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Überfall auf Connewitz (3): Prominente Namen & eine merkwürdige WhatsApp-Chatgruppe

Von Alexander Böhm, Martin Schöler & Michael Freitag

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    Bis heute gibt es in Leipzig einige markante Fälle von politisch motivierten Gewalttaten und Überfällen aus dem rechten bis rechtsextremen Milieu, die nie aufgeklärt wurden. Bis ins Jahr 2013 reichen die aktuell offenen Straftaten zurück, mit denen sich kein Richter je befasste, weil Staatsanwaltschaften und Polizei keine Täter ermitteln konnten. Manche Beziehungen sind noch älter, auch das Jahr 2008 taucht auf. Der anstehende Prozess gegen die Beteiligten am Überfall vom 11. Januar 2016 in der Connewitzer Heinze-Straße und eine weitere Akte könnten auch neue Erkenntnisse zu offenen Straftaten bringen. Denn offenbar haben sich langjährige Strukturen verfestigt.

    Istvan R. (28) führte, nach der Ermordung seiner kleinen Nichte Michelle im Spätsommer 2008 in den Stadtteilen Reudnitz, Thonberg und Stötteritz erst einen Suchtrupp und später eine rechtsextreme Protestwelle gegen einen Sexualstraftäter an. Der Ruf nach dem „Tod für Kinderschänder“ auf der Martinstraße wurde in überregionalen Medien berichtet. Später, im Jahr 2009, kandidierte der Rechtsextremist auf der NPD-Liste erfolglos für den Leipziger Stadtrat. Nun findet sich sein Name auf einer anderen Liste wieder – derer, die am 11. Januar 2016 nach dem Überfall auf Connewitz nach den Randalen von der Polizei in Gruppen aufgegriffen wurden.

    Ebenfalls mit dabei: Das Zwillingspaar Andreas und Dittmar S. (26), welches seit Jahren als extrem gewaltbereit gilt. Hooligan Thomas K. (29) hingegen saß wegen eines politisch motivierten Überfalls auf Insassen eines LVB-Nachtbusses bereits hinter Gittern. Neben ihm ebenfalls zugegen waren auch der frühere Leipziger Stadtratskandidat Daniel S. (23) und der umtriebige sächsische JN-Aktivist Alexander S. (21). Beide Männer verband zuletzt die Liebe zum 1. FC Lok.

    Mit dem ehemaligen Scenario-Anhänger Peter K. (29) befand sich obendrein ein früherer Hells-Angels-Sympathisant unter den am 11. Januar 2016 auf der Wolfgang-Heinze Festgenommenen. Vor Ort dabei waren mit dem Alt-Hool Riccardo S. (46) und dem ehemaligen Kampfsportler Michael W. (42) auch zwei jener Neonazis, die schon im Oktober 2009 Spieler und Fans des Vereins Roter Stern Leipzig in Brandis angegriffen und teils schwer verletzt hatten.

    Doch eine Frage ist bei dieser letztlich losen Sammlung an Gewalttätern offen. Wer hat die ganze Aktion geplant und dazu vom Verfassungsschutz unbemerkt aufgerufen?

    Brisante WhatsApp-Chats

    Der L-IZ.de liegen Auszüge aus einer internen WhatsApp-Chatgruppe vor, in der sich Neonazis, Hooligans und Freefighter schon in der Vergangenheit über politisch motivierte Straftaten ausgetauscht haben.

    Ermittler entdeckten die Gruppe auf einem Handy, das Kampfsportler Benjamin B. im März 2015 benutzt hatte. Die Staatsanwaltschaft geht gegenwärtig davon aus, dass der Wurzener in jener Gruppe einen fingierten Fahndungsaufruf wegen angeblicher Kinderschändung auf Facebook verbreitete, um einen Co-Autor dieses Artikels wirksam zu verleumden und ihn unter Umständen Übergriffen auf offener Straße auszusetzen.

    Die Diskutierenden erörterten in der Gruppe offen, wie sie darüber hinaus an die Anschrift des Journalisten gelangen könnten. „Habe den schon angezeigt um das raus zu kriegen“, schrieb etwa der User „Tom“ (Fehler im Original). „Wurde aber alles geschwärzt.“ Gemeint ist hier, dass die Adressdaten auf Hinweis an die Ermittlungsbehörden bei triftigen Gründen auch unkenntlich gemacht werden können. Häufig ist dies der Fall, wenn die Verfolgungsabsicht, wie durch „Tom“ angedeutet, vorliegen könnte.

    Fast einen Monat lang geschlossen. Das Shahia II nach dem Überfall auf der Heinze-Straße. Foto: L-IZ.de
    Fast einen Monat lang geschlossen. Das Shahia II nach dem Überfall auf der Heinze-Straße. Foto: L-IZ.de

    Ein anderer User hakte nach: „Wieso wird der so sehr geschützt? Muss einen richtig wichtigen Grund haben.“ „Das sagt Arndt auch“, antwortete „Tom“. „Es muss einen wichtigen Grund haben.“ Der Grund ist letztlich nicht „wichtig“, sondern ein notwendiger und frei von in diesen Kreisen offenbar vorhandenen Verschwörungstheorien von Staat und Journalismus bei der L-IZ. Der L-IZ – Kollege muss sich seit Jahren durch Adresssperren und Schwärzungen in Akten zu haltlosen Anzeigen vor allem selbst vor Übergriffen schützen.

    Bei „Tom“ hingegen soll es sich laut Ermittlungen der Polizei um Thomas P. handeln. Der Geschäftsmann, der in Belgern-Schildau gemeldet ist, gilt als Gründer des Szenelabels „Front Records“ und bestreitet seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von rechtsextremen Merchandise. Bei jenem „Arndt“ könnte es sich nach Einschätzung der Redaktion um einen selbstständigen Juristen handeln, der seit Jahren unzählige Mandate in der sächsischen Neonaziszene annahm.

    Teil des etwa 30-köpfigen Netzwerks, das sich in der Chatgruppe austauschte, war seinerzeit nach Erkenntnissen der Ermittler auch Paul R. (26). Die Staatsschützer gehen ferner davon aus, dass sich Thomas K. an den Diskussionen beteiligte. Die Namen Heiko B. (35) und Tobias K. (35) tauchen nunmehr auch auf der Liste der 215 am 11. Januar 2016 auf der Wolfgang-Heinze-Straße festgenommenen Randalierer auf. Mit von der Partie eventuell auch ein weiterer Chat-Nutzer namens „Joker“, der in der Chatgruppe zu berichten weiß, dass in der Vergangenheit Leute versucht hätten, den L-IZ – Journalisten am Rande von Fußballspielen abzupassen.

    Direkte Querverbindungen

    „Joker“ ist zufälligerweise der Spitz- und Freefight-Kampfname von Christopher H., welcher unter den Festgenommenen des 11. Januar zu finden ist. Ob der Chat-Beitrag tatsächlich von dem Käfigkämpfer stammt, ist nicht erwiesen, da es die Ermittler bislang versäumten, die Nutzer sämtlicher WhatsApp-Accounts in der Gruppe zu ermitteln.

    Dass der Angriff auf Connewitz selbst innerhalb eben jenes Netzwerkes geplant und organisiert wurde, ist unbewiesen. Allerdings belegt diese Chatgruppe eindrucksvoll die enge Vernetzung von Hooligans, Freefightern, subkulturell orientierten Rechten und den Jungen Nationaldemokraten im Großraum Leipzig. Ein solcher Personenkreis szenebekannter Namen hätte vermutlich keine große Mühe, klandestin über 200 Personen aus diesen Lagern an einem Ort zusammenzutrommeln.

    Dass eine interne LEGIDA-Chatgruppe in die Gruppe implementiert ist, legt zudem direkte Kontakte zwischen den militanten Rechten und Personen aus den inneren LEGIDA-Kreisen nahe. Deren ehemaliger Anführer Markus J. stammt übrigens wie Benjamin B. aus Wurzen. LEGIDA hat sich bis heute nicht zum Angriff am 11. Januar geäußert, geschweige distanziert, Markus J. hat sich mittlerweile zurückgezogen. Am Abend dieses Tages hatten erste Meldungen bereits die Runde gemacht, als auf der Bühne noch Ex-Hooligan Hannes Ostendorf (Ex-Kategorie C – Frontmann, heute „Weiße Wölfe“) seine Lieder sang.

    215 Menschen vor Gericht

    Die noch ausstehenden Anklagen und Verhandlungen rings um den Überfall vom 11. Januar 2016 könnten vor Gericht vor allem eines deutlich machen. Dass sich unter den Augen der Verfolgungsbehörden eine Gruppe bekannter Rechtsextremer zu Straftaten verabredeten und durch ihre Verzweigungen in weitere Szenerien hinein einen bis heute beispiellosen Überfall auf ein Leipziger Stadtviertel planten.

    Angesichts der gefestigten Strukturen der inneren Kreise könnten auch Fragen zu weiteren, bis heute nicht aufgeklärten Straftaten in Leipzig bei den Behörden auftauchen. Die bis heute offenen Attacken auf den 1. FC Lokomotive Leipzig inklusive eingeworfener Glasscheiben und zerstochener Reifen bis hin zu einem Angriff im eigenen Stadion auf den damaligen Lok-Sicherheitschef nach dem „Scenario“-Rauswurf ebenso, wie der ungeklärte Überfall im Oktober 2013 auf den RB-Leipzig Trommler „Mocke“ auf der Leibnizstraße. Damals hatten unbekannte Täter den RB-Fan vermummt und vor den Augen weiterer Menschen mit Schlägen und einem Stein traktiert.

    Und natürlich auch der Überfall auf einen L-IZ – Journalisten und einen damaligen Spieler der BSG Chemie am gleichen Tag im Jahr 2014 auf offener Straße. Seitdem bis heute recherchiert die L-IZ durchgängig in diesen und anderen Fällen.

    Viele derer, die am 11. Januar mit Pyrotechnik, Steinen und Parolen bewaffnet durch die Wolfgang-Heinze-Straße zogen, werden sich bei Prozesseröffnung als Mitläufer darstellen und auf geringe Strafen hoffen. Manche sollten wohl eher die Frage zu beantworten haben, wann sie aufhören wollen, politische Gewalt als Lebensmaxime zu sehen.

    Überfall auf Connewitz (2): Junge Lok-Ultras politisch missbraucht?

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