Auch einen zweiten Tagebuchtext von Ales Bjaljazki aus dessen „Gefängnisnotizheften“ hat Lydia Nagel ins Deutsche übersetzt. Am 5. Januar wurde der Prozess gegen Bjaljazki eröffnet. Mit augenscheinlich fingierten Anschuldigungen, „um Bjaljazki und seine Bewegung nach der Verleihung des Nobelpreises zum Schweigen zu bringen“, formuliert dazu der Wikipedia-Beitrag. Im zweiten Text geht es um seine Träume im Gefängnis.

Aus den „Gefängnisnotizheften“ – „Das braune Notizheft“

Ales Bjaljazki

Übersetzung ins Deutsche von Lydia Nagel

Träume

Es hat wieder angefangen. Ich weiß noch, wie ich geträumt habe, als ich jung war, in der Schule und an der Universität. Danach verlief das Leben in so einem Tempo, dass die Träume einfach verschwanden, aber jetzt hat Sascha geschrieben – und mir ist klargeworden, dass ich, ohne es zu bemerken, wieder angefangen habe zu träumen.

Es drängt sich auf und fasziniert zugleich.

Wovon träume ich? Von „Wjasna“. Wir wurden legalisiert, haben vom Staat eine Bleibe bekommen, arbeiten mit voller Kraft und alle rechnen mit uns.

Außerdem hat Andrej begeistert von Saky erzählt, von der Krim, davon, dass man dort eine Zeit lang leben könnte, vom Meer, den Bergen, der „Neuen Welt“ und Sudak.

Und dann noch von Vilnius und von Warschau.

Und dann noch von dem Häuschen in der Nalibozkaja Puschtscha, wohin ich im September oder August in die Pilze fahren würde.

Und dann noch von einem Urlaub mit Natalja irgendwo in der Türkei oder in Spanien oder in Italien oder Portugal.

Und dann noch von einer Feier bei „Wjasna“ und einfach von Gesprächen mit Adam und Natalja. Und von einer warmen, gemütlichen Kneipe mit gutem Bier. Und von Spaziergängen im Wald von Rakaŭ und auf dem Prospekt der Unabhängigkeit.

Ich träume von einem Treffen mit Natalja und Adam in Warschau und von unserem Gespräch irgendwo in einem Café.

Ich träume davon, wie ich entlassen werde – entweder im Gerichtssaal oder hier, direkt aus der Waladarka, oder aus dem Straflager, wohin ich wahrscheinlich kommen werde – und gleich zu meinem Vater fahre.

Und es noch geschafft habe, meinen Stammbaum zu erstellen.

Ich träume davon, wie wir uns bei uns zu Hause treffen und Freunde und Verwandte kommen. Wie wir in Rakaŭ die Sauna anheizen und uns dort mit Serschuk und Edsik treffen.

Ich träume davon, wie ich genüsslich ein Gläschen guten Kognak trinke. Und auch davon, wie Natalja und ich zum Ballett gehen, in die Oper oder ins Theater.

Ich habe immer mehr Träume – von aktiver Erholung und der Möglichkeit, in Ruhe zu schreiben.
Ich träume davon, wie ich in Rakaŭ im Garten arbeite.

***

Über Ales Bjaljazki

Ales Bjaljazki ist ein belarussischer Menschenrechtsverteidiger, eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, Leiter und Gründer des Zentrums zur Verteidigung der Menschenrechte „Viasna“ („Frühling“), Friedensnobelpreisträger 2022, ein politischer Gefangener. Er wurde im Juli 2021 inhaftiert.

Ales Bjaljazki wurde am 25. September 1962 in der städtischen Siedlung Vyartsilya in der Republik Karelien geboren, wo seine belarussischen Eltern zu dieser Zeit arbeiteten. Im Jahr 1965 kehrte die Familie nach Belarus zurück und ließ sich in der Stadt Śvietḷahorsk nieder.

1984 schloss Ales sein Studium an der Fakultät für Geschichte und Philologie der Staatlichen Universität Homiel ab und arbeitete mehrere Jahre als Lehrer.

Im Jahr 1986 initiierte er die Gründung der Vereinigung junger Schriftsteller „Tuteïšyja“ („Einheimische“). 1987 unterzeichnete er einen Aufruf an den Stadtrat von Minsk zur Durchführung der ersten Massenaktion zum Tag des Gedenkens an die Vorfahren „Dziady“ („Großväter“), der auch der Tag des Gedenkens an die Opfer der Stalinschen Repressionen ist. 1988 beteiligte er sich an der Gründung einer der ersten belarussischen Organisationen zur Verteidigung der Menschenrechte – der Gesellschaft „Martyrology of Belarus“.

1989 schloss er sein Postgraduiertenstudium am Institut für Literatur an der Akademie der Wissenschaften von Belarus ab. Von 1989 bis 1998 arbeitete er als Direktor des Literaturmuseums von Maksim Bahdanovič. Von 1991 bis 1996 wurde er zum Abgeordneten des Minsker Stadtrats gewählt.

Im Jahr 1996 gründete Ales die Menschenrechtsorganisation „Viasna“. Er war Leiter der Arbeitsgruppe der Versammlung der demokratischen Nichtregierungsorganisationen von Belarus (2000-2004); stellvertretender Vorsitzender der öffentlichen Vereinigung „Belarussische Volksfront ‚Wiedergeburt‘“; Vizepräsident der Internationalen Föderation für Menschenrechte (FIDH) in den Jahren 2007-2016. Wegen seiner aktiven, öffentlichen und menschenrechtsverteidigenden Tätigkeit wurde er mehr als 20 Mal vor Gericht gestellt.

Im Jahr 2011 wurde er festgenommen, der „Steuerhinterziehung“ beschuldigt und zu 4,5 Jahren Haft in einer Kolonie mit verschärftem Regime verurteilt; sein Eigentum wurde beschlagnahmt. Im Juni 2014 wurde er vorzeitig freigelassen.

Für seine 25-jährige Tätigkeit als Menschenrechtsverteidiger erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen: den schwedischen Per-Anger-Preis; den Andrej-Sacharow-Freiheitspreis; den von Václav Havel selbst verliehenen Homo-Homini-Preis; den Preis des norwegischen Schriftstellerverbandes „Für Meinungsfreiheit“; den Preis des US-Außenministeriums; den Lech-Wałęsa-Preis; den Petra-Kelly-Preis; den Václav-Havel-Menschenrechtspreis der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE); den Preis „Für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit“ usw. Vor seiner Verleihung des Friedensnobelpreises 2022 war Ales Bjaljazki fünfmal erfolglos nominiert worden.

Am 14. Juli 2021 wurde er aufgrund einer Strafanzeige verhaftet; sein Haus und das „Viasna“-Büro wurden durchsucht.

Jetzt befindet sich Ales Bjaljazki zusammen mit seinen Kollegen, den Menschenrechtsverteidigern Valancin Stefanovič und Uḷadzimir Ḷabkovič, im Haftzentrum №1. Sie alle sind anerkannte politische Gefangene.

Am 7. Oktober 2022 erhielt Ales Bialacki den Friedensnobelpreis.

***

Weitere Informationen: #FreeAllWords, das internationale Unterstützungsprojekt des European Writers’ Council (EWC) für belarusische und ukrainische Autoren: Das sind 13 Autor/-innen (Stand jetzt), 71 Übersetzer/-innen aus 24 Ländern, 64 berührende und großartige Texte.

Zum Hintergrund: Der Text- und Übersetzungsfonds #FreeAllWords ist ein gemeinsames Unterstützungsprojekt für belarusische und ukrainische Autor/-innen aller Genres, und wird unter dem Dach des European Writers’ Council (EWC) organisiert.

#FreeAllWords wurde initiiert von den Autorinnen- und Autorenverbänden A*dS (Autorinnen und Autoren der Schweiz), Forfatterforbundet (Norwegen), und der Community of Belarusian Writers (Belarus).

Im Rahmen von #FreeAllWords werden kurze, aktuelle, bestehende als auch originale Texte, Interviews, Reportagen, Essays, Gedichte und andere literarische Formen in europäische und internationale Sprachen übersetzt und auf vielfältigsten Kommunikationswegen – digital, Print, in Blogs, Medien usw. verbreitet.

Die Autor/-innen- und Übersetzer/-innenhonorare werden aus dem Fonds #FreeAllWords beglichen. Beteiligte Stiftungen: Fritt Ord, Kopinor (beide Norwegen), Landis&Gyr, Karl und Sophie Bindung Stiftung (beide Schweiz). Die ersten Texte und Übersetzungen von zunächst 30 Autoren und Autorinnen aus Belarus, Ukraine und Russland sollen in bis zu 31 Ländern in den kommenden Monaten erscheinen.

Ziel sind mindestens eine Million veröffentlichter Worte für Frieden und Freiheit der Meinungsäußerung, für die Verständigung zwischen Kulturen und Nationen, sowie als zentraler Beitrag bei der Überzeugungsarbeit für eine freie, demokratische, friedliche und integrative Gesellschaft.

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar