Waldsterben 2.0 – oder nur das Ende der Holzplantagen?, Teil 4

Eichen wachsen genau da, wo sie der Förster nicht sehen will

Für alle LeserAuch qualitativ hochwertige Natur-Saat braucht Zeit, und kundige Förster geben sie ihrer Waldnatur! Im Mono-Forst wird nur verlangt – wie im Massenschweinestall – das Gleiche ist eine Monokultur aus Fichte oder Kiefer, sie ist nicht artgerecht. Ein gesunder, natürlicher Mischwald aus Naturverjüngung in natürlicher Vitalität steht in den Startlöchern, um sich bei Bestand zu halten, damit es auch in 500 Jahren noch alte Eichen gibt, die jetzt keimen.

Diese Vorgänge warten landes- bis bundesweit nur darauf, zugelassen zu werden. Unsere Wälder dürfen nicht mehr daran gehindert werden, gesund zu werden. Deshalb dürfen wir auch die Esche nicht daran hindern, sich Abwehrkräfte gegen den aktuellen Schädlingspilz zu erwerben.

Naturverjüngung hat noch einen andere großen Vorteil. Sie kommt immer aus der Region – der Eichelhäher trägt die schweren Eicheln nicht weit. Regionale Herkunft bedeutet Standortvorteil, denn die Eicheln stammen von Bäumen, die den Standort „kennen“. Jede Region hat ihre eigene Baumgenetik und sie ist das Ergebnis einer Feinanpassung der Arten, die wir uns bei der Verjüngung der Wälder zunutze machen sollen – so macht es die Natur vor!

Bei Wanderungen durch das Auensystem Leipzig können wir die „gesunde Uneinheitlichkeit“ der Stieleichen zeigen. Wären sie alle gleich, so müssten sie zu gleicher Zeit austreiben, gleich vital sein, zu gleicher Zeit die Blätter abwerfen und zu gleicher Zeit blühen und fruchten. Es fallen verschiedene Typen auf, auch in der Verastung variieren sie.

Die Unterschiede sind in einer Baumart- UND individuenspezifischen Genetik begründet, die eine Folge jahrhundertelanger Anpassung ist! Die Natur beugt mit diesen innerartlichen Unterschieden wandelnden Klimasituationen vor: Mal werden jene, mal andere Formen aus den verschiedenen Typen sich in den Wäldern durchsetzen. Die genetische Vielfalt an den Wuchsorten zu schützen ist also eine vornehmliche Aufgabe im Forst – im ureigenen Interesse derer, die Wald besitzen.

Wenn wir lesen, dass Millionen Bäume gepflanzt werden sollen, dann darf befürchtet werden, dass große Mengen einheitlichen Saatguts eingesetzt werden und damit wird in einem Pflanzschlag auf den offenen, waldfreien, neuen Waldstandorten eine genetisch verarmte Baumgesellschaft begründet. Ein fataler Irrtum im Umgang mit der Waldnatur! Die Tendenz durch eine Kalamität in 50 oder 100 Jahren auszufallen wird mit ins Pflanzloch gegeben.

An der Alten Luppe. Foto: Ralf Julke

An der Alten Luppe. Foto: Ralf Julke

Die genetische Vielfalt gilt es dringend zu erhalten und zu pflegen, denn je höher die genetische Vielfalt bei unseren Bäumen ist, je höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Wälder sich aus ihrer regional gewachsenen genetischen Vielfalt heraus auf Klimaänderungen einstellen können, denn es werden zur Selektion bereits entsprechend vorangepasste, natürliche Provenienzen im gesamten Genpool vorhanden sein.

Nach diesem Modell erfolgt Auslese der Arten bereits seit den Urzeiten der ersten Wälder. Die Variabilität, die die Wälder in diesen Äonen „gelernt“ haben, bietet auch unter dem anthropogenen Klimawandel die beste Voraussetzung zum Überleben der europäischen Wälder. Dass deren Artenzusammensetzung sich mit dem schwankenden Klima ändern wird ist sicher, jedoch verfügen wir nicht über genug Kenntnis, dass wir jetzt schon den Wald der Zukunft in 100 Jahren voraussehen könnten. Es wäre Hybris, Selbstüberschätzung, dies zu glauben.

Daraus folgt wiederum: Lasst den Wald sein Ding machen, wirkt vorsichtig mit, aber übergebt die Lenkung der Standortwahl den Bäumen!

Für geklonte Bäume mit Wunscheigenschaften nach wirtschaftlicher Verwertung oder gezüchtete Massenware aus Baumschulen, gesetzt in Massenbaumhaltungen unter unnatürlichen Bedingungen, gibt es bei künftig gutem Umgang mit Waldgemeinschaften keinen Bedarf mehr.

Selbst Stieleichen, welche bezüglich der Naturverjüngung immer wieder als problematisch angesehen werden, haben, auch wenn es seltsam erscheinen mag, vom Klima der letzten Jahre in vielen Regionen profitiert; mancherorts findet man junge Eichen mit über zwei Metern Höhe aus Naturverjüngung.

Diese Bäume gilt es zu schützen, denn wenn sie bei diesem Klima wachsen, von allein und ganz natürlich, sind sie es, die die Zukunft des Waldes sein werden in Zeiten des Klimawandels. Wiederum auf den Leipziger Auwald bezogen sehen wir berechtigt in der Revitalisierung des Auensystems eine große Chance für die natürliche Wiederkehr eines höheren Anteils an Stieleiche: Auendynamik mit Hochfluten und zeitweilig niedrigen Grundwasserstand fördert die natürliche Ansiedlung der Stieleiche und ihren Aufwuchs in obere Baumschichten.

Wald wächst wieder, wo der Mensch aufhört zu wirtschaften

Ein Plädoyer für die Eigendynamik des Leipziger Auenwaldes

Wälder sind viel anpassungsfähiger, als Förster glauben

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