Armut erkennt man auch an all den Dingen, auf die Menschen aus Geldmangel schlichtweg verzichten müssen

Für alle LeserWo, bitte schön fängt Armut an? Statistiker können darüber ja tagelang diskutieren. Aber ganz so einfach haben es sich Leipzigs Statistiker bei der Bürgerumfrage 2016 nicht gemacht. Denn „materielle Deprivation“ kann mit Indikatoren erkannt werden. Denn wer nichts hat, kann sich auch nichts leisten. Urlaub zum Beispiel. Und deswegen hat Bürgermeister Ulrich Hörning wohl Unrecht.
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Am Montag, zur Vorstellung des Berichts zur Bürgerumfrage 2016, versucht er lang und breit zu erläutern, warum es wohl besser ist, mit der am Leipziger Median ermittelten Armutsgefährdungsquote (16,9 Prozent) zu arbeiten, als mit der Armutsgefährdungsquote gemessen am Bundesmedian. Nach der wären 25 Prozent der Leipziger „armutsgefährdet“, wie es so schön heißt.

Und wir denken wieder an die Frage von Kollegen Helge-Heinz Heinker: Haben die Armen wirklich fleißig ihre Fragebögen ausgefüllt oder sind sie tatsächlich unterrepräsentiert und das Bild vom schönen, zufriedenen Leipzig stimmt in wesentlichen Aspekten nicht?

Auch wenn Leipzigs Statistiker diesen „Ausfall“ versuchen, irgendwie herauszurechnen, bleibt der Zweifel.

Der nun durch die Fragen nach der „materiellen Deprivation“ erst recht genährt wird. Denn mit 822 Euro (Leipziger Armutsgrenze) oder 942 Euro (Bundesmedian) oder gar drunter besteht der vielgepriesene „Warenkorb“, mit dem die Statistiker immer die Inflation messen, aus lauter Streichungen. Dann ist der Flug nach Mallorca genauso wenig drin wie der Konzertbesuch, der Bildungskurs oder das tägliche Fleisch auf dem Teller.

An drei Indikatoren haben es Leipzigs Statistiker nun abgefragt. Und der erste ist schon aussagekräftig. Das ist der nach dem Urlaub. Für Normalverdiener ist es kein Problem, mindestens eine Woche im Jahr Urlaub woanders zu machen.

Aber 25 Prozent der Leipziger können sich so einen Urlaub nicht leisten. Nicht 16,9 Prozent, sondern 25 Prozent. Es ist der Bundes-Armuts-Median, der das Leben auch der Leipziger Armen bestimmt, nicht die schöngerechnete Leipziger Zahl.

Der zweite Indikator ist nicht ganz so scharf: Hat jedes Kind im Haushalt ein eigenes Zimmer? 13 Prozent der Betroffenen antworteten hier mit „Nein“.

Und dann war da noch der dritte Indikator, der eigentlich aussagt, ob die Betroffenen an den modernen Medienentwicklungen überhaupt noch teilhaben können. 22 Prozent der Betroffenen sagten, dass sie keinen Computer im Haushalt haben. Das haben die Statistiker dann noch versucht mit den ermittelten Einkommenszahlen in Beziehung zu setzen. Das Ergebnis: Unter den Einkommensarmen haben 39 Prozent keinen Computer, unter den Einkommensreichen waren es nur 4 Prozent.

Auch das ist ein eher weicher Faktor, denn oft ist stattdessen ein Smartphone vorhanden, das trotzdem noch irgendwie Teilhabe ermöglicht. Da ist das Thema Urlaub deutlich markanter. Erst recht, wenn unter den Leipzigern mit niedrigen Einkommen 75 Prozent sagen, dass sie sich eine Woche Urlaub nicht leisten können.

Arm sein heißt nach wie vor: Verzichten.

Aber da, wo nicht verzichtet werden kann, wird dann draufgezahlt. Bei der Miete zum Beispiel. Das Thema hatten wir an der Stelle schon einmal. Arme Menschen zahlen zwar im Schnitt weniger Miete für ihre Wohnung, vor allem, weil, sie auch in kleineren Wohnungen leben. Gemessen an ihrem Einkommen aber ist es deutlich mehr: 43 Prozent bei all jenen, die unter 1.100 Euro im Monat zur Verfügung haben.

Übrigens eine Einkommensschwelle, die aufmerken lässt, denn damit geben Leipzigs Statistiker eigentlich zu, dass das Armsein in Leipzig nicht bei 800 oder 900 Euro beginnt, sondern bei 1.100 Euro. Das ist ungefähr die gefühlte Grenze, an der das Verzichten auf Notwendiges beginnt. Es scheint also einen triftigen Grund zu geben, warum in Deutschland die Pfändungsuntergrenze bei 1.139,99 Euro für Alleinstehende ohne Kinder liegt – auch in Leipzig.

Und von eben jener Grenze betroffen sind nicht nur 16,9 oder 25 Prozent, sondern weit über 32 Prozent. Wahrscheinlich eher 40 bis 45 Prozent. So genau weist es die Bürgerumfrage nicht aus. Deutlich ist nur, dass 32 Prozent der Leipziger mit 1.000 und weniger Euro im Monat auskommen müssen. Und das hat nicht nur mit den jungen Auszubildenden zu tun. Bei den 35- bis 49-Jährigen liegt diese Quote bei 21 Prozent, bei den 50- bis 64-Jährigen bei 26 Prozent.

Man liegt also wirklich nicht falsch, wenn man sagt: Ein Viertel der Leipziger ist wirklich arm. Ein Drittel (33 Prozent) verdient relativ gut und zählt mit über 1.600 Euro Monatsnettoeinkommen zum reicheren Teil der Stadt. Der Rest ist fleißige Mitte mit Einkommen zwischen 1.000 und 1.600 Euro. Was dort aber auch bedeutet, dass man rund 30 Prozent seines Einkommens für die Gesamtmiete hinblättert. Aber genau diese Einkommenszahlen zeigen, warum das Leipziger Mietniveau ist, wie es ist.

Wer vermieten will, passt sich diesem insgesamt niedrigeren Einkommensniveau an. Und verzichtet eben auch auf Mieterhöhungen. Was zumindest für 68 Prozent der Leipziger seit mindestens vier Jahren auch ein stabiles Mietniveau bedeutet. Und für 64 Prozent bedeutet es, dass sie sich nicht gezwungen fühlen umzuziehen.

Nur 11 Prozent gaben an, in nächster Zeit umziehen zu wollen bzw. zu müssen. Aber das hat – wie man nachlesen kann – zumeist gesundheitliche Gründe oder die Wohnung wurde zu klein. Erst an dritter Stelle der Nennungen kommen die Wohnkosten, die für 12 Prozent der Umzugswilligen der Grund zum Kofferpacken sind.

Leipzig ist also gut beraten, wirklich ernsthaft in sozialen Wohnungsbau zu investieren. Der Bedarf beginnt jetzt spürbar zu wachsen.

Was uns auf das nächste Investitionsthema bringt: den ÖPNV und so.

„Ist nicht mein Thema“, hat Hörning gesagt. Wird höchste Zeit, dass es auch seins wird.

Damit geht’s weiter im nächsten Teil.

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