Das Bildungsalphabet – Heute: Y wie Generation Y

„Revolutionäre? Offen revolutionär sind sie nun wirklich nicht, die jungen Leute. Sie erscheinen schon in ihrer Jugend angepasster, als es die 68er als Rentner sind. Doch der Schein trügt. Die heute 15- bis 30-Jährigen verändern unsere Welt radikal. Sie haben in kurzer Zeit den strukturellen Wandel in Politik, Wirtschaft, Arbeitsleben, Familie, Technik und Freizeit eingeleitet. Allerdings nicht gewaltsam und mit militanten Mitteln, ohne die lautstarken Proteste, unter denen sich andere Generationen sich ihren Platz in der Gesellschaft erkämpft haben. Sie agieren still und leise, gewissermaßen aus der zweiten Reihe heraus, wirken im Verborgenen hinter den Kulissen. Deshalb sind die Umwälzungen, die sie anstoßen, auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen. Sie werden oft unbemerkt übernommen und setzen sich wie selbstverständlich im Alltag durch.“ (aus: Hurrelmann/ Albrecht: Die heimlichen Revolutionäre - Wie die Generation Y unsere Welt verändert“, 2014)
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Wenn sich ein renommierter Erziehungswissenschaftler, erfahren in Bildung und Politik, mit einem um die Hälfte jüngeren Journalisten trifft, ihr gemeinsames Werk als Muss für Lehrer und Erzieher beschrieben wird … klar, bildet man sich ein, sich weiterbilden zu müssen. Revolutionäre? Nein, revolutionär ist sie nicht, die „E-Alter!“-Generation – die Nominalellipse wird ja sogar unisexuell verwendet, was mich anfangs irritierte – ist distanziert, berechnet und holt sich dann bei Rewe Brezeln und Chips. Die Halbintellektuellen würgen sich Buko-Frischkäse und trockene Brötchen hinein.

Manchmal sehen sie aus wie arbeitslose Piloten, wenn sie mit ihren großen Bluetooth-Kopfhörern auf dem Weg zur Schule dahinschlurfen, als ängstige sie der allmorgendliche Sozialtsunami noch mehr als ihre Lehrerinnen, die im Schnitt dreimal so alt sind wie sie selbst.

„Digital Natives“ werden sie genannt, die Träger der Hoffnung, die Intelligenz der Kommunikation mit ihren „Smartphones“, und manchmal ertappe ich mich selbst, wenn ich denke, dass das letzte „t“ in „Natives“ lediglich ein Zugeständnis ist. Sie, die abwägenden „Ego-Taktiker“ (Hurrelmann/ Albrecht), sind doch eigentlich „Radikale“. Immer auf der Suche nach Optimierung, Beschleunigung, perfektem Ausdruck. Sie sitzen zumeist desillusioniert vom Bulimielernwahn in ihren Klassenzimmern, diskutieren mit ihren Lehrern Sinn und Unsinn von Stoffinhalten und didaktischer Motivation.

Und oft haben sie auch Recht, dass es wenig plausibel erscheint, das Rollen einer Bowlingkugel im Vakuum zu bestimmen oder sich die Bestandteile des Schülermikroskops ins Hirn zu hämmern. (Denke ich an meine eigenen Pennälerzeiten zurück, erinnere ich mich auch meines wichtigsten Utensils im Mathematikunterricht: Meiner Armbanduhr.)

Und wir Lehrer, wir verstehen das nicht. Dass sie, die jugendlichen Schüler, unsere Schüler, genauso schlecht oder gut nachdenken, experimentieren, sich engagieren, wenn es für sie sinnstiftend erscheint … Die Welt nicht so hinnehmen wollen. Wenn sich die Gelegenheit bietet. Sie protestieren auch nicht beim wie bereits in der letzten Ausgabe erwähnten „Wintermärchen“ von Heinrich Heine, der 1840 schrieb: „Ein neues Lied, ein besseres Lied, O Freunde, will ich euch dichten! Wir wollen hier auf Erden schon das Himmelreich errichten.“

Nur trauen wir ihnen nicht so recht über den Golgathaweg geistiger Höherentwicklung und der Praktikabilität humanistischen Wachsens, ja, manchmal taugen sie nicht einmal als Hinweisschild auf der Strecke der holpernden Bildungsstraße. Diese Jugendlichen der Generation „Why?“ = Y. Warum? Machen wir sie für etwas verantwortlich, was eigentlich unser Versäumnis darstellt? Wie sollen sie sich denn anders verhalten, sicher sein ihres Selbst, in einer unsicheren Welt, zwischen Terror und Tablets, zwischen Kollegah und Kälte.

„Na, nun übertreiben Sie mal nicht, Herr Jopp,“ mahnt mich mein umsichtiger Schulleiter, „schließlich haben wir ja noch die Eltern.“

Ja, stimmt, die Eltern. Aber leben die ihren oftmals überhätschelnden Zellteilungen wirklich die Alternative vor? Ist es nicht so, dass in Ermangelung von Erziehungszeiten, die oftmals nur Sonn- und Feiertagszeiten bereithalten, der oder dem Kleinen signalisiert wird, man sei per se und, nur weil man „da“ ist, etwas „ganz Besonderes“? Hilft die „Generation Sicherheit“ wirklich ihren Nachfolgern in der künftigen Gesellschaftsregie eigene Vorstellungen durchzusetzen, wertorientierter zu handeln, politisch zu partizipieren? Sich nicht nur in Shoppingmalls herumzudrücken und für das Alter „vorzusorgen“?

„Flüchtlinge nehmen uns unsere Sporthalle weg.“ So tönt’s schon in einer 8. Klasse. Wer vermittelt solche Vorstellungen vom selbstverständlichen – immer anwachsenden – Wohlstand? Wie viel Platz lassen wir unseren jungen Menschen für ein Gefühl des „Weniger statt Mehr“, des Messens mit sich selbst, des „Leistung-um-der-Leistung-willen“-Denkens, ohne finanzielle „Aufwandsentschädigung“?

Schule darf keine „lustlosen Pflichterfüller“ produzieren, wie Hurrelmanns Kollege Gerald Hüther zuletzt äußerte, den „angepassten Konsumbürger“, die wie Schiller bereits 1793 erkannte „… zufrieden [ist], wenn er selbst der sauren Mühe des Denkens entgeht, lässt er andere gern über seine Begriffe die Vormundschaft führen, und geschieht es, dass sich höhere Bedürfnisse in ihm regen, so ergreift er mit durstigem Glauben die Formeln, welche der Staat und das Priestertum für diesen Fall in Bereitschaft halten.“ (Der taugt wirklich zum „Universal-Pädagogen“, der alte Mann aus Weimar mit seinen „Ästhetischen Briefen zur Erziehung des Menschen“).

Revolutionäre? Nein, das ist sind nicht, unsere Jugendlichen. Aber sie haben die Fähigkeit, zu solchen zu wachsen. Friedlich, herzlich, und nicht „heimlich“. Es gibt nur diesen Ausweg. Den wir ihnen zeigen, den wir vorbereiten müssen.

Das Bildungsalphabet erschien in der LEIPZIGER ZEITUNG. Hier von A-Z an dieser Stelle zum Nachlesen auch für L-IZ.de-Leser mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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