Alle Augen richten sich bereits auf die brisante Palästina-Großdemo am 17. Januar – doch auch vorher ist für Connewitz schon eine Versammlung geplant, wenngleich mit anderem Hintergrund: An diesem Sonntag jährt sich der brutale Überfall von bis zu 300 Hooligans und Neonazis auf das Szeneviertel zum zehnten Mal. Am Montagabend will man eine Dekade danach noch einmal „auf Spurensuche“ gehen, wie es heißt.

„Hooligans! Hooligans!“ – unter solcherlei martialischen Schlachtrufen, begleitet vom flackernden Licht der Pyrotechnik und zerberstendem Glas, waren am Abend des 11. Januar 2016 geschätzt 250 bis 300 Personen aus dem Neonazi-Milieu über die Wolfgang-Heinze-Straße in Connewitz marschiert.

Es war der erste Jahrestag des damaligen Leipziger Pegida-Ablegers namens Legida in der Innenstadt, der schwarz gekleidete und teils mit Äxten, Stangen und Totschlägern bewaffnete Mob hinterließ eine Schneise der Verwüstung im linksalternativ geprägten Connewitz. Menschen wurden eingeschüchtert, angegriffen und bedroht, Autos, Geschäfte und Wohnhäuser demoliert, offiziell entstanden rund 113.000 Euro Sachschaden.

Nagel kritisiert: Hintergründe und Drahtzieher nicht ermittelt

Zehn Jahre danach wird für Montagabend, den 12. Januar 2026, ab 19:00 Uhr zu einer Demo am damaligen Ort des orchestrierten Neonazi-Überfalls aufgerufen. Er zählt zu den wohl größten seiner Art der vergangenen Jahrzehnte und hat sich tief ins kollektive Gedächtnis der Connewitzer Bevölkerung eingebrannt.

Stellvertretend für viele fasst die Leipziger Stadträtin und Sächsische Landtagsabgeordnete Juliane Nagel (Die Linke) zusammen, wie ernüchternd die rechtliche Aufarbeitung des weithin beispiellosen Geschehens nach zehn Jahren für sie aussieht: „Weder wurden die Drahtzieher und Hintergründe des geplanten und koordinierten Angriffs ermittelt, noch gab es ernstzunehmende Konsequenzen für die Beteiligten“, moniert Nagel die juristische Bilanz des 11. Januar 2016.

Die herbeigeeilte Polizei hatte damals 215 überwiegend ortsunkundige Angreifer rasch eingekesselt und Ermittlungen wegen Landfriedensbruchs eingeleitet. Heute ist die Aufarbeitung vor Gericht weitgehend erledigt, der erste Prozess gegen zwei Beteiligte hatte erst im August 2018 begonnen.

Die ersten einer langen Reihe von Angeklagten rings um den Überfall auf Connewitz: Dennis W. (26) und Martin K. (26, v.l.) betreten den Gerichtssaal. Foto: Lucas Böhme
Die ersten einer langen Reihe von Angeklagten rings um den Überfall auf Connewitz: Zwei Beteiligte (damals 26) betreten 2018 den Saal im Leipziger Amtsgericht. Verhängte Haftstrafen wurden in zweiter Instanz zur Bewährung umgewandelt. Foto: Lucas Böhme

Es gab insgesamt wenige Haftstrafen, oft bot Sachsens chronisch überlastete Justiz Bewährung gegen Geständnisse an. Einzelne Personen wurden auch freigesprochen. Besonders ragt laut Juliane Nagel der Fall des JVA-Mitarbeiters Kersten H. hervor, der sich schier endlos durch die Jahre zog.

Sprengsatz geworfen, Geschäfte und Menschen attackiert

Am Montagabend nun will sich die laut einem Bericht der LVZ mit 300 Personen bei der Stadtverwaltung angemeldete Demonstration in der Wolfgang-Heinze-Straße noch einmal auf „Spurensuche“ begeben, wie es heißt.

Laut Augenzeugenberichten von 2016 attackierten Angreifer aus dem Aufzug auch gezielt Passanten, die sich in Lokale retteten. In einem Bistro wurde die Decke durch einen Sprengsatz beschädigt, der Thekenmitarbeiter und die Gäste flüchteten in Panik durch eine Hintertür.

An einer Kneipe konnte nur die vereinte Kraft mehrerer Personen verhindern, dass der rechtsextreme Mob die Tür aufbekam und ins Innere eindrang.

Diskussionsveranstaltung im UT Connewitz am Sonntag

Schon am Sonntagabend ab 19:15 Uhr (Einlass: 18:45 Uhr) soll bei einer Runde im UT Connewitz über die Täter vom 11. Januar 2016, den Kontext des Geschehens, dessen Aufarbeitung und die Perspektive der Opfer diskutiert werden.

An der Organisation der Demo am Folgeabend sind dann neben Juliane Nagel auch der Rote Stern Leipzig und weitere Akteure beteiligt. Nur fünf Tage später dürfte Connewitz dann freilich mit der angekündigten Palästina-Demonstration eine ganz andere Lage bevorstehen.

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