Was war das für eine emotionale Diskussion am 13. Juli in der Ratsversammlung, als die gewählten Stadträtinnen und Stadträte eigentlich nur zustimmen sollten, dass am Wilhelm-Leuschner-Platz sowohl die Musikschule als auch die Volkshochschule ein neues Domizil finden sollen. Aber während die Verwaltung beide Einrichtungen für gesetzt sieht, behandelt sie die Markthalle immernoch wie ein ungeliebtes Findelkind.

Man will ihre Wirtschaftlichkeit erst noch einmal, prüfen. Davon hinge dann der Planungsbeschluss ab. So war es am 13. Juli wieder zu hören – mit Verweis auf einen Stadtratsantrag, der die Verwaltung genau mit dieser Prüfung beauftragt hat. Und das, obwohl die Ratsversammlung schon sechs Mal in unterschiedlichen Bezügen beschlossen hat, dass die Markthalle das Herzstück des neuen Quartiers an der Markthallenstraße werden muss.

In der Vorlage zu Musikschule und Volkshochschule lautete das nun: „Prüfung und Untersuchung des Themas Markthalle am Standort samt Entwicklung eines Entscheidungsvorschlages hinsichtlich Potenzial und Betreibermodell bis zum Planungsbeschluss“.

Was natürlich mehrere Fraktionen genau so interpretierten: Wenn das nächste Gutachten wieder Zweifel, sät, kommt die Markthalle nicht. Oder nur als Wurmfortsatz eines riesigen Supermarktes, wie das letzte Gutachten dazu diskutiert hatte.

Der Verdacht, dass sich da jemand gewaltig querstellt, wurde am 13. Juli jedenfalls nicht ausgeräumt.

Zuerst echte Varianten für die Markthalle

Und so fordern die Ratsfraktionen von Bündnis 90 / Die Grünen, CDU und Freibeutern jetzt einen klaren Vorrang der Markthalle bei der weiteren Entwicklung des Leuschnerplatzes ein. Mit einem gemeinsamen Änderungsantrag wollen sie den Planungsauftrag für den Bildungscampus streichen und zunächst Realisierungsvarianten in Auftrag geben. Ebenso sollen Betreibermodelle und Nachnutzung bis zum Sommer nächsten Jahres geklärt werden.

„Die Markthalle genießt für uns absolute Priorität bei der weiteren Entwicklung des Leuschnerplatzes. Der Rat hat hier mehrfach klare Grundsatzbeschlüsse getroffen. Bereits jetzt einen Planungsauftrag für den Bildungscampus zu vergeben, kommt für uns nicht infrage. Viele offene Fragen müssen noch geklärt werden“, sagt Dr. Tobias Peter, Fraktionsvorsitzender und Sprecher für Stadtentwicklung der grünen Ratsfraktion.

„Wir nehmen den OBM beim Wort und betrachten die Markthalle für die weiteren Planungsschritte als gesetzt. Dem deutlichen Wunsch einer Mehrheit der Leipzigerinnen und Leipziger muss entsprochen werden. Wir schlagen vor, zunächst in verschiedenen Realisierungsvarianten vertieft zu untersuchen, mit welchen anderen Nutzungen eine Markthalle sinnvoll kombiniert werden kann. Einen Planungsauftrag darf es nur für eine Variante geben, bei der die Markthalle funktioniert – davon muss dann abhängen, ob ein möglicher Bildungscampus umgesetzt werden kann oder nicht.“

Ist ein zweites „Burgplatzloch“ zu befürchten?

„Ein Engagement der Stadt auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz muss wesentlich von der Finanzierbarkeit eines solchen abhängen. Sollte sich die räumliche Verbindung einer, unter heutigen Gesichtspunkten, funktionierenden Markthalle mit Angeboten einer Musikschule und einer Volkshochschule als machbar erweisen, dann müssen wir auch bereit sein, verschiedene Formen der Finanzierung der Errichtung eines solchen Objektes zu prüfen. Diese schließen auch Investorenmodelle ein“, ergänzt Dr. Sabine Heymann, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU-Fraktion.

„Schon jetzt ist die Verwaltung und der Haushalt der Stadt Leipzig an die Belastungsgrenze gestoßen, sodass ein ‚Burgplatzloch 2.0‘ zu befürchten und das erhoffte lebendige Quartier in weite Zukunft verschoben ist. Zusätzliche Belastung ist auch aus der nicht dargestellten Nachnutzung der bisherigen innerstädtischen Objekte der Musikschule und VHS zu erwarten.“

„Ein Leuschnerplatz ohne Markthalle ist für die Freibeuter nur schwer vorstellbar“, findet auch Sven Morlok, Fraktionsvorsitzender der Freibeuter. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die durch die Stadt in Auftrag gegebene Studie, welche den wirtschaftlichen Betrieb einer Markthalle im mittleren Baukörper des Leuschner-Platzes nachweist.

„Wenn allerdings ein wesentlicher Teil des mittleren Baukörpers durch die Volkshochschule und die Musikschule belegt werden, fehlen Möglichkeiten der Quersubventionierung im Rahmen einer Mischkalkulation eines Betreibers. Die Stadt muss mit einem Betreiberkonzept nachweisen, wie und mit welchem finanziellen Aufwand für die Stadt auch weiterhin der wirtschaftliche Betrieb der Markthalle gewährleistet wird.“

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Es gibt 7 Kommentare

Hallo @Thomas_2. Gebe Ihnen Recht, der erste Blick spricht nicht gerade für eine Eignung. Jedoch hat der NABU umfassend kartiert und festgestellt dass sehr wohl viele Vögel den Platz als Nahrungs-und vor allem Brutstätte nutzten. https://www.nabu-leipzig.de/stellungnahmen/leuschnerplatz/

Deswegen schrieb ich auch das der Platz zu entsiegeln ist. Der Wechsel an offenen und halboffenen Strukturen ist optimal sowohl für Vögel als auch deren Futter in Form von Insekten. Die Dachbegrünung allein vermag den Lebensraumverlust nicht zu kompensieren. Nur ein wenig Grün ersetzt nicht die Futterareale und Nistplätze, ganz zu Schweigen davon das bspw Kleinsäuger überhaupt nichts von begrünten Dächern haben. Sie mögen vielleicht für den Menschen einen Effekt haben; die zuvörderst anzustrebenden Ausgleichsmaßnahmen für Lebensraumverlust der Tiere erlangt man damit aber jedoch nicht.

>Ein/e bessere “Kaltluftschneise sowie -entstehungsgebiet” als eine Türluftschleieranlage lässt sich kaum denken.

Vielen Dank. You made my Tageshumorhöhepunkt 😀

Wenn man sich den Leuschner-Platz auf Google Maps einmal von oben anschaut, dann ist der schon zum größten Teil versiegelt. Klar, ein paar Bäume (die jetzt gerodet wurden), aber viel Asphalt und der Parkplatz. Ein tolles Biotop sieht anders aus.
Auf alle Fälle sollten die Dächer der neuen Gebäude begrünt werden, also richtig, mit vielen Pflanzen und Sträuchern, nicht nur mit ein paar Alibi-Sukkulenten. Dann kann sich dort die Vogelwelt ungestört ausbreiten und die Halle heizt sich nicht so auf. Durch die langsame Verdunstung von Regenwasser (statt des Wegfließens) wird außerdem gekühlt.

Aber eine Markthalle wäre doch klimatisiert und damit auch Teil einer klimatisierten Stadt oder? Ein/e bessere “Kaltluftschneise sowie -entstehungsgebiet” als eine Türluftschleieranlage lässt sich kaum denken. Vielleicht sind Sie ja eigentlich doch eher für eine Markthalle und wissen es nur einfach noch nicht.

> oder sollte man nicht lieber die versiegelte Fläche entsiegeln, Wiesen, Bäume und Hecken anpflanzen, damit dieser jetzt schon gegebene Wärmehotspot entspannt wird und als Kaltluftschneise sowie -entstehungsgebiet etabliert wird, für eine klimaresilientere Stadt

Falls die Bäume und Wiese dann mit wenig Wasser auch gedeihen und Sauerstoff emittieren – sehr schöne Idee. Gern auch robust umzäunt, damit nicht eine zweite zerlatschte Thomaskirchenwiese dabei herauskommt.
Ich mag die Begrünungsidee auch deshalb, weil ich mir in Leipzig keine Halle nach dem Modell des Viktualienmarktes vorstellen kann.

Die Kommunikation der Stadt ist im Angesicht der auch schon von dieser selbst ausgemachten Herausforderungen im Hinblick auf Klimawandel und Anpassungsprozesse sehr ambivalent. Wir reden hier von einer der letzten Freiflächen der Innenstadt. Betrachten wir mal die Klimanalysekarte der Stadt; dort zeigt sich der Leuschnerplatz in strahlendem rot, meist keine gute Farbe wenn es um eine Kartenlegende geht. Nun will man also dieses Gebiet, wo die ja nunmehr für das Institut für Länderkunde bereits erfolgte Rodung des bestehenden Gehölzes voreilige Fakten schuf, ,weiter verdichten bzw. bebauen, trotz aller gleichlautender Alarmsignale und entsprechender Kommunikation der Stadt im Hinblick auf Kaltluftschneise und Co.? Mir fehlen die Prinzipfragen: Müssen wir tatsächlich einen bebauten Leuschnerplatz haben mit der Fragestellung: Für wen? Oder sollte man nicht lieber die versiegelte Fläche entsiegeln, Wiesen, Bäume und Hecken anpflanzen, damit dieser jetzt schon gegebene Wärmehotspot entspannt wird und als Kaltluftschneise sowie -entstehungsgebiet etabliert wird, für eine klimaresilientere Stadt? Die Forderung nach der Markthalle könnte man auch zynischerweise wieder dem kapitalistischen Grundgedanken zuschreiben, frei nach dem Motto “Ja, wir haben den Planeten zerstört, aber bis zu diesem Punkt haben wir etwas geschaffen, was man in der Volks- und Betriebswirtschaft unter Wohlstand und Shareholder Value versteht”. Ist eine Markthalle wirklich wichtig, ist die Bebauung des Leuschnerplatzes im Angesicht dieser globalen und damit letztlich auch für das Mikroklima der Stadt bestehenden Herausforderung wirklich notwendig oder kippt man den B-Plan auf links und fängt Stadtplanung mal von der anderen Seite an?

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