Über die Perspektive des Matthäikirchhofs hat sich zäher Nebel gelegt. Umorientierte Mittel, gekürzte Budgets, nichts scheint mehr sicher. Herbeigelockte Investoren sollen nun die Abrissarbeit machen und dafür mit Grundstücken belohnt werden, per Erbbaupacht oder Verkauf. Teile des Leipziger Tafelsilbers und städtische Handlungs- und Gestaltungsspielräume stehen damit zur Disposition. Ob und wann das Sächsische Stasi-Aktenarchiv kommt, ist ebenfalls ungewiss.

Mit dem Neubau sei nicht vor 2032 zu rechnen, hieß es aus Dresden. Nach der Absage an das Forum für Freiheit und Demokratie, bisher die heilige Kuh der Verwaltung, droht jetzt ein reines Archiv als Kern des neuen Viertels? Zweifellos ein Garant für pulsierendes Stadtleben – toll!

„Wenn das Archiv wegfällt, steht auch der städtebauliche Entwurf infrage“, so Baubürgermeister Dienberg bei der Veranstaltung „Matthäikirchhof – wie weiter?“ am 12. März 2026. Doch wann stellt sich das heraus? Erst in sechs Jahren, wenn womöglich schon Grundstücke veräußert oder erste Bausegmente detailliert geplant sind?

Ebenso fragwürdig der neue Grünplatz, der wie ein Ableger der Promenade – historisch absolut untypisch – in die Altstadt hineinragt und völlig abgehoben als „Agora“ (altgriechischer Versammlungsplatz) bezeichnet wird, als wäre das in Leipzig je ein gängiger Begriff gewesen.

Der zur Großen Fleischergasse geöffnete „steinerne Platz“, für den die Bezeichnung Matthäikirchhof bislang vermieden wurde, unterbricht den eigentlich auszuprägenden Schwung der Gasse und reduziert das südlich anschließende Baufeld um die Hälfte. Ein allseits umschlossener Platz böte da eine deutlich höhere Aufenthaltsqualität.

Auch das krampfige Festhalten am sperrigen Stasi-Riegel befremdet. Als struktureller Störfaktor verhindert er eine Reihe lebendiger Stadthäuser und finanziell ist er ohnehin eine Wundertüte, da die Preise für rundum neue Fassaden und die barrierefreie Erschließung des um 1,5 Meter angehobenen Erdgeschosses überaus vage sind. Je nach Sanierungsaufwand wurden jüngst Kosten von „5 bis 48 Millionen“ prognostiziert. Dass sich das Ganze über Mieten finanzieren lässt, ist reines Wunschdenken.

Nein, hier passt nichts zueinander. Der mit zu vielen Defiziten behaftete erstplatzierte Wettbewerbsentwurf taugt einfach nicht, es braucht dringend einen solideren Neuansatz.

Der viertplatzierte Entwurf vom Büro Hinrichsmeyer & Partner bietet sich an, er stand ohnehin deutlich höher in der Gunst der Bürgerschaft, und die sollte ja wohl anfangs mitentscheiden.

Für die neuerdings angestrebte „Zwischennutzung“ des Areals wurde vom Baudezernat ein wahrlich lauschiges Plätzchen als Biergarten erwählt: am Fuße des Stasi-Riegels, zwischen altem Postenhäuschen und Großparkplatz, mit Blick auf die drei Lkw-Anlieferrampen von Primark.

Die Gartenbäume sind bitte mitzubringen.

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Ich frage mich, warum muss jetzt unbedingt etwas über das Knie gebrochen werden. Einfach sichern und wenn dann mal wirklich ein Archiv gebaut werden soll, neu entscheiden. Für eine gute Lösung ist im Moment sowieso kein Geld da. Vielleicht kann man an dem Platz wo das Archiv unbedingt hin sollte, die Archäologen mal in Ruhe alles untersuchen lassen. Ist ja der älteste Bereich von Leipzig.

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