Claudia Bauer inszeniert Peter Richters Wenderoman „89/90“ – Ein Interview

LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug aus der aktuellen Ausgabe 35Hausregisseurin Claudia Bauer bringt am Schauspiel Leipzig den Wenderoman „89/90“ auf die Bühne. Autor Peter Richter schildert in dem Werk, wie er als Jugendlicher den politischen Umbruch in Dresden erlebt hat. Am morgigen Freitag, 16. September, feiert das Stück Premiere.

LZ: Peter Richter verarbeitet in seinem Roman „89/90“ seine persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse in den Wendejahren. Wie haben Sie diese Zeit des politischen und sozialen Umbruchs erlebt?

Bauer: Ich habe das Ganze aus dem Westen heraus erlebt. Ich war gerade in Salzburg auf der Schauspielschule aufgenommen worden und hatte natürlich ganz andere Probleme. Ich hatte schon in West-Berlin mit geschlossener Mauer gelebt, bin dann aber kurz nach Maueröffnung dorthin zurückgegangen. Das war schon eine krasse Erfahrung. Berlin war plötzlich keine isolierte Stadt mehr, sondern hatte ein Umland. Man sah eine Landbevölkerung in der Stadt, die es vorher nicht gab.

LZ: Haben Sie nach der Maueröffnung den Osten bereist?

Bauer: Ich bin sehr schnell mit dem Osten in Kontakt gekommen. Dank der Maueröffnung durfte ich an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ studieren. Ich bin auch sofort in den Osten gezogen, wo ich eine Wohnung besetzt habe. Ich habe schnell Ost-Berlin und Weimar und wo man dann so alles hinfuhr kennengelernt.

LZ: Waren Sie auch in Dresden?

Bauer: Nein, in Dresden war ich erst später.

LZ: Warum ist der Stoff aus heutiger Perspektive aktuell?

Bauer: Da ist die ganze Diskussion mit den aufkommenden Rechten, bei der man sich immer die Frage stellen muss, wo hat das angefangen, hat das jemals aufgehört? Ist das nicht ein schlummernder eckiger Kristall, der irgendwo in Deutschland wohnt und immer, wenn es eine anarchistische oder krisenhafte Situation gibt, aufploppt und sich vervielfältigt? Das ist das, was bei „89/90“ auch passiert. Dass sozusagen in einer Situation der Unsicherheit diese Bewegung wieder Zulauf fand.

LZ: Das heißt, der Roman handelt aus ihrer Warte heraus von Unsicherheiten von politisch verwirrten Menschen?

Bauer: Das Buch erzählt von einer Situation großer Unsicherheit, aber auch großer Chancen. Beides wird beschrieben.

LZ: Wie sind Sie auf den Stoff gekommen?

Bauer: Enrico Lübbe entstammt demselben Jahrgang wie Peter Richter. Deshalb hat er den Roman als relevanten und zugleich unspielbaren Stoff an mich herangetragen. Da ich die Regisseurin für die unspielbaren Stücke bin. Ich habe – blauäugig und mutig wie ich bin – dazu ja gesagt.

LZ: Der Autor erzählt aus der subjektiv-eingefärbten Ich-Perspektive, wie er die politische Wende in Dresden wahrgenommen hat. Der Theaterzuschauer nimmt dagegen naturgemäß in aller Regel die Rolle des Beobachters ein, der von außen auf das Bühnengeschehen blickt. Mit welchen theatralen Mitteln übersetzen Sie Richters Erzählperspektive auf die große Theaterbühne?

Bauer: Es gibt eine Erinnerungsebene, auf der sich der Ich-Erzähler bewegt. Und es gibt eine Spielebene. Er bewegt sich sehr, sehr häufig auf dieser Erinnerungsebene. Beides ist räumlich voneinander getrennt. Es gibt einen Erinnerungsraum und einen Handlungsraum. Mehr will ich jetzt nicht verraten.

LZ: Sie arbeiten in dieser Produktion mit einem Bühnenchor. Welche Aufgabe kommt den Sprecherinnen und Sprechern zu?

Bauer: Sprechchöre und deutsches Liedgut. Wir haben Punksongs von berühmten Ostbands wie Sperma Combo und Feeling B verarbeitet. Der Punksong wird als deutsches Liedgut verarbeitet, denn wenn ein Punksong über 25 Jahre alt ist, gehört er zum deutschen Liedgut.

LZ: Der Chor setzt sich überwiegend aus Laien zusammen.

Bauer: Das sind perfekte Sänger.

LZ: Inwieweit unterscheidet sich die Arbeit mit Amateuren von der mit Profis?

Bauer: Das ist hier nicht so schlimm, denn die Laien machen das, was sie wirklich können: Singen und rhythmisch sprechen. Und sie haben einen Dirigenten dabei. Sie machen nicht dasselbe wie die Schauspieler, sondern etwas anderes. Deswegen funktioniert das.

LZ: „89/90“ ist nicht der erste Roman, den Sie in Leipzig auf die Bühne bringen. Ohnehin scheint es bundesweit gerade im Trend zu liegen, populäre Roman- und Filmstoffe auf die Schauspielbühnen zu bringen. Gehen der großen Bühnenliteratur die Themen aus?

Bauer: Ich glaube, es ist tatsächlich so, dass sich neue Autoren nicht einem Weltentwurf widmen. Es ist auch sehr schwierig, einen Weltentwurf heutzutage zu machen. Wenn Theaterleute Romane machen, ist es eine sehr, sehr große Sehnsucht, eine Welt zu erzählen und nicht nur ein Segment, eine kleine Brennglasgeschichte. Aber ehrlich gesagt, möchte ich nach diesem Roman wieder ein Stück machen.

„89/90“ Premiere 16. September, 19:30 Uhr

Weitere Termine und Informationen http://www.schauspiel-leipzig.de

Die LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 35 erscheint am 16. September 2016 überall in Leipzig, wo es gute Zeitungen gibt.

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