Wenn staatliche Behörden abschieben wollen, rast die Uhr. Als Dhruv Patel nach Indien verbracht wurde, waren es 24 Stunden von der Abholung in seiner Lehrstätte „Autohaus Sax“ bis zur Ankunft in Neu Dehli. Als ein 23-jähriger Kurde in der Helbigstraße aus seiner Familie geholt und nach Spanien „rückgeführt“ wurde, war es ebenfalls nur ein Tag, bis er sich allein in einer Madrider Kirche wiederfand. Und Mohammad K. soll angeblich schon heute 6 Uhr nach Dresden gebracht werden.

So sagen es jene Gerüchte, die entstanden sind, als sich offenbar im Leipziger Uniklinikum, in welches Mohammad K. am gestrigen Abend eingeliefert wurde, jemand verplapperte. Noch am frühen Abend hatte ein Polizeisprecher der LZ auf Nachfrage versichert, K. sei nicht in ein Haftkrankenhaus gekommen. Nun heißt es, genau dahin ginge es am heutigen 14. September, 6 Uhr in Dresden. Andere Informationen besagen, dass nach der Erstaufnahme weitere Behandlungen folgen sollen.

So verkündeten seine Familienangehörigen auf der Demonstration, dass sie die Worte der Dresdner Verlegung im Krankenhaus gehört haben wollen, später wiederholten es Aktivisten am Mikrofon (siehe Video). Wohin es vom Haftkrankenhaus aus gehen soll, blieb unklar.

Und so würde es auch ins Raster des Tempos passen, welches alle anderen Fälle, die die LZ in den letzten Jahren näher betrachtete, ausmachte. Mit Dhruv Patel verlor so ein Leipziger Autohaus den „besten Lehrling“, so landete ein junger Kurde mit einer 48-monatigen Wiedereinreisesperre in Spanien. Und auch Mohammad K. arbeitete vier Jahre lang in einem Leipziger Ladengeschäft, bevor ihn die Abschiebung erreichte.

Im Prinzip wurden sie alle so aus der Lehre oder dem Familienumfeld gerissen, dass es genau zum Flugtermin an die Rollbahn und in den Flieger ging. Auch, um letzte juristische Interventionen möglichst zu verhindern.

Mohammad K. hat diesem Ansinnen seines raschen Verschwindens heute durch seine Selbstverletzungen nur insofern einen Strich durch die Rechnung gemacht, dass er vorerst in einem Leipziger Krankenhaus statt in der Polizeidirektion landete. Da er jedoch nach ersten LZ-Informationen in stabilem Zustand, also transportfähig ist, steht seit dem Abend die Frage im Raum, ob die schriftliche Zusage an ihn, am 14. September 2022 nicht nach Jordanien abgeschoben zu werden, einen Sinn hat.

Der Tag Aufschub jedenfalls war auch seinem Bruder, einem Tiermediziner, und dem Stadtrat Jürgen Kasek (Grüne) heute wichtig, da man für ihn über den Flüchtlingsrat Sachsen noch eine Anwältin oder einen Anwalt sucht. Um morgen einen Eilantrag am Leipziger Verwaltungsgericht zu stellen.

Dass dies nicht früher geschah, ist leider keine Ausnahme: Bis zum Schluss glauben viele zur Abschiebung vorgesehene Menschen, es würde doch nicht passieren oder verstehen Teile der Amtspost nicht vollständig. Im Falle des 23-jährigen Kurden aus der Helbigstraße glaubten seine Eltern im Jahr 2019 gar noch, er sei sicher, als die Einsatzbeamten schon vor der Tür standen.

Wie es zu der Zuspitzung am 13. September 2022 bei dem als integriert geltenden Mohammad K. in der Alfred-Kästner-Straße 44 kommen konnte, ist noch etwas unklar.

Zu einem Zeitpunkt jedenfalls, wo man Mohammad K. zur Aufgabe seiner achtstündigen Drohung, sich gegebenenfalls selbst zu töten, bringen wollte, klang es so, als ob zumindest der letzte juristische Schritt gelingen könnte.

Nun wächst natürlich wieder das Misstrauen bei den Geschwistern von K. und bei den Unterstützern der Familie. So auch auf der Kundgebung, welche sich heute um 20 Uhr auf dem kleinen Willy-Brandt-Platz traf, über den Ring und die Eisenbahnstraße zog und an deren Ende es vier kurze Redebeiträge zu Infos rings um Mohammad K. gab (siehe Video).

So wurde kritisiert, dass er nun auf der Intensivstation allein liegen müsse, ohne mentale Unterstützung seiner Angehörigen, das Verhalten der Polizei, sich an Abschiebungen zu beteiligen, wurde als faschistisch bezeichnet und Landtagsabgeordnete Juliane Nagel (Die Linke) verwies auf die Möglichkeit, dass es morgen für Mohammad K. nach Dresden in Abschiebehaft gehen könnte.

Immerhin 150 bis knapp 200 Menschen waren gekommen, um sich über die Vorgänge des Tages auszutauschen und gemeinsam Richtung Leipziger Osten zu demonstrieren.

Später, als bei der Schlusskundgebung die Meldung die Runde machte, dass Mohammad K. bereits morgen früh nach Dresden verschwinden könnte und von dort wer weiß wohin, begannen neue Mobilisierungen. Viele gingen heute mit der Ansage nach Hause, am Morgen zum Uniklinikum zu kommen, ganz gleich, ob die Informationen zur Verlegung stimmen oder nicht.

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