Die LZ-Weihnachtsausgabe ist da. Etwas dicker als üblich, auch, weil wir uns im November dieses Jahres zurückhielten. Dafür wieder mit jener kleinen Weihnachts-Freude, die LZ-Leser/-innen so lieben: bekannte Leipzigerinnen und Leipziger erzählen, was sie sich wünschen – für sich, für das kommende Jahr, die Stadt und natürlich die Welt. Denn wenn Coronapandemie und Klimakrise uns etwas wieder vor Augen geführt haben, dann das Wissen darum, wie eng verflochten unser Schicksal mit der ganzen Erdgemeinschaft ist. Wir können nicht mehr so tun, als ginge uns das alles nichts an. Oder als würden wir die „heile Welt“ in einem irgendwie erinnerten „früher“ wiederfinden wie der alte Mann auf der Zeichnung von Schwarwel auf dem Titelblatt.

„Wann soll dieses ‚früher‘ gewesen sein?“ Eine nur zu berechtigte Frage, die Schwarwel als offene Frage in den Raum stellt. Und die Konstanze Caysa in ihrer Kolumne in dieser LZ-Ausgabe Nummer 97 auf die nächste Frage zuspitzt: „Wie mündig ist der moderne Mensch?“ Diesmal schnappt sie sich den berühmten und so selten gelesenen Hegel, den sich 2005 wiederum der Philosoph Pirmin Stekeler-Weithofer aufgriff, um das Knecht- und Herr-Verhältnis zu diskutieren.Das auch im einzelnen Individuum gilt: Bist du fähig zur Selbstbestimmung oder wirst du beherrscht – von irgendwelchen Gefühlen, Gerüchten, Stimmungen, Meinungen? Und was befähigt, die Bildung einer eigenen Meinung von einer passiv übernommenen, fremden zu unterscheiden?

So, wie wir uns selbst sehen, sehen wir auch die Welt um uns. Was übrigens das Thema Freiheit berührt. Denn Knechte können so laut Freiheit rufen, wie sie wollen – sie werden nicht frei. Frei wird man erst in der Selbstbestimmung und der Selbstfindung. Wer sich nicht kennt, ist nicht frei. Und auch nicht offen für Andere und die Möglichkeiten, die sich auftun da draußen.

Möglichkeiten, über die sich eine Menge Leute in dieser Zeitung in der jahrelangen LZ-Reihe „Wenn Leipziger/-innen träumen“ Gedanken machen – vom Leipziger Polizeipräsidenten bis zur Theaterchefin, vom Handwerker bis zu den jungen Klimaaktivisten und jenen mehr, die ganz und gar nicht daran denken, 2022 Ruhe zu geben. Denn Leipzig ist genauso wie der ganze Rest Deutschlands noch immer viel zu langsam unterwegs bei Wegen zu gleichen Chancen für alle und in ein klimaneutrales Zeitalter.

Nicht das einzige Thema, wo die Aktivisten in Initiativen, Vereinen und auf der Straße merken, wie schwer es den politisch Verantwortlichen fällt, Fehlentwicklungen zu korrigieren und eine Stadt für alle zu schaffen.

Das bestimmt das Themenfeld auf den ersten Seiten besonders, wo es um den unaufhaltsamen Prozess der Gentrifizierung in Leipzig geht, die permanente Verdrängung von zahlungsschwächerer Mieterschaft, weil Wohngebäude Kauf- und Spekulationsobjekte geworden sind. Und der soziale Wohnungsbau nicht ansatzweise auffangen kann, was bei der Gentrifizierung in Connewitz, Reudnitz oder Südvorstadt an bezahlbarem Wohnraum verloren geht.

Die letzte LZ des Jahres 021, Nr. 97 Titelblatt. Foto: Screen LZ
Die letzte LZ des Jahres 021, Nr. 97 Titelblatt. Foto: Screen LZ

Was nicht heißt, dass die Stadt nicht Wege sucht, dem zu begegnen – wie beim Konzeptvergabeverfahren für die Wolfgang-Heinze-Straße 29.

Wie sehr sich die Probleme von Stadt zu Stadt ähneln, wird in zwei neuen Bürgermeisterinterviews deutlich. Lucas Böhme hat den Böhlener Bürgermeister Dietmar Berndt besucht und Antonia Weber den scheidenden Wurzener Bürgermeister Jörg Röglin.

Dass es letztlich immer um sehr persönliche Schicksale geht, zeigt Lucas Böhme in seinem Beitrag „15 Jahre hinter Gittern“. Denn wie geht man nach all den Jahren um mit der Tötung eines Lebensgefährten, der in den heimischen Wänden ein anderer Mensch war als in der Öffentlichkeit? Wie geht vor allem eine Frau damit um, die damals schon mit Vorverurteilung zu tun hatte und am Ende vor Gericht die Höchststrafe bekam?

Das rührt an den ganz wunden Punkt, mit dem alle zu tun haben. Und den wir auch im Buch „Femizide“ gestreift haben. Wie bewahren wir uns unsere menschliche Würde? Und wie sehr greifen die gesellschaftlichen Vorurteile bis ins Private und bringen Menschen in ausweglose Situationen?

Eine nachdenklich machende Zeitung also zum Jahresausklang, in der auch die offenen Fragen des Tages behandelt werden: Wie gehen Kultur und Gastronomie mit den weiter wirksamen Einschränkungen um? Wie übersteht eigentlich der Amateur-Sport diese Zeit, während der Profifußball nahezu alles ermöglicht bekommt?

„Ich wünsche mir für das Jahr 2022, dass die Gesamtgesellschaft endlich aufhört, die Augen zu verschließen und wieder hinzuschauen beginnt“, schreibt die junge Klimaaktivistin Luise Steeck.

Sie sehen schon: Es gibt wieder diese Verbindungen von Text zu Text. Auch beim Umgang mit den Klimafolgen geht es um Selbsterkenntnis, ohne die Welterkenntnis nicht möglich ist. Nur wenn wir die Dinge sehen, wie sie sind, können wir handeln. „Augen zu und durch“ funktioniert nicht, hat wohl auch nie funktioniert.

„Augen auf und die Herausforderung angenommen“, sollte wohl eher die Devise sein.

So betrachtet wiederum ein ermunternder Auftakt für das nächste Jahr. Von einem gemütlichen „früher“ träumen nur noch die Kopf-in-den-Sand-Stecker. Die Zukunft wird aber das sein, was wir draus machen. Oder das, was wir zulassen, weil wir zu egoistisch waren, die Herausforderung anzunehmen.

Selbst Ilse Schnickenfittich nimmt das Wort vom „maßlosen Egoismus“ in den Mund, den wir erkennen müssen. Womit wir wieder bei Hegel wären. Das hätte der alte Knabe auch nicht gedacht, dass er nach 200 Jahren doch noch mal gebraucht würde.

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