Ein Rentner aus Borna soll seine eigene Ehefrau im Juni 2023 brutal getötet haben und muss sich seit Dezember wegen Mordes vor dem Landgericht verantworten. Am Freitag schilderten zwei Nachbarinnen aus dem Mehrfamilienhaus ihre Sicht der Dinge. Bis heute sind sie über die grausame Gewalttat erschüttert, der Angeklagte selbst schweigt bislang zu den Vorwürfen.

Ein dumpfes Schlagen und Pochen, mehr sei da nicht gewesen, auch keinerlei Hilfeschreie oder Ähnliches – so beschrieb Martha G. (Name geändert) am Freitag das, was sie am Morgen des 16. Juni 2023 vernahm, während sie gerade am Frühstückstisch saß.

Die 53-Jährige und ihr Mann wohnten in einem Bornaer Mehrfamilienhaus, eine Etage über der Wohnung des Ehepaares N., mit dem beide gut befreundet waren. Sie habe sich zunächst nichts gedacht, die eigenartigen Geräusche den ukrainischen Kriegsflüchtlingen mit Kindern zugeordnet, die auch im Haus wohnten. Doch als kurz darauf Polizei und Rettungskräfte mit Blaulicht eintrafen, wurde klar, dass etwas Schlimmes passiert sein musste.

„Es gab nie ein böses Wort“

Die Staatsanwaltschaft nimmt an, dass der Angeklagte Klaus N. (66) seine ein Jahr ältere und völlig arglose Ehefrau mit mindestens 23 Hammerschlägen angriff, während sie noch im Bett lag. Der mutmaßliche Täter selbst wählte den Notruf und wurde wenig später in der Wohnung festgenommen, das Opfer erlag noch vor Ort seinen schweren Verletzungen.

Für Martha G. eine schier unerklärliche Tat. Sie und ihr Gatte kannten die N.s seit deren Einzug, näherten sich dem Ehepaar rasch an, es entwickelte sich ein freundschaftliches Verhältnis. Man unternahm Dinge gemeinsam, ging zusammen spazieren, besuchte einander zum Kaffee, leistete sich Unterstützung im Alltag. Niemals sei etwas Böses erzählt worden, auch die Beziehung der N.s habe einen harmonischen Eindruck gemacht, erinnerte sich die sichtlich mitgenommene Martha G. am Freitag im Zeugenstand. Das Tatopfer, Frau N., sei nie negativ aufgefallen: „Sie war eine ganz ganz liebe, ruhige Frau. Es gab nie ein böses Wort, nie.“

Martha G. und ihrem Mann war bekannt, dass Klaus N. aufgrund psychischer Probleme bis kurz vor der Tat in der Altenburger Klinik zur Behandlung war. Auch gegenüber dem befreundeten Ehepaar sprach er von sich aus über seine Depressionen. Martha G. bot ihm Hilfe an und gab ihm auch entsprechende Adressen, wofür er sich offen gezeigt habe.

Während Klaus N. im Krankenhaus war, kümmerten Martha G. und ihr Gatte sich um seine Ehefrau, das spätere Opfer. Martha G. charakterisierte den Angeklagten als ängstlichen Typ, der im Alltag oft Unsicherheit und Angst vor Fehlern gezeigt habe – etwa, als es um den Einbau von Rauchmeldern in der Wohnung ging.

Untypisches Verhalten kurz vor der Tat

Zuletzt sahen Martha G. und ihr Mann das befreundete Ehepaar am 15. Juni 2023, nur einen Tag vor dem Gewaltverbrechen. Klaus N. und seine Frau tranken zusammen Kaffee auf dem Balkon, hätten nicht in Richtung ihrer Nachbarn geschaut, Frau N. stur nach unten geblickt – ein untypisches Verhalten, das sie aber erst im Nachhinein deuten könne, meinte Martha G. am Freitag.

Auch Susann S. (Name geändert), eine weitere Nachbarin aus dem Haus, bestätigte als Zeugin das eher unauffällige Bild der N.s. Das spätere Opfer sei freundlich und eher ruhig gewesen, habe aber bei Begegnungen im Treppenhaus „gern mal geschnattert“, schilderte die 40-Jährige, deren Großmutter früher schon mit Frau N. zusammengearbeitet hatte. Auch vom Klinikaufenthalt ihres Mannes habe sie ihr berichtet, erklärte Susann S. weiter. Da es sie nichts angehe, habe sie die Gründe jedoch nicht weiter hinterfragt.

„Ich habe so ein dumpfes Poltern gehört, dann war kurz Ruhe, dann wieder ein dumpfes Poltern“, so die Erinnerung der Zeugin an den Morgen der Tat. Ihr Schlafzimmer soll sich ihrer Aussage nach direkt über dem der N.s befunden haben. Wenig später stand schon die Polizei vor der Tür.

Gemeinsame Tochter soll aussagen

Der 66 Jahre alte Klaus N., der wegen Höreinschränkungen durch Kopfhörer unterstützt wird, folgte dem Prozess am Freitag ohne sichtbare Regung – auch dann, als Oberstaatsanwalt Ulrich Jakob den Hammer, das sichergestellte Tatwerkzeug, zur Einsichtnahme vorlegte. Die Anklage geht beim Tatmotiv davon aus, Klaus N. habe sich das Leben nehmen und seine Frau nicht zurücklassen wollen. Bisher hat er sich zu den Vorwürfen und seiner persönlichen Situation vor Gericht nicht äußern wollen.

Die Verhandlung wird kommende Woche fortgesetzt, unter anderem soll die gemeinsame Tochter der N.s ihre Zeugenaussage abgeben. Ein Urteil könnte Ende Januar fallen. Es droht lebenslange Haft.

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Hinweis der Redaktion: In diesem Text spielen die Themen Depressionen und Suizid eine Rolle.

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