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Von der Südsee bis Westafrika: Koloniales Raubgut im GRASSI Museum für Völkerkunde

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    Im Jahr 1889 bestieg Hans Meyer, ein deutscher Kolonialpolitiker und Forscher, als erster Mensch den höchsten Berg Afrikas: den Kilimandscharo. Jedoch brachte er von seiner Reise nicht nur abenteuerliche Erzählungen und Ruhm mit. Hans Meyer ließ 53 Kunstobjekte aus dem ehemaligen Königreich Benin nach Deutschland überführen – direkt in das Leipziger Völkerkundemuseum.

    Während 500 Jahre afrikanische Geschichte damit ihre Heimat verloren, erweiterte Meyers Kooperationspartner und Direktor des Völkerkundemuseums Karl Weule die Leipziger Sammlung in den 30 Jahren deutscher Kolonialgeschichte um über 120.000 Objekte. Durch Hans Meyer und weitere Freunde und Förderer des Hauses gelangten rund 30.000 Kunstschätze aus der Südsee und 45.000 afrikanische Stücke in das heutige GRASSI Museums für Völkerkunde.

    Hintergrund: das deutsche Kaiserreich eignete sich von 1884 bis zum Ersten Weltkrieg sogenannte Schutzgebiete, in der Praxis Kolonien, an. Diese erstreckten sich von Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika über das chinesische Kiautschou bis hin zu Neuguinea und Samoa in der Südsee.Als Teil der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) teilt sich das Völkerkundemuseum heutzutage den Standort am Johannisplatz mit dem GRASSI Museum für Angewandte Kunst und dem Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig. Während im GRASSI Museum für Angewandte Kunst der Sammlungsbestand aus der NS-Zeit bereits erforscht wurde und Unrechtskontexte ausgeschlossen werden konnten, schlummert im Depot des Museums für Völkerkunde noch die koloniale Vergangenheit.

    Ob und wie Objekte aus solchen Zeiten der Gewalt und Unterdrückung ausgestellt werden können, wird am GRASSI dauerhaft diskutiert. Als Grundlage für solche Diskussionen dient die Provenienzforschung: sie soll die Herkunft, die Geschichte und den Weg eines Kunstobjektes nachvollziehen. Um der Öffentlichkeit und Wissenschaft den Forschungsstand zugänglich zu machen, wurde ein beachtlicher Teil der Sammlung bereits digitalisiert.

    Erste Rückgaben und internationale Kooperationen

    Außerdem wurden nach vorhergegangenen Projekten in den letzten Jahren einige Objekte bereits zurückgegeben: so beispielsweise bei einer Repatriierung nach Hawai’i und bei Rückgabe-Zeremonien an die australischen Yawuru und Karajarri. Bei einer Repatriierung werden menschliche Gebeine an die Hinterbliebenen zurückgegeben, während bei einer Restitution die geraubten, kulturellen Gegenstände im Vordergrund stehen.

    Derzeit laufen mehrere internationale Kooperationen zur Erarbeitung des GRASSI-Bestandes. Bei Kunstschätzen aus verschiedenen Teilen der Welt sei die Provenienzforschung natürlich sehr vielschichtig und langwierig, so Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut.

    „Ein Beispiel: seit 2018 arbeiten die Staatlichen Ethnographischen Sammlungen, zu denen das GRASSI Museum für Völkerkunde zu Leipzig gehört, mit an dem internationalen Projekt ,Presença Karajá: cultura material, tramas e trânsitos coloniais‘, welches das kulturelle Erbe der Karaja-Gemeinschaft aus Brasilien dokumentiert. Hier geht es vor allem um die ,Ritxoko‘-Puppen, deren Gestaltung die Entwicklung von Kleidung und sozialer Ordnung im Laufe der Zeit ablesbar macht.“, so van Mensch.

    Hierfür müsse man sich mit 77 Sammlungen weltweit verständigen – eine Herkulesaufgabe.

    1869 wurde das Museum für Völkerkunde in Leipzig gegründet. Foto: Antonia Weber
    1869 wurde das Museum für Völkerkunde in Leipzig gegründet. Foto: Antonia Weber

    Vermisst in Benin

    Auf eine weitere Aufgabe machte im Dezember 2020 der in Berlin lebende Künstler Emeka Ogboh aufmerksam. Er hing an zahlreichen Dresdner Bushaltestellen Vermisstenanzeigen auf: bronzefarbene Figuren auf schwarzem Hintergrund. Dazu der Ort, an dem die Kunstschätze vermisst werden: Benin in Nigeria. Im 15. Jahrhundert dort hergestellt, im 19. Jahrhundert entwendet und 1972 erstmals vom damaligen nigerianischen Botschafter zurückgefordert.

    Doch nicht nur in Dresden lagern die umstrittenen Benin-Bronzen – auch im Leipziger GRASSI Museum für Völkerkunde werden fast alle der 87 westafrikanischen Objekte ausgestellt. Im Berliner Humboldt Forum sollen dieses Jahr 200 Benin-Kunstwerke als (geldbringendes) Highlight in Szene gesetzt werden. Der mediale Aufschrei war groß als die Verantwortlichen bei Provenienz- und Restitutionsfragen nur zögerlich antworteten – will doch das Humboldt-Forum als „Ort für Debatten“ fungieren.

    Einer solchen „Blamage“, wie es der Hamburger Kolonialismusforscher Jürgen Zimmerer betitelte, will die Museumsleitung des GRASSI aber keinen Raum lassen: „Die Frage, ob und wie diese Raubobjekte zukünftig überhaupt noch ausgestellt werden können, beschäftigt uns auch in unserem von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Zukunftsprogramm. Wir fragen uns, inwiefern das Zeigen dieser Objekte eine Fortsetzung kolonialer Gewalt darstellt und wie wir hier, solange die Rückgabe nicht erfolgt, gemeinsame Lösungsstrategien entwickeln können.“

    Aber wieso verzögert sich diese Rückgabe seit 50 Jahren?

    „Das GRASSI Museum kann hier als staatliche Institution nicht eigenmächtig ohne die Schaffung von Grundlagen aus der Politik handeln. Wir können empfehlen und Druck aufbauen, und ich denke, dass es genügend entsprechende Signale an die Politik vonseiten vieler Museen in Deutschland für die Restitutionen der geraubten Benin-Bronzen gegeben hat. Unsere Haltung machen wir jedenfalls deutlich, dass wir nämlich zu einem proaktiven Handeln in Sachen Rückgabe kommen müssen“, so Direktorin Léontine Meijer-van Mensch.

    Während der derzeitige nigerianische Botschafter Yusuf Tuggar bereits mehrere Rückgabeersuche gestellt hat, unter anderem direkt an Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU), bleibt das deutsche Außenministerium still.

    Dort verweist man zum einen auf Gesprächskreise wie die „Benin Dialogue Group“, die den richtigen Umgang mit Raubkunst international diskutiert. „Solche Rückgabeersuchen müssen Angaben enthalten, welche Objekte zurückverlangt werden, und legen Sachverhalt und Gründe des Rückgabeersuchens dar“, heißt es außerdem.

    Die Digitalisierung hilft bei der Aufstellung einer solchen Objektliste, doch viele der Schätze liegen europaweit in den dunklen Depots verschiedener Museen, die mit der digitalen Erfassung ihrer Bestände noch weit hinterherhinken. Diplomatische Feinheiten und schleppende Entwicklungen, die ein regelrechtes Rückgabeflehen seit Jahrzehnten unbeantwortet lassen.

    Bei der Einhaltung des Koalitionsversprechens nach „Aufarbeitung des Kolonialismus“ sollte die Restitution angeforderter Kunstschätze weit oben stehen, konstatiert auch Léontine Meijer-van Mensch: „Da würde ich gerne die Politik in die Pflicht nehmen und sagen, ja Rückgabe ist jetzt wichtig.“

    Doch damit sei es nicht getan, so die Direktorin: „Damit übernehmen wir auch eine Verantwortung für die nächsten 50 Jahre in Sachen Nachhaltigkeit. Denn nur die Objekte in ein Easy-Jet-Flugzeug laden, noch schnell einen Fototermin machen und dann ist es vorbei – wir wissen alle, dass das nicht der Weg ist.“

    Verantwortung übernehmen

    Doch was heißt jetzt konkret für die Museen nach der Rückgabe „Verantwortung zu übernehmen“? Léontine Meijer-van Mensch erklärt: „Was letztlich mit den zurückgegebenen Objekten in den Herkunftsgemeinschaften passiert, ist Sache der Herkunftsgemeinschaften. Mir geht es darum nachhaltige Netzwerke aufzubauen, wenn auch Vertreter/-innen der Herkunftsgemeinschaften dafür offen sind. Die Bronzen liegen immer noch bei uns und nicht nur dafür müssen wir die Verantwortung übernehmen.“

    So müsse man auch abseits und nach der historischen Aufarbeitung und der proaktiven Haltung beim Thema Restitution handeln: „Das bedeutet gegebenenfalls – wenn gewünscht – in einen Wissensaustausch zu treten, der für beide Seiten neue Wege öffnen könnte. Verantwortung kann hier bedeuten, dass wir Museumsexpert/-innen nach Benin-City schicken um in einen Wissensaustausch über Konservierung und Restaurierung zu treten und ihre Expertise einzubringen. Wenn unsere Depotmitarbeiter/-innen und Restaurator/-innen dann zurückkommen, haben sie von dort für uns interessantes Wissen mitgebracht: Was sind Alternativen zur europäisch gedachten Restaurierung? Wie müssen bestimmte Objekte unter ethischen Gesichtspunkten gelagert werden?“

    Es bedeute aber auch, Expert/-innen aus Benin-City einzuladen, um die Geschichte um den Raub und die Bedeutung der Bronzen zu erzählen – aus Sicht der Nachkommen.

    „Verantwortung kann auch bedeuten, dass die Politik in der Pflicht steht – sollte es gewünscht werden – vielleicht ein Depot für das Museum in Benin-City oder anderswo zu bauen. Dies ist, was ich mit ,Netzwerkmuseum‘ meine. Eine andere oder zusätzliche Idee könnte es sein die Kosten zu tragen für die Einrichtung eines nachhaltigen und auf die Bedürfnisse vor Ort abgestimmten Sammlungsmanagements“, schließt die Direktorin.

    700 Objekte aus Togo

    Gleiches gelte natürlich auch für andere Objekte außerhalb der Benin-Sammlung. So wird ab April 2021 ein zweijähriges Projekt vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gefördert. Dabei sollen rund 700 Objekte aus dem historischen Territorium Togo erforscht werden, die in der Kolonialzeit als Ankäufe oder Schenkungen in die Museen für Völkerkunde Dresden und Leipzig gelangten. Auch hier erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit Wissenschaftler/-innen aus Togo.

    Im bereits erwähnten Zukunftsprogramm, gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, soll die alte Dauerausstellung bis 2023 Stück für Stück ersetzt werden. Bei Objekten mit unklarer Provenienz, die aufgrund von nicht überlieferten Informationen wohl auch nie geklärt werden kann, wolle man seine Wissenslücken mit entsprechenden Kennzeichnungen transparent machen.

    Schwieriger ist es bei Raubgut: „Bei Objekten, die aus Unrechtskontexten stammen, deren Provenienz aber geklärt ist, werden wir gemeinsam mit Vertreter/-innen der Herkunftsgemeinschaften nach Lösungen suchen. Können diese Objekte beispielsweise ausgestellt werden, bevor sie womöglich restituiert werden und damit auch die Gewaltgeschichte erzählen, welche die Menschen hinter den Objekten erlebt haben? Wir suchen aktuell gerade auch nach Lösungen, bestimmte Sammlungen respektvoll zu präsentieren.“

    Doch Léontine Meijer-van Mensch sieht vor allem seitens der Politik mehr Handlungsbedarf, um ihre Vorstellungen von verantwortungsvoller und gerechter Provenienzforschung und Restitution umsetzen zu können: „Die Frage ist, ob es reicht, dass schrittweise und durch die auch zeitlichen Beschränkungen der Förderprogramme geforscht wird. Oder gebietet es die Wichtigkeit und Dringlichkeit dieses Anliegens nicht, Strukturen zu schaffen, die insgesamt die Sammlungen in den Blick nehmen zur vollständigen Erfassung und Forschung? Soll es also projektgebunden weitergehen oder soll eine gesamte Übersicht aller Sammlungen ermöglicht werden? Es klingt hier schon heraus, dass ich mich für letzteres starkmachen möchte. Und dafür braucht es sicher nochmals andere organisatorische, finanzielle und strukturelle Hilfestellungen.“

    „Von der Südsee bis Westafrika“ erschien erstmals am 26. März 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG.

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