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Am Rande der Gesellschaft: Wie Obdachlose vom Hauptbahnhof vertrieben werden

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    Erwin fütterte jeden Abend die Tauben vor der Thomaskirche. „Grundlos und blind vor Hass, Ignoranz und mangelnder Empathie stürzten sich fünf Personen auf den 69-Jährigen, welcher blutend und flehend zurückgelassen wurde“, schildert Motte die Situation vor einigen Wochen. Als Freiwillige unterstützt sie Obdachlose in Connewitz, die nun auch vermehrt aus der Innenstadt vertrieben werden.

    „Aus oft haltlosen Gründen wird gegen die Schwächsten der Gesellschaft vorgegangen, nicht nur von Passanten, wie bei Erwin, sondern vermehrt auch von Security und Polizei“, erzählt die junge Frau. Eric bestätigt dieses Bild. Er lebt seit seinem elften Lebensjahr auf der Straße und hält sich meist am Bahnhof auf: „Neulich haben Polizisten bei einer Kontrolle meinen Rucksack einmal kopfüber ausgekippt und nichts davon wieder eingepackt, obwohl sie nichts Illegales gefunden haben.“Streetworkerin Kathrin berichtet, dass der verstärkte Einsatz von Sicherheitskräften zu einer Verdrängung der Obdachlosen rund um den Bahnhofsbereich führt: „Wir treffen derzeit im Vorbereich des Hauptbahnhofs regelmäßig etwa zehn Personen an. Das ist im Verhältnis zu der Zeit vor der Pandemie etwa ein Drittel.“

    Doch wie kann solch eine massive Vertreibung gerechtfertigt werden? Marilu, eine Mitarbeiterin der Bahnhofsmission, erklärt: „Zum einen kann die Polizei am Hauptbahnhof verdachtsunabhängige Kontrollen durchführen. Zum anderen erteilt die Security von der Deutschen Bahn und den Promenaden den Personen Hausverbote, die dann von der Polizei durchgesetzt werden.“

    Eine Nachfrage bei der Deutschen Bahn (DB) ergab, dass Kund/-innen sich vermehrt über die Situation am Eingangsbereich des Hauptbahnhofes beschwert hätten. Dabei ging es um Alkoholkonsum, Abspielen von Musik und Campieren. Auf dem Gelände, das zum größten Teil den Promenaden gehört, ist auch Bettelei verboten – und das, obwohl Betteln schon 1974 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde. „In Absprache mit der Landes- und Bundespolizei, dem Centermanagement, dem Ordnungsamt sowie Sozialarbeitern fanden aus den genannten Gründen verstärkt Kontrollen in diesen Bereichen statt“, so eine DB-Sprecherin.

    Weder die Bahnhofsmission noch die Streetworker/-innen vor Ort bestätigen solch eine Zustimmung – man wurde lediglich darüber informiert, dass das Urinieren unterbunden werden müsse. Daraufhin habe man die kostenlosen Toiletten in der Bahnhofsmission sogar verdoppelt. Eine Rückfrage an die DB blieb unbeantwortet, von welchen Sozialarbeiter/-innen häufige Kontrollen abgesegnet wurden.

    Der Innenbereich der Bahnhofsmission ist geschützter Bereich. Foto: Antonia Weber

    Die Bahnhofsmission und einige Betroffene berichten derweil von mindestens fünf Kontrollen pro Woche. Dabei werden oftmals dieselben Personen kontrolliert. So auch Steven, der die Beamt/-innen schon gut kennt: „Als ich neulich wieder von einem Polizisten kontrolliert wurde, habe ich ihn gefragt, warum sich das in letzter Zeit so häuft und die Kontrollen teils aggressiver werden. Der Polizist hat mir gesagt, wir müssten uns auf häufigere Kontrollen einstellen, weil die Deutsche Bahn, die Promenaden und die Stadt uns nicht hier haben wollen.“

    Eric kann darüber nur lächeln: „Seit letztem Jahr April habe ich auf dem großen Zeltplatz hinter dem Hauptbahnhof gewohnt. Nachdem der Zeltplatz Ende letzten Jahres abgerissen wurde, sind natürlich viel mehr Menschen vor und neben dem Bahnhof. Und die DB wundert sich, warum.“

    Fragwürdiger Einsatz

    Man sei nun auf die Westseite des Bahnhofs ausgewichen, auf der Bahnhofsmission und Parkhaus sich eine Straße teilen. Doch auch dieser Bereich stellt laut Bundespolizei „einen von mehreren aktuellen Einsatzschwerpunkten“ dar. Hier würden des Öfteren Autos an der Zu- und Abfahrt zum Parkhaus gehindert, so eine Pressesprecherin der Bundespolizeiinspektion Leipzig. „Daher wurde durch die Einsatzgruppe auch am 18. Juni 2021 eine Kontrollmaßnahme durchgeführt.“

    Michelle, eine Mitarbeiterin der Bahnhofsmission, war am selben Tag auch vor Ort und malt ein ganz anderes Bild: „Am 18. Juni wurde mehreren unserer Klient/-innen von der Bundespolizei ein Hausverbot für den ganzen Bahnhofsbereich ausgesprochen, die Personalien aufgenommen und eine Taschenkontrolle durchgeführt. Einzig aus dem Grund, weil sie auf der Wiese vor dem Parkhaus der Westseite saßen, nicht im Straßenbereich.“ Die Personen wollten sich auf der schattigen Grünfläche Schutz vor der Sonne suchen. „Die Personen haben den Betrieb des Parkhauses nicht gestört. Wir sehen das als völlig unverhältnismäßig an.“

    Die Leipziger Zeitung, Ausgabe 93. Seit 30. Juli 2021 im Handel. Foto: LZ

    Neben der Behinderung des Parkhausbetriebs führt die Bundespolizei als weiteren Grund für das Hausverbot vom 18. Juni die Verrichtung der Notdurft sowie hohen Alkoholkonsum an. Eric, der ebenfalls von dem Hausverbot betroffen ist, erzählt: „Mich und meine Freunde stört es auch, wenn es hier nach Urin riecht. Ich weise Leute immer zurecht, die sich auf diesen Gemeinschaftsplätzen entleeren wollen.“

    Außerdem erzählt er, dass er und einige andere keinen Tropfen Alkohol getrunken hätten. Eine Person habe sogar einen Alkoholtest von der Bundespolizei eingefordert. Auf Nachfrage erklärt diese: „Aufgrund der vorangenannten Störungen der öffentlichen Sicherheit und Ordnung war die Kontrollmaßnahme am 18. Juni verhältnismäßig, auch wenn dann eine der Beschuldigten aus der Personengruppe einen Atemalkoholwert von 0,0 Promille hatte.“

    „Grundlos werden hier am Standort keine Hausverbote ausgesprochen“, beantwortet Thomas Oehme, der Center Manager der Promenaden, die Frage, weshalb alle am 18. Juni ausgesprochenen Hausverbote weiterhin gelten. Diese würden immer die letzte Möglichkeit bei wiederholtem Fehlverhalten darstellen.

    Bußgeldbescheide fürs Maskenverteilen

    Falsch verhalten hat sich demnach auch ein Mitarbeiter eines Obdachlosenhilfe-Vereins. Dieser hatte im Frühjahr Lebensmittel und Masken an neun obdachlose Personen im Bereich des Hauptbahnhofs verteilt. Dabei wurden er und die Bedürftigen von der Polizei kontrolliert. Nun hat der Mitarbeiter einen Bußgeldbescheid erhalten. Der Vorwurf: Verstoß gegen die Corona-Schutzverordnung, weil er sich zu zehnt mit sechs anderen Haushalten im öffentlichen Raum aufgehalten habe. Wie er müssen nun auch die Bedürftigen 250 Euro Bußgeld zahlen.

    Rechtsanwalt Jürgen Kasek erklärt in einem öffentlichen Statement hierzu: „Man muss wissen, dass bei dem Erlass von Bußgeldbescheiden das Opportunitätsprinzip gilt, das heißt, dass die Bescheide erlassen werden ‚können‘. Es ist also eine Einzelfallentscheidung vorzunehmen.“ In diesem Fall habe man sich also dazu entschieden, Bußgeldbescheide zu erlassen, weil ein Verein FFP2-Masken an Hilfsbedürftige verteilt hat, um sie und andere Menschen vor COVID-19 zu schützen.

    Dreckig, bettelnd, saufend

    „Wenn daraufhin auch noch Hausverbote erteilt werden, verwehren sie den Leuten ihre Sozialberatung“, so Michelle von der Bahnhofsmission. „Denn die Personen dürfen zwar in den Räumlichkeiten der Bahnhofsmission sein, als geschützter Bereich, aber nicht davorstehen.“ Die räumlichen Kapazitäten der Bahnhofsmission sind schon ohne die Corona-Maßnahmen stark begrenzt.

    „Das allgemeine Bild eines Obdachlosen ist dreckig, verlaust, bettelnd, pennend, saufend, drogenkonsumierend“, sagt Julien, der vergangenen November aus seiner Wohnung geschmissen wurde und seitdem auf der Straße lebt. Diese gesellschaftlichen Stereotype spiegeln sich auch in der derzeitigen Vertreibung wider. „Aber wir räumen unseren Müll weg, wir waschen uns. Ich trinke weder Alkohol, noch nehme ich Drogen. Und wenn jemand mit dem Fahrrad in die Weichen kommt oder jemand hinfällt, sind wir sofort da und helfen. Wir achten auf unsere Umgebung und unsere Mitmenschen und bekommen dafür so etwas.“

    Eric pflichtet ihm bei: „Es gibt überall Arschlöcher. Es gibt Obdachlose, die nicht korrekt sind. Es gibt aber auch Polizisten und andere Menschen, die nicht in Ordnung sind. Aber irgendwie werden meist wir als Arschlöcher betitelt.“ Da sowohl der Bahnhof als auch der umliegende Bereich Privateigentum der Promenaden sind, könne die Stadt Leipzig wenig ausrichten, so die Bahnhofsmission. „Normalerweise werden diese Menschen einfach nicht gehört. Diese Sachen passieren zwar mittendrin, aber irgendwie abseits der Gesellschaft. Deshalb braucht es Öffentlichkeit.“

    „Am Rande der Gesellschaft: Wie Obdachlose vom Hauptbahnhof vertrieben werden“ erschien erstmals am 30. Juli 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Unsere Nummer 93 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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      20 KOMMENTARE

      1. > Sie denken, Sie haben die Menschen am Bahnhof durchschaut? Irrtum. Sie haben keine Ahnung, nicht die geringste. Das merkt man in jedem einzelnen Ihrer überheblichen Sätze.

        Das war nicht mal gut gebrüllt, in der Aufregung. Ich habe nicht behauptet jemanden „durchschaut“ zu haben, Ihr konstruierter Irrtum ist anmaßend.
        Über die Diskussion, ob man nun zwangsläufig oft etwas für Obdachlosigkeit kann oder nicht, ist nun eine Verbindung zum „Bleiberecht“ an dieser Stelle entstanden. Das hat damit aber nichts zu tun!

        Wer sich anders verhält als die Masse fällt erst mal auf. Wenn es so stark anders ist, dass die Masse daran Anstoß nimmt, wird es halt zu viel. Ich weiß nicht, warum ich dafür so angegriffen werde, dass ich keine Extremente in meiner Umgebung sehen möchte, oder krassen (!) Körpergeruch riechen oder völlig sinnfreies Gebrüll hören, das alles mitunter auch kombiniert.
        Das geht mir zu weit und dazu darf man auch stehen. Wenn ich sage, dass harte Mittel an dieser Stelle nicht meins sind heißt es, die Katze wäre aus dem Sack, es wird über Grundrechte debattiert usw.
        Es ging aber nie darum, dass diese Leute nicht so leben sollen dürfen!
        Anders als mir hier in völliger Emotionalität vorgehalten wird, setze ich meine Erfahrungen nicht als das Maß der Menschheit an. Genau das schreibe ich auch, aber es ist wahrscheinlich einfach nur sinnlos.

        >Die hart arbeitende Bevölkerung fühlt sich vom Anblick dieser Menschen angewidert und belästigt, ich weiß. Aber warum eigentlich? Weils das Bild von der schönen heilen Welt stört, das man sich selbst zurechtgelegt hat?

        Das hat mich schon als ALG2 Empfänger gestört, und es wird wahrscheinlich auch den ein oder anderen gering Beschäftigten stören. Oder die Mutti in Elternzeit. Es ist sicher auch nicht toll, da mit Kinderwagen vorbei zu müssen.
        Ihre Wortwahl hat ja schon Stefan mit den „Arbeitsplatzbesitzern“ aufgegriffen, aber der Ekel hat damit nichts zu tun. Engagierte nennen diese Art zu diskutieren heute gern „whataboutism“. Ein unsinniger Nebenkriegsschauplatz. Es geht um offene Füße, es geht um Ausscheidungen,es geht um Dinge die privat sind aber öffentlich gemacht werden.

        Ich möchte gern unterstützen,dass diesen Leuten geholfen wird, ich habe tatsächlich auch schon für solche Aktionen gespendet, aber ein Recht auf genau diesen Ort als Lebenort sehe ich auch nicht. Und MUSIK ist und bleibt tatsächlich eines der geringsten Übel, die man da ansetzen kann. Hört doch bitte auf damit, dass das das Schlimmste ist, was man tun konnte.

      2. Und um mal wieder zum Thema zurückzukehren: Verdrängung bedeutet in dem Fall auch immer Gefahr, egal ob nun „sanfter Druck“ oder auf die harte Tour. Die Menschen aus dem Stadtbild zu vertreiben macht sie unsichtbar, sie sind Gefahren dann schutzlos ausgeliefert.

        Erst vor ein paar Tagen wurde wieder ein Obdachloser in einem der Randgebiet verprügelt, in die sich die Menschen in letzter Zeit vermehrt zurückziehen, seit der „sanfte Druck“ in der Stadt steigt (der übrigens alles andere als sanft ist). Und das war keine Ausnahme. Auch medizinische Notfälle bleiben so oft unentdeckt. Aus den Augen, aus dem Sinn. Funktioniert in unserer Welt der Selbsttäuschung immer noch wunderbar.

        Die hart arbeitende Bevölkerung fühlt sich vom Anblick dieser Menschen angewidert und belästigt, ich weiß. Aber warum eigentlich? Weils das Bild von der schönen heilen Welt stört, das man sich selbst zurechtgelegt hat? Weil man sehen muss, dass die Welt gar nicht so heile ist wie man gern glauben möchte? Weil man sich schlecht fühlt, dass man an hilfesuchenden Menschen angeekelt vorbeiläuft?

        Und was ist denn mit den Menschen, die durch eigene „Schuld“ in dieser Situation sind? Haben diese das Recht auf Menschlichkeit verwirkt? Darf man auf sie runtersehen und ohne schlechtes Gewissen sich selbst überlassen? Wenn ein Mensch Hilfe braucht, muss er dann erst mal beweisen, dass er sie verdient hat, sind wir da angekommen?

        Allein die Diskussion unter dem Artikel ist beschämend. Ich hätte da einen Vorschlag: Streitet doch mal MIT den Menschen, und nicht über sie. Geht hin, diskutiert mit ihnen, fragt sie warum sie da sind, sagt ihnen, was euch stört und hört ihnen zu, was sie zu sagen haben. Das wär nur fair.

      3. „Ich muss es noch mal betonen: „selbst schuld, dass Du obdachlos bist!“ war NICHT meine Grundaussage! “

        Nicht wörtlich vielleicht, aber alles was Sie schreiben klingt danach. Ein Beispiel:

        „Rechnungen stapeln sich, aus Krümelbeträgen werden große Summen? Ja, so kann das sein. Wenn man Rechnungen nicht öffnet sondern hinter die Couch wirft. Wenn man über seine Verhältnisse lebt, vergisst Dinge zu kündigen. “

        Und der Rest klingt nicht besser. Ja, Ihnen gings auch mal dreckig, und Sie haben es geschafft, sich da selbst rauszuziehen. Glückwunsch. Aber vielleicht sollten Sie sich nicht so wichtig nehmen und denken, Sie wären der Maßstab für den Rest der Menschheit.

        Sie denken, Sie haben die Menschen am Bahnhof durchschaut? Irrtum. Sie haben keine Ahnung, nicht die geringste. Das merkt man in jedem einzelnen Ihrer überheblichen Sätze.

      4. Ich habe mir schon heute mittag vorgenommen, nur noch beim Artikelinhalt zu bleiben.

        Da kommen Sie weiterhin mit Ihrem Smartsprech:

        >Natürlich ist es nur sanfter Druck, wenn zum Beispiel Leute häufiger als nötig kontrolliert werden. Wie würden Sie denn sonst Schlagstöcke, Reizgas und Mannschaftswagen bezeichnen?

        Die Katze ist aus dem Sack. Nicht mehr Frontex, aber immerhin noch aufgerüstete Polizei.

        Beschäftigen Sie sich mit den Grundrechten, die Sie und auch die pinkelnden und pöbelnden Menschen voraussetzungslos innehaben. Ihre Wortwahl stellt die Grundrechte in Frage.

        Danke, es reicht mir. Ich lasse Sie jetzt allein.

      5. > Für mich schreiben Sie in Totalität „alle dort nichts“ – also 100% -, und für Sie schreiben Sie so halbgar „stimmen könnte, allerdings nicht muss“ – also so lala 40% vs 60%. Merken Sie jetzt die argumentative Lücke, die Sie sich fein und still herauszureservieren versucht haben?

        Nein! Denn ob jemand verschuldet oder nicht selbst verschuldet in die Obdachlosigkeit geraten ist, ist nicht ausschlaggebend oder wichtig dafür, dort am Bahnhofseingang zu sein und sich so zu verhalten, wie sich viele dieser Leute eben dort verhalten. Deswegen ist „fein und still“, „versuchen“, „Lücke“ usw. alles kein Hebel in Ihren Worten, denn mir ging es im Kern nicht um eine Verurteilung dieser Leute und ihrer Lebensumstände, sondern um deren häufiges Verhalten an diesem Ort. Sie kritisierten ursprünglich die „Funktionsträger“, ich finde es gut, dass dort Druck ausgeübt wird.

        Ja, die Sparquote ist bei H4 nicht gerade üppig. Wir rutschen hier gerade in eine Richtung ab, bei der wir uns über die Frage bekriegen, ob H4 reicht oder gerecht ist, aber darum ging es nicht. Wir bewegen uns weg, Sie sagen es schon selbst.
        Ich erwähnte die Beispiele nur um zu zeigen, dass es auch mit Schicksalsschlägen nicht zwangsläufig so ist, dass man in Obdachlosigkeit landet oder gar notwendigerweise am Bahnhofseingang. Ich als minderschwerer Fall habe es mit H4 geschafft, und die zwei anderen Beispiele auch. Das sollte reichen um zumindest die völlige Ausweglosigkeit Ihrer geschilderten Abwärtsspirale zu entkräften.

        > Die Mutter *muss* aber die Waschmaschine ersetzen. Was macht Sie? Jajaja, sie leiht sich Geld. Peng. Die Abwärtsspirale hat sich um 1 Schritt weitergedreht.

        Genau da hat man mal wieder die Wahl, was man macht. Ich habe mir damals, als es echt knapp war mit dem Geld (ich war gerade mal Absolvent, vorher Student mit BaFöG, kein Auto, nur ein Fahrrad, definitiv kein „Vermögen“!), bei eBay eine gebrauchte, alte Miele Waschmaschine besorgt. Neue Motorkohlen, neue Stoßdämpfer eingebaut. Die läuft heute noch, übrigens ohne dass ich das mit einem Hashtag bei Twitter kundtun muss, wie grün ich jetzt bin.
        Ich hätte mich aber auch verschulden können und für 600 Euro ein nagelneues Gerät kaufen können – die benannte mir bekannte Mutter hätte das sicher nicht getan! Das ist überhaupt nicht zwangsläufig so, dass sich da die Spirale weiterdreht und die Gosse zwangsläufig der übernächste Schritt ist. Es kann so laufen, tut es aber nicht so oft! Weil die meisten Menschen eben Angst haben so weit abzurutschen.
        Womit Sie aber natürlich Recht haben ist, dass Investitionen wirklich ätzend sind, wenn man H4 bezieht. WaMa ist fast der Gau, Klamotten und Möbel nerven dann auch schon gewaltig.

        > Sie bringen immer nur Ihre eigene Erfahrung an und stellen sie als ureigenste voraussetzungslose Leistung dar.
        Das stimmt nicht. Ich habe meine Erfahrungen immer wieder, Zitate spare ich uns jetzt, relativiert und auch anderer Leute Erfahrungen eingebracht.

        > Natürlich ist Ihr „Milieu von Vorteil“ gewesen:
        Das kann doch jetzt nicht wahr sein…
        Es kam von Ellen das Detail, dass die Meldegesetze streng seien und das es deswegen schnell mal weitergeht mit der Spirale Richtung Obdachlosigkeit. Ich entgegne, dass es mitnichten so sein müsse, schließlich habe ich selbst schon mal jemandem eine Meldeadresse gegeben. Sie werfen mir danach vor, dass mir mein Milieu offenbar von Vorteil war, beim Thema Untermietvertrag. („Wenn ich was von „Untermietvertrag“ lese… Ihr Milieu war ganz offensichtlich Ihr Vorteil.“)
        Und als ich nicht verstehe, wieso mir als Geber dieser Meldeadresse ein Vorteil im Milieu entsteht, konfrontieren Sie mich mit der zweifelslos großen Leistung von Leuten, die es von ganz unten wieder in die Normalität geschafft haben? („Wollen Sie Ihre eigene Leistung […] ernsthaft vergleichen mit der Leistung von […]“
        Also für mich wird es gerade nicht einfacher zu verstehen, was Sie eigentlich gerade damit sagen wollen!

        > Von psychischen Problemen noch gar nicht die Rede. Vermutlich haben sozial Schwache kein Recht auf Krankheit oder eine Depression.
        Ich finde, jetzt fangen Sie wirklich an zu übertreiben. Auch Depression sorgt nicht automatisch dafür, dass man am Bahnhof gegen die Wand pinkelt oder sich bei kläffenden Hunden gegenseitig anbrüllt, so dass viele Leute einen Bogen machen.

        > Und im übrigen ist es mitnichten „sanfter Druck“, den die Funktionsträger da hinten anrichten. Das sind reine Schikanen mit der Absicht, die Würde dieser Menschen zu verletzen.

        Natürlich ist es nur sanfter Druck, wenn zum Beispiel Leute häufiger als nötig kontrolliert werden. Wie würden Sie denn sonst Schlagstöcke, Reizgas und Mannschaftswagen bezeichnen?

        Sie nervt es so langsam und aus meiner Sicht sind die Argumente so langsam auch ausgetauscht.

      6. Wir drehen uns nicht im Kreis. Sie argumentieren einfach unsauber. Die Pointe liefern Sie ja selbst:

        >Sie weisen darauf hin, dass die dort alle nichts dafür können wie es lief, und ich sage weiterhin, dass das ja stimmen könnte, allerdings nicht muss, aber deswegen muss es nicht dort stattfinden.

        Für mich schreiben Sie in Totalität „alle dort nichts“ – also 100% -, und für Sie schreiben Sie so halbgar „stimmen könnte, allerdings nicht muss“ – also so lala 40% vs 60%. Merken Sie jetzt die argumentative Lücke, die Sie sich fein und still herauszureservieren versucht haben?

        Die mit H4 wirtschaftende Mutter taucht auch gar nicht am Hauptbahnhof auf. Sie wird übrigens langfristig nicht gegen den langsamen Abstieg ihres Haushalts wirtschaften können. Weil Sie das ja nicht wahrnehmen wollen, hier mal Denkvorschläge: Irgendwann geht die Waschmaschine kaputt, oder es fallen Reparaturen an. Oder es muss ein neues Leuchtmittel gekauft werden – bei LED oft gleich eine ganze neue Leuchte. Alles so Punktausgaben, die ins Kontor hauen. Die H4-Verfechter sind ja der Ansicht, man könne da ja vorab ansparen. Sehr witzig – ich habe dunkel was von einem einstelligen Eurobetrag in Erinnerung, der in Ansatz für den monatlichen H4-Satz gebracht wird.
        Weiter gedacht: Die Mutter *muss* aber die Waschmaschine ersetzen. Was macht Sie? Jajaja, sie leiht sich Geld. Peng. Die Abwärtsspirale hat sich um 1 Schritt weitergedreht.

        In Ihren 9 Monaten haben Sie mutmaßlich nicht an derartige Anschaffungen denken müssen, und eine kaputt gegangene Waschmaschine hätten Sie mit Ihrem kleinen oder weniger kleinen freigebliebenen Vermögen sogar noch abfangen können.

        Natürlich ist Ihr „Milieu von Vorteil“ gewesen: Wollen Sie Ihre eigene Leistung in satten 9 Monaten, sich aus H4 herausgearbeitet zu haben, ernsthaft vergleichen mit der Leistung von den sehr wenigen anderen Menschen, die aus prekären Milieus stammen und sich herausgeholt haben? Wo bereits die Eltern Sozialfälle waren, wo es eine Drogenproblematik gibt – auch schon bei den Eltern oder im Freundeskreis?

        Von psychischen Problemen noch gar nicht die Rede. Vermutlich haben sozial Schwache kein Recht auf Krankheit oder eine Depression. Würde mich nicht wundern, wenn in der Filterblase „Arbeitsplatzinhaber“ so gedacht wird. „Lustig“, wenn abhängig beschäftigte Bürojobler die Welt erklären wollen.

        Jeder lebt in seiner Blase. Aber er kann sich von sich aus kundig machen, wie es in andern Lebenswirklichkeiten zugehen kann.

        Und hier, Sebastian, verweigern Sie sich weiterhin, mit den Lebensläufen dieser prekär lebenden Menschen zu beschäftigen. Sie bringen immer nur Ihre eigene Erfahrung an und stellen sie als ureigenste voraussetzungslose Leistung dar.

        Und im übrigen ist es mitnichten „sanfter Druck“, den die Funktionsträger da hinten anrichten. Das sind reine Schikanen mit der Absicht, die Würde dieser Menschen zu verletzen. Allein die Wortwahl! Und dann gleich zu sagen, das ist ja nicht „Frontex“. Prima!

        Vom Artikelinhalt wird hier in der Kommentarspalte weiterhin weggeschrieben. Langsam nervt das.

      7. Ich muss es noch mal betonen: „selbst schuld, dass Du obdachlos bist!“ war NICHT meine Grundaussage! Es ging um den Eingangsbereich des Hauptbahnhofes, der von den von Ihnen so genannten Funktionsträgern per „Hass“ von Obdachlosen möglichst frei gehalten würde.
        Ich bin der Meinung: Armut macht nicht automatisch verwahrlost oder asozial! Auch mit Hartz 4 muss es nicht so enden wie es dort oftmals zu sehen ist.

        > Wenn ich was von „Untermietvertrag“ lese… Ihr Milieu war ganz offensichtlich Ihr Vorteil.
        Welchen Vorteil hatte ich denn davon, dass ich damals jemandem mit einem Untermietvertrag aus der Patsche geholfen habe, um jemandem aus der (Melde-) Patsche zu helfen?
        Und gilt „Milieu von Vorteil“ aus Ihrem Mund ungefähr so negativ wie „Arbeitsplatzbesitzer“?

        > Auf lange Frist deckt H4 die Lebenskosten nämlich nicht. Der Lebensstandard sinkt und sinkt fortwährend. Das Endniveau ist schon sehr niedrig, und man selbst schon kaputt […]
        Warum nicht mit dem planen, was man an Einkünften erwarten kann? Warum dieser linksromantische automatisch verlaufende Lebensentwurf?
        Die Fixkosten sind doch klar, dementsprechend Wohnung und/oder Nebenerwerb ausrichten, damit man nicht über seine Verhältnisse lebt. Alles nicht einfach, ich will das keinesfalls behaupten, aber eben alles so im Bekanntenkreis erlebt. Die Mutti, die von der Stütze lebte, weil ihr Ausbildungsberuf aus der DDR nicht mehr gefragt war und der alkoholkranke Mann sich das Hirn weggesoffen hat. Sie kam durch geschicktes Wirtschaften klar. Der kleine Rebell, dem kein Job gut genug war und sich mit Flohmarkt- / eBay-Handel was dazu verdiente. Und auch manch andere Leute.

        Wahrscheinlich drehen wir uns da weiter im Kreis. Sie weisen darauf hin, dass die dort alle nichts dafür können wie es lief, und ich sage weiterhin, dass das ja stimmen könnte, allerdings nicht muss, aber deswegen muss es nicht dort stattfinden.

      8. H4 „funktioniert“ gut für Leute, die in geordneten Verhältnissen leben und noch so etwas wie Haltung bewahren können, wenn sie vom Jobcenter mal getriezt werden.

        Beschäftigen Sie sich lieber mal wirklich mit den Lebensläufen dieser obdachlosen Menschen, die tagtäglich on the spot von irgendwelchen Funktionsträgern willkürlich getriezt werden, wie im Artikel weiterhin lesbar. Da geht es nicht um hinter das Sofa geschmissene Krümelbeträge.

        Nur weil Sie es „geschafft“ haben, müssen das auch nicht „alle anderen“ können. Wenn man in einem intakten Sozialmilieu lebt, psychisch gesund ist und sich mit den Behörden verständigen kann, fällt man auch nicht so leicht runter (s.o.).

        Wenn ich was von „Untermietvertrag“ lese… Ihr Milieu war ganz offensichtlich Ihr Vorteil.

        Malen Sie sich mal aus, wenn Sie nicht 9 Monate, sondern 2 Jahre keine Arbeit gefunden hätten. Dann nämlich geht es an die materielle und psychische Substanz.

        Auf lange Frist deckt H4 die Lebenskosten nämlich nicht. Der Lebensstandard sinkt und sinkt fortwährend. Das Endniveau ist schon sehr niedrig, und man selbst schon kaputt… so dass man sich krankschreiben und frühverrenten lassen kann. Aber hat man so ein Leben gewollt, als man jung war?

      9. Es ist schon richtig, dass es solche Schicksale gibt. Ich finde es aber ein Nebenthema, wie es dazu kam, denn der Grundtenor war nicht „selbst schuld! was seid ihr auch obdachlos!“ sondern „dort soll es nicht stattfinden“.

        Aber ok, Nebenthema: Ich kann nur den Eindruck nicht nachvollziehen, dass das immer so zwangsläufig läuft und niemand dort etwas für seine Situation kann. Dort laufen auch Leute rum, die Sticker vom Stil „Arbeit ist kacke“ tragen. Muss nicht die ureigenste Erfindung oder Einstellung sein, aber auch das gehört zur Szene der Obdachlosen dazu.
        Diese Darstellung, dass aus A eben gleich B folgt, und dann ist C unvermeidbar. Am Ende dieser Kette steht jedenfalls sicher nicht, dass Leute mit diesem Schicksal zwangsläufig am Bahnhof landen und zwar genau im Eingangsbereich, entsprechendes Milieu ausstrahlend und ausbreitend, mit allem was dazugehört.

        Ja, die Gesetze sind streng, aber ich hab auch schon mal einen Untermietvertrag (ist verjährt, keine Sorge 😉 ) für jemanden erstellt, der einen brauchte. Klar geht das im Notfall. Und die LWB gibt nur für Leute mit glasklarer Schufaauskunft eine Wohnung? Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob ich 2009 und 2012 überhaupt eine abgeben musste. Die Arge streckt auch mal Geld vor, hab es selbst erlebt, wenn es einen Härtefall gibt und man den begründen kann. Es gibt für schwere Fälle auch Fallmanager, die mehr Befugnisse zum Budget haben als normale Sachbearbeiter.

        Rechnungen stapeln sich, aus Krümelbeträgen werden große Summen? Ja, so kann das sein. Wenn man Rechnungen nicht öffnet sondern hinter die Couch wirft. Wenn man über seine Verhältnisse lebt, vergisst Dinge zu kündigen. Ungefähr sowas meinte ich ja mit der Bemerkung „9 Monate Hartz 4“, denn genau solche Situationen habe ich selbst erlebt.

        Der Kehrmaschinenfahrer fuhr laut herum? Hatte er unterlassen auf den „leise“ Knopf zu drücken, um in Ihnen vielleicht den Fluchtinstinkt zu erwecken?
        Kehrmaschinen sind leider laut, das weiß jeder der mal in der Innenstadt gewohnt hat, und wahrscheinlich macht es dem *Fahrer/(:in auch nicht so viel Spaß nachts zu arbeiten und dort den Unrat nebst Aerosolen der tollen Sachen, die dort abgeladen werden, aufzunehmen. Immerhin hat er die Maschine und muss es nicht selbst machen.

      10. Guter Anfang. Mal über die Ursachen von Obdachlosigkeit nachzudenken.
        (Das mit dem „Wildpinkeln“, jahrelang bestätigte Vorurteile meinerseits: Wenn ein Mann eine Lokalität mit WC verlässt, fällt ihm spontan ein, dass er JETZT mal muss, auch wenn er ein sicheres Zuhause in kürzester Entfernung hat ^^)

        Wenn ich es vor Corona richtig verstanden habe, gab es so 2000 Zwangsräumungen in Leipzig pro Jahr.
        Krankenkassenschulden etc., Konto gesperrt, nicht mehr gehende Krümelabbuchungen werden zu Großschulden.. etc.
        Hilfesuchend, Jobcenter bewilligt Bedürftigkeit, Miete.. lässt sich aber soviel Zeit mit Prüfung, dass Mietrückstand doch zur Zwangsräumung führt.
        Wenn es zur Zwangsräumung kommt, fliegen deine nicht in eine kleine von dir zu bezahlende Aufbewahrungsbox passenden Dinge in einen von dir zu bezahlenden Müllcontainer.
        Die dazu notwendige „Umzugsfirma“, vom Sozialamt empfohlen, kostet dann auch noch mal heftig.
        Aber was soll’s, in deinem Nur-Übernachtbett/-zimmer hättest du eh keinen Platz für deine Bücher, mit denen du dein Leben gelebt hast.
        (Mit Kindern bekommst du eine Notwohnung, jeweils für vier Wochen, auf Antrag.)
        So und nun hast du einen Schufa-Eintrag. In einer Höhe, wo du eine neuen Mietvertrag vergessen kannst.
        Früher konnte man sich dann wenigstens noch bei jemanden anmelden – mit den neuen Meldegesetzen geht das nur über den Vermieter, also keine Anschrift, um wieder auf die Beine zu kommen.
        Bedenken sollte man auch, ehe man urteilt und richtet, dass, so aus dem Leben geworfen zu werden,
        traumatisch ist und dass die Höchstleistung des/derjenigen schon ist, einfach zu überleben.
        Alkohol wäre dann nur ein kleiner, falscher Trost.

        Deshalb finde ich so Projekte wie „Housing first“ schon sehr gut, aber es dauert bis die letzten Jahrzehnte aufgearbeitet sind.
        Und der/diejenige muss auch erstmal lernen, sich von seinem bisherigen Umfeld abzugrenzen, also auch nicht einfach für die anderen Mitbewohner im Haus … Und bezahlbare Wohnungen für alle …

        Zum Bahnhof zurück. Habe da selbst desnächtens auf die Bahn (3:33 Uhr) wartend mal einen Kaffee getrunken, zum Rauchen vor die Tür gegangen. Da fuhr ein sehr böse blickender Fußwegkehrmaschinen-Fahrer laut im Kreis herum, irgendwie wollte der alles da „wegfahren“. Will mal sagen, der Ton macht auch hier die Musik.

      11. Sehr „schön“, da haben sich jetzt einige mal so richtig auf den mit Schostakowitsch untermalten Uringestank eingeschossen und somit sich ganz sanft und unauffällig um eine Auseinandersetzung mit dem Inhalt des Artikels gedrückt. Da geht es nicht um die Frage, wie die Toilettensituation denn so ist… -.-

      12. Bei Ihnen lieber Stefan, da klingt „Arbeitsplatzinhaber“ schon fast wie ein Schimpfwort.

        Ich kenne jetzt die Toilettensituation am Bahnhof nicht, aber es gibt doch bestimmt andere, vor allem hygienischere, Möglichkeiten seine Notdurft zu verrichten, als im Eingangsbereich.
        Viele ekeln sich nunmal davor und dem Sandstein tut der Urin sicher auch nicht gut.

        Wenn man dieses Problem löst, wäre es wahrscheinlich nicht mal nötig, die Obdachlosen von dort zu verscheuchen.

      13. „Sanfter Druck“ hört sich natürlich viel cooler an als „Vergrämen“. Im Artikel werden noch ganz andere Sachen beschrieben, aber das spielt wohl keine Rolle mehr.

        >Deswegen gibt es mehr oder minder subtile Methoden des Drucks, weil das nicht gewollt ist, was sich dort abspielt.

        Warum und vor allem wer „will“ es nicht, dass sich das dort abspielt?

        Mein Antwortvorschlag: Arbeitsplatzinhaber, die sich wünschen, dass auf allen ihren Wegen (Fuß-, Rad- und Autoweg) es aufgeräumt zu sein hat.

        Es werden nicht einmal Straftaten in Ansatz gebracht, sondern bislang nur ekelerregende Gerüche. Sorry, es gibt echt andere Probleme.

        Nehmen Sie einfach den Mitteleingang zum Hauptbahnhof, und gut ist. Ist sowieso der schnellste Weg.

      14. Man wird dort mit Leuten vom Rand der Gesellschaft und ihrer Art in unterschiedlicher Ausprägung konfrontiert. Als jemand, der das sonst nicht kennt, der Toiletten benutzt und eher formale Wege geht sein Leben zu unterhalten, der fühlt sich damit doch in aller Regel konfrontiert! Was haben Sie da jetzt wieder gegen, das auch so zu formulieren?

        Viele Leute fühlen sich angeekelt, wenn sie da durch den Geruch und das soziale Umfeld durchmüssen. Deswegen gibt es mehr oder minder subtile Methoden des Drucks, weil das nicht gewollt ist, was sich dort abspielt. Und es gibt nach wie vor verschiedenste Angebote, damit den Leuten auch geholfen wird. Man muss auch keine Schulbildung haben, damit man bei der ARGE einen Antrag auf ALG2 ausgefüllt bekommt mit entsprechender Hilfe.

        „Gerade mal 9 Monate ALG2“ sind sicher keine traumatische Lebensgeschichte, aber direkt nach dem Hochschulabschluss in Hartz IV, das wäre durchaus auch eine Art gewesen, über die manche Menschen abrutschen. Da sind viele Tage dabei, bei denen man die freie Wahl hat morgens aufzustehen und den Tag nach Kräften zu strukturieren, oder einfach auszuschlafen. Nur mal als ein Beispiel. Es ist nicht so, dass es zwangsläufig so laufen muss. Und es ist hart genug da den Kopf oben zu halten. Auch bei den Themen Alkohol oder Schulden, denn viel Geld gibt es bekanntermaßen nicht gerade vom Amt. Aber ne Bude gibt es. Nein, nicht in der Südvorstadt, aber es gibt sie.

        Aber abgesehen von der Begründung, wie man in solche Lebensumstände hineingerät und wieviel man dagegen selbst in der Hand hat, ging es um den Ort. Der Eingang vom Hauptbahnhof, oder auch das Umfeld der Gewandhauskasse sind keine Orte, an denen ich das Privatumfeld, mit allem was dazu gehört, von DORT lebenden Menschen vorgehalten bekommen möchte.

        Das war der Ursprung, warum ich auf Ihren Kommentar mit dem „Hass der Funktionsträger“ antworten wollte. Meines Erachtens tun die mit den geschilderten Maßnahmen ziemlich genau das, was erwartet wird. Natürlich ist es dennoch wichtig, dass auch mal darauf hingewiesen wird, was es mit den Menschen macht und was dazugehört.
        Selbstverständlich macht es den Ordnungskräften überhaupt nichts aus da ständig Leute zu nerven. In der Welt vieler LZ-Leser dürfte es zumindest so aussehen…

        Und nur zum Festhalten: Sie reden von Vergrämen, ich von sanftem Druck. Das sind Maßnahmen weit weg von Gewalt, Sondereinsatz oder sonstwas, was ich an dieser Stelle überhaupt nicht gutheißen würde.

      15. „Konfrontation“, „bekämpft“… was für Wörter.

        Die Leute, die da müffelnd hausen und einfach nicht weggehen wollen, können auch ganz andere Lebensgeschichten haben als mal gerade 9 Monate ALG2 bei intakter Schulbildung.

        Reden Sie einfach mal mit den Leuten zwei-drei Sätze. Sie brauchen ja auch gleich nicht den stärkst Riechenden anzusprechen. Es gibt auch Leute, die noch halbwegs aufgeräumt „aussehen“. Sie brauchen am Ende auch kein Geld zu geben, beim Anbetteln ist ein freundliches „Nein.“ völlig okay. Seien Sie mal bitte ein bisschen menschenfreundlicher.

      16. Ich rede auch nicht vom Entzug der Rechte dieser Leute. Wirklich, die sollen das mit der Art zu Leben halten wie sie mögen (ich weiß, nicht Jeder ist da frei in der Entscheidung).

        Aber einen Anspruch darauf, dass genau dort müffelnd und bettelnd gehaust wird, wo viele Leute täglich vorbeimüssen, den sehe ich auch nicht.

        Ich war selbst 9 Monate lang ALG2-Empfänger. Man muss erstens auch im Zustand der Not / Lebensumstände nicht SO leben und wie gesagt, auch nicht zwingend DORT. Bei aller Freizügigkeit ist das halt immer ein schmaler Grat, welches Maß an Konfrontation man politisch noch für zumutbar findet, und was man dann eher bekämpft.

      17. Auch Menschen „am Rand“ haben Bürger-, Grund- und Menschenrechte.

        Der Arbeitsplatzinhaber hat keinen Anspruch darauf, dass ihm der Weg von diesen Subjekten „frei“geräumt wird.

      18. Das Wort „Hass“ hätte ich nicht verwendet, aber wenn Leute dort betteln, dem Geruch nach auch urinieren, sich besoffen anbrüllen usw., wo die Masse der normalen Leute (damit ist eben nicht der im Artikel verwendete Rand gemeint, sondern die Mehrheit) durch möchte auf dem Weg zu Arbeit, Freunden, Ferienziel, was auch immer, dann finde ich das nicht in Ordnung. Das ist eher eine Abneigung, im Extremfall vielleicht auch Angewidertsein, aber kein Hass.

        Die „Funktionsträger“ handeln mit dem sanften Druck auf diese Leute genau in (bei weitem nicht nur) meinem Sinne. Harte Maßnahmen und die hässlichen Bilder dazu lassen sich womöglich nicht im Grenzbereich beim Thema Frontex und Co. vermeiden, aber am Hauptbahnhof muss es nicht sein. Da finde ich eine Mischung aus Schostakowitsch und Kontrollen tatsächlich sehr kreativ und auch sanft, damit der Bahnhof etwas von dem Ruf verliert, den leider viele Bahnhöfe und ihre Viertel inne haben.

      19. Wo kommt eigentlich dieser Hass auf die Obdachlosen her, den so eine ganze Reihe von Funktionsträgern in sich trägt?

        Das geht weit über die Peinlichkeit der sog. Musikstadt Leipzig hinaus, mit klassischer Musik Menschen von den Eingängen zu vergrämen wie lästige Stadttauben.

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