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Die Printausgabe der LZ Nr. 89: Die Rolle der anderen für unser im Lockdown verschwundenes Selbst

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    Es sind drei Zitate, die ganz unverhofft zusammenbringen, was in der neuen Ausgabe der neuen „Leipziger Zeitung“ (Ausgabe 89) zusammengehört, auch wenn unsere emsigen Kolleginnen und Kollegen das so wahrscheinlich gar nicht zusammengedacht haben. Das erste stammt von Jens-Uwe Jopp, der als Lehrer nun wirklich weiß, wie das Zusammenleben mit jungen Menschen ist.

    In seiner „leicht pädagogischen Kolumne“ denkt er über seine Erfahrungen mit der Schule im Lockdown 2020 nach und was da im Mai ganz unverhofft passierte, nachdem die Schüler/-innen zuvor wochenlang im Homeschooling steckten. Auf einmal, kaum durften sie wieder in die Schule, erlebte der Lehrer, wie aufmerksam, gespannt und regelrecht glücklich die Kinder wieder mit ihren Altersgenoss/-innen im Klassenraum saßen und den Stoff so intensiv aufnahmen, wie er das vorher noch nicht erlebt hatte.Auf einmal war dieser Klassenraum wieder ein Ort intensiver Aufmerksamkeit. Und – das hat ihn erst recht überrascht – empfundener Nähe. Empathie, schreibt er. Lernen als ein gemeinsam erlebter Prozess der Bereicherung und – der echten menschlichen Nähe. Und nicht nur seine Kolleg/-innen „waren heilfroh, wieder direkt ansprechbar zu sein und ansprechen zu können“.

    Ganz ähnlich muss es ja auch den Jugendlichen gegangen sein. „Verrückt eigentlich oder gerade, weil es doch so selten gelingt? Die wirkliche ,Perspektivübernahme‘, das Hineinversetzen in einen unbekannten Dschungel an Intentionen, Interessen und Inakzeptanz.“

    Wobei LZ-Leser/-innen ja wissen, dass Jopp nicht nur ein einfacher Lehrer ist, der brav seinen Lehrplan abwickelt. Er liest auch noch neben seiner ganzen Arbeit knifflige Bücher, die wirklich zum Nach- und Mitdenken herausfordern. Und manche davon landen dann in seiner Kolumne „Überm Schreibtisch links“, wo er diesmal das Buch „Wir haben die Zeit“ von Christian Schüle bespricht.

    Wer liest, der findet.

    Und da steckt das nächste Puzzle-Stück. Denn während die Jugendlichen in der Schule auf einmal wieder zu einer Gruppe miteinander neugieriger Menschen wurden, findet ja in der Gesamtgesellschaft irgendwie das komplette Gegenteil statt: Die Menschen grenzen sich immer mehr ab, kommunizieren nur noch auf Distanz und feiern einen Individualismus, der längst in Abwertung anderer, Ausgrenzung und einen zunehmend schärferem Tonfall mündet.

    Er zitiert Schüle mit den Worten: „Die Anrufung des reinen Individualismus hat zu einem zweifelhaften, ambivalenten Imperativ geführt: Sei du selbst!“

    Die neue Leipziger Zeitung (LZ) Nr. 89, VÖ 26.03.2021
    Die neue Leipziger Zeitung (LZ) Nr. 89, VÖ 26.03.2021

    Das klingt dann beinah so wie ein Satz aus Konstanze Caysas Kolumne „Culture-Topia“, ist aber tatsächlich das Gegenteil. Die Philosophin beschäftigt sich diesmal mit „Amor fati“. Auch hier geht es um das Selbst, aber die „Techniken des Selbst“ haben nichts mit dem zu tun, was die von Schüle sezierte neoliberale Gesellschaft mit ihrem Ego-Trip anrichtet. Denn dort geht völlig über Bord, was für Caysa das Wesentliche am Selbst-Sein ist: „Leben als Einlassung, Mit-Leben spielen“.

    Das Glück liegt nicht im Schneckenhaus oder in der rücksichtslosen Umsetzung aller Einfälle, die ein strebender Geist (ja, dieser egoistische Mistkerl Johann Faust) sich einfallen lässt. „Amor fati bedeutet nicht, dass man sein Leben passiv hinnimmt. Es bedeutet, dass man es offen annimmt, unerschrocken und entschieden. Komme, was wolle.“

    Und offen bedeutet nun einmal: offen für andere. Dann da werden Menschen erst glücklich. Wo das erschwert wird (und die Corona-Lockdowns haben das für viele Menschen erst richtig verschärft), da geraten Menschen in Einsamkeit, seelische Not, werden trostlos und landen auch in all den sogenannten „Filterblasen“, bleiben mit ihren Gefühlen, Hoffnungen und Wünschen allein.

    Logisch, dass die neue Ausgabe der LZ in gewisser Weise in diesen Kosmos hineinleuchtet. Mal so in Kürze:

    Luise Mosig schreibt über die Nöte des sächsischen Ministerpräsidenten, irgendwie einen sinnvollen Weg zu finden zwischen „keine Einschränkungen“ und „hartem Lockdown“: „Der Stollenlieferant“.

    Olav Amende schreibt über die „Neuausrichtung des gesellschaftlichen Miteinanders“ in Zeiten der sich verschärfenden Krisen (Corona ist ja nicht unser einziges Problem): „Sich verantworten“.

    Auf der gegenüberliegenden Seite schreibt David Gray dann über das Gegenteil – die sichtbar gewordene Verantwortungslosigkeit einiger Politiker mitten in dieser Krise: „Jesus beim Leberkäs in Berlin“.

    Lucas Böhne interviewt den Demokratieforscher Marius Dilling zu den zunehmenden Verschwörungstheorien: „Einen Grund zur Gelassenheit sehe ich nicht“.

    Antonia Weber erzählt von den Lehrer/-innen, die mit ihren Schüler/-innen gemeinsam um die Rettung des Klimas kämpfen: „Teachers for Future Leipzig“.

    Daniel Thalheim spricht mit dem Dresdner Kurator Paul Kaiser darüber, warum in der bundesdeutschen Kunstforschung die Biografien ostdeutscher Künstler/-innen bislang immer behandelt wurden, als wären das lauter Taugenichtse und Nichtskönner: „Kunst der Umbruchjahre“.

    Antonia Weber schreibt über die Verantwortung Leipziger Museen für das Raubgut aus der Kolonialzeit: „Von der Südsee bis Westafrika“

    Und Jan Kaefer berichtet auch nicht ganz zufällig davon, welche Rolle eigentlich eine gute Mannschaft dabei spielt, dass Leistungssport selbst für introvertierte Menschen so wichtig sein kann, auch wenn Radsportlerin Romy Kasper nicht so ganz verrät, ob sie eher der extravertierte oder der introvertierte Typ ist: „Welche Eigenschaften durch die Krise helfen“.

    Dass das nur ein kleiner Schnelldurchlauf durch eine Zeitung ist, die sich eigentlich genau mit diesen Ur-Fragen des Menschseins in der Gegenwart beschäftigt, muss ich ja nicht betonen.

    Die neue „Leipziger Zeitung (LZ)“ haben unsere Abonnenten natürlich im Briefkasten. Für alle anderen liegt die neue LZ (VÖ 26.03.2021) an allen bekannten Verkaufsstellen aus.

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