Sie hat eine entsetzliche Tat begangen und schwerste Schuld auf sich geladen. Dessen ist sich Maria Lindner selbst bewusst. Vor vielen Jahren tötete die heute 62-Jährige ihren Ehemann Roland (Name verfremdet), kassierte eine lebenslange Haftstrafe wegen Mordes und verbrachte 15 Jahre im Strafvollzug.

Wir treffen Maria Lindner, deren wahrer Name zu ihrem Schutz geändert wurde, an ihrer heutigen Anschrift, wo sie seit der Haftentlassung unauffällig lebt, irgendwo in Sachsen. Sie wohnt hier gemeinsam mit ihrer jüngeren Freundin Carmen, die sie hinter Gittern kennengelernt hat. Auch Carmen heißt eigentlich anders.Maria hat sich bereiterklärt, uns ihre Geschichte zu erzählen, auch wenn sie über die Umstände und Details des Verbrechens nicht allzu viel reden mag. Sie habe damit abgeschlossen, sagt sie. Ein bisschen was erfahren wir andeutungsweise aber doch. Der Blickwinkel ist hier zwangsläufig subjektiv, eine Prüfung der Einzelheiten nicht möglich.

Doch wirkt Maria zumindest reflektiert in ihrer Erzählweise. Das mehrstündige Gespräch mit der 62-Jährigen verläuft äußerst angenehm. Sie berichtet ausführlich, vor allem von der Zeit im Gefängnis mit all ihren Facetten. Maria scheint ein eher zurückhaltender Typ zu sein, kein Mensch, der sich gern in den Vordergrund spielt. Zwischendurch holt sie sich mal ein Glas Wasser aus der Küche, weil ihre Kehle so trocken ist: Schon lange habe sie nicht mehr so viel am Stück geredet, bemerkt sie.

Ehe soll problematisch gewesen sein

Die Gewalttat, die Maria Lindner begeht, spielt sich an einem Abend in den 90er Jahren ab. Das Geschehen kommt nicht aus dem Nichts, sondern hat wohl zumindest einen Kontext – das ist keinerlei Entschuldigung, sondern allein eine Erklärung für das, was passiert.

Wir möchten hier bewusst nicht ins Detail gehen – nur so viel: Maria deutet in ihrer Erzählung an, dass die Ehe mit Roland aus verschiedenen Gründen problematisch gewesen sei. Doch habe er, ein Erfolgsmensch und Karrieretyp, gegenüber Freunden, Nachbarn und Kollegen einen anderen Eindruck vermittelt, als es in Wirklichkeit der Fall war.

Überprüfen können wir diese Angaben nicht. Fest steht jedoch: Als Roland einer tödlichen Gewalttat zum Opfer fällt, beginnt die Polizei sofort mit der fieberhaften Suche nach dem Täter – und nimmt nach kurzer Zeit Ehefrau Maria fest.

In der Nachbarschaft macht die Nachricht die Runde wie ein Lauffeuer. Maria, damals in ihren Dreißigern, wird das Verbrechen an Roland gestehen – und bekennt sich auch heute dazu, dass sie es begangen hat. Das tut sie nicht auf kalte, gleichgültige Art: Sie sei nicht stolz darauf und habe bis heute ein Unrechtsbewusstsein, sagt sie mehrfach.

„Etwas so Eiskaltes habe ich noch nie erlebt“

Was für Maria nach ihrer Verhaftung folgt, ist die übliche Prozedur aus erkennungsdienstlicher Behandlung, Vernehmungen durch Kriminalbeamte – und ihr wird der Haftbefehl wegen Mordverdachts eröffnet. Sie habe sich zumindest fair behandelt gefühlt, sagt Maria: Die Menschen, mit denen sie unmittelbaren Kontakt hatte, hätten nicht den Eindruck erweckt, sie vorab zu verurteilen.

Ein hochrangiger Jurist allerdings, der wegen des aufsehenerregenden Verbrechens extra aus seinem Urlaub kam, soll intern geäußert haben, etwas so Eiskaltes habe er noch nie erlebt. Maria erfährt davon seinerzeit durch ihren Pflichtverteidiger, der bereits an einem Plan strickt, seine Mandantin irgendwie vor der Höchststrafe zu bewahren. Dass sie aus der Nummer herauskommen könnte, scheint durch das Geständnis und die Spurenlage am Tatort von vornherein illusorisch.

Untersuchungshaft in Hoheneck

Die Szenerie ist düster, es regnet, als Maria durch die Katakomben in die Untersuchungshaft eingeliefert wird. Alles riecht modrig, wie in einem Kerker. „Es war wie so ein böser Traum“, sagt sie rückblickend.

Schloss Hoheneck im erzgebirgischen Stollberg ist seit Jahrhunderten als Gefängnis bekannt, erlangt in der Sowjetzone und späteren DDR traurige Berühmtheit als Haftanstalt für Frauen, von denen viele aus politischen Gründen einsitzen. Nach der Wiedervereinigung wird der Betrieb als JVA bis zur Schließung im Frühjahr 2001 weitergeführt. Maria Lindner muss etwas weniger als drei Jahre hier verbringen, ehe der Haftort wechselt.

Haftschock und Knastleben

Der Schock der Inhaftierung sitzt tief für die Frau, die aus einem bürgerlichen Milieu kommt und Kultur liebt, vorher nie mit dem Gesetz in Konflikt kam. Von einem Tag auf den anderen muss sie jede Selbstbestimmung aufgeben, hat in den verschiedenen Zellen mit Mehrfachbelegung keinerlei Privat- oder Intimsphäre mehr, ist wie ein gestrandeter Fremdkörper in der rauen Welt eines Frauengefängnisses.

Die letzte LZ des Jahres 021, Nr. 97 Titelblatt. Foto: Screen LZ
Die letzte LZ des Jahres 021, Nr. 97 Titelblatt. Foto: Screen LZ

Wenn die Zellentür auffliegt und eine Bedienstete laut „Wasser!“ ruft, weiß Maria am Anfang nicht so recht, was die Beamtin will – schließlich gibt es doch Waschbecken in der Zelle. Gemeint ist: Sie kann sich jetzt auf dem Gang heißes Wasser abholen, um einen Kaffee zuzubereiten. Bei der Ansage „Hofgang!“ muss jede Frau sofort fertig angezogen bereitstehen, wenn sie die Chance haben will, etwas frische Luft zu schnappen. Es sind die Gesetze des Lebens hinter Gittern, die Maria nun lernen muss.

Sie spricht anders als die meisten, der harte Gassenjargon ist ihr fremd. Sie halte sich für etwas Besseres, werfen ihr Mitgefangene schnell vor. Als eine andere Insassin, eine Bankräuberin, sie im Speisesaal fragt: „Hast du schon die gesehen, die ihren Alten umgebracht hat?“, antwortet Maria: „Ja, die sitzt vor dir.“ Ihr Gegenüber glaubt ihr kein Wort.

Ein paar Tage nach der Inhaftierung hört Maria irgendwo Leute lachen – und langsam sickert die Erkenntnis in sie ein: Ihr Leben wird jetzt für sehr lange Zeit hier stattfinden, isoliert hinter dicken Mauern. Doch braucht sie etwa ein halbes Jahr, um sich an die Eindrücke, den wenig herzlichen Umgang miteinander und den üblichen Knastjargon halbwegs zu gewöhnen. Immerhin findet sie schon nach kurzer Zeit Arbeit in der Näherei, die sie tagsüber etwas ablenkt.

Kontakt nach draußen, etwa per Brief, will sie zunächst nicht. Der einzige Umgang mit einem Außenstehenden beschränkt sich vorerst auf ihren Anwalt, der sich gemeinsam mit ihr auf den Prozess vorbereitet.

Aufsehenerregender Prozess

Dieser Prozess vor dem Landgericht wird beinahe zu einer Art Politikum. Das Medieninteresse an der Geschichte um die Frau, die ihren Gatten ermordet hat, ist immens. Wegen des Geständnisses und der Beweislast gegen Maria Lindner hat die zuständige Kammer auch nur drei Verhandlungstage angesetzt.

Maria könnte als Angeklagte einfach schweigen, doch auf Anraten des Pflichtverteidigers erzählt sie dem Gericht ihre Sicht der Dinge. Sie selbst formuliert es noch drastischer: „Ich habe mich wirklich nackig gemacht, einen Seelen-Strip hingelegt.“ Maria bringt zum Staunen des Saales Sachen zur Sprache, die dem Bild der Ermittlungsbehörden widersprechen. Inwieweit sie stimmen, kann und soll hier nicht beurteilt werden. Doch gibt sie, soviel ist klar, sehr persönliche Details preis.

Teile der Presse stürzen sich begierig darauf, verpassen Maria Lindner fiese Spitznamen. Im Prozess und dem Kreuzverhör durch die Staatsanwältin funktioniert sie einfach, wie sie heute sagt. Medien und Öffentlichkeit sind verstört, weil sie, scheinbar frei von Reue und Gefühlen, die brutale Tat zugibt. Und auch mit vielen Jahren Abstand räumt Maria ein: „Ich könnte mir vorstellen, dass es sehr emotionslos wirkte.“

„Sie sind doch eine intelligente Frau“

Nach außen kommt Marias Geständnis so banal daher, als würde sie schildern, wie sie sich ein Brot schmierte – so raunen sich die Beobachter zu. „Wie es tatsächlich in einem aussieht, wissen sie ja nicht, und die meisten wollen es wahrscheinlich auch gar nicht“, meint Maria. Und schiebt nach: „Dass ich es war, darüber habe ich nie diskutiert.“

Doch hält sie auch in der Rückschau daran fest, bestimmte Umstände seien zu Unrecht als Schutzbehauptung hingestellt worden.

Der Vorsitzende Richter gibt ihr später noch mit: „Sie sind doch eine intelligente Frau.“ Maria ärgert dieser Spruch bis heute: „Was hat denn so eine Straftat mit Intelligenz zu tun?“

So rauscht der Prozess durch. Auch Marias Mutter, die inzwischen verstorben ist, sagt als Zeugin aus und distanziert sich von ihrem Kind. Das öffentliche Bild sei ihr wichtiger gewesen als das Schicksal der eigenen Tochter, sagt Maria. Auch ihren Verteidiger habe der Auftritt schockiert.

Der ist engagiert bei der Sache, beantragt eine zeitliche Haftstrafe wegen Totschlags, kann aber letztlich auch nicht viel ausrichten. Vorsorglich bereitet er seine Klientin schon einmal auf das Szenario „lebenslänglich“ vor.

Zu lebenslanger Haft verurteilt

„Du stehst am Bahnsteig und siehst, der Zug fährt, er fährt immer in dieselbe Richtung und du kannst nichts machen“, fasst Maria ihre Empfindungen während des Prozesses zusammen. Am Ende wird sie tatsächlich wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt – das Gericht folgt ihrer Schilderung nicht. Die Richter sind im Ergebnis der Beweisaufnahme überzeugt, sie habe ihren Ehemann aus niederen Beweggründen ermordet, was Maria bis heute negiert.

Was empfand sie in dem Moment, als das Urteil verkündet wurde? „Bei der Urteilsverkündung ging mir nichts durch den Kopf. Das verinnerlicht man erst, wenn man in der Zelle sitzt.“

Noch als sie aus dem Gerichtsgebäude zum Gefangenentransporter geführt wird, sieht sich Maria von Journalisten belagert, Kameras, die das beste Bild erhaschen wollen. Ob ihr die Tat leid tue, ruft eine Reporterin. Maria antwortet nicht.

Im nächsten Teil: Psychoterror, Resignation und Zuversicht – was Maria in 15 Jahren Haft erlebte und was ihr half, die lange Zeit hinter Gittern zu überstehen.

„15 Jahre hinter Gittern – eine Ex-Gefangene erzählt (Teil 1): „Es war wie so ein böser Traum““ erschien erstmals am 17. Dezember 2021 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 97 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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