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„Ein gutes Konzept, um die Stadt nicht auszuverkaufen”: Die Baugruppe „[A]Enders Wohnen“ über ihr Mehrgenerationenhaus

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    Im Leipziger Westen, zwischen der Endersstraße 31 und 33, ist aus der großen, grünen Fläche eine Baugrube geworden. Seit Anfang des Jahres entsteht dort das Mehrgenerationenhaus der Baugruppe „[A]Enders Wohnen“, die das Grundstück per Erbbaupacht von der Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB) bekommen hat. Anja Riediger (54) und Sebastian Obermeier (36) sind zwei von fast 50 Menschen, die dort leben werden – einige von ihnen in einem „Cluster“.

    Wer steht hinter [A]Enders Wohnen?Sebastian Obermeier: Wir sind einzelne Leute und viele Familien, insgesamt etwa 25 Erwachsene und ungefähr 20 bis 25 Kinder. Ich finde die starke Altersmischung und das Clusterwohnkonzept besonders spannend. Meine Familie wird Teil des Clusters werden. Unser jüngster Sohn ist jetzt ein halbes Jahr alt, die älteste Person im Projekt ist im August 80 geworden. Sie zieht auch ins Cluster.

    Anja Riediger: Viele Nationen haben wir auch. Und es gibt eine ziemliche Bandbreite an Berufen.

    Was kann man sich unter dem Clusterwohnkonzept vorstellen?

    Riediger: Das Cluster ist sozusagen eine große Wohngemeinschaft auf zwei Etagen, mit Leuten, die eigene Wohnungen haben, aber auch einen gemeinsamen Wohnbereich. Darüber und darunter gibt es Wohnungen, in denen Familien oder einzelne Leute in Wohnungen wohnen, die ihnen selbst gehören.

    Obermeier: Das Haus hat ein Erdgeschoss und fünf Geschosse mit jeweils etwa 300 Quadratmetern Wohnfläche. Im zweiten und dritten Stock ist das Cluster. In seiner Mitte gibt es einen80 Quadratmeter großer Wohn-, Koch- und Essbereich, wo man gemeinsam leben kann. Drumherum sind auf den zwei Stockwerken die einzelnen Wohnungen. Alle Wohnungen haben zwar einen Küchenanschluss, aber manche von uns bauen sich gar keine Küche ein, weil sie sagen: Wenn ich da bin, bin ich ja im Cluster.

    Wie wohnt man als Familie in diesem Cluster?

    Obermeier: Meine Familie hat eine Wohnung, die klein ist, aber voll funktionsfähig. Wir denken, dass wir auch mal unter uns sein wollen. Wie das dann gelebt wird? Das ist die große Frage, das weiß man ja noch nicht.

    Kann man an diesem Leben auch teilhaben, wenn man nicht im Cluster wohnt?

    Obermeier: Wir stellen uns das so vor, dass die anderen im Haus, wenn sie wollen, dabei sind. Vom Treppenhaus aus wird es eine Sichtachse geben, durch die man in die Küche schauen kann. Wir legen Wert darauf, dass der Cluster-Bereich attraktiv ist. Eine sehr gute Kaffeemaschine soll rein, also etwas, was die Leute anzieht. Und ich denke, dass es immer mal Kuchen geben wird und die Kinderschar da eine feine Nase hat. Das wird zeitweise bestimmt ein quirliger Bereich.

    Wie sieht es im Rest des Hauses aus?

    Obermeier: Im Erdgeschoss haben wir eine gemeinsame Gästewohnung und einen Waschraum. Außerdem gibt es einen Gemeinschaftsraum. Den wollen wir nutzen, aber er kann auch fremd genutzt werden, denn wir wollen uns in den Stadtteil öffnen. Wir haben einen sehr großen Fahrradstellplatz, für 50 oder 60 Fahrräder.

    Aber wir müssen auch drei Autoplätze bauen. Das reicht auch. Für das Haus ist cool, dass im Stadtteil viel vorhanden ist: Der Garten ist klein für so viele Leute, aber dafür sind ja der Henriettenpark und der Kanal nebenan.

    Sie wollen ökologisch wohnen. Was bedeutet das?

    Obermeier: Wir haben Geothermie und Photovoltaik. Das ist so gekoppelt, dass man nicht nur Wärme aus dem Boden zieht, sondern auch zyklisch über das Jahr Wärme einleiten kann. Eine monolithische Ziegelwand dämmt das Haus. Da spielt nicht nur Heizen eine Rolle, sondern auch Kühlen, wenn es durch den Klimawandel in Leipzig ein paar Grad wärmer wird. Außerdem wollen wir das Dach und die Balkone begrünen und es soll Rankpflanzen geben.

    Bezahlbar soll das Wohnen aber auch sein. Wie geht das?

    Obermeier: Wir bauen eine Sozialwohnung, in die man nur ziehen kann, wenn man sozialhilfeberechtigt ist. Außerdem bauen wir kleinere Mietwohnungen, die teilweise ans Cluster angedockt sind, speziell für Leute, die zum Beispiel eine Ausbildung machen oder studieren. Die Mietwohnungen sind bisher nicht vergeben. Da suchen wir Leute, wenn das Haus fertig ist.

    Was sagt die Nachbarschaft zum Wohnprojekt?

    Riediger: Es war eine schwierige Phase, als das schöne gartenähnliche Grundstück verschwand und wir die Bäume fällen mussten. Es gab ganz früheren Entwurf, bei dem das Haus anders auf dem Grundstück stand und der die großen Bäume erhalten hat. Dann stellte sich heraus, dass es von der Stadt eine klare Bebauungsidee gibt. Und genau da standen die ältesten Bäume. Das ist klar, dass das für die Nachbarschaft blöd ist.

    Obermeier: Natürlich fänden die Nachbarn es cooler, wenn das Grundstück frei bleibt. Aber einige sagen auch: Besser, es kommt ein Projekt als ein Investor. Es ist generell schon anstrengend, dass in Leipzig so nachverdichtet wird. Aber ich denke, dass unsere Selbstnutzung einen Unterschied macht im Vergleich zum Investor, der ein paar Häuser weiter Garagen Richtung Kanal baut. Ein Investor baut vor allem so, dass es sich gut verkaufen lässt und günstig ist. Wir bauen so, dass wir gemeinsam und solidarisch gut leben können und uns auch für den Stadtteil öffnen.

    Mit Erdgeschoss und fünf Etagen wird es ein sehr großes Haus. Weshalb?

    Riediger: Wir finden es richtig, dass es ein großes Haus ist, in dem viele Menschen wohnen können, kein schicker kleiner Bungalow, bei dem viele Bäume stehen bleiben, wo dann aber nur dreieinhalb Leute wohnen. Deshalb ist es ein ziemlich großer Kasten. Aber besser so als elitäre kleine Projekte. Die machen unserer Meinung nach keinen Sinn.

    Warum neu bauen anstatt zu renovieren?

    Obermeier: Bei uns im Stadtteil haben sich die Preise zum Teil verhundertfacht. Vor zehn Jahren gab es in Lindenau noch Häuser für 8.000 Euro, die kosten jetzt bis zu einer Million. Wir zahlen jetzt für das Grundstück mit Erbpacht auf 99 Jahre insgesamt auch etwa eineinhalb Millionen. Dann fällt es zurück an die LWB. Aber städteplanerisch finde ich Erbpacht ein gutes Konzept, um die Stadt nicht auszuverkaufen.

    Wie ist es dazu gekommen, dass Sie das Grundstück von der Stadt pachten?

    Riediger: Die Kerngruppe hat seit 2015 versucht, ein Grundstück für ein gemeinschaftliches Haus zu finden. Sie hatten es mit mehreren Grundstücken probiert und sind immer gescheitert, weil immer an die Meistbietenden verkauft wurde. Dann gab es 2017 eine Ausschreibung von der Stadt und der LWB: Zwei Grundstücke – unseres und die Klingenstraße 10 – sollten vergeben werden. Wir haben uns auf das Grundstück beworben wie auf einen Job. Eine Jury hat die Konzepte bewertet und das tragfähigste hat den Zuschlag bekommen.

    Und wann können Sie in das Haus einziehen?

    Obermeier: Der Running Gag ist: Es dauert immer noch eineinhalb Jahre.

    Riediger: Das ist dann Anfang 2023.

    Obermeier: Was ist, wenn noch eine Corona-Welle kommt, oder eine Baufirma pleite geht? Ich habe gelernt, dass es ein großer Prozess ist. Bei vielem muss man gelassen sein.

    Vielen Dank für das Gespräch.

    Das Interview „Ein gutes Konzept, um die Stadt nicht auszuverkaufen“ mit Anja Riediger und Sebastian Obermeier von der Baugruppe „[A]Enders Wohnen“ erschien erstmals am 29. Oktober 2021 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 96 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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