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Gastkommentar von Christian Wolff: Der falsche Weg

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    Um es vorweg zu sagen: Ich bin zweimal mit AstraZeneca geimpft. Ich bin auch davon überzeugt, dass die Corona-Pandemie nur über die Impfung möglichst vieler Menschen in ihren (lebens)gefährlichen Auswirkungen zu bekämpfen ist – weswegen ich jedem empfehle, sich impfen zu lassen.

    Allerdings wird dies nachhaltig nur möglich sein, wenn allen Menschen auf dem Erdball ein Impfangebot gemacht werden kann und dies schon jetzt mit entschlossener Klimaschutz-, Ernährungs- und Landwirtschaftspolitik verbunden wird. Darum hält sich nach dem Impfen mein „Sicherheitsgefühl“ in Grenzen.

    Es gilt neben dem Impfen das Immunsystem eines jeden einzelnen Menschen durch gesunde Ernährung zu stärken und dem Ausbreiten weiterer gefährlicher Viren entgegenzuwirken. Davon ist auf der politischen Ebene leider so gut wie nicht die Rede. Stattdessen werden Scheindebatten geführt – vor allem um die Frage, ob Geimpfte deutlich mehr Rechte haben sollen als Nichtgeimpfte.

    Sinn und Zweck dieser Schaufensterdebatte soll offensichtlich sein, auf diejenigen, die sich – aus welchen Gründen auch immer – bis jetzt nicht haben impfen lassen, Druck auszuüben – und sie als Gefährder/-innen und Sozialschmarotzer zu brandmarken. Das allerdings ist unangemessen und unwürdig. In einer freien Gesellschaft müssen auch Lebens- und Verhaltensweisen toleriert werden, die ich selbst für falsch halte – solange von ihnen keine Gefahr für Leib und Leben von anderen ausgeht.

    Wenn sich einer bis zur Bewusstlosigkeit betrinkt, sich aber – statt ans Steuer zu setzen oder gewalttätig zu werden – ins Bett legt und schläft, kann man ihn deswegen weder bestrafen noch ihm das Trinken von Alkohol verbieten. Wenn sich jemand nicht impfen lässt, sich aber ansonsten an die A-H-A-Regeln hält und sich vor dem Besuch von Veranstaltungen testen lässt bzw. lassen muss, wird man ihm nicht unterstellen können, dass er die Gesundheit anderer gefährdet.

    Nun haben die Ministerpräsident/-innen zusammen mit der Bundeskanzlerin gestern beschlossen, dass es wohl bei der 3-g-Regel bleiben soll (genesen, geimpft, getestet) – wobei Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in der ihm eigenen Art sofort verlauten ließ, dass er nur noch Genesenen und Geimpften Zugang zu Veranstaltungen gewähren möchte.

    Nichtgeimpfte sollten ab Mitte Oktober ihren Test selbst bezahlen müssen. Letztlich läuft das auf die Einführung eines Impfzwangs durch die Hintertür hinaus. Das ist bedenklich genug. Doch noch gravierender ist, dass durch kostenpflichtige Tests für Nichtgeimpfte dies voraussichtlich zu weniger Tests führen wird. Damit wird aber das Infektionsgeschehen eher beschleunigt als dass es eingeschränkt wird.

    So richtig es ist, dass durch das Testen das Coronavirus nicht beseitigt werden kann, so richtig ist aber auch, dass durch möglichst viele Tests das Infektionsgeschehen verfolgt werden kann. Hinzu kommt, dass niemand sicher sagen kann, ob nicht in wenigen Wochen für alle eine Testpflicht eingeführt wird, weil die Virenlast auch bei Geimpften sich verstärkt.

    Es ist vorhersehbar, dass die gestrige Beschlusslage wenig dazu beitragen wird, die Impfbereitschaft zu erhöhen und das Infektionsgeschehen nachvollziehbar zu machen. Dabei käme es jetzt darauf an, weiter intensiv für das Impfen zu werben und niederschwellig Impfangebote zu machen.

    Die gestrige Botschaft allerdings wird wenig dazu beitragen, dass Menschen jetzt ihre Bedenken fallen lassen, sich impfen lassen, oder sich ihrer Nachlässigkeit bewusst werden. Denn wieder einmal saßen drei müde Politiker/-innen vor der Kamera, die wenig inspirierend und werbend, aber mit viel Drohgebärden und ohne Überzeugungskraft Regelungen verbreiteten, die kaum noch jemanden erreichen und in die falsche Richtung weisen.

    Ceterum censeo (im Übrigen meine ich ..): Seit nunmehr 18 Monaten sind in keinem Waggon einer Straßenbahn oder eines Zuges und in keinem Bus der öffentlich betriebenen Verkehrsmittel Vorkehrungen getroffen worden, dass sich nur eine bestimmte Anzahl von Menschen in diesen aufhalten dürfen – und das bei vollem Wissen, dass das Infektionsgeschehen dann besonders gefährlich ist, wenn sich zu viele Menschen in geschlossenen Räumen über eine längere Zeit aufhalten. Wann wird dieser Skandal beendet?

    Zum Blog von Christian Wolff: http://wolff-christian.de

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