Mit einer ausführlichen Zeugenvernehmung setzte das Oberlandesgericht Dresden in der vergangenen Woche den Prozess gegen die Studentin Lina E. aus Leipzig und drei Mitangeklagte fort, denen die Begehung und Planung brutaler Überfälle auf rechts bis rechtsextrem eingestellte Personen zur Last liegt. Diesmal ging es um zwei Vorfälle aus 2019 im thüringischen Eisenach. Der eigentlich erwartete Zeuge Leon R. ließ sich entschuldigen – doch sein Kumpel hatte Einiges zu erzählen.

Zwei Überraschungen auf einmal

Mittwoch, der 26. Januar 2022, hielt vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts (OLG) in Dresden gleich zwei Neuigkeiten bereit: Kaum hatte der Vorsitzende Richter Hans Schlüter-Staats die Kunde überbracht, dass der rechtsextreme Kneipenbetreiber Leon R. aus Eisenach wegen Verdachts auf einen Bandscheibenvorfall vorerst nicht kommen wird, verwies Lina E.s Verteidigerteam auf die Eilmeldungen über morgendliche Razzien der Polizei unter anderem im Leipziger Stadtteil Connewitz.Anwalt Erkan Zünbül verlangte, dem Fortgang des Prozesses müsse durch Akteneinsicht eine Klärung vorausgehen, inwieweit sich aus den Hausdurchsuchungen Belastendes für das laufende Verfahren ergibt.

Nach einem verbalen Schlagabtausch mit dem Gericht entschied der Vorsitzende, der Prozess werde fortgeführt, da die für heute angesetzte Zeugenvernehmung nichts mit dem Geschehen in Leipzig zu tun habe – schließlich handelte es sich nach Auskunft der Bundesanwaltschaft um eine Maßnahme der Generalstaatsanwaltschaft Dresden.

Tatsächlich ergaben die weiteren Informationen aber, dass sich die Razzien mindestens in zwei Fällen auf angebliche Unterstützer des flüchtigen Lebensgefährten von Lina E., Johann G. bezogen. Und damit mindestens indirekt doch mit dem Verfahren in Dresden zu tun haben.

Überfälle im Oktober und Dezember 2019

Maximilian A. (21), der dann auf dem Stuhl vor der Richterbank Platz nahm, ist nach eigener Aussage seit Jugendtagen mit Leon R. aus Eisenach, einem der Geschädigten, befreundet. Dieser wiederum gilt als gut vernetzt in der regionalen Neonazi-Szene, ihm werden auch enge Kontakte zum rechtsextremen Netzwerk „Atomwaffendivision“ und ins Kampfsportmilieu nachgesagt.

Seine Kneipe „Bulls Eye“ in Eisenach hat den Ruf eines Szenetreffs. Genau diese wurde am 19. Oktober 2019 von einer Gruppe Angreifer brutal attackiert. Nur wenige Wochen darauf, am 14. Dezember, folgte ein weiterer Überfall auf Leon R. und Begleiter, diesmal in unmittelbarer Nähe seiner Privatwohnung – zwei Vorwürfe in einer Reihe von Straftaten, die den vier Angeklagten durch die Ermittler zugeschrieben werden.

Zeuge will Frau erkannt haben

Maximilian A. war bei beiden Vorfällen anwesend, hatte gegenüber der Polizei ausgesagt, eine Frau sei jedes Mal unter den Angreifern gewesen, die offenbar Kommandos zum Rückzug erteilt habe. „Ich war als Gast dort. Dann kamen Leute in die Kneipe rein, bewaffnet, haben angefangen, wahllos auf Gäste einzuschlagen“, erinnerte sich der junge Tiefbau-Angestellte an das nächtliche Geschehen in der Bar vor mehr als zwei Jahren.

„Das hat, denke ich mal, in unter einer Minute stattgefunden.“ Alle Täter waren demnach vermummt und maskiert, auch Reizgas sei versprüht worden.

Dann habe eine weibliche Stimme so etwas wie „Zurück!“ gerufen, der Angreifer-Trupp flüchtete im Schutz der Dunkelheit, die wenigen Kneipenbesucher und der Wirt blieben geschockt und zum Teil verletzt zurück.

Bei der Polizei berichtete Maximilian A. später auch von einer weiblichen Person mit Kapuze, Schlauchschal und schulterlangem Haar. An dieses Detail erinnerte er sich vor Gericht nicht mehr explizit – die weibliche Stimme dagegen sei ihm im Gedächtnis geblieben.

Angriff am Wohnhaus

Am 14. Dezember 2019 war er gemeinsam mit Leon R., den Maximilian A. selbst als „politisch gesehen sehr weit rechts stehend“ bezeichnet, und zwei Bekannten nach einem Besuch im „Bulls Eye“ im Auto unterwegs. A. war Beifahrer. Kurz nach drei Uhr morgens habe man Leon R. vor seinem Wohnhaus abgesetzt, als mehrere Personen auf dem Gehweg in dessen Richtung gelaufen seien, so der Zeuge.

Dann ging es sehr schnell: Ein Schlag auf die Windschutzscheibe und ein Angriff von geschätzt acht, neun Personen auf Leon R. auf dem Bürgersteig, der sich gerade von seinen Begleitern verabschiedet hatte und zu seinem Wohnhaus wollte.

„Sonst bringen wir ihn beim nächsten Mal um“

Als der PKW stoppte und die Männer ausstiegen, um Leon R. zu helfen, kamen die Täter auf sie zu und sie zogen sich in den Wagen zurück, beschreibt Maximilian A. den Angriff. Doch da der Motor nicht sofort ansprang, konnten die Angreifer die Tür aufreißen und prügelten auf die Insassen des Fahrzeugs ein, auch Pfefferspray sei wieder im Spiel gewesen.

Leon solle „aufhören mit der Scheiße“ und „sonst bringen wir ihn beim nächsten Mal um“ – diese Drohungen seien geäußert worden, 30-40 Sekunden ging der Überfall. „Ich habe mich mit dem Arm geschützt und das Bein angezogen“, schilderte Maximilian A. weiter.

Dennoch erlitt der damals 19-Jährige wie auch Leon R. erhebliche Verletzungen, konnte nach eigener Aussage mehrere Tage nicht laufen und greifen, trug psychische Langzeitfolgen davon. Aufgefallen seien ihm zwei abgestellte PKW mit Eisenacher und Leipziger Kennzeichen, aus deren Richtung die Gruppe kam.

Im Rahmen der Fahndung stoppte die Polizei wenig später einen VW Golf und einen Skoda Octavia. Unter vier festgesetzten Personen befand sich auch Studentin Lina E. aus Leipzig.

Einsilbigkeit, Nichtwissen und Brettspiele mit Extremisten

Maximilian A. musste am Donnerstag, den 27. Januar, noch einmal in den Zeugenstand, wurde auch durch die Anwältinnen und Anwälte der vier Angeklagten eingehend ins Gebet genommen. Sein Verhältnis zu Neonazi Leon R., den er seit vielen Jahren kennt, sei heute nicht mehr ganz so innig, wegen der Arbeit, „aber auch aus anderen Gründen“, auf die er nicht näher einging.

Beide hätten nach den Taten zusammen gemutmaßt, dass Linksgerichtete von Auswärts hinter den Angriffen stehen. Den Namen der Verdächtigen Lina E. habe er wohl erstmals nach dem zweiten Vorfall bei der Polizei gesehen oder gehört, gab Maximilian A. zu Protokoll. Es habe ja auch immer wieder Medienberichte gegeben; über Leon R. und das „Bulls Eye“.

Zu seiner Verbindung in die Kampfsportszene und zu der als militant geltenden Eisenacher Gruppe „Knockout 51“ erklärte Maximilian A., er habe nur mal zwei Jahre amateurmäßig trainiert. Die Antworten des jungen Mannes auf bohrende Fragen nach seiner Beteiligung etwa bei der rechtsextremen Vereinigung „Nationaler Aufbau Eisenach“ fielen denkbar einsilbig aus: Man habe sich getroffen, sich unterhalten, wie es einem geht, wie der Tag so war, sei auch mal zum Zelten gefahren oder habe Brettspiele gemacht.

Von rechtsradikalen Graffitis, Übergriffen auf Linke und Migranten, die der Gruppierung zugeschrieben werden, wisse er nichts.

Eine Frage wollte er nicht beantworten

Auch gab er zu, mal mit Leon R. auf einem tschechischen Schießstand gewesen zu sein. Ob der Ausflug als „Tschechienfeldzug“ bezeichnet wurde, wie von der Verteidigerbank gefragt, daran wollte sich der 21-Jährige nicht mehr erinnern.

Nach seiner Teilnahme bei der rechtsextremen Kampfsportveranstaltung „Kampf der Nibelungen“ befragt, verweigerte Maximilian A. zunächst eine Antwort – die musste er erst geben, als der Vorsitzende Richter ihn nach einer heftigen Diskussion im Gerichtssaal darauf hinwies, die bloße Teilnahme sei nicht strafbar und daher dürfe er die Auskunft nicht ablehnen: „Ja, ich war schon mal da und nein, ich habe keine Straftaten begangen.“

Vorstrafe wegen Körperverletzung

Allerdings wurde der junge Mann im September 2018 vom Amtsgericht Suhl rechtskräftig wegen Körperverletzung verurteilt, musste mit einem weiteren Beteiligten gemeinsam einige hundert Euro Schmerzensgeld zahlen. Maximilian A. erinnert sich heute so, dass jemand habe auf einer Kirmes was getrunken und es habe „Ärger gegeben“. Die Auseinandersetzung habe keinen politischen Hintergrund gehabt.

Und das „Bulls Eye“? Dort gehe er mittlerweile gar nicht mehr hin – weil der Kontakt zum Leon etwas eingeschlafen sei. Und außerdem trinke er keinen Alkohol. „Da ist eine Kneipe der falsche Ort für mich.“

Leon R. hat dem Gericht inzwischen ein Attest vorgelegt, das ihm die Reiseunfähigkeit bescheinigt. Wann der berüchtigte Kneiper aus Eisenach auf dem Zeugenstuhl Platz nehmen wird, ist noch völlig offen. Der Staatsschutzsenat hat aktuell Verhandlungstermine bis 30. Juni 2022 angesetzt. Ob die ausreichen werden? Fraglich.

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