbK wieder zu besuchen und zu entdecken.

    Die Schließung verursacht eine Abstinenz zwischen Menschen und Kunstwerken“ erschien erstmals am 29. Januar 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Unsere Nummer 87 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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