Das Taxi fährt pünktlich vor. An einem Sommertag vor vielen Jahren steht Maria Lindner, deren echter Name ein anderer ist, mit Sack und Pack vor den Mauern des Chemnitzer Frauengefängnisses. Wegen Mordes an ihrem Mann hat sie „lebenslang“ bekommen und exakt 15 Jahre im Strafvollzug verbracht – nun die Entlassung.

Maria ist auf Bewährung draußen und das Taxi ein bescheidener Luxus. Am ersten Abend in Freiheit gönnt sich die heute 62-jährige Maria in einer Wohnung zudem ein Schlückchen Wein. Der „große Tag“ verläuft äußerlich eher unspektakulär.

Im Knast ist die Autonomie weg

Mit ihrem Verbrechen, wie immer es dazu kam, hat Maria eine Tat begangen, die grausam, folgenschwer und unumkehrbar ist – daran führt kein Weg vorbei. Und im Gegensatz zu ihrem Opfer und den Hinterbliebenen hat sie immerhin die Chance auf einen Neuanfang in Freiheit. Doch das lange Gespräch mit der LZ, zu dem sich Maria bereiterklärt hat, offenbart zugleich: Der Preis, den sie für ihr Handeln entrichten musste, ist nicht unerheblich – auch über die juristische Bestrafung hinaus.

Als Maria, die in ihrem Leben zuvor nie delinquent war, wieder freikommt, liegen harte Jahre von Anpassung, Selbstverleugnung, psychischem Dauerstress und Fremdbestimmung hinter ihr. Egal, ob es um die Einrichtung der Haftzelle, den Tagesablauf oder das Essen geht: „Das Schlimmste ist, dass du nichts autonom entscheiden kannst“, sagt sie heute über die Zeit hinter Gittern.

Raus in die veränderte Welt

Erst nach einem vollen Jahrzehnt, noch immer mit mindestens fünf Jahren im Gepäck, darf Maria im Rahmen einer Sozialtherapie erstmals in Begleitung wieder raus, berührt ergriffen einen richtigen Baum.

Die Welt hat sich rasant gedreht: Die rot-grüne Bundesregierung wurde abgewählt, eine Frau erste Regierungschefin Deutschlands, der Terror von 9/11 erschütterte den Globus, Kriege der USA brachten die alte Ordnung ins Wanken. Europa bekam eine neue Währung, das Finanz- und Wirtschaftssystem schienen kurzzeitig am Abgrund, das erste iPhone eroberte den Markt.

Einkauf als Highlight

Dinge, die der Mensch im Paralleluniversum eines Gefängnisses nur am Rand mitbekommt. Während der Sozialtherapie arbeitet Maria in einer Polsterei, darf bei Freigängen mit kleinen Geldbeträgen allein einkaufen gehen. Ursprünglich kennt sie nur die D-Mark. Als seinerzeit der Euro eingeführt wird, kommt eine JVA-Beamtin fröhlich auf Maria zu: „Wolln’se mal ‘nen Euro sehen?!“ und zeigt das ungewohnte Geldstück.

Doch Maria tut sich schwer mit dem neuen Zahlungsmittel, traut sich bei den Freigängen nur, mit Scheinen zu zahlen. Der Gang in den Supermarkt, für uns Alltag, ist für sie ein Erlebnis, das Maria Überwindung kostet. „Du denkst, du hast ein Schild, auf dem ‚HAFT‘ steht.“

Später wechselt Maria in den offenen Vollzug, darf die JVA tagsüber verlassen und ist in einem Museum tätig. Fremde Menschen kommen auf sie zu, stellen Fragen – für Maria eine neue Herausforderung. „Das war nicht einfach, sich wieder zu integrieren.“ Doch Außenstehende, die von ihrer langjährigen Haft erfahren, bescheinigen ihr, erstaunlich „normal“ zu wirken.

Probleme bei der Resozialisierung

Und es geschieht noch etwas: Maria, die eigentlich nur hofft, nach ihrer Freilassung für sich und in Ruhe leben zu können, lernt Carmen kennen. Die jüngere Frau mit mehrjähriger Haftstrafe ist zu dieser Zeit im Freigängerhaus und steuert bereits auf ihre Entlassung zu. Die erfolgt dann ein Jahr, bevor Maria an der Reihe ist. Beide Frauen verstehen sich – und leben heute zusammen. Auch Carmens Name wurde für diesen Artikel geändert.

Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 99, Februar 2022. Foto: LZ

Je näher der Ablauf der 15 Jahre rückt, der eine Bewährung möglich macht, desto mehr beginnt Maria zu kämpfen. Sie sucht sich Rechtsbeistand, gibt sogar auf eigene Kosten ein Extra-Gutachten in Auftrag. Sowohl sie als auch Carmen kritisieren im Gespräch, dass der Resozialisierungsauftrag der Haftanstalten gerade bei Langzeitgefangenen an Grenzen stoße.

Manch ein Häftling, so sagt es Carmen, werde faktisch auf die Straße gesetzt, bekäme lediglich einen Zettel mit Auffangstationen in die Hand gedrückt. „Die Ausbildung muss viel stärker gefördert werden. Wer 10, 15 Jahre im Knast sitzt, den muss man an die Hand nehmen“, meint Carmen.

Keine Generalabrechnung

Dank guter Kontakte schon während der Haft und Marias festem Willen, mit klarem Plan in die Freiheit zurückzukehren, funktioniert es bei ihr besser. Eine Generalabrechnung mit dem System sucht man bei ihr trotz mancher Kritik vergeblich: Für die Ausbilderin des Berufsförderungswerks, die Zeugnisse nur mit der Bezeichnung „Kursteilnehmer“ (statt Gefangene) ausstellt, ist sie voll des Lobes. Denn so, meint Maria, werde eine Stigmatisierung bei späteren Arbeitgebern verhindert. „Das ist gelebte Resozialisierung“, sagt sie anerkennend.

Drei Monate vorher hat sie es nach der Anhörung bei der Strafvollstreckungskammer schwarz auf weiß: Maria kommt frei – nach 15 Jahren, auf Bewährung. Sie „strahlt wie ein Honigkuchenpferd“ und umarmt spontan ihre Anwältin, obwohl sie das bei Fremden sonst nie tut.

„Du hast eine zweite Chance verdient“

Ihre Freilassung empfindet sie „wie eine Neugeburt“, kommentiert Maria rückblickend. Und da sie weiß, wohin sie gehen kann, ist das Ende ihrer Haft nicht mit Existenzangst verbunden, wie bei so vielen.

Doch die damals über 50-Jährige ist nicht naiv, sie weiß, dass neue Herausforderungen kommen – was bereits mit der Arbeit beginnt. Bei der Frage: „Wo waren Sie die letzten Jahre?“ wird es heikel, zumal ihre Firma ein Führungszeugnis möchte. „Du stehst dann da wie ein kleines Schulmädchen.“

Aber Marias Chef, der bis heute als einziger im Betrieb von ihrer Haftstrafe weiß, reagiert gelassen: „Du hast eine zweite Chance verdient“, sagt er ihr. Nicht überall selbstverständlich.

Die Tat bleibt für immer

Das alles liegt nun Jahre zurück. Maria lebt heute, gemeinsam mit Carmen, irgendwo in Sachsen, hat sich ein strukturiertes Leben aufgebaut. Beide Frauen harmonieren gut, können es auch respektieren, wenn die eine mal einen Tag etwas wortkarger ist und ihre Ruhe braucht.

„Ich habe mit meiner Entlassung wirklich ein neues Leben angefangen“, sagt Maria auf die Frage, wie sie heute mit ihrer Vergangenheit umgeht. „Wir haben uns einiges geschaffen, nicht nur Materielles, sondern auch einen Freundeskreis, wo man sich wohlfühlt, eine Arbeit, die Spaß macht. Ich habe irgendwann aufgehört, mich selbst zu massakrieren. Es muss ja weitergehen.“

Szenarien, wie es jetzt wäre, wenn sie das Verbrechen nicht begangen hätte, darüber hat Maria in ihrer pragmatischen Art weniger nachgedacht, bekennt sie.

Doch der Umstand, dass sie einen Menschen brutal getötet und damit anderen auch den Sohn, Vater, Bruder und Freund genommen hat, wird sie bis an ihr Lebensende begleiten. Dessen ist sich Maria bewusst und bereut nach eigenem Bekunden, was sie getan hat. „Es gibt keinen Grund, da stolz drauf zu sein. Das Unrechtsbewusstsein war immer da und ist es bis heute.“

Kontakt zur Familie abgerissen

Der Kontakt zu ihrer Familie ist längst abgerissen. Maria hat Kinder, eines lebt heute in den USA. Nur durch soziale Netzwerke weiß sie überhaupt, dass sie bereits Großmutter ist. Auch zu ihrem Bruder hat sie keine Verbindung mehr. Viele der Freunde von früher haben sich ebenfalls abgewendet.

Es ist, so mögen es manche nüchtern sehen, der Preis ihres eigenen Handelns, jenseits aller rechtlichen Aspekte.

Marias Zukunftswünsche sind bescheiden: bleibende Gesundheit und ein geordneter Weg in den Ruhestand – bei aller Erfüllung ist der jetzige Job der 62-Jährigen anstrengend. Überhaupt, sagt sie, weiß sie mit ihrer Hafterfahrung die kleinen Dinge zu schätzen: Spaziergänge bei schönem Wetter, verlässliche Menschen an ihrer Seite, die Freiheit, in den Laden zu gehen und sich etwas zu kaufen, ohne um Erlaubnis zu fragen.

Für Sprüche, Gefängnis in Deutschland wäre doch wie Vollpension, haben weder Maria noch Carmen etwas übrig. Dann sollten die, die das behaupten, doch einmal reingehen, winkt Carmen ab. Und Maria wird deutlicher: „Keiner wird gern eingesperrt. Klar hatte ich Vollpension und konnte mir einen Fernseher kaufen. Wenn das der Anspruch ist? Aber wenn man sich vorstellt, abends nicht noch mal raus zu können, gerade als junger Mensch. Die Tür bleibt bis zum Morgen zu. Und gerade Kultur, die hat mir so gefehlt.“

Wenn beide eine Botschaft für andere Gefangene haben, dann sei es die, die Zeit im Gefängnis zu nutzen, den Kopf anzustrengen und zum Beispiel eine Ausbildung zu machen. Dazu müsse man aber den Willen haben, selbst aktiv werden, bei sich anfangen, die eigenen Ziele, Stärken und Schwächen ausmachen. „Wenn ich das nicht erkenne und die Schuld nur bei anderen suche, wird es nichts. Ich finde immer einen, der mir den Tag versauen kann“, meint Carmen.

„Es relativiert sich vieles“

Insgesamt, schätzt Maria, habe sie die Haftjahre überstanden, wenn auch nicht ganz unbeschadet. Es sind kurze Alltagsmomente, wo sie getriggert wird: Geräusche wie das Klappern eines Schlüssels, eine bestimmte Tonlage bei Gesprächen oder Gerüche. Makabre Flapsigkeiten wie „Den könnte ich umbringen!“ lassen sie bis heute innerlich zusammenzucken. Ihr engeres Umfeld weiß, dass Maria mal in Haft saß, den Grund kennen nur wenige.

Die Sicht auf vieles hat sich nach 15 Jahren Strafvollzug verändert. Als die Corona-Pandemie und der Lockdown kamen, fürchteten viele, sie würden nun daheim eingesperrt. „Haha“, sagt Carmen sarkastisch. „Da lache ich immer noch. Wir hatten jedenfalls keinen Bewaffneten vor der Haustür stehen.“ Und Maria meint: „Es relativiert sich vieles, was nicht unbedingt schlecht ist.“

Maria – sie ist und bleibt eine verurteilte Mörderin, die ihre schwere Schuld nicht verleugnen kann. Der Rechtsstaat hat ihr nach 15 Jahren die Chance auf ein neues Leben eingeräumt. Maria, so der Eindruck, hat sie genutzt.

15 Jahre hinter Gittern – eine Ex-Gefangene erzählt (Teil 3): Der lange Weg zurück ins Leben“ erschien erstmals am 25. Februar 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 99 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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