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Gefährlicher Gegenstand: Foto-Ausstellung gegen die Stigmatisierung der Eisenbahnstraße und ihrer Bewohner/-innen

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    Mit ihrem Projekt „Gefährlicher Gegenstand: Eisenbahnstraße“ will das Leipziger Fotokollektiv unofficial.pictures seit 2019 ein vielschichtiges Bild der Eisenbahnstraße zeichnen, um sich gegen rassistische und klassistische Vorurteile einzusetzen. Auch wenn die Waffenverbotszone abgeschafft werden sollte, sehen die jungen Künstler noch großen Bedarf, der Stigmatisierung der Bewohner/-innen entgegenzuwirken.

    Mit einer Ausstellung vom 20. bis zum 28. Mai in fünf Sprachen und einem umfangreichen Online-Programm wollen sie betroffenen Menschen Gehör verschaffen und den Diskurs vor Ort auf der Eisenbahnstraße führen.

    „In den Schlagzeilen wird seit Jahren rund um die Eisenbahnstraße in Leipzig immer dieselbe Story wiederholt. Sie handelt immer von Kriminalität, Drogenhandel, Messerstechereien, Schießereien, Schwarzarbeit. Wir sagen: Ja, es gibt diese Probleme, und sie haben gesellschaftliche Ursachen, die nicht erzählt werden. Und es gibt sie hier wie anderswo, doch ist es nicht auffällig, dass sie gerade rund um die Eisenbahnstraße so breitgetreten werden, in den Vierteln von Leipzig wo die meisten nicht-weißen Menschen wohnen?“, kommentieren Frieder Bickhardt und Rafael Brix vom Leipziger Fotokollektiv unofficial.pictures die Berichterstattung in vielen Medien.

    Mit dem Projekt „Gefährlicher Gegenstand: Eisenbahnstraße“, das sie mittlerweile in zwei Ausgaben einer Foto-Zeitung veröffentlicht haben, wollen sie dem ein differenzierteres Bild entgegensetzen.

    „Wir haben viele Gespräche mit Bewohner/-innen des Viertels geführt, in denen es darum geht, wie die Darstellung in den Medien und die Polizeipräsenz auf die Bewohner/-innen wirkt. Wir haben gefragt, wie das Zusammenleben im Viertel ist, ob sie hier von Diskriminierung betroffen sind und was sie sich für das Viertel wünschen würden“, berichten sie von der Entstehung des Projektes.

    Neben den Gesprächen beinhaltet das Projekt verschiedene Fotostrecken mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Mit einer Großformatkamera haben die beiden Dokumentarfotografen Oberflächen des Viertels abgebildet und geschaut, wo sich gesellschaftliche Prozesse wie Gentrifizierung, Kontrolle und Verdrängung zeigen. Zudem waren sie mit einer Bodycam unterwegs, wie sie die Polizei seit 2017 in einem Pilotprojekt einsetzt.

    „In den Videostills haben wir alle außer die Polizei verpixelt, schließlich sind alle die sich hier aufhalten, verdächtig“, kommentieren sie diese Fotoreihe.

    Foto aus dem Projekt „Gefährlicher Gegenstand: Eisenbahnstraße“. Foto: unofficial.pictures
    Foto aus dem Projekt „Gefährlicher Gegenstand: Eisenbahnstraße“. Foto: unofficial.pictures

    Mit einer weiteren Reihe von Videostills dokumentieren sie die Darstellung der Eisenbahnstraße in Fernseh-Reportagen. Um die äußeren Veränderungen in den Vierteln visuell darzustellen, suchten sie außerdem auf Google-Street-View-Aufnahmen von 2008 nach eigenen Bildern. Und sie benutzten Kommentare von booking.com, Tripadvisor und anderen touristischen Plattformen, um die allgegenwärtige Bewertung des Viertels und den konsumierenden Blick von außen zu dokumentieren.

    Am 18. Februar 2021 stimmte der Leipziger Stadtrat nach langer Diskussion nun dafür, dass sich der Oberbürgermeister beim sächsischen Innenministerium für die Abschaffung der Waffenverbotszone im Leipziger Osten einsetzen soll. Im März hat das Sächsische Oberverwaltungsgericht das Verbot von „gefährlichen Gegenständen“ für rechtswidrig erklärt.

    Die Waffenverbotszone besteht aber bis heute weiter. Und die bei der Einführung für Ende 2019 festgelegte wissenschaftliche Evaluation lässt seit eineinhalb Jahren auf sich warten. Und auch wenn die Zone abgeschafft werden sollte, können hier diskriminierende Kontrollen auf der Basis eines von der Polizei festgelegten „Gefahrengebietes“ weitergehen, wie es auch schon vor der Einführung der Fall war.

    „Auch die oft rassistische oder klassistische Stigmatisierung der Bewohner/-innen des Viertels wird nicht von allein verschwinden“, vermuten die beiden Fotografen von unofficial.pictures. Deswegen finden sie es weiterhin wichtig, betroffenen Menschen zuzuhören und gemeinsam daran zu arbeiten, dass Vorurteile verschwinden und Ausschlüsse und Abwertungen der Vergangenheit angehören.

    Klassistisch heißt in diesem Fall: Menschen werden nicht nur aufgrund ihres „ausländischen“ Aussehens diskriminiert und kontrolliert, sondern auch, weil sie aufgrund von Kleidung und Erscheinungsbild nicht ins Muster des maßstabsetzenden bürgerlichen Mittelstands passen. Armut und Unangepasstheit werden zum Kontrollmuster einer stereotypen Polizeipolitik.

    Zur Biennale „Art Go East to collaborate“ vom 20. bis 28. Mai wollen die Fotografen deswegen ihr Projekt in Form einer Ausstellung mit Programm zurück auf die Eisenbahnstraße bringen. Im Bildungs- und Kunstverein Sagart in der Hausnummer 37 in der Eisenbahnstraße zeigen sie unter anderem eine große Schwarzweißfotografie und die Portraits der Bewohner/-innen, mit denen sie gesprochen haben.

    Ihre eigenen Fragen und Wünsche können Besucher/-innen an einer interaktiven Zettelwand aufschreiben oder digital per Mail, auf Instagram oder Facebook schicken. Ob die Ausstellung physisch besucht werden kann, wird auf Basis der aktuellen Corona-Lage und Verordnungen noch entschieden und auf der Projektwebseite veröffentlicht.

    Das Programm zur Ausstellung

    Zusätzlich zur Ausstellung haben unofficial.pictures ein umfangreiches Online-Programm geplant, um weitere Perspektiven zu Wort kommen zu lassen und ins Gespräch zu kommen. Zur Vernissage am 20. Mai um 18 Uhr sprechen sie zunächst mit Michael Touma, dem Kurator vieler Ausstellungen im Sagart, und lesen aus einigen der Interviews.

    Am 21. Mai, ebenfalls ab 18 Uhr, haben unofficial.pictures die Postmigrantische Störung zu einer Lesung eingeladen – ein Autor/-innenkollektiv, das schreibt, liest, performt, aufregt, beruhigt, mitfühlt, stört.

    Die Pädagogin, Autorin und forschende Aktivistin Ayşe Güleç konnten sie für einen Vortrag am Samstag, 22. Mai, von 11 bis 13 Uhr gewinnen. Sie spricht darüber, wie künstlerische Methoden und Ausdrucksformen dazu beitragen können, das öffentliche Bewusstsein für migrantisch situiertes Wissen zu wecken und aufrechtzuerhalten.

    Am Nachmittag ab 15 Uhr wollen sich die beiden dann in einem Workshop mit angemeldeten Teilnehmer/-innen über eigene Erfahrungen und thematische Schwerpunkte und Ideen für eigene künstlerisch-aktivistische Aktionen austauschen.

    Als Abschluss des Programms reden auf einem Podium am 23. Mai ab 16 Uhr lokale Initiativen darüber, was es braucht, um gegen Rassismus vorzugehen und die Stigmatisierung der Eisenbahnstraße abzubauen.

    Alle Veranstaltungen finden online im Browser über BigBlueButton statt. Kurz vor Beginn wird der jeweilige Zugangs-Link auf der Projektwebseite dangerous.unofficial.pictures veröffentlicht. Dort finden sich auch aktuelle Informationen zur Ausstellungsöffnung, eine Online-Ausstellung zeigt viele Bilder und Texte, und Interessierte können die Zeitungen in fünf Sprachen (Deutsch, Englisch, Arabisch, Türkisch, Russisch) bestellen.

    unofficial.pictures sind Rafael Brix und Frieder Bickhardt. Beide haben Dokumentarfotografie studiert und in den verschiedensten Kontexten Lehr-Erfahrungen sammeln können.

    Als 2016 Pegida und der Leipziger Ableger Legida den öffentlichen Diskurs über Geflüchtete stark beeinflussten, haben sie sich zusammengetan und bieten seitdem Workshops an, in denen häufig auch Menschen mit Fluchterfahrungen Gelegenheit bekamen, durch künstlerische Mittel für die eigene Perspektive und Rechte zu kämpfen, z.B. Fahd Aldaya durch das Buch und die zugehörige Ausstellung „Die Jasmin-Flucht“.

    Mit der Zeitung „Gefährlicher Gegenstand: Eisenbahnstraße“ waren sie im Sommer 2019 als Teil der Wanderausstellung „Kein schöner ____ in dieser Zeit“ auf öffentlichen Plätzen in 4 sächsische Kleinstädten (Döbeln, Weißwasser, Annaberg-Buchholz und Hoyerswerda) zu sehen.

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