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Wie eine brave Elternschlange zum Anlass für eine deutschlandweite Chaos-Meldung wurde

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 43Manchmal fasst man sich nur noch an den Kopf: Sind die Kollegen jetzt völlig durchgedreht? Läuft bei denen ein Panikclown durch die Redaktion und ruft ständig „Schrecklich! Schrecklich! Schrecklich!“ Am Samstag, 13. Mai, war wieder so ein Moment. Da meldete erst die „Bild“ und dann der ganze Fischschwarm überdrehter Medien: „Ansturm auf Kita in Leipzig. Polizei-Einsatz wegen Elternschlange“. So „Spiegel Online“ in rasender Hast im Windschatten des Boulevards.

    Alle schrieben voneinander ab (oder von dpa), bliesen auf und reckten dann den aufgeregten Streber-Finger in die Luft, nachdem sie die Meldung aus dem Agentur-Verteiler gefischt hatten. Das ist sozusagen der Motor der medialen Hysterie in Deutschland. Zeit und Kompetenz, Geschichten wirklich auf den Grund zu gehen, hat man da schon lange nicht mehr. Aber Erster sein will man. Und wahrscheinlich hat man bei dieser einstmals recht seriösen Nachrichtenagentur auch schon längst vergessen, wie man den schrillen Zirkuston heraushält aus der Nachrichtenproduktion.

    Irgendwann vor einigen Jahren hat man die Grenze verwischt und begonnen, die Meldungen der „Bild“-Zeitung genauso zu behandeln wie die von tatsächlich seriösen Zeitungen. In der Politik ging ja fast gleichzeitig derselbe Prozess vonstatten.

    Aber was ist am Samstag tatsächlich passiert?

    Gab es wirklich ein derart sensationelles Elterngedränge, dass die Polizei eingreifen musste? Überhaupt nicht. Die Polizei musste nur tätig werden, weil die rund 450 Eltern, die den Termin im künftigen Kreativkindergarten „Tillj“ der Johanniter wahrnehmen wollten, auf der Straße standen – bedingt durch einen Bauzaun, der an dieser Stelle den Fußweg blockierte. Die Kindertagesstätte ist ja noch nicht fertig und die Johanniter hatten für Samstag, 13. Mai (und auch für den 20. Mai) eingeladen, das Haus noch vor der offiziellen Eröffnung im August kennenzulernen und das Kind vormerken zu lasen.

    Tatsächlich kam es am Samstag zu 272 Interessenbekundungen, wie das offiziell im Sprachgebrauch der Kita-Welt heißt. Das Ungewöhnliche war nur, dass die Johanniter das an einer Art „Tag der offenen Tür“ machen wollten, was die meisten Träger von Kita-Einrichtungen in Leipzig schon seit Jahren nicht mehr machen. Weil sie wissen, dass der Andrang bei solchen Gelegenheiten groß ist. In der Regel werden die Interessenbekundungen auf den Websites der Träger entgegengenommen oder gleich über das Kita-Informations-System der Stadt KIVAN.

    Das ja von der Stadt vor allem deshalb entwickelt wurde, um das Chaos in der Kita-Anmeldung etwas zu mindern, Doppel- und Dreifach-Anmeldungen ein Ende zu bereiten und die Kita-Platz-Suche der Eltern zu erleichtern. Sehr zum Ärger der Stadt haben viele freie Träger sich bislang nicht an dem System beteiligt, so dass das Chaos weiter bestehen blieb.

    Und die Regel bei vielen neu errichteten Kitas ist, dass der Ansturm größer ist als das Angebot. Und dazu kommt: Die neue Kita liegt in der Lößniger Straße, direkt in der Leipziger Südvorstadt, da, wo der Mangel an Kita-Plätzen seit zehn Jahren akut ist und die Stadt verzweifelt nach noch verfügbaren Standorten für Kitas (und Schulen) sucht. Es ist fast folgerichtig, dass es dann, wenn so eine neue Kita an so einem Ort neu eröffnet, die Eltern Schlange stehen.

    Endlich Aufmerksamkeit! Politische Verarbeitung vor Ort

    Und jetzt kommen wir zum Eingemachten, was in der hysterisch aufgeblasenen Meldung: „Polizeieinsatz!“ – „Ordnung in die Menschenmenge bringen“ – nicht vorkam. Wie gesagt: Es war ja ein Samstag und der Panikclown lief durch die Redaktionen.

    Die „Menschenmenge“ der wartenden Eltern stand brav in einer langen Schlange. Die Polizei hat sie nur auf den Bürgersteig dirigiert. Denn auch am Samstag fahren ab und zu Autos durch die Lößniger Straße, die aber nicht in Lößnig liegt, wie die CDU behauptete, die unbedingt auch noch ihren Senf dazu geben musste: „CDU-Fraktion kritisiert Kita-Chaos“.

    Na ja. Ein Land, in dem die hysterischen Medien den Ton angeben, bekommt natürlich auch lauter hysterische Parteien, die öffentlich herumschwadronieren, als wären sie bei einem Hahnenkampf. Die Linkspartei bot gleich mal wieder einen Kommentar zu der von ihr geforderten Kita-Taskforce an. Die aber mit dem am Samstag erlebten Phänomen nichts zu tun hat, was ja dann Wilma Bär, Mitglied des Landesvorstandes Sachsen des Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. eingestand: „Mit dem großen Ansturm vom vergangenen Samstag wurde nicht gerechnet. Dies war eine Fehleinschätzung unsererseits.“

    Was natürlich auch wieder Quatsch ist. Die Johanniter betreiben ja schon zwei nicht ganz kleine Kindertagesstätten in Leipzig (in der Marcusgasse in Reudnitz und „Claras Kinder“ in Schönefeld). Sie haben sich nur mit dem enormen Bedarf in der Südvorstadt verschätzt. Eine Kita für 165 Kinder, davon 45 Kinder im Krippenbereich und 120 Kinder im Kindergartenbereich, das ist im Leipziger Süden wie ein Tropfen auf den heißen Stein

    Einfach mal die Zahlen aus dem Ortsteilkatalog

    Auf 1.700 Kinder zwischen 1 und 6 Jahren kamen hier im Jahr 2015 genau drei Kindertagesstätten mit 239 Plätzen. Man ahnt, dass 272 Interessenbekundungen für eine neue Kita in diesem Ortsteil geradezu ein Witz sind. Und dass die Elternschlange, wie sie da am Samstag zu sehen war, mit Sicherheit zu erwarten war. Die reinen Zahlen zeigen: Es fehlen noch mindestens fünf Kitas in der Südvorstadt. Und das Fehlen wird nur in ganz kleinen Teilen ersetzt, weil die Eltern nach Connewitz und nach Zentrum-Süd ausweichen können.

    Denn auch dort ist die Nachfrage riesig – beides sind ebenso kinderreiche Ortsteile. Die Südvorstädter müssen also Morgen für Morgen ins ganze Stadtgebiet ausschwärmen, um ihre Kinder irgendwo in Betreuung geben zu können.

    Die Leipziger Verkehrsprobleme resultieren in vielen Teilen direkt aus diesem Fehlen wichtiger Infrastrukturen. Und natürlich aus dem riesigen Stau, der entstanden ist, weil die Stadt mit Bauen nicht hinterherkommt.

    Was da also zu sehen war, war überhaupt kein Chaos

    Schon gar nicht von den Eltern her. Eine „Rote Karte“ also für die hysterischen Brezelbäcker. Dass die „Bild“ eine witzige Geschichte draus gemacht hat, versteht man noch. Dass die News-Schleudern dann draufsprangen und daraus eine Leipzig-Chaos-Geschichte machten, war freilich völlig unprofessionell. Aber es war ein Symptom für den elenden Zustand etlicher einstmals seriöser Medien, die für Clickbaiting mittlerweile alles tun würden. Auch ein Chaos suggerieren, das es so gar nicht gab. Nicht einmal auf den Fotos mit den brav anstehenden Eltern.

    Die Stadt hat die ach so überraschte Johanniterhilfe übrigens nun dazu gebracht, die Plätze in der Lößniger Straße auch über das KIVAN zu vermitteln und die Interessenbekundungen dort entgegenzunehmen. KIVAN ist eigentlich ein vernünftiges System. Das Chaos entsteht, weil eben doch etliche freie Träger ihre Extrawurst braten und sich die Kinder selbst aussuchen wollen. Im Ergebnis dessen hat die Stadt Leipzig keine belastbaren Zahlen, wie viele Kita-Plätze tatsächlich fehlen und offen sind. Und muss sich vor Gericht aber mit Eltern herumschlagen, die ihre Kita-Plätze einklagen, weil das ja ein Rechtsanspruch ist.

    Nur ist der Rechtsanspruch für die Kommunen nie mit ausreichend Geld unterfüttert worden. Das Chaos herrscht auf politischer Ebene und einige der Chaos-Schreier müssten eigentlich in den Spiegel gucken.

    Tun sie aber nicht. Wir leben ja in Sachsen. Da scheinen Spiegel rar zu sein.

    Dieser Kommentar findet sich auch in der LEIPZIGER ZEITUNG, welche es ab dem 19. Mai 2017 überall in Leipzig zu kaufen gibt, wo gute Zeitungen angeboten werden.

    Die komplette Serie „Nachdenken über …“

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