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Wer Nahle und Neue Luppe nicht zu lebendigen Flüssen macht, rettet in der Nordwestaue gar nichts

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    Na so was, da durfte also die LVZ schon einmal vorab in eine Analyse schauen, die erstmals simuliert, was alles passieren müsste, wenn die Leipziger Nordwestaue wieder dem natürlichen Flussverhalten überlassen werden sollte. Mit dramatischen Überhöhungen sparte LVZ-Redakteur Jörg ter Vehn denn auch nicht. Ist ja nun einmal so: In den letzten 100 Jahren wurde alles Mögliche in die Aue gebaut, was dort schlichtweg nicht hingehört.

    Man kann den Text nämlich auch so lesen: Die ganzen millionenteuren Deiche schützen lauter Bauwerke, die vernünftige Menschen nie und nimmer in die Aue gebaut hätten. Außerdem viel zu niedrig gebaute Straßen und Brücken. All das „stört“ dann natürlich – oder sinnvoller formuliert: Es muss entweder entfernt, hochwassertauglich umgebaut oder durch eigene Deiche geschützt werden.

    Aber was ter Vehn natürlich nicht betont: Die vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (LfULG) vor zwei Jahren angeregte Analyse macht zum ersten Mal das, was schon vor zehn Jahren hätte passieren müssen, bevor überhaupt ein Projekt wie die „Lebendige Luppe“ beantragt worden wäre. Sie analysiert, was eigentlich passieren muss, damit die Nordwestaue wieder ein natürliches Wasserregime bekommt. Die Landestalsperrenverwaltung (LTV) übernahm das Anliegen und ließ drei verschiedene Modelle von den Spezialisten der HTWK durchspielen, die ja im Zusammenhang mit dem Projekt „Lebendige Luppe“ schon belastbare Geländemodelle für die Aue entwickelt haben.

    Sie können alles durchspielen, können zeigen, wo das Wasser bei Überflutungen hinkommt und wo nicht. Und natürlich zeigen die Simulationen auch, warum das Projekt „Lebendige Luppe“ stagniert und nicht weiterkommt.

    Denn sie bestätigen, was eigentlich alle Beteiligten sei Beginn des Wiedervernässungsprojekts wissen: Die Neue Luppe und die Nahle haben sich im Lauf der letzten 100 Jahre so tief ins Gelände eingeschnitten, dass man heute schon problemlos sämtliche Deiche entfernen könnte – und es würde nichts passieren. Fast nichts.

    Berechtigte Frage an einer Brücke über die Neue Luppe. Foto: Ralf Julke
    Berechtigte Frage an einer Brücke über die Neue Luppe. Foto: Ralf Julke

    Unüberhörbar in der Geschichte ist das Jammergeschrei um die landwirtschaftlichen Flächen in der Aue, die sich dort überhaupt nicht befinden dürften, schon gar nicht mit intensiver Düngung, wie zuletzt im Winter beobachtet.

    Eingeschnitten haben sich Neue Luppe und Nahle, weil sie keine natürlichen Flüsse (mehr) sind: Sie sind kanalisierte Abflusskanäle, in denen das Wasser nicht mäandern kann und eine hohe Fließgeschwindigkeit entwickelt, die nicht nur sämtliche Schwemmstoffe mitreißt, sondern den Fluss auch immer tiefer ins Erdreich graben lässt. Die beiden Flusskanäle sind zu Trichtern geworden, in die auch das Grundwasser aus dem Auenwald permanent abfließt. Projekte wie der 1999 gebaute Burgauenbach oder die geplante „Lebendige Luppe“ sorgen nur dafür, dass künstlich ein Wasserstrahl in den Wald kommt. Nicht mehr. Weite Bereiche der Hartholzaue fallen trotzdem trocken. Und seit zwei Jahren ist auch klar, dass es schier unmöglich ist, selbst die minimalen Wassermengen für die „Lebendige Luppe“ irgendwo anzuzapfen.

    Die Nahle liegt viel zu tief.

    Deswegen wurde in der Simulation auch für den Maximalfall eine Anhebung der Flusssohle in Nahle und Neuer Luppe um bis zu 3 Meter angenommen. Auf die Höhe, die es ermöglicht, beide Gewässer wieder wie natürliche Flüsse mäandern zu lassen und zusätzliche die Alte Luppe oder halt die „Lebendige Luppe“ zu bespannen.

    „Die Analyse wurde bislang nur auf Länderebene besprochen, die Stadt Leipzig etwa und die Naturschutzverbände hatten offiziell noch keinen Zugang zu den Ergebnissen“, schreibt die LVZ. „In den nächsten Monaten erwartet Bobbe daher eine intensive Diskussion über die Ergebnisse. Klar dürfte sein: Eine einfache Lösung für die Rettung des Auwaldes gibt es nicht.“

    So ein echter LVZ-Absacker: Eine einfache Lösung gibt es nicht.

    Mann, so viel Arbeit! So kompliziert! Da kommt man doch ins Schwitzen!

    Logisch, dass der NuKLA e.V., der um eine Komplettöffnung der Aue kämpft, dazu gleich mal eine bissige Stellungnahme geschrieben hat.

    Hier ist sie:

    Wolfgang Stoiber, Vorsitzender des NuKLA e.V.

    Der Artikel bezieht sich auf die Untersuchung von Flutungsmöglichkeiten und deren Auswirkungen im nordwestlichen Teil des Leipziger Auwaldes. Durch die LTV beauftragt seien 3 Varianten gerechnet worden – deren aller Manko es ist, dass sie davon ausgehen, dass der Leipziger Gewässerknoten in seinem verbauten Ist-Zustand unberührt bleibt, die Hauptmenge des Wassers, das eigentlich in die Burgaue gehört, also weiterhin in der künstlich angelegten Neue Luppe abgeleitet und an der Burgaue vorbeigeführt wird. Für diesen Fall hätte es keiner aufwendigen Rechnungen bedurft, um zu konstatieren, dass damit bezogen auf naturnahe hydrologische Dynamik durch „Schleifen“ oder Schlitzen der Deiche für die Fläche der Burgaue nichts erreicht werden kann.

    Bereits augenscheinlich erschließt sich, dass die Betten der Neuen Luppe und der Nahle sich inzwischen so tief eingegraben haben, dass eine Veränderung an den Deichen nur in Ausnahmefällen etwas bringen würde. Eine solche Forderung, die DEN Naturschützern undifferenziert in den Mund gelegt wird, wäre also grundsätzlich schon im Ansatz falsch.

    Richtig ist hingegen, dass alle Leipziger Verbände in einem gemeinsamen Papier zur Lebendigen Luppe fordern, dass dieses Projekt, theoretisch zur Wiedervernässung der Burgaue gedacht und als solches „verkauft“, wenn überhaupt, dann mit deutlich größeren Wassermengen umgesetzt werden müsste, um annähernd hydrologische Dynamik zu initiieren. Eine (derzeit nicht in Aussicht stehende) Umsetzung der bisherigen Planungen des Projektes werde dies keinesfalls erreichen können.

    NuKLA fordert außerdem, im Rahmen einer Umgestaltung des gesamten Leipziger Gewässerknotens vor allem auch die Neue Luppe „anzufassen“, die fast das gesamte Wasserdargebot der dortigen Aue „schluckt“ und mit hoher Geschwindigkeit an den eigentlichen Auenflächen wie eine Drainage vorbeiführt. Der Leipziger Gewässerknoten ist ein hochkompliziertes Ergebnis ingenieurtechnischer Anstrengungen, der jedoch in dieser Form ökologische Flutungen unmöglich macht: selbst das Projekt Lebendige Luppe liegt, trotz aller Bemühungen, auf Eis, weil sich keine Möglichkeit finden lässt, selbst die für eine Auenökologie viel zu gering geplanten Wassermengen ins Projekt zu bringen.

    Vielleicht ein Segen und Anstoß dafür, tatsächlich nicht erst in 60 Jahren, wie von der Stadt Leipzig in Aussicht gestellt, das Ganze in Angriff zu nehmen, die Leipziger Auengewässer, da wo es geht (und es gibt reichlich Potential!) aus dem Beton zu erlösen und ihnen wieder Raum und damit den hiesigen Auen und ihrer natürlichen Biodiversität und Dynamik der Artenzusammensetzung eine Chance zu geben?

    Das Lamento um die Gefährdung der Landwirtschaftsflächen der Agrargenossenschaft Gundorf im Falle von Flutungen ist demagogisch und gehört vor dem Hintergrund von Klimawandel, Artensterben und steigendem Trinkwasserbedarf mit geringer werdenden Niederschlagsmengen auf den Sperrmüll der Argumentationen: diese Flächen sind Auwaldflächen, sie liegen im Naturschutz- und Trinkwassereinzugsgebiet! Eine konventionelle landwirtschaftliche Nutzung inkl. Gülleverklappung und Einsatz von Glyphosat verbietet sich dort schon lange! Idealerweise sind die Flächen Eigentum der Stadt Leipzig: damit steht ihrer Rückführung in Naturschutz- und Retentionsflächen für die Aue nichts mehr im Wege. Für die diesbezügliche Initiative sei ihr bereits an dieser Stelle gedankt!

    Die Gewässerdynamik in der kompletten Nordwestaue muss geändert werden

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    1 KOMMENTAR

    1. Dass die Kanalflüsse Luppe und Nahle sich im nördlichen Auwaldsbereich (Möckern bis Lützschena) mehr als wünschenswert vertieft haben durch die Kanalisation und dadurch zu hohe Fliesßgeschwindigkeit, ist auch der LTV bzw. dem EMUWE Chef Herrn Bobbe, bewußt und die EMUWE sucht nach Lösungsmöglichkeiten.
      Dieser Abflußkanal Luppe ist nun aus der Geschichte heraus zur Entwässerung vorhanden. Nun kann man nur noch Staustufen einbauen, um aus den beiden Flußarmen das zu rasche Abfließen vom restlichen Flußwasser in Trockenzeiten zu verringern. Mit ca. 2-3 Mill € könnte sicher schon viel geändert werden.
      Am Palmgartenwehr wird die Nahle abgezweigt. Diese hat sich dann im nördlichen Auwald stark vertieft. Am Zusammenfluss der Nahle in die Luppe (siehe Foto aus dem Artikel) besteht ein recht tiefes Flussbett. Hier könnte eine Staustufe in die Nahle eingebaut werden, damit ein Teil vom Nahlewasser über diese Hochwassertore in den nördlichen Auwald geleitet werden können. Das Relief vom Nahleflußbett gibt es her, da die Nahle ca. 5-8 m eingetieft liegt und die Hochwassertorsohle bei einer Höhe über dem Nahlewasserspiegel von 2-3 m liegen. Der Rückstau läge dann im eingetieften Nahleflußbettbereich, wobei immer noch ca. 4-5 m Hochwasserablaufquerschnitt vorhanden wären. Mit solcher Staustufe würde zum einen der nördliche Auwald vernässt und die Nahle mit Sedimenten aufgefüllt werden können. CK

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