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Ich kann mich noch sehr genau erinnern: Wir waren als Familie im August 1961 im niederländischen Westkapelle auf Urlaub. Damals war ich selbst 11 Jahre alt. Mein Vater musste den Urlaub unterbrechen, weil er seine Mutter zum 75. Geburtstag besuchen wollte. Als er am 14. August 1961 zurückkehrte, brachte er die Nachricht mit, dass in Berlin Ulbricht eine Mauer bauen lässt.
In dem Ferienhaus in Westkapelle gab es weder ein Radio noch einen Fernseher. Also hatten wir noch nichts von dem dramatischen Gewaltakt gehört. Da wir keine verwandtschaftlichen Beziehungen in die DDR hatten, war diese Nachricht für meine Eltern vor allem mit der Angst verbunden: Das kann zum nächsten Krieg führen, in dem sich Deutschland wieder in ein Schlachtfeld verwandelt. So trübte eine ernste Atmosphäre die Ferienstimmung.
Der Mauerbau liegt nun 65 Jahre zurück. Bis zum 9. November 1989, also über 28 Jahre, sorgten Mauer und Stacheldraht für die willkürliche und gewalttätige Trennung von Menschen, die trotz aller Unterschiedlichkeit zusammengehören. Außerdem war die Mauer sichtbares Zeichen dafür, dass die Folgelasten des nationalsozialistischen Terrorregimes und des 2. Weltkrieges zwischen der Bundesrepublik West und der DDR sehr ungleich verteilt waren. Darum sollten wir uns hüten, den realen Mauerbau und die Brutalität seiner Funktion allzu schnell gleichzusetzen mit dem Gebrauch der Mauer als Metapher für das, was Menschen trennt. Das verharmlost all das menschliche Leid, das die Mauer über fast drei Jahrzehnte ausgelöst hat.
Gleichzeitig sollte uns aber bewusst werden, dass Mauern immer nur vorübergehende Trennungen markieren können. Denn keine Mauer ändert etwas daran, dass wir Menschen grundsätzlich zusammengehören und aufeinander angewiesen sind. Hinter Mauern wegsperren ist immer nur eine vorübergehende Maßnahme und bietet nur bedingt Schutz. Denn was wir auch durch Mauern sichern oder voneinander abgrenzen – das Getrennte bleibt Teil dieser einen Erde.
Das gilt für die Mauer, die wir um unser Grundstück ziehen, genauso wie für die realen Mauern, mit denen sich Menschen und Länder voreinander schützen zu können glauben. Das mag für eine gewisse Zeit notwendig und richtig sein – aber das ändert nichts an der Tatsache, dass wir Menschen uns über ein Zusammenleben ohne trennende Mauer immer neu verständigen müssen: in der Kommune wie in der Weltgemeinschaft. Die europäischen Länder sind in einen solchen Verständigungsprozess nach 1945 eingetreten und haben es auch dank des Engagements mutiger Bürger/-innen geschafft, Mauern zu überwinden und Stacheldrähte zu durchschneiden.
Bleibt die Frage: Warum werden dennoch auch heute wieder reale Mauern gebaut und vorhandene gesichert – wie in Israel/Palästina, an der US-amerikanischen/mexikanischen Grenze oder bald an den EU-Außengrenzen? Warum sichern Wohlhabende durch Mauern und Stacheldraht ihren Besitz? Warum wirkt eine tatsächliche Trennung durch Mauer und Stacheldraht nach ihrer Überwindung noch so lange nach? Offensichtlich tun wir Menschen uns sehr schwer damit,
- Unterschiedlichkeiten zwischen Menschen zu akzeptieren und uns auf Vielfalt einzustellen,
- gerechte Teilhabe unter uns Menschen zu organisieren.
Diese beiden Herausforderungen sind die Bedingung dafür, dass innergesellschaftliche Barrieren sowie Grenzen zwischen Ländern und ihre Absicherungen so niedrig wie möglich gehalten werden, also Vielfalt zulassen und für einigermaßen gerechte Lebensverhältnisse sorgen. Dass dies nur unter Bedingungen der freiheitlichen Demokratie und einer auf Frieden ausgerichteten Politik möglich ist, zeigt gerade die Entwicklung Europas in den vergangenen 80 Jahren.
Deswegen kommt es jetzt darauf an, dass nicht die gegenwärtigen Mauerbauer rechtsnationalistischer Parteien wie die AfD das Sagen bekommen. Denn sie setzen auf kulturelle und völkische Homogenität statt gerechter Lebensverhältnisse, auf Nationalismus statt Verständigung unter den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen.
Auf diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass gerade die AfD ein angebliche „Ost-Identität“ propagandistisch anheizt, obwohl es zu DDR-Zeiten eher umgekehrt war: dass viele Bürger/-innen der DDR sich als Deutsche in einem getrennten Land verstanden und zunehmend auf Freiheit und Einheit drängten. Mit der AfD-Propaganda soll aber nichts anderes erreicht werden, als neue Mauern zu errichten, hinter denen all die verschwinden sollen, die stören – ein gefährliches Unterfangen, das sich die Bürger/-innen von Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern selbst und uns allen hoffentlich ersparen.
Christian Wolff, geboren am 14. November 1949 in Düsseldorf, war 1992–2014 Pfarrer der Thomaskirche zu Leipzig. Seit 2014 ist Wolff, langjähriges SPD-Mitglied, als Blogger und Berater für Kirche, Kultur und Politik aktiv. Er lebt in Leipzig und ist gesellschaftspolitisch in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens engagiert. Zum Blog des Autors: https://wolff-christian.de/
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