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Fehlende Kunsthistoriker/-innen einerseits, mangelnde Praxis andererseits: Wie sich Universität und Leipziger Museen helfen könnten

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    In den Depots vieler Museen schlummern Kunstschätze, deren Geschichte bisher kaum erforscht ist. Die Entstehung und der Weg eines Gemäldes können Aufschluss über die jeweiligen Künstler/-innen, über die Käufer/-innen, über den Geschmack einer gesamten Epoche geben. Andere Werke sind aber auch Zeugen von Ungerechtigkeit und Unmenschlichkeit.

    So wurden zwischen 1933 und 1945 rund 600.000 Kunstwerke durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt. Einige Jahrzehnte zuvor beraubten die deutschen Kolonialisten in ihren afrikanischen „Schutzgebieten“ die Einheimischen um ihre Kulturgüter. Und ein großer Teil davon landete in den Museumsdepots. Zur Wiedergutmachung dieser Verbrechen und auch um der Wissenschaft willen, setzen sich die deutschen Museen seit einigen Jahren immer intensiver mit der Provenienzforschung auseinander, die die Herkunft von Kunstwerken untersucht. So auch in den städtischen Museen Leipzigs. Doch die personelle und finanzielle Ausstattung durch öffentliche Gelder erlaubt meist keine dauerhafte Provenienzforschungsstelle. Projekte werden für einen maximal zweijährigen Zeitraum gefördert.

    Das GRASSI Museum für Völkerkunde, das Museum der bildenden Künste (MdbK), das Stadtgeschichtliche Museum sowie das Naturkundemuseum befinden sich allesamt in der Innenstadt. In direkter Nähe zur Universität Leipzig am Augustusplatz und zum Institut für Kunstgeschichte am Dittrichring. Dort lernen die Studierenden alles über Materialien, Epochen und Kunstschaffende – und warten gleichzeitig wissbegierig auf praxisnahe Module.

    Könnten die Museen bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung ihrer Bestände nicht von den angehenden Kunsthistoriker/-innen profitieren? Würden die Student/-innen bei praktischen Provenienzforschungsmodulen nicht perfekt auf einen sehr wichtigen Bereich ihrer späteren Arbeit vorbereitet? Ob diese scheinbare Win-Win-Situation wirklich so einfach zustande kommen kann, beantworten uns die Lernenden und Lehrenden des Instituts sowie die Museumsleitungen der städtischen Häuser.

    In der Heidelberger Stellungnahme, die 2019 von Direktor/-innen der Ethnologischen Museen verabschiedet wurde, wird ein Plan skizziert, wie Dekolonisierung durch Dialog, Expertise und Unterstützung erfolgen könnte: „Für die Forschung erwarten wir von den Universitäten entsprechend innovative und der Komplexität der Sammlungen angemessene, auch praxisnahe Ausbildungsformate.“

    Auch Léontine Meijer-van-Mensch, Direktorin des GRASSI Museums für Völkerkunde, unterzeichnete die Stellungnahme. „Große Museen und Universitäten oder Hochschulen liegen oft nur wenige Meter voneinander entfernt und trotzdem müssen wir konstatieren, dass der Synergieeffekt leider nicht so funktioniert, wie es eigentlich sein sollte. Das hat viele Gründe, beide Institutionen beobachten sich oft mit etwas Skepsis“, schätzt Meijer-van-Mensch die Situation ein.

    Dennoch sei in den letzten Jahren eine Annäherung erfolgt: „Viele Student/-innen und Absolvent/-innen haben bei uns schon in vielen Bereichen, wie etwa der Provenienzforschung, gearbeitet und hier auch wichtige Arbeit geleistet.“ Dabei bringen die Studierenden frische und kritische Perspektiven aus der Universität mit. Auch Abschlussarbeiten, aufbauend auf der musealen Forschung, seien überaus wichtig für die Erschließung der Bestände. „Das ist ein sehr gewinnbringender Kreislauf“, schließt die GRASSI-Direktorin.

    Der Direktor des GRASSI Museums für angewandte Kunst, Olaf Thormann, sieht den Prozess jedoch etwas kritischer: „Ich bin ein Verfechter des Ansatzes, dass gute Provenienzforschung zu jeder musealen Forschung dazugehört und mehr Ergebnisse bringt, wenn sie von denjenigen, die die Sammlungen im Detail kennen, betrieben wird. Eine Einbindung studentischer Kräfte könnte beispielsweise bei der schrittweisen, akribischen Aufbereitung von Datensätzen für unsere online-Kollektion oder bei der Erarbeitung biographischer Informationen zu Verkäufer/-innen sinnvoll sein.“

    Frank Zöllner, Professor am Institut für Kunstgeschichte, erklärt, dass der Studiengang zum Thema Provenienzforschung gut aufgestellt sei. Mehrere Kolleg/-innen boten in den letzten Jahren Module zum Thema an – auch er selbst: „Bei meinen letzten beiden Seminaren, die explizit der Provenienzforschung und dem Komplex der Raubkunst gewidmet waren, habe ich eng mit den Kolleg/-innen der Leipziger Museen und Sammlungen zusammengearbeitet.“ Vor allem das Projekt in der Universitätsbibliothek stellte sich als besonders erfolgreich heraus – es erfolgten mehrere Restitutionen.

    Eine Umfrage der Leipziger Zeitung (LZ) unter den Studierenden der Kunstgeschichte ergab jedoch, dass das Interesse an noch mehr praktischen Angeboten zur Provenienzforschung sehr hoch ist. Da Module zur wissenschaftlichen Erarbeitung von Beständen nur unregelmäßig im Lehrplan angeboten werden, spalten sich die Geister bei der Frage, ob der Studiengang theoretisch gut genug auf solch eine Arbeit vorbereitet. Seitens der Museen sehen die Studierenden aber auch organisatorische und personelle Probleme: Wie kann man größere Gruppen in die Themen einarbeiten? Und wer kann das übernehmen?

    Dennoch: Die Provenienzforschung an den Leipziger Museen kommt nur schleppend voran. Den Studierenden fehlt es oft an praxisnaher Ausbildung. Die Frage sollte nicht sein, ob man zur Lösung beider Probleme zusammenarbeitet, sondern wie solch eine Kooperation aussehen kann, damit sie sowohl universitären als auch wissenschaftlichen Ansprüchen gerecht wird.

    „Fehlende Kunsthistoriker/-innen einerseits, mangelnde Praxis andererseits“ erschien erstmals am 28. Mai 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG.

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