Nichts wird von alleine gut

Kein Platz für Demokratie, Hochwasser und Naturschutz im Auwald?

Für alle Leser Als Thomas Nabert von Pro Leipzig e. V. jüngst von einem „Arschtritt“ berichtete, den sich versuchte Bürgerbeteiligung häufig einfängt, erntete er spontanen Applaus von Wolfgang Stoiber, dem Vorsitzenden von NuKLA (Naturschutz und Kunst – Leipziger Auwald). Während Nabert aktuell die Debatte um den Pleißemühlgraben wurmt, streitet Stoiber seit sechs Jahren für konsequenten Umweltschutz und zugleich gegen die willkürliche Ausgrenzung seines Vereins in städtischen Gremien, die den Auwald betreffen.

Einen Sumpf trockenlegen – den anderen aufdecken

Es fing an mit einer Petition für den Schutz des Auwaldes, des Floßgrabens, des Eisvogels – gegen touristische Vermarktung, Baumrodungen, Motorboote und eine weitere Austrocknung der Aue, die nach Hochwasser dürstet. Im Emailverkehr mit Oberförster Andreas Sickert wetterte dieser: „In meinem Auwald sammeln Sie keine Unterschriften!“ Stoiber sammelte trotzdem – mehr als 11.000 Unterschriften. Er veranstaltete bislang 35 Benefizkonzerte, kaufte mit seinem Verein Land, wo die Auwaldbäume vor der Säge sicher sind. Er trat der Grünen Liga bei, arbeitet im Bundesfachausschuss „Lebendige Flüsse“ des NABU.

Von ihm stammt die Idee, den Leipziger Auwald – ein Hotspot für Artenvielfalt und doch citynah – für das UNESCO-Welterbe vorzuschlagen. Außerdem strengte er Dienstaufsichtsbeschwerden gegen Leipzigs Bürgermeister an, drehte Dokumentarfilme und rief das AULA-Projekt ins Leben, welches das Auenband der Elster renaturieren will. Für sein außerordentliches Engagement erhielt Stoiber im Oktober den Wolfgang-Staab-Naturschutzpreis von der Schweisfurth-Stiftung– „Flüsse schützen – Leben schützen“.

Warum also darf NuKLA als anerkannter Naturschutzverein nicht demokratisch partizipieren? Nur, weil er so vehement und konsequent wie kaum einer die Umwelt tatsächlich schützen will? „Vor Stoiber hat hier niemand widersprochen“, räumt ein Geschäftsführer eines Leipziger Naturschutzvereins ein. Stoiber selbst vermutet Sickert als schwarzes Schaf, da dieser ihn lieber politisch ausgrenzt, als sachlich mit ihm zu diskutieren. „Wir pflegen hier die leisen Töne und brauchen keine neuen“, habe der Oberförster ihm entgegnet.

Die Lüge vom Hochwasser

„Leipzig ist ökologisch falsch informiert“, sagt Professor Bernd Gerken, Forstzoologe, Ökologe und Experte für europäische Auen. Regelmäßig leitet er Exkursionen im Leipziger Auwald, um Aufklärungsarbeit zu leisten. Ein Auwald benötige stark schwankende Wasserstände – inklusive Hochwasser – als sein Lebenselixier. „Eine Eiche hält es aus, 50 bis 80 Tage einen halben Meter unter Wasser zu stehen“, bekräftigt Professor Gerken. Vollkommen unbegründet werde die Furcht vor Hochwasser geschürt.

Das bestätigt Nico Singer, Geschäftsführer des Ökolöwen vor zwei Jahren: „Hochwasser ist ein seichtes Ereignis, außer wenn Menschen Fehler gemacht haben.“ Etwa 20 Zentimeter hoch würde das Wasser für zwei bis fünf Tage durch den Auwald fließen. Das gefährde niemanden, entlaste die Deiche, erhalte das Auwaldsystem und sei eine „natürliche und kostenlose Hochwasserversicherung“, so Singer noch 2015.

Aber Leipzig setzt wie Sachsen auf veralteten technischen Hochwasserschutz. Insbesondere nach der Jahrhundertflut 2002 wurden viel zu wenige Dämme zurückverlagert, um den Flüssen Überflutungsflächen einzuräumen – sogenannte Polder – lächerliche 100 Hektar im ganzen Freistaat. Stattdessen lassen Nahlewehr und Dämme die Leipziger Aue dürsten. Im Hochwasserfokus dominiert der Durchfluss beziehungsweise der Abfluss. Dabei könnten sich alljährlich die Schmelzwasserfluten im Auwald verteilen und versickern, wenn es denn einen Zufluss gäbe.

Trotzdem besteht Hoffnung. Erstens wird NuKLA nicht lockerlassen. „Ich glaube, dass unsere Behörden genau diese Widerworte brauchen!“, so Professor Gerken. Und zweitens besitzt die Aue eine hohe Flexibilität, ein großes Renaturierungspotenzial und vermag „eine Zeit zu überstehen, die ihr nicht günstig ist.“ Mal sehen, wann die Deiche fallen und das Wassertouristische Nutzungskonzept ad acta gelegt wird.

Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

AuenwaldÖkolöweNuKLAHochwasserschutz
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